Berlin, Staatsoper: SALOME, 05.02.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Salome

Musikdrama in einem Aufzug | Musik: Richard Strauss | Libretto : vom Komponisten, nach der Dichtung von Oscar Wilde | Uraufführung: 9.Dezember 1905 in Dresden | Aufführungen in Berlin: 2.2. | 5.2. | 8.2. | 13.2.2014

Kritik: 

Wie flüchtig hüpft es herein, das chromatisch aufsteigende Klarinettenmotiv – und setzt doch so präzise die Atmosphäre des Stücks: ein leichter Hauch von schwülstigem Orientalismus, doch vor allem viel Unfassbares, Abgründiges. Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Zubin Mehta vermögen sowohl die äußerliche Stimmung als auch die sich in der orchestralen Sprache weit öffnenden Seelenräume, das Verborgene und das Offensichtliche mit aller Farbenpracht und auch unheimlicher Schwärze auszuloten, zu ergründen. Mehta und das hervorragend präzise, klangschön (wo geboten) und mit farbenreicher Transparenz spielende Orchester legen einen Klangteppich aus, der zwar die Effekte und die soghafte Emphase nicht fürchtet, auch spätromantisch schwelgen kann (Schleiertanz), doch die Stimmen der Sänger auf der Bühne nie mit lärmigem Brei zudeckt. So entfaltet sich in diesem hermetisch abgeriegelten Innenhof (Ausstattung Wilfried Werz) ein Psychothriller der Extraklasse. Harry Kupfers Inszenierung steht bereits seit 35 Jahren auf dem Spielplan der Staatsoper (104. Vorstellung) und wirkt immer noch frisch und zeitlos, geradlinig, nachvollziehbar, mit einer Personenführung, welche mit spannungsgeladener Intensität die ZuschauerInnen bannt.

Camilla Nylund verfügt über alles, was eine Salome-Darstellerin braucht: Sie hat eine Stimme, die sich jugendlich jubelnd, mühelos und glockenrein in der Höhe entfaltet, aufblüht, bruchlos in voluminöse Brusttöne niedersausen kann, trotzig aufmuckst, geheimnisvoll leuchtet. Selten erlebt man eine Sopranistin, welch in allen Lagen dermaßen sicher, durchschlagkräftig und reich an Farben klingt. Konditionell hält sie die riesige Partie bis zum grandios gestalteten Schlussgesang ohne jegliche Einbussen durch, obwohl sie sich auch schon bei ihrem ersten Auftritt (der erotisch begehrenden Annäherung an Jochanaan) keineswegs schont. Frau Nylund wirft sich auch darstellerisch mit einer atemberaubenden Intensität in die Rolle und tanzt den anspruchsvollen Schleiertanz (der diesen Namen auch verdient!) selbstverständlich selbst.

Starke Partnerinnen und Partner hat Frau Nylund in dieser Produktion: Da ist an erster Stelle der Herodes von Gerhard Siegel zu nennen. Sein textliches Durchdringen der Partie kann man getrost als Maßstab setzend bezeichnen; die Diktion von einer Klarheit sondergleichen und doch ist alles mit stupender Sicherheit - grell, schneidend, aber nie keifend - gesungen! Die primitive Altersgeilheit wird genau so offenbar wie die abergläubische Furcht, das Zaudern und Zögern, die Verachtung für seine starke Frau. Birgit Remmert ist diese herrische Herodias. Auch wenn sie nicht allzu viel zu singen hat (doch ihre kurzen Einwürfe sind wunderbar satt und präzise gestaltet), sind die Bühnenpräsenz und die Mimik von Frau Remmert beeindruckend. Sie erlebt den Schlussgesang ihrer Tochter leidend mit, begreift am Ende, welches Unheil sie mit ihrem Lebenswandel, ihrer Erziehung angerichtet hat und scheint daran zu zerbrechen. Albert Dohmen als Prophet Jochanaan schleudert seine fundamentalistisch-sektiererischen Drohungen gegen dieses Herrscherhaus mit baritonaler Wucht aus seinem Verlies und später von der Bühne. Strauss hat die Eindimensionalität dieses Charakters sehr hintergründig - beinahe boshaft - in ariosen Schönklang gehüllt, und Dohmen transportiert dies mit seiner kernigen, sicher und klangstark geführten Stimme hervorragend. Welch ein Gegensatz bildet sein verfilztes Äusseres zum smarten, attraktiven Narraboth von Joel Prieto (den Namen muss man sich merken!), den dieser mit strahelnd timbriertem Tenor und exzessiver Leidenschaft gibt, welche dem Pagen von Okka von der Damerau (zu Recht) gar nicht geheuer ist. Frau von der Damerau begeistert mit ihrem wunderbar warmen und ausdrucksstark geprägten Mezzosopran und fantastischer darstellerischer Präsenz. Eindrücklich auch das Quintett der Juden (Michael Laurenz, Dietmar Kerschbaum, Stephen Chambers, Jonathan Winell und Grigory Shkarupa), die mit Tobias Schabel und Maximillian Krummen luxuriös besetzten beiden Nazarener, sowie die beiden Soldaten von Arttu Kataja und Johannes Stermann.

