Berlin, Philharmonie: THIELEMANN und POLLINI, 14.01.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Chopin, Klavierkonzert Nr.1

Robert Schumann: Ouvertüre zur Oper Genoveva op. 81 | Uraufführung: 25. Februar 1850 in Leipzig | Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll op. 11 | Uraufführung: 11. Oktober 1830 in Warschau | Aribert Reimann : Sieben Fragmente für Orchester in memoriam Robert Schumann | Uraufführung: 25 September 1988 in Hamburg | Richard Strauss: Vier symphonische Zwischenspiele aus Intermezzo op. 72 | Uraufführung: 4. November 1924 in Dresden | Dieses Konzert in Berlin: 14.1. | 15.1. | 16.1.2016

Kritik:

„Hut ab, meine Herren – das ist ein Genie“ soll Robert Schumann ausgerufen haben, als er erstmals einer Komposition seines gleichaltrigen Kollegen Chopin (beide wurden im Jahr 1810 geboren) in die Hände bekam. Bei beiden Komponisten stellten die Werke für Klavier einen zentralen Pfeiler ihres Schaffens dar (bei Chopin noch mehr als bei Schumann), beide hegten grossen Respekt für einander und widmeten sich gegenseitig Kompositionen, beide starben viel zu früh, Chopin an Tuberkulose im Alter von 39 Jahren, Schumann in geistiger Umnachtung – die Folgen einer Syphilis – sieben Jahre später. Um diese beiden Komponisten kreiste auch das Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Christian Thielemann gestern Abend in der Philharmonie Berlin.

Den Anfang setzte Robert Schumanns Ouvertüre zu seiner einzigen Oper, GENOVEVA. Thielemann setzte hier ganz auf den runden, leicht schwermütigen Klang, mit akkurat herausgestellten Schicksalswendungen (viele Anklänge an Webers FREISCHÜTZ schimmerten auf), und führte das bestens disponierte Orchester mit erzählerischer Plastizität zum verhalten erklingenden Jubelschluss. Gleich danach folgte der unbestrittene Höhepunkt des Abends: Maurizio Pollini spielte das erste Klavierkonzert (obwohl es wahrscheinlich nach dem zweiten entstanden war ... ) in e-Moll von Frédéric Chopin – und wie er das spielte, zum Niederknien schön. Der inzwischen auch schon 74 Jährige Pollini (Daniel Barenboim, der am Abend zuvor mit Schumanns Klavierkonzert hier auftrat, und Maurizio Pollini sind beide 1942 geboren) debütierte übrigens als frischgebackener Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs mit diesem Konzert als 18jähriger in der Scala di Milano unter Celibidache. Sein Spiel war an diesem Abend von exemplarischer Klarheit und Genauigkeit, da wird nichts verwaschen, geschummelt, mit Rubati gedrückt oder durch übermässigen Einsatz des Pedals verwischt. Die chromatischen Läufe perlten in einer stupenden Sicherheit und Exaktheit dahin, mit einer Brillanz, welche nie exaltiert wirkte – und doch ihre beeindruckende Wirkung nicht verfehlte. Ungeheure Virtuosität gepaart mit berührender Empfindsamkeit, eine die seelischen Tiefen explorierende Sensibilität auch in den melancholischen Passagen des Larghettos (der traumhaft schön musizierte Dialog mit dem Fagott), die zauberhaft verklingenden Triolen. Kraftvoll, witzig und voller tänzerischer Expressivität dann der dritte Satz, dieses Rondo vivace, mit dem prägnanten Krakowiak-Rhythmus. Das Zusammenspiel mit den Berliner Philharmonikern schien perfekt, Christian Thielemann war ein überaus aufmerksam und sorgfältig gestaltender Dirigent. Ein unvergessliches Konzerterlebnis! Keine Zugabe des Solisten.

Nach der Pause führte der Dirigent Christian Thielemann in einer kurzen, launigen Einführung („Sie lesen das Programmheft ja eh erst hinterher, deshalb einige Worte zum folgenden Werk ....“ ) in Aribert Reimanns 1987/88 entstandene Komposition SIEBEN FRAGMENTE FÜR ORCHESTER IN MEMORIAM ROBERT SCHUMANN ein. Reimann hatte und hat einen starken persönlichen Bezug zu Schumann, u.a. weil sich Schumanns Krankenakte aus der Endenicher Anstalt zur „Pflege und Behandlung von Gemütskranken und Irren“ lange Zeit in seinem Besitz befand. Reimann hat das Thema, welches Schumann 1854 in seinen Geistervariationen, seiner letzten Komposition, verwendete (und das ihm Aussagen seiner Frau Clara zufolge „Schubert und Mendelssohn“ in Träumen eingeflüstert hätten, in seiner etwa 15 Minuten dauernden Komposition aufgegriffen, bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Beim ersten Anhören dieses Werks geht es einem wie oft bei zeitgenössischer Musik: Wild herumfliegende Dissonanzen scheinen keinen Sinn zu ergeben, Fragmente rhythmischer und melodischer Art wehen herein und verlassen den Ort und das Ohr auch sofort wieder – und doch, nach einer Angewöhnungsphase entdeckt man immer wieder Interessantes, Schräges, Empfindsames, reizvolle Kontraste und Paarungen von Instrumentengruppen, Verschachtlungen und Aufschlüsselungen, Gespenstisches, Brutales, Zärtliches. Hörner und Holzbläser, Posaunen und Bratschen wussten ganz besonders zu imponieren. Der Komponist war selbst in der Philharmonie anwesend und durfte viel Applaus entgegennehmen. Wie hatte Thielemann doch gesagt: Eigentlich sollte man sich die Komposition gleich zweimal hintereinander anhören. Ja, warum eigentlich nicht? Warum hat er das nicht umgesetzt? Stattdessen setzte er ans Ende des Konzerts VIER SYMPHONISCHE ZWISCHENSPIELE aus Richard Strauss' relativ selten aufgeführten, ziemlich belanglosen Oper INTERMEZZO. Entstanden war diese Oper gleich nach dem grossen Wurf von DIE FRAU OHNE SCHATTEN – quasi als Gegenstück dazu. Nach der metaphysischen Überhöhung nun ein Konversationsstück aus dem bürgerlichen Alltag einer Ehe. Sicher, Strauss, der Klangmagier, hat auch hier instrumentationstechnisch aus dem Vollen geschöpft und Thielemann ist als profunder Kenner des Garmischer Meisters natürlich ein Garant für eine effektvolle Wiedergabe, ausgestattet mit allen Klangraffinessen, dem Humor, der Parodie der Wiener Kaffeehausmusik, der Walzerseligkeit, der schmachtenden Träumerei am Kamin mit den herrlich aufpolierten Silberklängen, die nur Strauss in Noten umzusetzen wusste. Und doch fragte man sich: Warum? Warum diese Stücke am Ende gerade dieses Konzertes? Wo blieb der musikdramaturgische, der programmatische Bezug? Mutiger wäre es wirklich gewesen, Reimann zweimal zu geben und vielleicht Pollini oder einen anderen Pianisten zu überreden, Schumanns Geistervariationen im Original dazwischen zu spielen. Zumal nach der Pause (in der wohlverstanden seit Wochen ausverkauften Philharmonie) eh schon einige der teureren Plätze nicht mehr besetzt waren, was bei der sonst so aufgeschlossenen Mentalität der Berlinerinnen und Berliner doch eher erstaunte.

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