Berlin, Konzerthaus: VIOLINKONZERTE, Hommage an Menhuin, 30.04.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die drei grossen B (Violinkonzerte)

Bach: Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo E-Dur, BWV 1042 | Entstehungszeit: wahrscheinlich zwischen 1717 und 1723 | Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 | Uraufführung: 23. Dezember 1806 in Wien | Brahms: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op.77 | Uraufführung: 1. Januar 1879 in Leipzig | Dieses Konzert in Berlin: 29.4. | 30.4. | 1.5.2016

Kritik: 

Am 12. April 1929 spielte der damals zwölfjährige Geiger Yehudi Menuhin in Berlin an einem Abend die Violinkonzerte der drei großen B: Bach, Beethoven, Brahms. Als Zugabe spielte das „Wunderkind“ dann noch den zweiten und den dritten Satz des Konzerts von Mendelssohn... . Das Konzert unter der Leitung von Bruno Walter ging unter der Bezeichnung „Mayflower“- Konzert in die Annalen der Musikgeschichte ein. („Mayflower“ deshalb, weil später fast so viele Menschen behaupteten dabei gewesen zu sein, wie Menschen in den USA behaupteten, dass ihre Vorfahren auf der „Mayflower“ in die Staaten eingereist waren.)

Mit Berlin verband den 1917 geborenen Weltbürger Menuhin nicht nur dieses aufsehenerregende Konzert vom April 1929. Sein erster bedeutender Lehrer war der ehemalige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Louis Persinger. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich der Jude Menuhin für den politisch schwer belasteten Dirigenten Wilhelm Furtwängler ein („Man soll nicht Hass mit Hass vergelten“). Und in dieser Stadt starb Menuhin am 12. März 1999 während einer Tourne mit der Sinfonia Varsovia.

Anlässlich des zehntägigen Programmschwerpunktes „100 Jahre Yehudi Menuhin: Musiker, Mythos, Mensch“ (mit sehenswerter, informativer Ausstellung im Hans Otto Saal) im Konzerthaus Berlin wurden am Freitag und Samstag (und noch einmal heute Sonntag) die drei Konzerte von Bach, Beethoven und Brahms ebenfalls innerhalb eines Konzertabends gespielt, allerdings nicht von einem, sondern von drei jungen Talenten und dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von James Judd.

Den Anfang mit Bachs Konzert BWV 1042 bestritt die diesjährige Preisträgerin der Menuhin Violin Competition Junior, die zwölfjährige Yesong Sophie Lee aus den USA. Mit weichem, warmem Ton und sauberem, rhythmisch präzisem Spiel intonierte sie den wunderschön in den Gesamtklang der Streicher eingebetteten Solopart. Ihr Auftritt war von Anmut und verblüffender Sicherheit geprägt, mit vielleicht etwas viel Vibrato für das barocke Stück. James Judd leitete mit ruhiger Hand die Streicher des Konzerthausorchesters Berlin. Besonders schön gelang der zweite Satz, das Adagio, mit seinen ruhig dahinfließenden Kantilenen der Celli, über welchen sich dann schwebend die Sologeige von Yesong Sophie Lee erhob. Dazu kontrastierte dann das tänzerische Rondo des dritten Satzes wirkungsvoll.

Für mich bildete das darauf folgende Konzert von Beethoven den Höhepunkt des Abends. Der 15jährige, in Stockholm geborene Geiger Daniel Lozakovitj spielte es mit einer erstaunlichen Reife, einem kristallin klaren Klang, feinnerviger Virtuosität und blitzsauberer Intonation, welche besonders in den hohen Lagen beeindruckte. Atemberaubend die Reinheit der Triller und Läufe im Piano- und Pianissimo-Bereich, stupend die Kadenz, bei der das Publikum im voll besetzten Saal dermaßen konzentriert zuhörte, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. So blieb denn ein kurzer Zwischenapplaus nach dem ersten Satz nicht aus. Mit Faszination hörte man dem jungen Mann zu, ja man vergaß dabei beinahe auch auf das wunderbar spielende Konzerthausorchester zu achten. Glücklicherweise hat Beethoven dem Orchester auch längere Passagen zugeschrieben, bei denen sich der Solist „erholen“ kann. Fantastisch rein und mit einem überirdisch schönen Klang, der nicht von dieser Welt zu stammen schien, gelang der zweite Satz, das Larghetto, welches der Dirigent beinahe bis zum Zerreißen spannte, von den Zuhörern höchste Konzentration einfordernd. Das Ergebnis – der Dialog der Solovioline mit den Hörnern, der Klarinette, dem Fagott - allerdings war von betörender Eindringlichkeit. Mit beinahe schwereloser Leichtigkeit dann ging es con attaca in den Schlusssatz. Hier paarte sich technisches Raffinement des jungen Geigers in der komplexen Verarbeitung des Hauptthemas mit tief empfundener Durchdringung der melancholischen Einschübe. Daniel Lozakovitj hat bereits als Neunjähriger mit dem Moskauer Virtuosi Kammerorchester debütiert, war Gast beim Martha Argerich Progetto in Lugano, den Sommets musicaux in Gstaad. Geplant sind Auftritte mit dem Orchestre de la Suisse Romande und dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta. Seine weitere Karriere wird man gerne und gespannt verfolgen!

