Berlin, Philharmonie: SAINT-SAËNS, RAVEL, BARTÓK, STRAUSS, 19.12.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Sain-Saëns, Violinkonzert Nr. 3

Camille Saint-Saëns: Violinkonzert Nr. 3 in h-Moll | Uraufführung: 2. Januar 1881 in Paris | Maurice Ravel: Tzigane für Violine und Orchester | Uraufführung: 26. April 1924 in London, Orchesterfassung 30 November 1924 in Paris | Béla Bartók: Tanz-Suite | Uraufführung: 19. November 1923 | Richard Strauss: Suite aus DER ROSENKAVALIER | Uraufführung der Oper: 26. Januar 1911 in Dresden, Orchestersuite: 5. Oktober 1944 in New York | Dieses Konzert in Berlin: 19.12.2018

Kritik:

Ganz unter das Motto des Tanzes stellte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin das Programm seines gestrigen Konzerts in der Philharmonie. Den ersten Teil prägte der Tanz in seiner virtuosen Ausprägung mit zwei Werken von Saint-Saëns, respektive Ravel, bei denen die stupenden Möglichkeiten der Violine im Zentrum standen. Nach der Pause folgten mit Bartóks Tanz-Suite und Strauss’ Suite aus DER ROSENKAVALIER zwei Suiten, in denen Tänze auf hochgradig künstlerische Art sublimiert werden. Aufgeführt wurden die vier Werke, welche zwischen 1880 und 1946 uraufgeführt worden waren,  in chronologischer Reihenfolge ihrer Uraufführungsdaten. Die Oper DER ROSENKAVALIER wurde zwar vor Bartóks Tanz-Suite uraufgeführt, die Suite jedoch erst 1945 erstellt, somit wurde die erwähnte zeitliche Abfolge eingehalten und das Konzert endete entsprechend publikumswirksam.

Den Anfang also machte Saint-Saëns’ drittes Violinkonzert, das überaus tänzerisch geprägt ist, mit Zigeunerweisen im ersten, der Barkarole im langsamen und den spanisch angehauchten Tänzen im rasanten Wirbel des Finalsatzes. Der Stargeiger Joshua Bell scheint das nachromantische Werk zu lieben. Er stürzte sich mit Vehemenz in die eröffnenden Doppelgriffpassagen, stellte das Hauptthema mit zupackender Prägnanz vor. Ätherische Leichtigkeit und beseelte Zartheit und Kantabilität seines Spiels prägten das zweite Thema des Kopfsatzes. Feine Läufe, herrlich virtuoses Umspielen des Hauptthemas, blitzsaubere Intonation in den ganz hohen Lagen und ein fulminantes Satzende rissen einen beinahe vom Sitz. Wunderbar sanft wiegend dann das darauf folgende Andantino, geprägt von beruhigenden Barkarolen-Klängen und einem filigranen Gespinst des Orchesters, das von Cristian Măcelaru mit viel Gespür für Feinheiten des Dialogs geleitet wurde. Im dritten Satz wird das thematische Material noch reichhaltiger, der schier unaufhörlicher Wirbel der Tänze rollte für Joshua Bell den Teppich aus, um darauf seine so selbstverständlich und mit Charme präsentierte technische Virtuosität zu präsentieren. Fantastisch! Doch damit nicht genug, denn Joshua Bell und das DSO ließen der nicht unerheblichen Anstrengung des rund halbstündigen Konzerts gleich noch Ravels TZIGANE folgen, in deren erstem Teil der Geiger ganz alleine zu spielen hat. Zwar verrutschte Joshua Bell nach den ersten, kräftigen Strichen die Schulterstütze seiner kostbaren Stradivari – und diese galt es nun zu befestigen. Er reichte erst mal den Bogen dem Dirigenten, fixierte die Schulterstütze und wollte danach dem Dirigenten auch noch die Geige mit leichtem Kopfnicken übergeben, wie wenn er sagen wollte „Mach du mal“! Der wollte jedoch nicht. Nach diesem mit Humor getragenen kleinen Zwischenfall jedoch konzentrierte sich Joshua Bell erneut auf Ravel, begann und vorne – und wie! Ravel selbst meinte ja einmal, das Werk sei wegen seiner Schwierigkeiten wohl kaum spielbar. Joshua Bell, wie viele Virtuosen vor ihm, bewies, dass es sehr wohl spielbar ist, allerdings muss ein Geiger allerhöchstes technisches Können dazu haben. Nicht nur dass vieles unglaublich schnell ist, dazu kommen auch noch schwierige Doppelgriffe, rasanter Wechsel von Flageolett, gestrichenen und gezupften Passagen, Anforderungen, denen sich Joshua Bell mehr als gewachsen zeigte. Ein faszinierendes Werk, vor allem dann auch, wenn sich langsam das Orchester zur Solovioline gesellt, erst mit der Harfe und danach mit anderen Instrumenten und die Flöte und die Celesta impressionistische Klangfarben beisteuern.

