Berlin, Staatsoper: TOSCA, 16.10.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tosca

Oper in drei Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto : Giuseppe Giacosa und Luigi Illica | Uraufführung: 14. Januar 1900 in Rom | Aufführungen in Berlin: 3.10. | 6.10. | 12.10. | 16.10. | 19.10. | 22.10. | 25.10.2014

Kritik: 

Eine TOSCA wie aus dem Bilderbuch – oder eben aus einem der in Italien so beliebten Fumetti, dieser italienischen Spielart des Comic-Heftchens. Die Ausstatterin des Regisseurs Alvis Hermanis, Kristine Jurjane, hat in aufwändiger Arbeit die Originalschauplätze in Rom mit Darstellern in Kostümen von 1800 aquarelliert. Diese unzähligen, teils naiv gehaltenen (Schafe zum Beginn des dritten Aktes!), teils - der Geschichte angepasst - ziemlich blutigen Bilder werden auf eine riesige Leinwand im oberen Teil eines immensen Portals projiziert, während unten die Darsteller aus Fleisch und Blut die Story (gekleidet in Kostüme aus der Entstehungszeit der Oper, also um 1900) spielen sollen. Nun ist es natürlich legitim und bestimmt ganz im Sinne des Komponisten, auf historische Parallelen hinzuweisen, denn restaurative Kumpanei zwischen Machthabern und Religion, gnadenlos brutales Vorgehen gegen Revolutionäre und Bespitzelung des Privatlebens und Missbrauch von Informationen durchziehen seit jeher die Menschheitsgeschichte. Ob allerdings ein dermaßen starkes Libretto und dessen stringente musikalische Umsetzung durch Puccini wirklich solch aufgesetzter (weil ablenkender und Distanz schaffender) zusätzlicher Illustrierung bedürfen, sei mal dahingestellt. Zumal durch das Portal die für die Sänger zur Verfügung stehende Spielfläche weiter einschränkt und dem Regisseur puncto Personenführung wahrlich nicht gerade viel eingefallen ist, um durch die Handlung das Publikum zu emotionalisieren oder (wenn schon, denn schon) die putzigen Illustrationen von oben durch entsprechende Aktion unten zu konterkarieren. Da bleibt zum Beispiel Cavaradossi im ersten Akt steif vor seinem Malergerüst stehen, wenn Tosca Einlass in die Kirche begehrt und bei ihrem Erscheinen entrüstet fragt Perche è chiuso? Ja wie ums Himmelswillen ist sie denn hereingekommen, wenn ihr Cavaradossi nicht aufgeschlossen hat? Ist ja außer den beiden keiner da. Es sind solch kleine Fehler, die ärgern. Ansonsten wird viel gesessen, herumgestanden, hilflos die Arme gen Himmel gestreckt. Auch Berührungen sind selten, von Liebe, Eifersucht, erträumter Zweisamkeit ist wenig zu spüren. Einzig beim Vissi d´arte und in der Hinrichtungsszene wird eine persönliche Handschrift des Regisseurs spürbar. Tosca handelt in Hermanis Lesart weniger aus dem Affekt heraus, sie richtet das Gebet direkt an Scarpia, zeigt sich als durchtriebenes Weibsbild, welches mit ihren Reizen den leicht angetrunkenen Polizeichef um den Finger wickelt. Wein steht in Hülle und Fülle zur Verfügung, auch die Schergen Spoletta und Sciarrone (die wie beflissene Studenten wirken) dürfen sich an Scarpias Tisch setzen und sich das eine oder andere Gläschen genehmigen. Selbst Tosca nimmt gerne ein Schlückchen nach dem begangenen Mord. Die Leuchter stellt sie nur oben im Comic neben die Leiche. Gut gelungen ist die Hinrichtungsszene: Cavaradossi wird ein Jutesack über den Kopf gezogen, während er (mal wieder … ) auf einem Hocker sitzt. Dann wird er von hinten kaltblütig mit einer Pistole erschossen und der Schütze bedient sich beim lässigen Hinausschlendern noch an der Henkersmahlzeit. Menschenverachtender kann ein System kaum agieren. Selbstverständlich kann sich Tosca dann auch nur im Comic von der Engelsburg stürzen, die reale auf dem Bühnenboden wankt mit erhobenen Händen im Licht eines Scheinwerferkegels nach vorne, dann herrscht Dunkel. Diese Neuinszenierung der Staatsoper tut niemandem richtig weh, aber sie kommt nicht als „schäbiger Schocker“ oder „schwärzestes Gruseltheater“ (wie diese Oper einst von Kritikern bezeichnet wurde) oder eben als intelligentes Psychodrama oder als Thriller daher, sondern leider mit gepflegter Langeweile.

