Berlin, Staatskapelle: V.ABONNEMENTSKONZERT, 10.02.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   V.Abonnementskonzert Messiaen | Brahms

OLIVIER MESSIAEN

»Et exspecto resurrectionem mortuorum« | Uraufführung: 20. Juni 1965 in Chartres | JOHANNES BRAHMS

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 | Uraufführung: 9. November 1881 in Budapest | Aufführungen in Berlin: 10.2. (Philharmonie)| 11.2.2014 (Konzerthaus)

Kritik: 

Eine beinahe 60 Jahre andauernde Freundschaft verbindet die beiden Giganten des Musikbetriebs, den Dirigenten Zubin Mehta und den Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Das gestrige Konzert der beiden fand mit der Ernennung Mehtas zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit von Barenboims Staatskapelle Berlin seinen emotionalen Abschluss.

Begonnen hatten Mehta und die ungefähr 40 Bläser und Schlagzeuger der Staatskapelle Berlin den Abend (der heute noch einmal im Konzerthaus zu erleben sein wird) mit Messiaens ET EXSPECTO RESURRECTIONEM MORTUORUM, dieser zutiefst berührenden, religiösen Verneigung vor den Toten der beiden Weltkriege. Tief und dumpf schallen die Rufe der Toten nach Erlösung im ersten Satz aus dem Dunkel, gleißend, aber schwer endet diese Vertonung des Psalms „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“. Kontrastreich gestaltet sich der zweite Satz: Liebliche Echowirkungen der Holzbläser - man hört, dass Messiaen einen großen Teil seiner Zeit in den savoyischen Alpen verbracht hat - und rhythmisch einbrechende Kuhglocken prägen das Stimmungsbild dieses Satzes. Fremdartig und schrill bestimmen Vogelrufe (Messiaen war auch ein gebildeter Ornithologe) den dritten Satz, Todesverkündigungen gleich. Großartig, wie Mehta und die Musiker an den Gongs die Resonanzwirkungen entfalten, ihnen Zeit geben zu verhallen. Dynamisch geht es in diesem Satz wahrlich an die Schmerzgrenze – doch nicht darüber hinaus! Immer wieder fließt die notwendige Ruhe ein, um das Ohr zu entlasten und die Gedanken zu ordnen. Langgezogene, schmerzerfüllte und erschütternde Töne prägen den vierten Satz, welcher in einem fünffachen forte dissonant, aber eine ungeheuerliche Wirkung evozierend, endet. Der unentrinnbare Effekt des Schlusssatzes stellt sich wohl nur in einem großen Saal, wie ihn die Philharmonie darstellt, ein. Über dem regelmäßigen Ostinato der Gongs steigen sich überlagernde Klänge der Bläser auf und entwickeln einen das Ohr und das Gemüt zunehmend bannenden Sog, eine unglaubliche Steigerung und Intensivierung der Klangballung, von den Bläsern und den Schlagzeugern der Staatskapelle bravourös bewältigt und von Zubin Mehta unaufgeregt, doch mit bezwingender Konsequenz dirigiert.

Nach der Pause dann erklingt Brahms´zweites Klavierkonzert mit Daniel Barenboim als Solisten. Gleich sein erster Einsatz lässt aufhorchen: Wie ungeheuer weich im Anschlag er das einleitende Hornmotiv aufnimmt, zum Niederknien! Grandios arbeitet er die Bassstimme heraus, während Mehta die Blöcke der Seitenthemen sehr analytisch, beinahe trocken voneinander absetzt und so jeglichen spätromantischen Zuckerguss, den man über dieses grandiose Konzert auch schütten könnte, vermeidet. Subtil wird das Hauptthema wieder aufgegriffen, vom Klavier erklingen glasklare Arpeggien, kraftvolle Akkorde, virtuose Passagen mit den sich überkreuzenden Händen! Fantastisch zu beobachten, wie Barenboim als Solist den Musikern seines Orchesters und seinem Freund Mehta zuhört, es stellt sich ein wunderbar ausgehorchtes Musizieren ein, geprägt von Präzision und Klangmagie. Die kommt besonders im Scherzo zu Geltung, in dem das Vergehende und das Fordernde sehr genau herausgearbeitet werden. Der Beginn des dritten Satzes zählt bestimmt zu den schönsten Momenten der Klavierkonzert-Literatur. Eine traumhaft schön gespielte Kantilene des Solocellisten (bei dem sich Barenboim am Ende auch herzlichst bedankt!) wird vom Pianisten feinfühlig aufgenommen – und wieder bewundert man Barenboims exzellente Pianokultur des Anschlags! Nocturnegleich und von kammermusikalischer Transparenz geprägt fließt dieser Satz vorbei, meisterhaft in der Ausprägung des Leisen, Verhaltenen. Wie durch einen Schleier kommt der Einstieg in den volkstümlicheren Finalsatz daher, das Thema wird dann mit Vehemenz aufgegriffen, bevor es sich wieder im Traumhaften verliert. Subtil und mit ausgeklügelten rubati variiert Barenboim den Solopart und beschwingt aber wahrlich grazioso steuern Pianist Staatskapelle dem Ende zu. Bei der Zugabe offenbart Daniel Barenboim noch einmal sein grandioses pianistisches Können und vereint seine besonderen Fähigkeiten: Den subtilen Anschlag, die rasante Virtuosität und ja, auch den Schalk!

Werke:

Olivier Messiaen (1908-1992), Et exspecto resurrectionem mortuorum: Dieses Werk wurde von André Malraux bei Messiaen in Auftrag gegeben, um der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken. Der Komponist hielt sich zu dieser Zeit in den Savoyischen Alpen auf, welche ihn zur monumentalen Grösse der Komposition inspirierten. Das fünfteilige Werk beruht auf Texten aus der Bibel (Psalm, Römerbrief, Korintherbrief, Johannesevangelium, Apokalypse). Zur Zeit der Komposition befasste sich Messiaen aber auch mit den Schriften des heiligen Thomas von Aquin. Um seine volle Wirkung (die Kraft war Messiaen mindestens so wichtig wie die Stille!) zu entfalten, sollte Messiaens Werk nur in grossen Kathedralen, im Freien, oder in weiträumigen Sälen aufgeführt werden. Das Orchester beseteht aus Holz- und Blechbläsern sowie einem grossen, metallischen Schlagzeugapparat (u.a. 6 Gongs, 3 Tam-Tams).

Johannes Brahms (1833-1897) schrieb sein zweites Klavierkonzert in B-Dur über 20 Jahre nach seinem ersten Konzert für Klavier und Orchester (d-Moll). Das Konzert mit seinen vier Sätzen und einer Aufführungsdauer von ca. 50 Minuten gehört zu den längsten seiner Gattung und wird manchmal auch als "Sinfonie mit Klaviersolo" bezeichnet, was eigentlich nicht korrekt ist, da der Klavierpart äusserst virtuos und auch dominierend angelegt ist. Brahms selbst spielte am Klavier die Uraufführung und gastierte mit dem erfolgreichen Konzert in vielen europäischen Metropolen.

Brahms zeigt in diesem Konzert seine Meisterschaft der vielschichtigen thematischen Variation. Im dritten Satz verwendet Brahms eine Melodie, welche er später für das Lied "Immer leiser wird mein Schlummer" wieder verwendet hat und gibt sie zur Exposition dem Solocello. Der Finalsatz erinnert thematisch und in seinem Kolorit an eine ungarische Weise.

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