Berlin, Staatsoper: KATJA KABANOWA, 09.02.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Katja Kabanova

Oper in drei Akten | Musik: Leoš Janáček | Libretto: vom Komponisten, nach Ostrowskis Drama DAS GEWITTER | Uraufführung: 23. November 1921 in Brünn | Aufführungen in Berlin: 25.1. | 29.1. | 1.2. | 6.2. | 9.2. | 16.2.2014

Kritik: 

Nein, einfach macht es die Regisseurin Andrea Breth den ZuschauerInnen nicht, all die Symbole und deren Bedeutung für Handlung und Charakterisierung auf der zugemüllten Bühne (Annette Murschetz) zu entschlüsseln. Frau Breth verlegt die Handlung in diesem Einheitsbühnenbild in ein vermodertes Haus (oder Asyl für obdach- und heimatlos Gewordene), Feuchtigkeit dringt ständig herein, durch die Wände, durchs Dach. Die von Janáček in seiner Musik und den szenischen Anweisungen im Libretto geschilderte Natur bleibt außen vor, die Wolga reduziert sich auf einen Plastikbeutel mit Goldfisch in Kudrjaschs Hand. Unerreichbar hoch hängen zwei Porträts (Katjas Eltern?), ein leerer Kühlschrank, in den sich Katja flüchtet (Geborgenheit suchend vor der sie umgebenden Kälte, die noch grösser ist als die Kälte eines Kühlschranks?), ein verschmutzter Radiator (unter den sich Kudrjasch nach der Gewitter-Auseinandersetzung mit Dikoj legt, warum?), eine Badewanne als Ort der Träume für Katja, und als Ort des Suizids, wenn sie sich darin die Pulsadern aufschneidet (im Libretto steht zwar „sie springt in den Fluss“...). Neben viel Unverständlichem gibt es in der genauen und durchaus auch vielschichtigen Personenführung auch einiges an Einsichtigem zu entdecken: Die Kabanicha, die ihren Tichon nicht erwachsen werden lassen will, ihn immer noch im viel zu kleinen Babyzuber badet und ihm vor allem sein Geschlecht ausgiebig säubert, er soll ihr allein gehören, was er mit seiner Frau treibt, ist eh schmutzig!

Diese Kabanicha - die erst im Pelz auftritt, am Ende dann aber schwarz gekleidet und mit strengem Kopftuch daherkommt, wie alle Frauen (immerhin eine nachvollziehbare Kostümdramaturgie von Silke Willrett und Marc Weeger ist zu sehen) – ist eine Frau, die Wasser predigt und Wein trinkt. Sie gibt die moralinsaure, gestrenge Sittenhüterin, frönt jedoch mit Dikoj perversesten Liebesspielen auf dem Küchentisch. Was allerdings an einer frisch gepellten Kartoffel so erotisch sein soll, dass man die ausgiebig leckt und sie sich zwischen die Beine schiebt, erschließt sich mir leider nicht. Ebensowenig, warum wir miterleben müssen, wenn sich Varvara vor der Liebesszene mit Kudrjasch erleichtert. Optisch stark gerät das letzte Bild mit den Ölfässern, auf denen berennende Kerzenarrangements altargleich zu sehen sind, denn Katja hat ja erzählt, dass sie sich in der Kirche und beim Popen (der mit der kleinen Katja an der Hand auch gleich vorbei schreitet) immer am wohlsten gefühlt habe. Ebenfalls stark inszeniert das offene Gespräch unter Frauen im Müllhalden-Badezimmer: Katja gesteht ihre geheimen Wünsche und Begierden (nach Boris) in der dreckigen Wanne, Varvara hört am Schminktischchen zu. Dies einer der wenigen Momente, in denen man ganz auf die gerade singenden Personen konzentriert war, denn ansonsten herrscht ziemlich viel Aktionismus auf der Bühne und die Gefahr war gross, dass man das Auge gerade nicht am richtigen Ort hatte, wenn etwas Entscheidendes passierte. So bleiben am Ende also viele Rätsel ungelöst, und dies beim Werk eines Komponisten, der als grosser Realist, ja Verist gilt, mit seinem genauen Hinhören auf die Sprechmotive die Rätsel der Seele zu ergründen verstand.

Die Sängerinnen und Sänger aber werfen sich mit bewundernswertem Elan in ihre Rollengestaltung (ihnen wurde ja auch im Konzeptionsgespräch und den Proben wahrscheinlich alles genauestens erklärt). Eva-Maria Westbroek gelingt eine packende Darstellung der Titelfigur, mit leuchtendem Sopran in ihren Träumen, mit leidender Stimmfarbe in ihrem Elend, von Gewissensbissen bedrückter Emphase beim Ehebruch. Großartig! Mit schneidender Kälte in Stimme und Darstellung stattet Deborah Polaski die Kabanicha aus. Eindrücklich auch, wie sie die äusserst perverse, enthemmte „Hass-Liebesszene“ mit Dikoj auf dem Küchentisch bewältigt. Besonders bejubelt wurde vom Publikum zu Recht die Varvara von Anna Lapkovskaja, welche die Vertraute Katjas und Pflegetochter der Kabanicha mit profiliertem, selbstsicherem Mezzosopran gibt. Am Ende wird sie sich emanzipiert und ohne ihren Kudrjasch auf den Weg in ein hoffentlich besseres Leben machen. Ganz stark auch die neugierige Glascha von Emma Sarkisyan und die Fekluscha von Adrienne Queiroz. Ausser dem aufgeklärten Kudrjasch (hervorragend Florian Hoffmann) machen die Männer in Janáčeks Oper eine schwache Figur: Pavel Černoch gibt den faulen, auf sein Erbe wartenden Boris mit angenehm timbriertem, sehr sicher geführtem Tenor und smartem Gehabe, Stephan Rügamer, der dritte Tenor des Werks, zeichnet eindrücklich das Muttersöhnchen Tichon, welches sich erst nach dem tragischen Ende Katjas leicht von seiner Mutter emanzipieren wird. Pavlo Hunka ist ein angemessen polternder, aber nie chargierender Dikoj und Roman Trekel singt einen sehr schönen Kuligin.

