Berlin, Staatsoper: USHER, 26.10.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Usher

Kammeroper | Musik: Claude Debussy und Annelies van Parys | Libretto: Claude Debussy und Gaea Schoeters, nach Edgar Allen Poes THE FALL OF THE HOUSE OF USHER | Uraufführung: 12.10.2018 in Berlin | Weitere Vorstellungen: 14.10. | 16.10. | 19.10. | 21.10. | 24.10. | 26.10. | 30.10.2018

Kritik:

Man sitzt mittendrin, ganz nah am Horrorgeschehen im herrschaftlichen Wohnzimmer von Roderick Usher und seiner Zwillingsschwester Madeline. Denn als vornehmes Entree eines Herrenhauses hat Philippe Quesne den Alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Berlin umgestaltet, mit hohen Fenstern, graugrünen Samtvorhängen, blassgrünen Wänden, Teppichboden und grauen Sesseln und Sofas. Links führt eine Treppe (aus Horrorgeschichten so wenig wegzudenken wie Keller und Dachboden) nach oben, in (Seelen-) Räume, in die man wohl lieber nicht blicken möchte. Ein unaufgeräumter Basteltisch steht rechts. Roderick schneidet Pappkarton zu, um sich wohl immer neue Häuser zu bauen. Eins ist bereits halbfertig, inklusive Innenbeleuchtung. Es wird später in Flammen aufgehen. Überall stehen TV Geräte herum, auf allen läuft der selbe Film, Kamerfahrten durch Parks, Zerfall von Filmkulissenhäusern. Alte VHS Kassetten mit B-Movies liegen herum, Bücher des Horrorschriftstellers Stephen King ... .Die geheimnisvolle Atmosphäre der unterdrückten Gefühle und des Unausgesprochenen lagern wie schwere Nebelschwaden (die dann tatsächlich auch mal physisch durch ein Fenster hereinströmen) über dieser Wohnlandschaft. Das kleine Kammerorchester ist hinten links platziert und liefert das akustische Fundament, auf welchem sich das 90minütige Psychodrama entwickelt. Unter der ruhigen, konzentrierten Leitung von Marit Strindlund spielen die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle Berlin und der Orchesterakademie Annelies Van Parys' stimmungsvoll-unheimliche Partitur, in welcher sie Debussys Fragmente geschickt mit ihrer eigenen Komposition verschmolzen hat. Da entsteht ein ganz sonderbarer, irgendwie impressionistisch angehauchter, aber doch verfremdet daherkommender Klang, ein Klang, den man sich gerne noch einmal anhören möchte. Denn es ist wie oft bei der ersten Begegnung mit zeitgenössischem Musiktheater: Man ist erstmal konzentriert auf Handlung, auf Stimmen, auf SängerInnen – und nimmt die Musik nur am Rande war. Dabei wäre gerade auch die Instrumentation von Annelies Van Parys hoch interessant, möchte genauer vom eigenen Ohr erforscht werden, hat sich doch neben den Streichern und der Flöte auch Harfe, Saxophon, Tuba, Horn, Posaune und Akkordeon in ihre Partitur integriert.

