Berlin, Staatsoper: GALAKONZERT Plácido Domingo, 31.05.2017

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Plácido Domingo

GIUSEPPE VERDI

Preludio zu »La traviata«

Duett Violetta/Germont aus »La traviata«, 2. Akt

(Elsa Dreisig | Plácido Domingo)

Preludio zu »La forza del destino«

Duett Macbeth/Lady aus »Macbeth«, 1. Akt

(Marina Prudenskaya | Plácido Domingo)

Duett Boccanegra/Fiesco aus »Simon Boccanegra«, 3. Akt

(Plácido Domingo | René Pape)

- PAUSE -

RICHARD WAGNER

Vorspiel zu »Die Meistersinger von Nürnberg«

»Lied an den Abendstern«

Szene des Wolfram aus »Tannhäuser«, 3. Akt

(Plácido Domingo)

Vorspiel und Liebestod aus »Tristan und Isolde«

Szene des Parsifal aus »Parsifal«, 3. Akt

(Plácido Domingo)

Kritik:

Auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 31. Mai 1967, sang ein junger Tenor, der gerade dabei war, die Opernbühnen der Welt zu erobern, erstmals in Berlin (an der Deutschen Oper) – Plácido Domingo debütierte mit dem Riccardo in Verdis UN BALLO IN MASCHERA. Nach dem Fall der Berliner Mauer folgte dann schon bald sein Debüt an der Staatsoper (ein Benefizkonzert mit Werken von Verdi und Wagner) unter der Leitung von Daniel Barenboim. Gestern nun wurde Plácido Domingo in der Staatsoper im Schillertheater mit einem Galakonzert zum 50-jährigen Berlin-Jubiläum geehrt – und wieder standen nur Ausschnitte aus Werken von Verdi und Wagner auf dem Programm. Domingo hat im Lauf seiner langen Karriere wohl über 150 Partien gesungen, mehr als jeder andere der großen Tenöre. In den letzten Jahren hat er sich bedeutende Bariton-Partien erarbeitet, doch ganz am Ende dieses gestrigen Konzerts war er noch einmal kurz als Tenor zu erleben, als Parsifal mit dem Schluss aus Wagners gleichnamiger Oper (Nur eine Waffe taugt). Und da schimmerten sie noch einmal auf, die leuchtenden, bronzenen Töne dieses Jahrhunderttenors. Leider geriet dieser zweite, dieser Wagner-Teil des Programms, eher zu einem Barenboim und Staatskapelle-Fest als zu einer Ehrung des Jubilars. Zwar sang Domingo neben den wenigen Phrasen des Parisfal auch noch die Wunschkonzert-Szene des Wolfram aus TANNHÄUSER Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande – O du, mein holder Abendstern. Nicht die allerklügste Wahl, denn die lange zu haltenden und mit Legato zu singenden Noten und der deutsche Text bedeuteten für den 76-jährigen Sänger doch viel Kampf und Krampf. Besser aufgehoben war er da im ersten Teil mit drei Ausschnitten aus Verdi-Opern. Vor allem als Germont aus LA TRAVIATA vermochte er zu reüssieren. (Leider wurde die Arie des Germont kurzfristig aus dem Programm genommen.) Das Duett mit Violetta aus dem 2. Akt war jedoch eindeutig der Höhepunkt dieser Gala – auch wegen der jungen Elsa Dreisig, welche mit ihrem blühenden, wunderschön und voll timbrierten Sopran begeisterte. Aber auch Domingo überzeugte in dieser Partie vorbehaltslos. Dramatisch die Staccati attackierend, auch im Piano mit wunderbar tragfähigem Klang imponierend. Elsa Dreisig (Gewinnerin bei Domingos OPERALIA Gesangswettbewerbs) und Nachwuchskünstlerin des Jahres der Zeitschrift OPERNWELT rührte mit ihrer warmen, glockenrein geführten Stimme. Marina Prudenskaya war dann Domingos Partnerin in der Szene Macbeth-Lady aus dem ersten Akt von Verdis MACBETH. Den Macbeth hat Domingo u.a. auch auf der Bühne des Schillertheaters gesungen. Wenn man sich erst mal an den hellen Klang der Stimme für