Berlin, Staatsballett: SCHWANENSEE, 12.02.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Schwanensee

Ballett in zwei Akten (in dieser Fassung) | Musik: Peter Iljitsch Tschaikowski | Libretto: Wladimir P. Betischew und Wassili F. Gelzer | Uraufführung: 1. Fassung 4. März 1877 in Moskau, 2. Fassung: 27. Januar 1895 in St. Petersburg | Choreographie: Patrice Bart | Aufführungen in Berlin: 12.2 | 20.2. | 22.2. | 25.2. | 26.2. | 12.3. | 13.3.2013

Kritik: 

Gibt es einen würdigeren Rahmen zur Übergabe eines Publikumspreises (DAPHNE-Preis der TheaterGemeinde Berlin) als die grosse Bühne der Deutschen Oper Berlin – mit dem stimmungsvoll-romantischen Jugendstilambiente von Luisa Spinatelli - im Anschluss an eine umjubelte Aufführung von Tschaikowskys SCHWANENSEE? - Wohl kaum. Die DAPHNE 2012 ging nämlich an den ersten Solotänzer des Staatsballetts Berlin, Dinu Tamazlacaru, welcher in dieser Wiederaufnahme den Prinz Siegfried tanzte – und wie! Dabei kommt es dem Tänzer natürlich entgegen, dass der Choreograph Patrice Bart die Rolle des Prinzen dramatisch aufgewertet hat, sie psychologisch feinfühlig durchdringt und damit nicht nur die tänzerische sondern auch die darstellerische Herausforderung an den Interpreten erhöht. Dinu Tamazlacaru wird diesen beiden Ansprüchen auf einnehmende und brillante Art gerecht: Er zeigt den jungen, melancholischen Mann, welcher sich von seiner dominanten Mutter endlich lösen, die Abhängigkeiten (Ansprüche der Gesellschaft, des Hofes) hinter sich lassen will, eigene, freie Wege gehen muss. Dass ihm dabei auch noch sein bester Jugendfreund Benno mit seinen verzweifelten homoerotischen Annäherungen im Wege steht, stellt eine weitere Klippe auf dem steinigen Weg zur Selbstbestimmung dar. Leichtfüssig und elegant bewegt sich Tamazlacaru am zaristischen Hofe seiner Mutter, verträumt fasziniert wendet er sich Odette, dem rätselhaften, zerbrechlichen Schwanenmädchen am See zu, mit erwachendem erotischen Liebesverlangen nähert er sich der verführerischen Odile an. Geradezu exemplarisch sind Tamazlacarus saubere Beinarbeit, der Aplomb, die Drehungen mit punktgenauen Landungen, die effektsicher gesetzten Grands battements jetés. In Iana Salenko hat er eine die Doppelrolle Odette/Odile wunderbar ausfüllende Partnerin. Als Odette zeigt sie eine berührende, schmerzerfüllte Fragilität und Verletzlichkeit, als Odile wirkt sie in ihrem tief ausgeschnittenen schwarzen Tutu kalkuliert erotisch, weicher und doch unnahbar. Den ganzen Abend über bezaubert sie mit einem fantastischen Port de bras, blitzsauberem Tanz auf der Spitze, atemberaubenden Fouettés und Pirouetten. Die spinnenartig alle vereinnahmende Königin wird wahrlich königlich und ungemein ausdrucksstark von Nadja Saidakova getanzt. Wenn sie dann am Ende über den Leichen ihres Sohnes und ihres unheimlichen Premierministers von Rotbart (grossartig und voller raumgreifender Magie: Arshak Ghalumyan) zusammenbricht und erkennen muss, was sie durch ihr eigennütziges Verhalten angerichtet hat, spürt man beinahe einen Anflug von Mitleid mit ihr. Mitleid hat man auch mit dem schwulen Benno von Alexej Orlenco, auch er ein Suchender: Unsterblich verliebt ist er in den Prinzen, seine körperlichen Annäherungsversuche werden von diesem aber ständig zurückgewiesen. Orlenco tanzt die schwierige Rolle mit großer Sensibilität, zeigt kraftvolle Sprünge, und begeistert zusammen mit den männlichen Mitgliedern des Corps in einer fulminant präzis getanzten Mazurka im dritten und zusammen mit Iana Balova und Marina Kanno in einem virtuos überschäumenden Pas de trois im ersten Bild. Die Damen des Staatsballetts Berlin nehmen in den weißen Bildern für sich ein: Die disziplinierte Synchronizität, die komplexen Symmetrien der Schwanentänze sind ein Traum, von überirdischer Schönheit das Aufsteigen der Schwäne aus dem Trockeneisnebel im vierten Bild. Dagegen nehmen sich die folkloristisch bunten Einlagen (ungarischer und spanischer Tanz, Tarantella) im dritten Bild beinahe blass aus, auch wenn diese natürlich ebenfalls einwandfrei dargeboten werden – aber man versteht, dass sich Siegfried zu der magischen Welt des Schwanensees hingezogen fühlt und vor der förmlichen Leere des Hofes flieht. Wenn man an der intelligent durchdachten Choreographie von Patrice Bart etwas bemängeln darf, dann ist es die vorletzte Szene: Der Kampf Siegfried-Rotbart kommt etwas gar theatralisch-schwülstig daher. Dramatisch stimmig und wirkungsvoll hingegen, dass auf den so genannten Erlösungsschluss verzichtet wurde.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Michael Schmidtsdorff wartete mit wunderschönen Soli (insbesondere Violine, Cello, Harfe), Melancholie, Leidenschaft und mitreißenden Tanzrhythmen auf.

