Berlin, Neukoellner Oper: DIE AKTE CARMEN, 25.08.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Carmen

Oper vier Akten | Musik: Georges Bizet | Libretto : Henri Meilhac und Ludovic Halévy | Uraufführung: 3. März 1875, Salle Favart, Paris | Erstaufführung dieser Fassung: 22. Januar 2015 in Berlin | Aufführungen in Berlin: 26.8.| 29.8.| 30.8. | 2.9.| 3.9. | 5.9. | 6.9. | 9.9.| 10.9. | 11.9. | 12.9. | 18.9. | 19.9. | 20.9. | 24.9. | 25.9. | 26.9.2015

Kritik:

Bizets CARMEN ist neben Mozarts ZAUBERFLÖTE und Verdis LA TRAVIATA wohl die populärste Oper, ihre Hits sind selbst Leuten, die mit Oper nicht allzu viel am Hut haben,vertraut. CARMEN, das ist Standardrepertoire, von New York über Paris, Mailand, Wien, München, Zürich bis an alle drei "großen" Opernhäuser der deutschen Hauptstadt. Und nun gesellt sich also auch noch Berlins "viertes Opernhaus", die Neuköllner Oper, mit einer eigenen Produktion der CARMEN dazu. Zwingend notwendig? JA, JA, JA! 

Viele Aufführungen von Bizets Meisterwerk habe ich erleben dürfen, traditionell folkloristisch-kulinarische (die dem eigentlichen Charakter des Werks kaum gerecht wurden), langweilig aktualisierte, aber auch spannende. Doch noch nie war ich persönlich von einer Aufführung dermaßen berührt und bewegt wie am Ende des gestrigen Abends in Neukölln. Das mag zum Teil an der entschlackten, gradlinigen Inszenierung von David Mouchtar-Samorai gelegen haben (er hat auch zusammen mit Bernhard Glocksin diese Fassung erstellt), doch in erster Linie muss man den SängerdarstellerInnen danken, welche durch ihre Interpretationen für ein tief gehendes und lange nachwirkendes emotionales Ereignis der ganz besonderen Art sorgten. Mouchtar-Samorai und Glocksin erzählen die Geschichte von Menschen an einer Grenze und in Grenzsituationen (Heinz Hauser hat dafür eine schlichte Bühne geschaffen, eine Art Matrix aus im UV-Licht leuchtenden Gummiseilen, welche den Grenzzaun darstellen - Ungarn und Donald Trumps Ideen lassen grüßen -, einige Pappkartons). An dieser Grenze treffen Randexistenzen der Gesellschaft aufeinander, die emotional kaputten paramilitärische Figuren Don José und Zuniga (Angehörige eines zwielichtigen SEK), der ebenso zwielichtige Schlepper und Schieber Escamillo, der Gutmensch Micaëla und die Menschen mit "ungeklärten Aufenthalts- und Grundrechten", die Illegalen, wie Carmen, Frasquita, Mercedes, Sinti oder Roma, welche versuchen, ein kleines Stückchen vom Glück zu erhaschen. Dem jungen Ensemble gelingt ein packendes, regelrecht unter die Haut gehendes und aufwühlendes Musiktheaterereignis. Ja es ist ein Ereignis, da nicht nur von allen, auch den stummen Rollen (der einbeinige, derwischartig sich bewegende rumänische Bettler verdient besondere Erwähnung) hervorragend gespielt wird, sondern eben auch, weil die musikalischen Interpretationen keine Wünsche offen lassen. An erster Stelle möchte ich den Don José von Johannes Grau würdigen: Welch markant viriles Timbre, mit schon beinahe heldentenoralem Aplomb, dazu doch immer biegsam und wunderschön phrasierend. Schlaksig steht er da, der ehemalige Drogenjunkie Don José, der sich in seinen schwarzen Kampfstiefeln sichtlich unwohl fühlt. Grandios auch die leuchtende Kraft des Soprans von Mirjam Miesterfeldt als Micaëla, die Interpretationen der massiv aufgewerteten Figuren der Frasquita und der Mercedes durch Elpiniki Zervou und Anna Warnecke. Felix Buder überzeugt in der Doppelrolle des Escamillo und des Remendado, Lars Feistkorn ist wunderbar fies als Zuniga, Robert Elibay-Hartog ein in Stimme und Darstellung Testosteron geladener Dancairo. Und dann ist da natürlich noch die Person, um die sich alles dreht, die Carmen von Amélie Saadia: Raubkatzenartig, subtil differenzierend zwischen Leidenschaft und Berechnung, auch einem leichten Hauch von Selbstzweifeln, eine angenehm weich timbrierte Stimme, nicht guttural chargierend, eine junge Frau, lebensdurstig und lebensverachtend zugleich. Großartig! 