Nach der Pause erklang Bartóks Tanz-Suite. Das DSO unter Cristian Măcelaru vermochte es ausgezeichnet, die leichte Groteske herauszustreichen, welche immer wieder durch diese sechs Sätze weht. Markante Rhythmen wechselten mit introvertierteren Passagen, dann wieder war man vom Schwung mitgerissen. Das DSO glänzte mit verschiedenen kurzen Soli (Konzertmeister, Stimmführer Bratsche und 2. Violine, Holzbläser, Horn) und einer fein abgestimmten Klangbalance, in der auch das Klavier, die Celesta und die Harfen nicht untergingen. Den fulminanten Abschluss des Konzerts bildete dann die Suite aus DER ROSENKAVALIER von Richard Strauss. Besetzt mit der Größe des Elektra-Orchesters, und dabei Wiener Walzer intonierend, allerdings durchsetzt mit Dissonanzen, die eben doch auf den zum Gigantismus reichenden Strauss verweisen. Wer die Oper kennt, konnte die Abfolge natürlich geradezu bildhaft mitverfolgen, das Vorspiel, die Überreichung der silbernen Rose, die zarte Annäherung Octavian-Sophie, der Walzer des Ochs vom „Lerchenauschen Glück“, den Auftritt der Intriganten, den Spuck im Separée, das „Hab mir’s gelobt“ der Marschallin, das Schlussduett der Liebenden. An den Schluss hängte Strauss (ob er das selbst alles zusammengestellt hat, oder einfach auf ein Arrangement von Rodcinsky zurückgegriffen hat, ist ja nicht ganz unumstritten) dann nochmals den Walzer, bombastisch aufgebläht, aber die Wirkung selbstverständlich nicht verfehlend. So auch gestern Abend in der Philharmonie: Riesenjubel am Ende eines kurzweiligen Programms.

 

Werke:

Camille Saint-Saëns (1835-1921) komponierte sein drittes Violinkonzert 1880 und widmete es dem Virtuosen/Komponisten Pablo de Sarasate, welcher es auch uraufführte. In seinen ersten Solokonzerten hatte Saint-Saëns noch in einem etwas frivoleren Stil komponiert, welcher der Stimmung des Second Empire angepasst war. Doch von dieser an Offenbach orientierten Kompositionsweise verabschiedete er sich mit seinem dritten Violinkonzert, dem Cellokonzert und den letzten beiden Klavierkonzerten. Im dritten Violinkozert kehrte er auch zur traditionellen Satzfolge schnell-langsam-schnell zurück. Auf eine Orchestereinleitung verzichtete er, die Violine setzt im ersten Satz direkt über einem Tremolo der Streicher ein. Kernstück ist der langsame Satz mit seinem herrlichen Barkarole-artigen Hauptthema, ein zurückgenommenes Andantino, das sich nich brüsk aufbäumt, verhalten und verinnerlicht bleibt und sanft verklingt. Der dritte Satz bringt etwas spnische Farbe, ein Verweis auf Saint-Saëns Aufenthalt auf der iberischen Halbinsel während der Komposition und eine Hommage an den Widmungsträger.

Maurice Ravel (1875-1937) komponierte die TZIGANE 1924 für Solovioline und Luthéal (ein mechanisch präpariertes Klavier, das den Klang des ungarischen Hackbretts -Cimbalom – imitiert). Bald jedoch erstellte Ravel auch eine Version für Violine und Orchester, wobei deren erster Teil ganz alleine der Solovioline gehört. Das Stück ist sehr anspruchsvoll für den Solisten. Wie der Titel der Komposition sagt, ist die Kernidee eine Art Variation über Zigeunerweisen, jedoch eher im romantisierenden Stil eines Liszt oder Brahms angesiedelt und nicht auf originalen Melidien der Sinti und Roma beruhend.

Béla Bartók (1881-1945) schuf die Tanz-Suite für ein Festkonzert anlässlich des 50 Jahrestags der Vereinigung der beiden Städte Buda und Pest 1923. Die Suite besteht aus sechs Teilen, fünf Tänze und Finale und dauert etwa 16 Minuten. Bartóks Leitgedanke war eine Verbrüderung der Völker zu evozieren, er verarbeitet selbst erfundene Themen mit ungarischem, rumänischem, slowakischem und arabischem Einschlag. Ritornelle verbinden die attaca gespielten Sätze. Im Finale werden die Themen bunt durcheinandergewirgbelt.

Richard Strauss (1864-1949) hatte mit seiner Oper DER ROSENKAVALIER 1911 einen durchschlagenden Erfolg, der bis heute an ununterbrochen anhält. Nach der brachialen, aufwühlenden Tonsprache der ELEKTRA kehrte Strauss im ROSENKAVALIER zu etwas gemässigteren Tönen zurück. Aber nichtsdestotrotz ist auch der ROSENKAVALIER für ganz grosses, reich besetztes Orchester geschrieben und in seiner Tonsprache unverkennbar „Strauss“. Im zweiten und dritten Akt fügte Richard Strauss verschiedene Walzerthemen ein, anachronistisch da die Handlung zur Zeit Maria Theresias spielt und der Wiener Walzer noch gar nicht erfunden war. Aber gerade diese Walzereinschübe machen die Popularität und den Reiz des Werkes aus. Strauss wehrte sich lange gegen Adaptionen des Werks für den Konzertsaal. Er veröffentlichte unter seinem Namen nur zwei Walzer-Suiten aus dem Rosenkavalier, zwischen 1934 und 1944. Der emigrierte Dirigent Artur Rodzinsky erarbeitete eine Suite aus Themen der gesamten Oper und führte sie in New York 1944 auf. Strauss schien eingewilligt zu haben ... .

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