Spannend ist die Tatsache, dass das Staatsballett zur Zeit auch den Abend TSCHAIKOWSKY im Programm hat, ein Ballett in dem ebenfalls der desaströse Einfluss von starken, nicht zum Loslassen fähigen Frauen auf die verletzliche Seele des Mannes gezeigt wird ;-)

Den Erfolg dieser Produktion von SCHWANENSEE zeigt auch ein Blick auf die Statistik: 173. Vorstellung seit der Premiere am 16. Dezember 1997!

Inhalt:

ERSTER AKT Prinz Siegfried ist unter der sicheren Obhut seiner Mutter, der jungen verwitweten Königin des Landes aufgewachsen. Auf der Palastterrasse feiert man den 21. Geburtstag des Prinzen Siegfried. Er möchte sich mit Erreichen seiner Volljährigkeit aus der Übermacht seiner Mutter befreien. Auch Benno von Sommerstein, bester Freund des Prinzen, erwartet mit Spannung diese Zeit; seine Gefühle für den Prinzen gehen über die vertrauliche Verbundenheit zwischen engen Freunden hinaus. Mitten in der Feier erscheint die Mutter in Begleitung ihres Premierministers von Rotbart. Sie überreicht Prinz Siegfried als Geschenk ein Gewehr und verleiht ihm aus Anlass der Volljährigkeit eine Auszeichnung.Nachdem die Königin das Fest beendet hat, ruft Benno von Sommerstein zur Jagd auf. Prinz Siegfried bleibt in melancholischer Stimmung auf der Terrasse zurück. Das Fest hat ihm erneut vor Augen geführt, dass er fremdbestimmt wird. Der Prinz zieht sich an das Ufer des Sees zurück. Benno von Sommerstein bringt ihm das Gewehr nach. Siegfried möchte jedoch alleine sein und bittet Benno, ohne ihn zu jagen. Siegfried begegnet der Schwanenprinzessin Odette, die ihm von dem bösen Zauber erzählt, der sie in der Schwanengestalt gefangen hält. Der Prinz spürt, dass nur sie diejenige sein kann, die ihn von der engen Beziehung zu seiner Mutter zu befreien vermag. Er schwört ihr ewige Treue, durch die allein Odette von ihrem Zauber befreit werden kann. ZWEITER AKT Benno von Sommerstein war heimlicher Zeuge der Begegnung zwischen Prinz Siegfried und der Schwanenprinzessin. In seiner Eifersucht berichtet er der Königin von den Ereignissen am See. Zutiefst beunruhigt, ihren Sohn zu verlieren, sinnt die Mutter auf eine schnelle und wirksame Lösung, um Siegfried von Odette abzubringen. Sie spinnt eine Intrige, weiht den Premierminister in ihre Pläne ein und lädt zu einem Ball. Neben Prinzessinnen aus verschiedenen Ländern, die als Braut für ihren Sohn in Frage kommen, steht auch Odile auf der Gästeliste, die Tochter des Premierministers. Kurz bevor der Ball beginnt, hält die Königin vor dem unvollendeten Porträt ihres Sohnes inne und überlässt sich ihren Gedanken über das, was sie Prinz Siegfried antun wird. Das höfische Zeremoniell nimmt seinen Lauf, und die Königin eröffnet mit dem Premierminster den Ball mit einem Tanz. Trotz aller Verführungsversuche der eingeladenen Prinzessinen bleibt Siegfried unbeeindruckt, bis die Reihe an Odile kommt. In ihr glaubt er die Schwanenprinzessin Odette zu erkennen. Die Königin und von Rotbart drängen ihn, dem Trugbild ewige Treue zu schwören. Da erscheint die Gestalt des weißen Schwanes, und der Prinz erkennt seinen tragischen Irrtum, dem schwarzen Schwan, Odile, Treue geschworen zu haben. Gedemütigt und öffentlich blamiert, folgt Siegfried seiner wahren Liebe, Odette, zum See. Am See warten die Schwäne auf die Rückkehr ihrer Gefährtin Odette. Diese berichtet ihnen, was sich zugetragen hat: Der böse Zauber konnte nicht gebrochen werden. Prinz Siegfried erreicht den See und bittet Odette um Vergebung. Am Ufer erscheint der Premierminister von Rotbart. Siegfried erkennt, dass Rotbart den bösen Zauber über Odette am Leben hält. Es kommt zum Kampf, in dem der Prinz den Premierminister tötet. Siegfried wird sich der Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst. Als Lösung bleibt ihm nur der Tod im See. (copyright: Staatsballett Berlin, www.staatsballett-berlin.de)