diese dunkle Seele gewöhnt hat (es ist halt immer noch der „Sitz“ der Tenorstimme, die sich nun in tiefere Regionen bewegen muss), konnte man sich an der mit fantastischer Kraft evozierten Gänsehaut-Passage bei ... che nel cielo ti chiama, o nell’inferno erfreuen. Marina Prudenskaya verfügte genau über das richtige dunkle Timbre und die schaurige Gestaltungskraft für die Einwürfe der Lady. Von großer Eindringlichkeit schließlich die Sterbeszene des Boccanegra „M’ardon le tempia“ aus Verdis SIMON BOCCANEGRA, in der Boccanegra seinem „Feind“ Fiesco enthüllt, dass seine Tochter Amelia in Wahrheit eben auch die Enkelin Fiescos sei. Die beiden Stimmen von Plácido Domingo und René Pape - der einmal mehr mit seinem Prachtsbass als Fiesco begeisterte - kontrastierten mit ihrer unterschiedlichen Färbung hervorragend. Zwischen und vor diesen Szenen spielte die Staatskapelle Berlin die Vorspiele zu LA TRAVIATA und LA FORZA DEL DESTINO. Bei dem Preludio zu LA TRAVIATA zeigte sich einmal mehr die enge Vertrautheit zwischen Barenboim und seinem Orchester: Ohne Zeichengebung konnte er das Orchester am Ende einfach spielen und die wunderbar herausgearbeiteten Begleitfiguren wunderbar sanft verklingen lassen. Mit zupackender Dramatik wurden die Schicksalsfanfarenklänge der FORZA-Ouvertüre in den Saal geschmettert, dann aber wie aus dem Nichts heraus stieg das zarte Leonoren-Thema auf. Barenboim machte aus dieser Potpourri-Ouvertüre eine dramatisch lodernde Erzählung, Nebenstimmen erhielten Gewicht, eigenwillige Akzente wurden gesetzt. Dies war auch im zweiten Teil, dem Wagner-Programm nach der Pause, der Fall. Das Vorspiel zu DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG schien stellenweise die akustische Kapazität des eher kleinen Saals des Schillertheaters zu sprengen. Selbst bei dem Vorspiel und dem instrumentalen Liebestod aus TRISTAN UND ISOLDE schien Barenboim immer wieder auf der Suche nach Ungewohntem, nach unentdeckten Nebenstimmen zu sein, leitete das Ohr des Zuhörers in die Tiefe des Ausdrucks, beinahe bis zur Unhörbarkeit, fand dann aber in den kulminierenden und ekstatischen Passagen stets zum großen Bogen zurück. So geriet dieser zweite Teil des Galakonzerts wie erwähnt eher zu einem Fest für Barenboim und seiner Staatskapelle Berlin, der eigentlich Geehrte blieb da nur Randfigur. Vor allem auch, weil Domingo beim Ausschnitt aus Parsifal nur ganz zu Beginn ein paar Zeilen zu singen hatte, danach rückten Barenboim, die Staatskapelle und der Staatsopernchor ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man wollte mit Verdi und Wagner wohl des ersten gemeinsamen Konzerts von 1993 gedenken. Doch das Publikum hätte eigentlich für Kartenpreise von bis zu € 230 mehr Domingo (z.B. ideal transponierte Lieder von Tosti oder Arien und Szenen aus Zarzuelas ...) und weniger Barenboim verdient. Der Applaus war natürlich stets herzlich, aber nicht überbordend. Erst ganz am Ende wallten dann doch noch die ganz großen Gefühle auf, als nämlich der Intendant der Staatsoper, Jürgen Flimm, dem Starsänger die Urkunde als Ehrenmitglied der Staatsoper überreichte. Domingo, der stets bescheiden auftretende Künstler, schien echt gerührt. Standing ovation – nicht unbedingt für diesen Abend, aber für ein Lebenswerk, für über hundert Einspielungen, teils mit Referenzcharakter, für einen überragenden Tenor des 20. Jahrhunderts.

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