Berlin, Staatsoper: LE VIN HERBÉ, 22.04.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Le vin herbé

Weltliches Oratorium | Musik: Frank Martin | Textquelle: „Roman de Tristan et Iseut“ von Joseph Bédier | Uraufführung: 28.3.1942 in Zürich (konzertant), 1948 in Salzburg (szenisch) | Aufführungen in Berlin: 22.4. | 24.4. | 26.4.2014

Kritik:

Nein, Martins weltliches Oratorium über die Liebe und den Tod von Tristan und Isolde trumpft weder mit reißerischen Affekten noch mit schwülstigen Effekten oder gar dickem Orchesterklang auf, sondern gerade im Gegenteil mit Schlichtheit und Echtheit der Empfindung, kontemplativer Melancholie. Die Komposition mit ihrer Reduzierung auf sieben Streicher, Klavier und zwölf Vokalsolisten erzielt trotzdem eine zauberhafte, ja geradezu soghafte Wirkung, lässt den Zuschauer in meditativen Bann verfallen und die hundert pausenlosen Minuten vergehen wie im Flug. Die stark an der Deklamation angelehnte, chromatische Tonsetzung mit stets präsentem tonalem Fundament, die die Handlung vorwärtstreibenden Erzählungen des Chors, die wenigen arios gehaltenen Empfindungsäußerungen von Iseut und Tristan, die repetitiv erscheinenden Phrasen ohne jegliches Schlagzeug, verleihen dem Werk etwas Unentrinnbares, Magisches.

Dazu bedarf es natürlich herausragender Musikerinnen und Musiker. Diese sind mit dem Pianisten Frank-Immo Zichner und den Mitgliedern der Staatskapelle Berlin (Wolfram Brandl, Yunna Shevchenko, Yulia Deyneka, Boris Bardenhagen, Andreas Greger, Nikolaus Hanjohr-Popa und Mathias Winkler) unter der Leitung des mit ruhiger Hand präzise gestaltenden Franck Ollu gegeben. Ollu legt einen schlicht, aber trotzdem farbenreich klingenden Teppich aus, setzt einen in sich solide ruhenden Grundstein für die zwölf exzellenten Vokalsolisten auf der Bühne. Acht von ihnen sind auch mit kleineren und größeren solistischen Aufgaben betreut, kehren aber immer wieder in den Chor zurück. Doch auch die Sängerinnen und Sänger ohne besonders zugeteilte Rolle lassen mit herrlich sauber geführten Stimmen aufhorchen (Narine Yeghiyan, Stephanie Atanasov, Arttu Kataja, Thorbjørn Gulbrandsøy). Die umfangreichsten Soloparts sind natürlich Tristan und Iseut „la blonde“ zugeteilt: Matthias Klink begeistert in seinem packend vorgetragenen Monolog der Erkenntnis mit seinem hell timbrierten, großartig fokussierten Tenor, der auf einem solid-virilen Fundament aufbauen kann. Anna Prohaska bezaubert mit der keuschen Reinheit, der Zärtlichkeit ihres geradlinig und doch expressiv geführten Soprans, der unaufdringlichen, aber berührenden Schlichtheit ihres Spiels. Katharina Kammerloher mischt eindringlich singend als Iseuts Mutter den fatalen Trank, Evelin Novak ist die sich mit leuchtend intonierten Selbstvorwürfen überschüttende Branghien, Peter Gijsbertsen der rührige Kahedrin, Ludvig Lindström der grossherzig die Untreue verzeihende Roi Marc, Virpi Räsiänen die eifersüchtig lauschende Iseut „aux mains blanches“, die aus Verlegenheit von Tristan geehelichte Gemahlin. Jan Martinik schliesslich bewegt mit seiner wunderbar runden Sonorität als Duc Hoël und als Bass sechs.

Regisseurin Katie Mitchell und Co-Regisseur Joseph W Alford legen das Geschehen in einen vom Krieg zerstörten Kirchenraum (Ausstattung: Lizzie Clachan) in die Entstehungszeit der Komposition, also in die frühen 40er Jahre des 20.Jahrhunderts. Durch das offene Dach fällt Schnee, die Menschen frieren. Ein offenes Feuer erleuchtet den Raum, wärmt ihn nur notdürftig. Sobald die Menschen aus den solistischen Aufgaben wieder in den Chor zurücktreten, ziehen sie sich wärmende Mäntel und Hüte über. Als Licht dienen ihnen die Altarkerzen, welche sie zu Beginn an der Rampe aufstellen. Das Licht kommt also immer von unten, beleuchtet die Gesichter. Sie tragen schwarze Alltagskleider, Trauerkleidung. Einzig Iseut zieht sich eine dunkelrote, mittelalterliche Robe über, als sie sich zum Sterben neben ihren Tristan legt. Für das tröstlich-traurige Spiel über die Unermesslichkeit der Liebe inmitten des Grauens des Krieges reichen wenige Requisiten, welche gerade zur Hand sind: Ein Strick für die Reling des Schiffes, ein schlichtes Bett, zwei Tische, ein paar Stühle. Mehr braucht es nicht. Dank der unaufdringlichen, aber ernsthaften Personenführung im Einklang mit Frank Martins empfindsamer Musiksprache erreicht die Aufführung ein Maximum an Eindringlichkeit. Davon zeugt an diesem Abend auch die Stille im Zuschauerraum des Schillertheaters, welche nach dem Verklingen der Musik lange herrscht, bevor begeisterter Beifall für alle Beteiligten einsetzt.