Also konzentriert man sich auf die musikalische Seite, und die hat es wahrlich in sich. Alles was man auf der Bühne so schmerzlich vermisst, die Leidenschaft, die Emphase, das Gruseln, die Gänsehaut, steigt aus dem Graben auf, wo der unermüdliche Daniel Barenboim ein vortrefflicher Anwalt von Puccinis Klangsprache ist. Die herausragend spielenden MusikerInnen der Staatskapelle Berlin lassen die reichhaltige Partitur in jeglicher Farbe blitzen und schimmern, gleißende Läufe des makellos aufspielenden Blechs, irisierende Streicher und Holzbläser, stimmungsvolle Glocken legen einen imposanten Klangteppich für die Akteure auf der Bühne. Sicher, das ist an gewissen Stellen (auch der Akustik des Schiller Theaters geschuldet) sehr laut, doch stehen eine Sängerin und viele Sänger auf der Bühne, welche den erforderlichen Atem und die Kraft haben, diesen Klangmassen zu trotzen. Anja Kampe singt eine großartige Tosca: Sie kann herrlich verspielt eifersüchtig gurren, lässt Aufschreie hören (im zweiten Akt), welche wahrlich durch Mark und Bein gehen. Daneben zeigt sie in der Arie im ersten Akt auch ihre naive Seite, wenn sie vom versteckten Häuschen und dem gemeinsamen Liebesglück mit Cavaradossi schwärmt. Dass nach dem Vissi d´arte kein Applaus aufbrandet, liegt nicht an ihr, sondern an Barenboims Dirigat, welches keinen Szenenapplaus zulässt (zu Recht!). Cavaradossi wird von Fabio Sartori mit seinem gewohnt ebenmäßigen, herrlich bronzenem Timbre gesungen. Virilität, welche ohne Schluchzer und Drücker auskommt, sicher auf der Linie, vielleicht etwas eindimensional auf den forte-Bereich beschränkt, da dafür jedoch makellos. Der eben zum „Sänger des Jahres“ gekürte Michael Volle gibt den Scarpia: Auch er bekundet mit den fortissimo-Kaskaden aus dem Graben keinerlei Mühe, triumphiert im Te Deum mühelos über alle. Seine Stimme wirkt an wenigen Stellen etwas ungewohnt verquollen, doch singt er sich jeweils schnell wieder frei und lässt seinen kostbaren, nicht allzu schwarz gefärbten Bariton kraftvoll strömen. Tobias Schabel gibt einen markanten Angelotti, Jan Martinik singt sehr sympathisch weich als Mesner (der Regie ist zu dieser Figur leider nicht viel eingefallen, da bleibt z.B. Pilavachis Lesart dieser Figur in seiner Berner Inszenierung der TOSCA unvergessen!). Florian Hoffmann (Spoletta) und Maximilian Krummen (Sciarrone) überzeugen als loyale studentische Helfer Scarpias und Grigory Shkarupa ist der gleichgültig-unbeteiligt wirkende Kerkermeister. Sehr schön singt der Knabensolist Jakob Buschermöhle den Hirten aus dem Off. Da schliesst man dann besser die Augen, denn die unsäglichen Comic-Schafe stören die vom Orchester so herrlich intonierte Morgenstimmung des erwachenden Rom erheblich!

Inhalt:
Die Oper spielt am 17./18. Juni 1800 in Rom.
Der Maler Cavaradossi bietet dem flüchtigen Staatsgefangenen Angelotti ein Versteck an. Der brutale Polizeichef Scarpia hat es auf Cavaradossis eifersüchtige Geliebte, die Sängerin Floria Tosca, abgesehen. Er nutzt ihre Eifersucht und ihren Hang zur Theatralik für seine Interessen aus. Damit will er den Rivalen Cavaradossi und den politischen Gegner Angelotti aus dem Weg räumen. Ein teuflisches Spiel beginnt, in dem Tosca zu spät erkennt, dass nicht sie Scarpia, sondern er sie täuschte. Scarpia verspricht ihr eine Scheinhinrichtung des Fluchthelfers Cavaradossi. Als sie sich Scarpia dafür sexuell hingeben soll, tötet sie ihn. Die scheinbare Hinrichtung Cavaradossis auf der Engelsburg erweist sich als Betrug, Cavaradossi wird erschossen. Tosca stürzt sich vor den Augen der Verfolger von der Brüstung in die Tiefe.

Werk:
Puccinis TOSCA zählt zu den bekanntesten und meistgespielten Opern des gesamten Repertoires. Das kommt nicht von ungefähr. Mit seinem untrüglichen Theaterinstinkt erkannte der italienische Komponist auf Anhieb die Bühnenwirksamkeit des Stoffes (sex, power and crime), kaum hatte er das Schauspiel von Sardou mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle gesehen.
Die für die Bühne geforderte Einheit von Ort und Zeit ist in geradezu idealer Weise gewahrt, läuft die Handlung doch innerhalb von nicht einmal 24 Stunden in Rom ab. (Kirche, Palazzo Farnese, Engelsburg). Obwohl der Zeitpunkt des Geschehens klar fixiert ist (17. Juni 1800, Rom), darf nicht übersehen werden, dass Puccini durchaus auch einen Kommentar zu seiner eigenen Gegenwart (restaurative Tendenzen unter Umberto I.) und somit auch einen allgemeingültigen abgab und die oft verhängnisvolle Entente zwischen Kirche und Staatsmacht anprangerte und das Streben nach der Freiheit des Individuums betonte.

Die Musik ist von dramatischer Durchschlagskraft, peitscht die Handlung atemlos vorwärts, die ruhenden Pole, die Arien und Duette, sind relativ kurz gehalten, dafür von unermesslicher Schönheit.
Die Kritik stand dem Werk lange abwertend gegenüber, es wurde als „schäbiger Schocker“ bezeichnet, als „Folterkammermusik“ und „Affenschande“. Doch wird Puccini unterschätzt: Seine TOSCA ist eine dramatisch äusserst stringente Oper, die keine Stilbrüche enthält, wie z. B. die im selben Jahrzehnt entstandenen Werke von Richard Strauss (SALOME / ELEKTRA) mit ihren Walzereinschüben.

Musikalische Höhepunkte:
Recondita armonia, Arie des Cavaradossi, Akt I
Non la sospiri la nostra casetta, Arioso der Tosca, Akt I
Va, Tosca! (Te deum), Scarpia, Finale Akt I
Vittoria, vittoria, Szene Cavaradossi, Scarpia, Tosca, Akt II
Vissi d’arte, Arie der Tosca, Akt II
E lucevan le stelle, Arie des Cavaradossi, Akt III
O dolci mani, Cavaradossi-Tosca, Akt III