Werk:

Trotz der schnell wieder abgesetzten Moskauer Uraufführung erreichte Tschaikowskis SCHWANENSEE Kultstatus, ja das Werk wir gemeinhin als DAS Handlungsballett schlechthin bezeichnet und erlangte nach der Uraufführung der zweiten Fassung in der Choreographie von Marius Petipa schnell eine Verbreitung über alle relevanten Tanzbühnen. An der Musik kann es also nicht gelegen haben, dass das Werk nicht schneller seinen Siegeszug antrat. Tschaikowski war zwar noch relativ jung (35 Jahre alt), als er mit der Komposition begann, doch hatte er bereits drei Sinfonien, ebenso viele Opern und zahlreiche Kammermusik komponiert. Vielmehr lag der Flop darin begründet, dass die Compagnie in Moskau den enormen technischen Ansprüchen nicht genügte. Die Komposition wurde zudem immer wieder durch Einschübe werkfremder Musik entstellt. Auch heute noch kann man den SCHWANENSEE nicht ohne Kürzungen auf die Bühne bringen, da das gesamte, von Tschaikowski stammende, Material das Ballett auf TRISTAN-Länge ausdehnen würde. Nach Tschaikowskis Tod 1893 erinnerte man sich wieder des Werks, führte zunächst den Schwanenakt isoliert auf und hievte schliesslich mit Hilfe des Dirigenten Riccardo Drigo (welcher die Partitur bereinigte) und der beiden Choreographen Lev Ivanov und Marius Petipa eine Fassung auf die Bühne, an welcher sich auch heute noch viele berühmte Choreographen orientieren.

Die beiden Hauptrollen stellen an die Tänzerin und den Tänzer enorme technische und darstellerische Anforderungen; es ist seit der Petersburger Produktion üblich, dass die Primaballerina beide Rollen (Odette, der weisse Schwan verkörpert das Lichte, Unschuldige/Odile, der schwarze Schwan, das Dunkle, Böse) tanzt.

Die berühmtesten Choreographen des 20 und 21. Jahrhunderts nahmen sich des Werks an. Balanchine, Orlikowski, Cranko, Spoerli und Neumeier setzten mit ihren Interpretationen Masstäbe. Sehr erfolgreich und äusserst sehenswert war Matthew Bourne's SWAN LAKE. Er liess sämtliche Rollen (bis auf die Mutter) von Männern tanzen.

Auch im Film wurden Motive und Szenen aus SCHWANENSEE immer wieder verwendet, so z.B. in BILLY ELLIOTT von Stephen Daldry oder in BLACK SWAN von Darren Aronofsky, mit Natalie Portman.

Karten

Applaus und Preisübergabe