Berlin, Philharmonie: SMETANA, PROKOFJEV, TSCHAIKOWSKY, 30.6.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Tschaikowsky 5. Sinfonie

Bedřich Smetana : AUS BÖHMENS HAIN UND FLUR aus dem Zyklus MEIN VATERLAND | Uraufführung: als Einzelwerk am 10. Dezember 1876 in Prag, als gesamter Zyklus am 5. November 1882 ebenfalls in Prag | Sergej Prokofjew: VIOLINKONZERT Nr.2 in g-Moll | Uraufführung: 1.Dezember 1935 in Madrid | Piotr Tschaikowsky: SINFONIE Nr. 5 in e-Moll | Uraufführung: 17. November 1888 in St. Petersburg | Dieses Konzert am 29. und am 30.6. in Berlin

Kritik: 

Man war gebannt vom Zauber der Dynamik, einer von innen nach außen und dann wieder von außen nach innen verlagerten dynamischen Hochspannung, mit welcher Tugan Sokhiev und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin die drei Werke dieses Konzerts interpretierten. Den Abend eröffnete das Schlussstück aus Smetanas Tondichtung MEIN VATERLAND, AUS BÖHMENS HAIN UND FLUR. Allerdings war dies alles andere als ein oberflächlich-genüsslicher und gefälliger Spaziergang durch eine liebliche Landschaft. Sokhiev ließ die auf horizontalen Wellenbewegungen und vertikalen, schroffen Akkorden basierende Eröffnung mit dem relativ breit gewählten Tempo mit scharfer Vehemenz spielen. Ungemein klar herausgearbeitet war dann die kunstvolle Fuge (das Säuseln des Windes), welche die Streicher des DSO mit konzentrierter Präzision intonierten. Durch das Ausloten der dynamischen Möglichkeiten erreichte Sokhiev eine ungeheure Spannung, ließ den von ferne fordernd hereinschallenden Jubel immer wieder abrupt zusammenbrechen, verwehrte ihm lange Zeit den Durchbruch, fügte harte Schnitte ein. Geradezu brachial hervorbrechende Tutti kontrastierten mit Tanzrhythmen, um sich endlich in hymnischer Größe zu finden. Ganz ähnlich verfuhr Tschaikowsky im Finale seiner fünften Sinfonie. Fulminante, vorwärtsdrängende Wellen verursachen einen sich überschlagenden Sog, reißen den Zuhörer in einen Strudel – und doch kommt es lange nicht zur befreienden Erlösung, immer neue Wellen türmen sich auf, wollen brechen, schaffen es nicht. Man saß tatsächlich vor lauter Anspannung auf der Sitzkante, lauschte den dynamischen Klüften, welche von Sokhiev und dem herausragend spielenden DSO durchschritten wurden. Nachdem im ersten Satz dieser Sinfonie das Schicksalsmotiv in seiner Unerbittlichkeit herausgearbeitet worden war, grüblerisch Tiefen und kantablere Passagen sich voneinander absetzten, durch stimmige rallentandi, subtile Einwürfe der exzellent gespielten Flöte und empört knurrende Kontrabässe Spannung aufgebaut wurde, mündete dieser Satz mit Schwung in seinen Schlussteil. Im stimmungsvoll-elegischen Andante konnte man die exzellente Intonation des Solohorns genießen, sich an den Diskursen der Holzbläser erfreuen, von einer Kulmination mitgerissen werden, welch an Intensität kaum zu überbieten war. Mit dem traumhaft schön und intensiv gestalteten Verklingen im pianissimo endete dieses Cantabile. Durch die von Sokhiev erreichte Transparenz des Klangs wurden im dritten Satz, dem Walzer, vielerlei Farben aufgedeckt. Beinahe ad attaca mündete er danach ins erwähnte Finale. Durch die Interpretation von Sokhiev erreichte Tschaikowskys fünfte Sinfonie eine schon beinahe brucknersche Größe, jedenfalls eine Relevanz, die einen alle Vorurteile gegenüber diesem Komponisten vergessen ließ.

Den Mittelteil des Abends bildete Prokofiews zweites Violinkonzert, interpretiert von der lettischen Stargeigerin Baiba Skride. Sie machte die enormen technischen Schwierigkeiten und Anforderungen, welche Prokofiew der Solistin auferlegte, vergessen. Ihre Tongebung blieb stets einnehmend warm, der volksliedhafte Ton des ersten Themas, welches die Sologeige ohne Orchesterbegleitung vorstellte, war von einer bewegenden Natürlichkeit und Gesanglichkeit geprägt, das Zusammenspiel mit dem Orchester und seinen expressiven Farben, wurde zu einem faszinierenden Erlebnis. Der zweite Satz (Andante assai) war geprägt von zarter Innigkeit; Baiba Skride legte den Klang ihrer Stradivari mit einer ätherischen Schwerelosigkeit auf den Pizzicati-Teppich der Streicher, umspielte später das von den ersten Violinen aufgenommene Hauptthema mit zarten Fiorituren in den höchsten Lagen. Wunderbar zu diesem ruhig und konzentriert dahinfließenden zweiten Satz kontrastierten die spanisch inspirierten Rhythmen des Schlusssatzes, dessen leicht stampfender Duktus nie ordinär oder plump wirkte und dem Baiba Skride mit den kunstvoll und technisch perfekt ausgeführten, schwierigen Doppelgriffen den leicht herben Charakter verlieh. Die ätherische Reinheit, mit der sie die Zugabe interpretierte, den subtilen Wechsel in der Dynamik von Melodiestimme und Begleitfiguren herausschälte, war von stupender Finesse. Danach lag ihr das Publikum erst recht zu Füssen.