Sir Simon Rattle am Pult der mit einer klanglichen Leistung der Sonderklasse aufwartenden Staatskapelle zeigt seine ganz besondere Affinität zu Janáčeks Musiksprache. Die musikalische Interpretation offenbart all die stimmungsvollen Naturschilderungen, die Luzidität und die dunklen Abgründe und die Emotionen, welche leider allzu oft auf der Szene nur intellektuell verklausuliert zu erfahren sind. Solche Rätsel ohne Erklärung führen dann auch in Vorstellungen, in denen die Regisseurin nicht mehr anwesend ist, zu entsprechend aufgebrachten Publikumsreaktionen. Schade für das Werk, schade für die emotionale Betroffenheit und die Ergriffenheit, die sich eigentlich am Ende der glücklicherweise pausenlos gespielten Oper einstellen sollten!

Werk:

Leoš Janáček (1845-1928) begann relativ spät in seinem Leben mit der Komposition von Bühnenwerken, doch die dann bis zu seinem Tod im Jahre 1928 entstandenen neun Opern gehören zum Eindringlichsten, was das Musiktheater des 20.Jahrhunderts zu bieten hat. Bei den Aufführungen seiner Werke lohnt es sich, intensiv auf das Orchester zu hören. Denn in der meisterhaften, ungemein farbigen, manchmal auch rauen, gewagten und ausgefallenen Instrumentierung und der Verarbeitung der wenigen Leitmotive legt Janáček die seelischen Befindlichkeiten seiner Protagonisten offen. Gekonnt eingesetzte lautmalerische und naturalistische Elemente loten die Gefühlsebene noch tiefer aus. Die Gesangslinien hingegen sind der Melodik der Sprache abgelauscht und phänomenal nachempfunden. Die schon in seiner JENUFA angewandte Kompositionstechnik hat Janáček in KATJA KABANOWA weiter entwickelt und damit diese Schöpfung zu einem der fesselndsten Musikdramen gemacht. Lyrische Aufschwünge sind sparsam, dafür umso effektvoller eingesetzt, etwa in Katjas Liebesbekenntnissen oder dem subtil gestalteten Quartett am Ufer der Wolga. Packend ist die zentrale Gewitterszene zu Beginn des dritten Aktes mit der Gegenüberstellung von Dikojs rückwärtsgewandtem Gedankengut und Kudrjaschs aufgeklärter Gesinnung und der darauffolgenden Selbstbezichtigung Katjas.

Es empfiehlt sich gerade bei diesem Komponisten, die Werke in der Originalsprache aufzuführen.

Inhalt:

Ort: Ein Dorf am Ufer der Wolga

Der Lehrer Kudrjasch beschreibt die Schönheit der Wolga, ein Symbol der mächtigen Natur. Dikoj beschimpft seinen Neffen Boris der Trägheit. Boris hat früh seine Eltern verloren und muss nun beim hinterwäldlerischen Onkel Dikoj auf seine Volljährigkeit (und damit auf sein reiches Erbe) warten. Er gesteht Kudrjasch, dass er sich in Katja, die Ehefrau von Tichon, verguckt hat. Eben kommen Tichon, Katja und deren Schwiegermutter, die Kaufmannswitwe Marfa Kaban (Kabanicha) aus der Kirche. Die Kabanicha macht ihrem Sohn heftige Vorwürfe, dass er sie weniger ehre als seine junge Frau. Katja weist die Vorwürfe der Schwiegermutter zurück. Mit im Haus der Kabanovs lebt auch die Pflegetochter Varvara. Ihr gesteht Katja, dass sie einen anderen Mann liebe. Die Kabanicha schickt Tichon auf den Markt in Kasan. Vorher verlangt sie von Katja ein entwürdigendes Treuebekenntnis. Tichon gehorcht seiner Mutter wie ein Sklave und Katja muss vor ihm auf die Knie fallen und das Gelübde ablegen. Nachdem die Kabanicha Katja erneut Vorwürfe gemacht hat, sind Varvara und Katja allein. Varvara hat der Kabanicha die Schlüssel zur Gartenpforte entwendet und ein heimliches Rendezvous der beiden mit Kudrjasch und Boris am Ufer der Wolga arrangiert. Hier kommt es zum Liebesakt zwischen Boris und Katja.

Katja kann die Schuldgefühle nicht mehr länger zurückhalten. Als die Kirchgänger während eines heftigen Gewitters Unterschlupf in einer Ruine suchen, gesteht Katja öffentlich ihren Ehebruch. Darauf rennt sie in den Sturm hinaus. Am Ufer der Wolga kommt es zu einer letzten Begegnung mit Boris, der auf dem Weg nach Sibirien ist, wohin ihn Dikoj zur Wahrung von Geschäftsinteressen geschickt hat. Katja ist verwirrt, hört verführerische Stimmen aus dem Fluss und ertränkt sich schliesslich darin. Ihre Leiche wird von Dikoj herausgezogen. Tichon stellt sich zum ersten Mal in seinem Leben gegen seine Mutter und gibt ihr die Schuld an Katjas Tod. Die Kabanicha bedankt sich kaltherzig bei den Dorfbewohnern für deren Hilfe.

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