Fazit: Herausragend besetzt, spannungsgeladen interpretiert – HINGEHEN!

Inhalt:

Palästina, ca. 30 n.Chr.

Salome, Tochter der Herodias und Stieftochter des Herodes, ist ein verwöhnter Teenager und wächst in einer äusserst dekadenten Umgebung auf. Ihr Stiefvater stellt ihr lüstern nach, sie ist angewidert, sucht nach Halt und begehrt das Unerreichbare, die Liebe des gefangenen Propheten Jochanaan (Johannes der Täufer). Dieser jedoch weist ihre unreifen, trotzigen erotischen Annäherungen aufs Entschiedenste zurück und bezeichnet sie als Tochter Sodoms. Ein junger Offizier (Narraboth) ersticht sich aus liebender Verzweiflung über Salomes erotisches Verlangen nach dem heiligen Mann. Herodes vermag Salome zu einem Tanz für ihn zu überreden, nachdem er ihr versprochen hat, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Salome verlangt mit kaltblütiger Sturheit den Kopf des Jochanaan, serviert auf einer Silberschüssel. Herodes ist entsetzt, betrachtet er doch den Jochanaan als Heiligen, obwohl er ihn hat festsetzen lassen. Er vermutet hinter Salomes Wunsch die Einflussnahme ihrer Mutter Herodias. Doch darin täuscht er sich: Salome fühlt sich von Jochanaan dermassen zurückgestossen, dass mit unbändiger Ausschliesslichkeit auf ihrem pervers-trotzigen Begehren beharrt. Schliesslich gibt er ihr, was sie verlangt. In ihrem extrem aufwühlenden Schlussmonolog vereinigt sich Salome in sexueller Ekstase mit Jochanaan (mit seinem abgeschlagenen Kopf). Der Ekstase muss die Ernüchterung folgen - Herodes wendet sich angewidert ab und befiehlt: Man töte dieses Weib.

Werk:

Lange, sehr lange hat sich Richard Strauss Zeit gelassen, bevor er sich in seinem reichhaltigen Schaffen dem Musiktheater zugewandt hat. Mit seinen programmatischen sinfonischen Dichtungen (u.a. Don Juan, Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra) hat er sich das Handwerk des genialen Instrumentationskünstlers angeeignet, die farblichen Möglichkeiten des grossen Orchesters wie kaum ein zweiter ausgelotet und zur Perfektion getrieben. Nach zwei eher erfolglosen Versuchen im Bereich des Musikdramas (GUNTRAM, FEUERSNOT) fand er (im Alter von beinahe 40 Jahren) in Oscar Wildes SALOME endlich den Stoff für sein bahnbrechendes Werk. SALOME kann man als erste deutsche Literaturoper bezeichnen, die aristotelische Einheit des Dramas (Zeit, Ort, Handlung) ist in geradezu exemplarischer Weise gewahrt. Die Figur der femme fatale (und der entsprechenden Männerphantasien ...)welche in ihrem selbstbestimmten sexuellen Begehren auch immer den Tod als Ziel in sich trägthatte bereits andere Werke des ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts beeinflusst (Delila, Thaïs, Carmen – später Lulu).

Die Komposition wurde von den bedeutendsten Zeitgenossen (Puccini, Mahler, Berg, Schönberg) als wichtigstes Ereignis im Bereich der Oper seit Wagners TRISTAN UND ISOLDE bezeichnet. Strauss schrieb eine packende, erotisch schwülstige und trotz ihrer Komplexität die Grenzen der Tonalität kaum verlassende Musik. Auch der riesige Orchesterapparat wurde von ihm mit grandioser Raffinesse eingesetzt. Nur in ganz wenigen, dramatisch zugespitzten Momenten entlädt sich die volle Wucht des Orchesters. Ansonsten herrscht ein ausgeklügelter Parlandostil vor, gespickt mit ariosen Aufschwüngen, untermalt von einem - in idealen Interpretationen – farblich fein abgestuften, transparenten und ungemein sinnlichen Orchesterklang, einem kunstvollen Stimmengeflecht.

Die Titelrolle gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben für Sopranistinnen im lyrisch-dramatischen Fach. Obwohl Salome oft mit hochdramatischen Sopranen besetzt wurde und wird (Nilsson, Borkh, Gwyneth Jones), liegt die Partie auch schlankeren Stimmen ausgezeichnet, da das Orchester die Sängerin eigentlich kaum zudecken sollte. Viele der besten Salomes waren eher lyrische Soprane (Welitsch, della Casa, Rysanek, Malfitano und vor allem Montserrat Caballé in der empfehlenswerten Einspielung unter Erich Leinsdorf).

Musikalische Höhepunkte:

Wo ist er?, Jochanaan

Jochanaan! Ich bin verliebt in deinen Leib, Salome-Jochanaan

Wahrhaftig, Herr, Judenquintett

Salomes Tanz (Schleiertanz)

Still, sprich nicht zu mir, Herodes

Ah, du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen …, Salome, Schlussszene

Karten