Werke:

Bedřich Smetana (1824-1884) gilt als „Vater“ der tschechischen Musik, seine Werke fussen auf der Tradition der tschechischen Volksmusik, doch verlieh er ihr in seinen Werken eine beinahe heroische, feierlich-monumentale Qualität, gepaart mit der Fröhlichkeit des damals beliebtesten Volkstanzes, der Polka, immer mit dem hohen Ziel vor Augen, dem seit Jahrhunderten von fremden Mächten unterdrückten Volk, die Ideale der Freiheit zu vermitteln. Als Höhepunkte seines Schaffens gelten im Bereich der nationalen Wiedergeburtsbewegung die Oper LIBUŠA und der sinfonische, sechsteilige Zyklus MEIN VATERLAND. Entstanden ist dieser Zyklus zwischen 1874 und 1879, zu einer Zeit also, als sich die vollständige Ertaubung des Komponisten schon deutlich manifestierte, verbunden mit Erschöpfungszuständen. AUS BÖHMENS HAIN UND FLUR ist der vierte Teil des Zyklus. Smetana beschreibt das Werk selbst so: „Hier werden die Empfindungen beim Anblick der tschechischen Landschaft gekennzeichnet. Von allen Seiten, aus den Fluren und Hainen, klingt ein Gesang voller Innigkeit, fröhlich, aber auch melancholisch .... und die Phantasie hat hier einen freien Weg vor sich ...“ Deutlich tritt die Vaterlandsliebe hier zutage, die Schatten weichen der Sonne, das Werk kann als eine Lobpreisung der Natur und des Werks des Menschen verstanden werden, eine Apotheose der Heimat des Komponisten.

Sergej Prokofjew (1891-1953) komponierte sein 2. Violinkonzert rund 20 Jahre nach seinem ersten Solokonzert für dieses Instrument. Die beiden Konzerte gehören zu seinen inspiriertesten Werken überhaupt. Während das erste mit der Satzfolge langsam – schnell – langsam mit der tradierten Form brach, kehrte Prokofjew mit seinem zweiten Konzert wieder zum klassischen Typus zurück. Der erste Satz (Allegro moderato) wird von der Solovioline mit einem volksliedhaften Thema eröffnet, welches im Verlauf verschiedenartig variiert wird, bevor ein lyrisches Seitenthema auftaucht. Das folgende Andante assai ist ein Satz von einnehmender Kantabilität. Der Finalsatz (Allegro ben marcato) scheint zuerst auf die so typischen (russischen) Grotesken anzuspielen, doch die Virtuosität obsiegt, das Ganze endet in tänzerischem Wirbel. Obwohl das Werk (mit grossem Erfolg) in Madrid uraufgeführt worden war, unterliess es das Stalin-Regime nicht, die Komposition propagandistisch auszuschlachten und sah darin ein Beispiel für einen Komponisten, der nun zur Einsicht gelangt war und sich nun (nach seinen wilden Jahren) dem Ideal des sozialistischen Realismus zugewandt habe, welcher Einfachheit und Volksnähe einforderte.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) handelt – ähnlich wie seine 4. Sinfonie – von der Überwindung des tragischen Schicksals und führt aus dem Dunkel ins Licht (per aspera ad astra). Tschaikowsky hat zum ersten Satz gar ganz klare inhaltliche Gedanken formuliert: „Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung. - Allegro: Murren, Zweifel, Klagen, Vorwürfe“. Im Verlauf der Sinfonie weichen die Moll-Tonarten immer mehr denjenigen in Dur. Das einem Trauermarsch nahe kommende Schicksalsmotiv, des ersten Satzes taucht zwar auch in den restlichen drei Sätzen auf, im Schlusssatz allerdings erstrahlt es in feierlichem Dur. Wunderschön erklingt das Hauptthema des zweiten Satzes, das vom Solohorn vorgetragen wird und die für Tschaikowsky so typische melancholisch-elegische Stimmung evoziert. Wenn die Oboe dann mit ihrem Gesang darauf antwortet, bezeichnete Tschaikowsky dies als „Lichtstrahl“. Insgesamt weist der Satz einen pastoralen Charakter auf. Der dritte Satz ist ein lyrischer Walzer, indem erneut das Schicksalsmotiv auftaucht. Dieses Motiv wandelt sich nun im Finale zu einem triumphierenden Marsch. Nach einem tänzerisch-jubelnden Mittelteil kommt es in der Coda zur Apotheose im vierfachen forte.

Die fünfte Sinfonie gehört zusammen mit der vierten und der sechsten zu den meistgespielten Sinfonien des Russen, obwohl die zeitgenössischen Kritiken (und auch Tschaikowskys Selbstkritik) zum Teil sehr harsch ausfielen (die Sinfonie sei zu lärmig, ein trunkenes Delirium tremens etc.). Im Oktober 1941 wurde die Sinfonie in Leningrad gespielt und im Radio auch nach London übertragen, just als die deutschen Bomben fielen. Trotzdem spielte das Orchester die Sinfonie zu Ende.

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