Berlin, Philharmonie: CHAUSSON, DEBUSSY, FAURÉ, 08.01.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Requiem (Fauré)

Ernest Chausson: POÈME DE L'AMOUR ET DE LA MER, op 19 | Uraufführung: 21. Februar 1893 in Brüssel | Claude Debussy: DANSE SACRÉE ET DANSE PROFANE für Harfe und Streichorchester | Uraufführung: 6. November 1904 in Paris | Gabriel Fauré: REQUIEM op 48 | Uraufführung: 16. Januar 1888 in Paris (erste Fassung), 12. Juli 1900 (zweite Fassung) | Dieses Konzert in der Philharmonie Berlin: 8.1. | 9.1. | 10.1.2016

Kritik: 

Zu Beginn des Konzerts bat der Dirigent Christian Thielemann um eine Gedenkminute für den kürzlich im Alter von 90 Jahren verstorbenen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez; und das nachfolgende Programm des Konzerts – obwohl bestimmt schon Monate, wenn nicht Jahre im Voraus konzipiert - hätte nicht würdiger dieses Giganten des Musiklebens des 20. Jahrhunderts gedenken können.

Trotz aller politischer Fehden zwischen den „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland im späten 19. Jahrhundert war der Einfluss der deutschen Musik und insbesondere Wagners auf die jungen Komponisten Frankreichs gross. Am deutlichsten hör- und erlebbar war dieser Einfluss in Ernest Chaussons POÈME DE L’AMOUR ET DE LA MER, dieser etwas parfümierten Vertonung von eher zweitklassigen, noch schwerer parfümierten, Texten von Maurice Bouchor, in welchen in blumigen Versen von Liebe, Hoffnung und Abschied gesungen wird. In der Vertonung Chaussons sind Anklänge an TRISTAN und PARSIFAL unüberhörbar. Doch ist der Klang von exquisiter Zartheit, kommt ohne Wagners manchmal überdeutliche „Holzhammer-Methode“ aus, eine sublime und exquisite Harmonik verleiht dieser dreissigminütigen Komposition eine ganz besondere, überaus einnehmende Atmosphäre der Wehmut. Der Mezzosopranistin Sophie Koch gelang es ausgezeichnet, diese rührende Sehnsucht mit ihrem aparten Timbre einzufangen, bruchlose, wunderbare emphatische Aufschwünge zu leuchtenden Höhen mit dezenter Zurücknahme ins Piano zu verschmelzen, dabei schlicht und geradlinig die Empfindsamkeit betonend. Von eben dieser Empfindsamkeit war auch die sorgfältig dynamisch austarierte Begleitung durch die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Christian Thielemann geprägt, dem Orchester und seinen solistischen Aufgaben im orchestralen Interlude wunderbar Raum gebend, ein sehnsüchtiges Sehren evozierend durch das traumverlorenen Motiv, welches im Fagott aufscheint, vom Solo-Cello so herrlich aufgenommen wird. Die emotionalen (Meeres-) Wogen wirkten nie zu gewaltig, das Parfüm nie zu aufdringlich. Noch mehr elegante Zurückhaltung war im zweiten Werk des Abends zu erleben, Debussys TÄNZE FÜR HARFE UND STREICHORCHESTER. Marie-Pierre Langlamet spielte sie natürlich auf einer Doppelpedalharfe und deren zauberhafter Klang verbreitete sich wie glitzernd perlende, virtuos glissierende Wassertropfen im Saal. Debussys Musik kommt oft wie ein nebelverhangener Novembertag daher, etwas verträumt, zart schwebend. Die Streicher der Berliner Philharmoniker spielten diese Musik mit bestechender Eleganz. Der Nebel des ersten Teils (Danse sacrée) lichtet sich nur leicht für den von der Begeisterung für das iberische Kolorit der Zeit geprägten zweiten, helleren und rhythmischeren Teil, die Danse profane.