Hoch spannend auch die musikalische Einrichtung durch Bijan Azadian für sieben Musikerinnen und Musiker, welche mit großem Können verschiedene Instrumente bedienen, geleitet vom Flügel aus von Hans-Peter Kirchberg. Wunderschön das eingefügte sephardische Wiegenlied für Carmen, welches einen Ruhe- und Reflexionspunkt darstellt, passend die wenigen Anklänge an folkloristische Weisen der Sinti und Roma, ansonsten bleiben Bizets unsterbliche Melodien unangetastet. CARMEN, als Opéra comique konzipiert, braucht das überladene Brimborium der Grand opéra nicht, sie wirkt weit besser und tiefer, wenn man sie so wie in Neukölln auch sprachlich an die Menschen heranholt. Eine Oper im Berlin des Jahres 2015, ein Musiktheater für und über die Menschen in dieser Stadt.

Inhalt und Werk:

L’amour est un oiseau rebelle
Carmen ist der Traum aller Männerphantasien, voll impulsiver Sinnlichkeit und erotischer Anziehungskraft. Tagsüber arbeitet die Zigeunerin in einer Tabakfabrik, nachts verdreht sie den Männern in Lillas Pastias Kneipe am Rande der Stadt den Kopf. Geschickt wickelt sie die Männer um den Finger und lässt sie daraufhin eiskalt wieder abblitzen. Doch ihr alle Konventionen sprengender Freiheitsdrang wird ihr eines Tages zum Verhängnis. Als Carmen wegen einer Messerstecherei in der Tabakfabrik von Don José ins Gefängnis abgeführt werden soll, überredet sie diesen, sie laufen zu lassen, und verspricht ihm, für ihn allein in Lillas Pastias Kneipe zu tanzen. Von Carmen komplett in den Bann gezogen, wirft Don José alle seine moralischen Grundsätze über Bord, lässt das Andenken an seine Mutter und seine alte Jugendliebe Micaela hinter sich und stürzt sich in das Abenteuer mit Carmen. Auch Carmen scheint für einen kurzen Moment ihre wahre Liebe gefunden zu haben und will ihre Karriere als Schmugglerin an den Nagel hängen. Doch das Schicksal der beiden scheint bereits von Anfang an vorprogrammiert. Zu unvereinbar sind die beiden Lebensentwürfe. Don José, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Leidenschaft, kann sich nicht zu einem Leben mit Carmen in Freiheit entschliessen. Statt dessen steigert ein feuriger Torero namens Escamillo seine Eifersucht ins Unermessliche, so dass der pflichtbewusste Sergeant schliesslich zum Mörder wird.

CARMEN ist Georges Bizets letzte Oper und zugleich sein grösster Publikumserfolg. Die Titelheldin steht als verführerische Femme fatale in der Tradition von Verdis Violetta und weist voraus auf Schönbergs Lulu. Schauplatz und Musik der Oper lassen das typisch spanische Kolorit erkennen. Doch Carmen ist mehr als eine folkloristische Ausstattungsoper. Es ist ein Stück über komplett unterschiedliche Lebensentwürfe und die fatale Verbindung von Liebe und Freiheit, Pflicht und Leidenschaft.

Musikalische Höhepunkte:

Duett Micaëla – José: Parle-moi de ma mère, Akt I

Habanera der Carmen: L’amour est un oiseau rebelle, Akt I

Segeduille der Carmen: Près des remparts de Seville, Akt I

Couplets des Escamillo: Votre toast, je peux vous le rendre, Akt II

Blumenarie des Don José: La fleur que tu m’avais jetée, Akt II

Schmugglerquintett, Akt II

Kartenterzett Carmen, Frasquita, Mercedes, Akt III

Arie der Micaëla: Je dis que rien ne m’épouvante, Akt III

Schlussszene Carmen-José, Akt IV

Karten