Berlin, Philharmonie: DER MESSIAS, 15.12.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der Messias

Oratorium in drei Teilen | Musik: Georg Friedrich Händel | Text: Charles Jennens, basierend auf der King-James Bibel und dem Book of common prayers | Uraufführung: 13. April 1742 in Dublin | Aufführungen in Berlin: 15. 12. und 16.12.2018

Kritik:

„Mit Worten lässt sich der Genuss nicht ausdrücken, den das Stück für das versammelte Publikum bedeutete. Erhabenheit, Größe und Zärtlichkeit gebunden an die würdigsten, majestätischsten und bewegendsten Worte taten sich zusammen und bezauberten Herz und Ohr gleichermaßen.“ So nachzulesen in einer Uraufführungskritik des Dublin Journal von 1742 in dem von Habakuk Traber wie stets überaus informativ zusammengestellten Programmheft. Auch 276 Jahre später trifft diese Aussage über Händels Meisterwerk noch immer uneingeschränkt zu, vor allem wenn das Oratorium in einer musikalisch dermaßen packenden und beglückenden Wiedergabe erklingt, wie dies gestern Nachmittag in der Philharmonie Berlin der Fall war. Der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Robin Ticciati, leitete diese zutiefst bewegende Aufführung mit einer Präsenz, einem Mitgehen und Mitatmen sondergleichen, einem formenden Gestaltungswillen, der analytisch in die Tiefe des Werks eindrang, aber nie akademisch wirkte, sondern höchst emotionale Schichten zutage förderte und von Empathie zeugte. Das DSO nahm diese inspirierende Leitung mit bestechender Wachsamkeit auf, glänzte in relativ kleiner Besetzung mit einem herausragenden Gesamtklang, spannungsreich musizierten Tutti und Soli  an allen Pulten (ganz hervorragend Ashok Gupta am Cembalo) und einem Fluss, dem man sich als Zuhörer noch so gerne anvertraute. Da man in der Philharmonie den Raum für eine szenische Einrichtung nutzte, kam für einmal das Publikum in den Blöcken A – F in den Genuss, den Dirigenten von vorne zu sehen, da die Mitte des Orchesterpodiums dem szenischen Geschehen um ein rundes Podest diente, das Orchester mit dem Rücken zum Großteil des Saales saß und Chor und Solisten links und rechts dieser „Bühne auf der Bühne“ Platz nahmen. Natürlich braucht MESSIAH nicht zwingend eine szenische Einrichtung, doch Frederic Wake-Walker ging die Aufgabe behutsam an. In den Interaktionen der Gesangssolisten ergaben sich manch berührende Momente mit Blicken, Gesten und Schritten. Allegorisches hatte darin genauso seinen Platz, wie zutiefst Menschliches. Und im dritten Teil, der von der Zuversicht des Glaubens handelt, kam dann auch noch etwas Humor dazu (der zerzauste, bärige Tenor, oder die linkische Sopranistin) und ein Quäntchen Gesellschafts- und Religionskritik, wenn der aus Burkina Faso stammende Tänzer Ahmed Soura wie ein Flüchtling mit Rucksack den Saal betritt und dem von der weißen Supremacy Gemeinschaft energisch der Zutritt zur Bühne verwehrt wird. Sie erkennen den wahren Messias nicht, preisen zwar den Allmächtigen, doch ausgerechnet ihm, dem im vorangehenden zweiten Teil als King of Kings im königsblauen Umhang gehuldigt wurde, dessen Auferstehung man bejubelt hatte, wird nun die Tür gewiesen – die Menschen sind im Fanatismus blind geworden. (Auch wenn die Choreographie für die Auferstehung zu einigen wohl nicht ganz beabsichtigten Lachern im Publikum geführt hatte, als er zur Sopranarie How beautiful are the feet oft them einen Fuß nach dem andern aus dem Seidenpapierberg hob, sich erst in den Kopf- dann in den Handstand aufrichtete. Bereits im ersten Teil, als er zur Sopranarie Rejoice wie ein von ADHS geplagtes Riesenbaby auf dem Podest herumwirbelte, fragte man sich, ob das nicht des Guten ein bisschen zu viel, zu plakativ dargestellt sei.) Sehr bewegend gemacht danach allerdings die Mater dolorosa Posen und die Niederlegung ins Grab mit der trauernden Mezzosopranistin auf dem Podest. Für die ersten beiden Teile wurden vom Lichtdesigner Ben Zamora auf der Bühne 21 Neonröhren installiert, die ein eiskaltes, weißes Licht verströmten. Da keine Lichtwechsel stattfanden, wirkte sich das für das Auge ein wenig schmerzhaft aus, Schmerzen, wie sie das leidende Volk Israel, das in der Düsternis schmachtet und den Prophezeiungen des erlösenden Lichts vertraut, erdulden musste. Chor, Solisten und Orchester betraten in gebeugter Haltung und ganz in Schwarz gekleidet gemessenen Schritts das Podium in den Teilen eins und zwei. Doch für den dritten Teil, der in die auf den Glauben vertrauende Zukunft blickt, traten sie in bunter Alltagskleidung auf und nun waren (zum Glück) auch die Leuchtröhren ausgeschaltet.