Nach der Pause folgte das Hauptwerk des Abends, Faurés sanft tröstliches REQUIEM. Welch entrückte Schönheit des Chorgesangs war da zu erleben! Besser als der Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Gijs Leenaars) kann man das kaum mehr singen! Dem Chor und dem Orchesters sind in diesem geistlichen Werk die wichtigen Aufgaben vorbehalten, nämlich elysische Stimmungen von himmlischer Schlichtheit zu evozieren. Dem Rundfunkchor Berlin, dem Organisten Christian Schmitt und den Berliner Philharmonikern unter dem feinfühligen Dirigat Thielemanns gelang es mit berührender Intensität, dem ätherischen Zauber des Werks gerecht zu werden. Stets blieb der Klang schlank, aber nie dünn! Besonders im Ohr hängen blieben das Sanctus mit den traumhaft schönen Begleitfiguren der Violinen, das Offertoire mit dem wunderbar intonierten Amen des Chors, das Agnus Dei mit den sauber einsetzenden Sopranen (Cum sanctis tuis) und natürlich der fantastisch lichte Gang ins Paradies am Ende. Die beiden Solisten, die Sopranistin Christiane Karg und der Bariton Adrian Eröd, bereicherten dieses Requiem mit ihren wunderschönen Stimmen: Adrian Eröd mit seinem stets schlank geführten, von fantastischer Klangqualität auch im Pianobereich geprägten Bariton, mit der geforderten „unopernhaften“ Gestaltung die Phrasen sauber verklingen lassend. Christiane Karg verlieh dem Pie Jesu mit ihrem reinen, zart timbrierten und hellen Sopran (und dem schönen Legato!) den berührend lichten Zauber – so licht, dass gleich im Saal auch noch das Licht anging. Von den Verantwortlichen sicher gut gemeint, doch die reine Schönheit der Musik hätte eigentlich vollkommen gereicht, auf „Beleuchtungs-Kitsch“ hätte man getrost verzichten können ... .

Fazit: Überaus bereicherndes, intensives , zart parfümiertes Klangerlebnis mit französischer Musik des fin de siècle (vom 19. zum 20. Jahrhundert).

Werke:

Ernest Chausson (1855-1899) war ein Kompositionsschüler von César Franck und von Jules Massenet. Er starb viel zu früh im Alter von nur 44 Jahren bei einem Fahrradunfall. Trotz seines kurzen Lebens gehört der von Wagners Werken nachhaltig beeinflusste Komponist zu den bekanntesten Wegbereitern des französischen Impressionismus. Seine dezent parfümierte Harmonik weist etwas Schwebendes, Schwermütiges, auch Erotisches auf. Neben seiner Oper LE ROI ARTHUS gehört das dreisätzige POÈME DE L'AMOUR ET DE LA MER zu seinen bekanntesten Kompositionen. Dabei hat er zwei Gedichte von Maurice Bouchor vertont (La fleur des eaux und La mort de l'amour) und sie mit einem orchestralen Zwischenspiel verbunden.

Claude Debussys (1862-1918) „sakraler“ und „weltlicher“ Tanz für Harfe und Streichorchester war eine Auftragskomposition des Hauses Pleyel, einer renommierten Pariser Klavier- und Harfenbaufirma, welche damit ihre harpe chromatique propagieren wollte. Doch die Konkurrenz schlief nicht, die Firma Érard engagierte flugs Maurice Ravel, welcher die Introduktion und Allegro für Doppelpedal-Harfe, Streichquartett, Flöte und Klarinette komponierte. Witzigerweise setzte sich die harpe chromatique mit ihrem fragilen, dünnen Klang nicht durch und Debussys wunderschöne Komposition wird heutzutage auf der Doppelpedalharfe gespielt.

Gabriel Fauré (1845-1924), ein Schüler von Camille Saint-Saëns, war ein äusserst begabter Klavierspieler, Organist und gern gesehener Unterhalter in den Pariser Salons, wo er mit bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten Bekanntschaft machte. Sein musikalisches Schaffen war zwar inspiriert von der deutschen und französischen Romantik, von Berlioz bis Wagner, doch wandte er sich lieber der Kammermusik zu als den grossen Orchesterbesetzungen. Deshalb ist er auch weitaus seltener im Konzertsaal anzutreffen als beispielsweise sein 30 Jahre jüngerer Schüler Maurice Ravel. Auch das (neben der Oper PÉNÉLOPE) populärste Werk Faurés, sein REQUIEM für Sopran, Bariton, Chor und Orchester war in der ersten Fassung nur sehr dünn besetzt, nämlich mit Männer- und Knabenchor, Streichern, Harfe und Orgel. Für die zweite Fassung setzte Fauré dann zusätzlich Bläser und einen gemischten Chor ein. In Faurés REQUIEM fehlt (etwa im Gegensatz zu den Totenmessen Verdis und Berlioz') das Dies irae. Dafür fügte er am Ende das In paradisum ein. Mit seinem Requiem hat Fauré ein sanftes, von dunklen Farben geprägtes, tröstliches Werk geschaffen. Brutale, naturalistische Klänge waren Fauré fremd, ja er hasste sie geradezu. Auch wenn Fauré in seinem ganzen Leben nur das Pie Jesu komponiert hätte, wäre er mit dieser von schlichter Schönheit geprägten Melodie unsterblich geworden. Es ist ziemlich offensichtlich, dass sich Andrew Lloyd-Webber für das Pie Jesu in seinem Requiem von Fauré inspirieren liess.

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