Herausragend und natürlich an erster Stelle in Erinnerung bleibend sind die drei Baritone und die Sopranistin, welche USHER zum unheimlichen und nahegehenden Erlebnis machen. Unter der Regie von Philippe Quesne (er war wie erwähnt auch für die Bühne und das Licht zuständig) entwickelt sich beinahe in furchterregender Zeitlupe ein spannungsgeladenes Drama um verdrängte inzestuöse Schuld, um Manipulation, um Versagen. Van Parys und ihre Librettistin Gaea Schoeterers haben dabei die Figur des Arztes, der bei Poes Originalvorlage nur eine Randerscheinung ist, enorm aufgewertet, ja ihn geradezu zur Hauptperson gemacht. Dies entsprach wohl auch den Intentionen Debussys. Er kommt so brav und bieder in seinen blauen Socken, der Bügelfaltenhose und dem Rhomben-Pullunder daher, dabei ist er unter dieser glatten Oberfläche ein ganz fieser Manipulator, der gar zum Leichenfledderer mutiert. Einzig gegen Ende tragen die Librettistin und die Komponistin mit der Zeichnung der Figur dann zu dick auf: Die ganze moralisch-philosphischen Ansprachen des Arztes hätte man sich sparen können, da wäre man als Publikum auch selbst drauf gekommen. Trotzdem ist es dann natürlich schon überraschend, wenn der Biedermann am Ende wie auf einer Showtreppe heruntertänzelt und seine Demagogie erklärt. Dominic Kraemer macht das alles darstellerisch und stimmlich (wunderschön biegsamer, heller Bariton) vortrefflich. Auch der Freund Rodericks (namenlos, in der Oper nur L'Ami genannt), der dem Verwirrten zu Hilfe eilt, stellt sich die Frage nach seiner Moral: Parler ou se taire? - Plutôt mourir que perdre ma liberté. Tja, er hätte handeln sollen, den Arzt aus dem Haus werfen müssen. Martin Gerke gibt diesen Freund mit markantem, sicher geführtem Bariton, ungeheuer intensiv artikulierend und gestaltend. Der dritte Bariton ist dann dieser Roderick Asher, grossartig gesungen von David Oštrek. Er ist getrieben von Gewissensqualen, bis zu Wahnvorstellungen, Realität und Traum vermischen sich. Mit ungepflegtem langem Haar und Bart, in Jeans und T-Shirt gibt er den inzestuösen Bruder, an ihm vollzieht sich in aller Plastizität der Fall des Hauses Usher. Und dann ist da natürlich die Schwester, um die sich alles dreht. Eine gespenstische Erscheinung von morbider Fragilität und wunderschöne Kantilenen und Vokalisen intonierend: Ruth Rosenfeld. Wenn sie dann blutüberströmt aus der Gruft aufersteht, die Treppe herunter schreitet im weissen Negligé (Lucia di Lammermoor lässt grüssen) wird ihr Gesang immer schriller, schmerzhafter, fordernder. Das ist von Frau Rosenfeld fantastisch umgesetzt.

Ja, diese alten Häuser mit den eingeschlossenen Geheimnissen in ihren Mauern, Kellern, Dachböden haben es in sich: Von Norman Bates' Mutterhaus in Hitchcocks PSYCHO über das Hotel in THE SHINING zu AMITYVILLE HORROR haben sie Filmgeschichte geschrieben. Und bestimmt haben ihre Schöpfer alle Poes THE FALL OF THE HOUS OF USHER gekannt. Nun kann man den Gänsehauteffekt auch in der Oper geniessen. Gut so!

Inhalt:

Ein Jugendfreund (namenlos) von Roderick Usher wird Zeuge des äusseren und inneren Verfalls dieses letzten Sprosses eines einst vornehmen Adelsgeschlechts. Die angsterfüllten, delirierenden Zustände Roderick Ushers gehen einher mit atmosphärisch dichten Schilderungen der Schauplätze: Sumpflandschaft, Gruft und natürlich das Haus selbst, das zu geisterhaftem Leben erwacht. Es geht auch um inzestuöse Gefühle Rodericks zu seiner schwer kranken Schwester Madeline, die dann stirbt und blutüberströmt wieder aufersteht, es geht um Rivalitäten mit dem Arzt um die Gunst der Schwester, um den namenlosen Freund, der eine schauerige Geschichte erzählt.

Werk:

Claude Debussy (1862-1918) hat nur eine einzige Oper vollendet, nämlich PELLÉAS ET MÉLISANDE. Daneben verfolgte er einige andere Projekkte für das Musiktheater, brachte aber keines zur Vollendung. Von LA CHUTE DE LA MAISON USHER sind neben einigen Textentwürfen ungefähr 20 Minuten Musik und einige Skizzen vorhanden. Daraus konstruierte die Komponistin Annelis van Parys nun eine Kammeroper, welche am 12. Oktober in Berlin uraufgeführt werden wird. Debussy wollte die drei Männerpartien von Baritonen gesungen haben, ein Hinweis darauf, dass alle drei Charaktere dem Unterbewusstsein eines einzigen entsprungen sein könnten. Diverse Komponisten haben Debussys Fragment schon vervollständigt, zum Beispiel auch der Chilene Juan Allende-Blin, dessen Werk 1979 in Berlin szenisch aufgeführt wurden, mit Jesús López-Cobos am Pult und prominent besetzt mit Barry McDaniel, Walter Grönroos und Jean Philippe Lafont (Roderick). Madeline wurde damals von Colette Lorand interpretiert.

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