Mit einer Klangkultur und einer Intonationsgenauigkeit sondergleichen wartete der fantastisch agil singende RIAS Kammerchor (Leitung: Justin Doyle) auf. Das war Freude pur – nicht nur beim überragend interpretierten Hallelujah. Bestechend die Genauigkeit in den Fugen und die Balance der Stimmen. Bestechend auch das exzeptionelle Quintett der Solist*innen. Louise Alder, Sopran, begeisterte mit einer Leuchtkraft sondergleichen, berührte in ihren Arien mit jubelnden und in ihrem Glauben fest verankerten (I know that my redeemer liveth) Tönen, mit einer wunderbaren Leichtigkeit und glockenreiner Sauberkeit und wunderbar tragfähigen, bezaubernden Piani. Magdalena Kožená, Alt I, berührte mit ihrer warmen, sanften und doch herrlich präsenten Tongebung, samtener Phrasierung und großem Atem. Beeindruckend ihre unforcierte, nie brustig klingende Tiefe in He was despised, eine trauerumflorte Interpretation mit Tiefgang. Aufhorchen ließ der Countertenor Tim Mead, Alt II, welcher seine Rezitative und Arien zu musikalischen Preziosen der Stimmakrobatik machte. Welch eine tragende Stimme, exzellente Höhe und saubere Klanggebung. Allan Clayton, Tenor, glänzte mit weichem Ansatz, fulminanten Verzierungen und seiner bereits erwähnten überaus sympathischen, kumpelhaft bärigen Ausstrahlung im dritten Teil. Florian Bösch, Bass, setzte mit raumgreifender Agilität in der Stimme wohldosierte, hochdramatische Akzente in der Aufführung.

Heute Abend nochmals zu erleben – unbedingtempfehlenswert!

Werk:

Georg Friedrich Händel (1685-1759) war 1741 in einer Krise, da seine italienischen Opern in London plötzlich nicht mehr so gefragt waren. Sein Freund Charles Jennens übergab ihm da den Textentwurf zum Messias und entfachte so das kompositorische Feuer Händels erneut. Die Uraufführung des innerhalb von nur 24 Tagen komponierten Werks allerdings verlegte Händel nach Dublin, da seine Musik dort nach wie vor grossen Anklang fand. So auch diese Uraufführung seines neuesten Werks. Publikum und Kritiker waren gleichermassen begeistert („das vollendeteste Werk des Meisters ... Worte fehlen, um den erlesenen Genuss zu beschreiben ...“). DER MESSIAS trat von der irischen Insel aus seinen Siegeszug um die damalige Musikwelt erst mit einer gewissen Verzögerung an. 1743 folgte die erste Aufführungen in London, mit verhaltenem Erfolg. 1772 folgte Hamburg, wo sich u.a. Carl Philipp Emmanuel Bach für das Werk einsetzte. Johann Adam Hiller bearbeitete das Oratorium für Berlin Berlin, Goethe hörte es schon bald danach in Weimar. Es folgte nun die Zeit der Bearbeitungen, die bekannteste stammte von keinem Geringeren als Wolfgang Amadeus Mozart. In England (und auch in Berlin) setzten sich Aufführungen in Massenbesetzung durch: In der Westminster Abbey z.B. spielten 250 Instrumentalisten und ein Chor von 300 Stimmen wurde aufgeboten. Es ist überliefert, dass sich König George II. beim ersten Anhören des Halleluja-Chores von seinem Sitz erhob, weil er so begeistert und ergriffen war. Seither ist es in England Tradition, dass sich das Publikum das Halleluja stehend anhört.

Das Oratorium umfasst die drei Teile Verkündung und Geburt Jesu, Leiden und Auferstehung, Ewige Herrlichkeit. Der Text greift dabei aber vorwiegend auf alttestamentarische Texte und Prophezeiungen zurück. Das Oratorium ist nicht nur Händels wohl bekanntestes Werk, es stellt auch das eines der populärsten geistlichen Werke der gesamten Literatur dar, wird sowohl in der Adventszeit als auch in der Passionszeit häufig weltweit aufgeführt.

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