Fazit: Unbedingt empfehlenswert – Martin erzählt in 100 Minuten mehr von Tristan und Isolde als Wagner in fünf Stunden!

Werk:

Der Schweizer Komponist Frank Martin (1890-1974) beschrieb seinen Kompositionsstil als 'style chromatique'. Aus Leitmotiven entwickelte er eine Klangsprache, welche auch über komplexe Schichtungen und Reihen hinweg doch eine atmosphärische Schlichtheit bewahrt und tonal grundiert bleibt. Ursprünglich entstand das Werk als etwa halbstündige Auftragskomposition für den Züricher Madrigalchor. Martin erweiterte das Oratorium ab 1940 zu einer abendfüllenden Fassung, indem er zwei weitere Kapitel aus dem Roman von Bédier sowie einen Prolog und einen chorischen Epilog hinzufügte. Textlich und musikalisch rückt Martin weit von Wagners schwülstiger und ausufernder Todessehnsucht und Verklärung ab, indem er in der schlichten, untheatralischen Erzählweise und der sparsamen, kammermusikalischen Komposition für ein zwölfstimmiges Vokalensemble (begleitet von sieben Streichern und Klavier) bewusst einen quasi madrigalen Gegenpunkt zu Wagners Musiksprache setzte. Die Singstimmen werden ganz im Stile von Debussys PÉLLEAS ET MÉLISANDE sehr nahe am Duktus der Sprache eingesetzt, ausdrucksstark rezitierend, mit wunderschön herausgearbeiteten, affektbetonten ariosen Aufschwüngen.


Inhalt:

Isolde wird von Tristan über das Meer nach Cornwall gebracht, wo sie König Marke ehelichen soll. Isoldes Mutter gibt der Begleiterin Brangäne einen Trank mit, sie soll diesen dem Paar in der Hochzeitsnacht kredenzen. Isolde hasst Tristan, da er ihren Verlobten Morold erschlug. Während eines Zwischenhalts bleiben Tristan und Isolde allein auf dem Schiff zurück. Ein Kind reicht ihnen aus Versehen Brangänens Trank. Brangäne warnt das Paar, dass es sich um einen Liebes- und Todestrank gehandelt habe. Tristan und Isolde verfallen einander in unermesslicher Liebe.

Isolde wird Markes Gemahlin. Dieser hat jedoch erfahren, dass seine Frau Tristan liebt. Tristan und Isolde flüchten in den Wald von Morois. Marke spürt die Flüchtigen auf, entdeckt aber, dass beide züchtig waren, denn Tristans Schwert liegt zwischen ihren Lagern. Als Beweis seiner Gnade tauscht Marke das Schwert aus und legt seines zwischen die Liebenden. Die beiden Liebenden sind von unterschiedlichen Gewissenbissen geplagt. Isolde kehrt an Markes Hof zurück.

Zwei Jahre später: Tristan ist ohne Nachricht von Isolde. Er nimmt das Angebot des Herzogs Hoel an, Isolde die Weisshändige (Achtung, nicht „seine“ Isolde!) zu ehelichen. Während eine Kampfes wird Tristan tödlich verwundet. Er sehnt sich danach, Isolde, die Blonde (die Richtige!) noch einmal zu sehen. Sein Freund Kaherdin solle alles in die Wege leiten für ein Wiedersehen und ein weisses Segel hissen, wenn Isolde nahe. Die andere Isolde hat das Gespräch belauscht. Isoldes Schiff naht, doch ein Sturm bringt es beinahe zum Kentern. Isolde wünscht, in den Armen Tristans zu sterben. Kahedrin hisst das weisse Segel, doch Isolde die Weisshändige berichtet Tristan, ein Schiff mit schwarzem Segel nahe. Tristan stirbt. Isolde die Blonde ist gelandet. Sie schickt die andere Isolde weg und stirbt an Tristans Seite.

Legende des Brombeerstrauchs: In der Nacht wuchs ein Brombeerstrauch aus Tristans Grab und senkte sich in Isoldes Grab. Dreimal wurde der Strauch geschnitten, immer wieder wuchs er von neuem ins Grab der Isolde. König Marke verbietet, den Strauch je wieder zu schneiden.

Epilog: Für alle, die lieben. Mögen sie darin Trost finden gegen alle Leiden der Liebe.


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