Berlin, Staatsoper: AIDA, 15.02.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Aida

Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Antonio Ghislanzoni | Uraufführung: 24. Dezember 1871 in Kairo | Aufführungen in Berlin: 15.2. | 19.2. | 22.2.2014

Kritik: 

An der Staatskapelle Berlin unter der differenziert die Schönheiten – und auch die Effekte! - der Partitur auslotenden Leitung von Zubin Mehta kann es nicht gelegen haben, dass diese AIDA-Aufführung die Herzen der ZuschauerInnen nicht so richtig erreichen und berühren konnte. Denn vieles, was Mehta und das sehr genau spielende Orchester offen legten (Seitenstimmen, Bassfiguren, zärtliche Streicherklänge, stimmungsvolle Kantilenen der Holzbläser) wurden entweder von im Dauerforte singenden Solisten oder vom ausgesprochen schwer an Lungenkrankheiten (und Plappersucht) leidenden Publikum durch entsprechende Geräusche zugedeckt.

Das laute Singen begann schon mit der Auftrittsarie des Radamès: Johan Bothas „Celeste Aida“ fehlte alles Himmlische, er schien eine sehr diesseitige, bodenständige Person zu besingen und selbstverständlich wurde das hohe B am Ende von un trono vicino al sol nicht wie von Verdi vorgeschrieben im Pianissimo und morendo gestaltet, sondern im dreifachen forte mit (allerdings durchaus beeindruckender Kraft) gebrüllt. Gibt es noch Tenöre, welche diese zugegebenermaßen schwierig zu bewältigende Passage so zu singen wagen, wie es dem Komponisten vorgeschwebt haben mag? Im weiteren Verlauf des Abends blieb Botha jedoch ein sicherer Wert, spielte die grandiose Strahlkraft seines Tenors effektvoll aus. Seine Angebetete, die Sklavin Aida, wurde von der amerikanischen Sopranistin Kristin Lewis gesungen. Sie macht es dem Rezensenten nicht ganz einfach: Da sind differenzierender Gestaltungswille und vor allem in den Duetten und Ensembles sorgfältig den Text interpretierende Phrasen zu entdecken, daneben in ihren beiden großen Arien (Ritorna vincitor und der Nilarie) viel Unausgeglichenes in den Registerübergängen, künstliches Aufblähen der Stimme, fahle, etwas gaumige Höhen, herbe Tiefen. Dass der Schlussgesang der Beiden dann natürlich nicht wie ein transzendierender Abschied vom „Tal der Tränen“, sondern eher forsch wie der Beginn einer Kreuzfahrt klang, war leider zu erwarten gewesen. Nadia Krasteva war eine beeindruckend orgelnde Amneris, durchtrieben Aida das Liebesgeständnis entlockend, grandios auftrumpfend in ihrer vermeintlichen Überlegenheit, gebrochen während und nach der Gerichtsszene. Die beiden sie unterstützenden Bässe vermochten unterschiedlich zu überzeugen: Während Jan Martiniks König durchaus mit der gebotenen Autorität auftrat, fehlten dem Oberpriester Ramfis von Alexey Tikhomirov die bedrohliche Schwärze und das fundamentalistisch Sektiererische der nach Blut lechzenden Kriegsgurgel. Das war alles zwar sehr schön, aber viel zu anständig gesungen. Aus dem Ensemble ragte einzig George Gagnidze als äthiopischer König Amonasro mit perfekt sitzendem und wunderbar kontrolliert und eindringlich gestaltendem Bariton heraus. Dies schien auch das am Ende doch durchaus enden wollend applaudierende Publikum zu spüren, Gagnidze bekam auffallend viele Bravi bei seinem Einzelvorhang. Aufhorchen ließen Evelin Nowak in ihrem kurzen Auftritt als Oberpriesterin in der auch vom Staatsopernchor sehr schön gestalteten Tempelszene und Stephen Chambers als Bote.

Die Inszenierung Pet Halmens (der in seiner Arbeit aus dem Jahre 1995 auch für Kostüme, Bühne und Licht verantwortlich zeichnete) vermag nach wie vor nicht restlos zu überzeugen. Zu gesucht und nicht wirklich weiterführend wirkt das Einbetten der Handlung in einen Besuch Verdis im ägyptischen Museum, das Heraustreten der Figuren und Herausnehmen von Requisiten aus Vitrinen, Radamès „Nacht im Museum“. Dazu kommt, dass die Figuren (mit Ausnahme von Aida und Amneris) darstellerisch ziemlich alleine gelassen werden und vorwiegend an der Rampe singen. Sicher, der Raum aus blauem Lapislazuli ist traumhaft anzuschauen und wird wunderschön ausgeleuchtet, einige der Choreografien sind toll gemacht (andere erinnern eher an Abendunterhaltungen des Turnvereins), die Kostüme sind stimmig. Doch wirklich herein gezogen in die Geschichte wird man nicht. Aber immerhin wird man auch nicht ständig mit nicht zu entschlüsselnden Rätseln der Regie konfrontiert, was heutzutage auch schon etwas wert ist.

Werk:

Trotz aller Arenatauglichkeit ist Verdis drittletzte Oper weniger ein Massenspektakel, eher ein intimes Kammerspiel mit einigen effektreichen Massenszenen (der gewaltige Triumphmarsch am Ende des zweiten Aktes mit seiner Zusammenführung der im Verlauf des Werks leitmotivartig verarbeiteten Themen). Pikante Kolorierungen exotischen Einschlags und Versuche, ein durchkomponiertes Musikdrama zu schaffen, vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es sich bei AIDA um eine durch und durch italienische Nummern-Oper handelt. Verdi hat dem Orchester allerdings eine wichtige Aufgabe zugeschrieben, gegenüber früheren Werken ist die Eigenständigkeit des Orchesterparts gewaltig gesteigert und unterstützt so die Singstimmen in ihrer Darstellung der Gefühle und Leidenschaften und malt eindrucksvolle Stimmungsbilder (z. B. als Einleitung zur Nilarie).

AIDA war weder die Eröffnungsoper der Kairoer Oper (das war RIGOLETTO) noch wurde sie zur Eröffnung des Suez-Kanals (1869) gespielt, wie oft fälschlicherweise kolportiert wird. Sie war jedoch ein Auftragswerk des Opernenthusiasten Ismail Pascha, Khedive von Ägypten. Verdi begeisterte sich schnell für das exotische Sujet und kam auch dem Wunsch des ägyptischen Vizekönigs nach, die Uraufführung (gegen eine exorbitante Gage notabene) in Kairo stattfinden zu lassen. Diese musste jedoch wegen der Wirren des Deutsch-Französischen Krieges um beinahe ein Jahr verschoben werden. AIDA gehört seither ununterbrochen zu den Stützen des Repertoires und ist ein Garant für volle Kassen. Die Oper bietet zudem dankbare Paraderollen für Soprane und Mezzosoprane. Bekannte Interpretinnen der Aida wurden u.a. Maria Chiara, Maria Callas, Leontyne Price, Montserrat Caballé, Birgit Nilsson; die Rolle der Amneris wurde durch Grace Bumbry, Elena Obratzsova, Fiorenza Cossotto, Fedora Barbieri, Giulietta Simionato u.a. exemplarisch geprägt.

Inhalt:

Aida lebt als Sklavin des äthiopischen Königs am Hof der ägyptischen Pharaonen. Doch ist dort ihre königliche Abstammung nicht bekannt. Sie hat ein inniges Liebesverhältnis mit dem ägyptischen Feldherrn Radames. Durch einen fiesen Schachzug kommt die Pharaonentochter Amneris hinter das Geheimnis. Da sie ebenfalls in Radames verliebt ist, bricht die Rivalität zwischen den beiden offen aus. Radames kommt erfolgreich aus einem Feldzug gegen die Äthiopier zurück. Unter den Gefangenen befindet sich auch Aidas Vater Amonasro. Er verlangt von Aida, dass sie Radames strategische Geheimnisse entlocke. Nach einigem Zögern willigt Aida ein. Als Radames seinen Vaterlandsverrat erkennt, ist es bereits zu spät. Amneris und der Hohepriester Ramphis überraschen die drei. Aida kann noch fliehen, Amonasro fällt. Radames wird verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Er wird nach dem Prozess lebendig begraben. Aida hat sich in sein Grab geschmuggelt. Gemeinsam nehmen sie Abschied von der Welt. Amneris betet über dem Grab zu Isis, Radames' Seele möge in Frieden ruhen.

Musikalische Höhepunkte:

Celeste Aida, Arie des Radames, Akt I (mit dem gefürchtenten, pianissimo zu singenden hohen B am Ende)

Ritorna vincitor, Arie der Aida, Akt I

Vieni, sul crin ti poivano …, Amneris-Aida, Akt II

Gloria al Egitto, Triumphmarsch und Finale Akt II

O patria mia, Arie der Aida, Akt III (Nilarie)

Gerichtsszene, Amneris-Radames-Ramfis-Priester, Akt IV

O terra, addio, Duett Aida-Radames, mit Gebet der Amneris Akt IV

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