Der 1996 geborene dänisch-amerikanische Geiger Stephen Waarts, welcher 2014 beim Menuhin Wettbewerb den ersten Preis gewinnen konnte, spielte nach der Pause Brahms’ schwieriges  und besonders im ersten Satz etwas sperrig wirkendes Konzert. Der überaus groß gewachsene junge Mann überzeugte mit bewundernswertem Willen zur Gestaltung über alle Ecken und Kanten der Komposition hinweg. Mit samtener Tongebung offenbarte auch er seine Virtuosität, ließ mit wunderschönem Auf- und Abschwellen des Tons aufhorchen. Ausgesprochen konzentriert gelang das Dialogisieren mit der Oboe im Adagio, mit der einst von Pablo de Sarasate kritisierten „Führung“ durch die Oboe. Stephen Waarts gelang es wunderbar, die Oboenmelodie dann zu „umspielen“, ihr einen adäquat schmachtenden Überbau zu geben. Sehr spielerisch - eben wirklich „giocoso“ – wurde der dritte Satz interpretiert, wobei der Solist und das Orchester unter der zupackenden Leitung von James Judd abwechselnd die Führung übernahmen. Selbst als mitten im dritten Satz bei der Violine des Solisten eine Saite riss, ließ er sich äußerlich nicht aus der Ruhe bringen und tauschte zur allgemeinen Verblüffung mit bewundernswerter Abgeklärtheit sein Instrument behände und kurzerhand mit der Violine des Konzertmeisters. Mit großem Applaus bedankte sich das Publikum beim ältesten der drei jungen Solisten und dieser wiederum spielte als einziger an diesem Abend eine Zugabe.

Werke:

JOHANN SEBASTIAN BACH (1685-1750) war zweifelsohne einer der grössten, bedeutendsten Komponisten weltweit - ein Gigant - und er hinterliess ein umfangreiches Oeuvre: Messen, Kantaten, Kammermusik, Konzerte. In seinen Instrumentalkonzerten gelang ihm auf beeindruckende Weise das Miteinander des Musizierens von Solisten und Orchester, was zu einer vollkommenen,eher nach innen gewandten Einheit des Ausdrucks führte und nicht zu einer extravertierten, theatralisch aufgebauschten, aber inhaltslosen Virtuositätsplattform für die Solisten. Das Violinkonzert in E-Dur scheint Bachs erstes zu sein, entstanden in seiner Köthener Zeit. Der erste Satz ist weiträumig gehalten, das motivische, sehr eingängige Material wird zwischen Solo und Tutti vielfach variiert und stellt eine permanente Entwicklung dar. Das darauf folgende Adagio ist geprägt vom Ostinato-Bass, über dem sich deine grüblerische Kantilene entfaltet. Im rondoartigen Finalsatz werden der Solovioline sich ständig steigernde Arpeggiofiguren abverlangt.


LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770-1827) schrieb nur ein einziges Konzert für Solovioline, das in D-Dur. Das Werk hatte es zu Beginn nicht ganz einfach sich durchzusetzen. Erst eine Aufführung durch Felix Mendelssohn (mit dem damals erst 13jährigen Virtuosen Joseph Joachim, welcher auch die Kadenzen zum ersten Satz komponierte) verhalf dem Werk zum Durchbruch, 17 Jahre nach Beethovens Tod. Das Violinkonzert Beethovens ist sinfonisch gehalten, eine Form, welche auch von Schumann, Brahms, Dvorak und Pfitzner bevorzugt wurde. Bemerkenswert ist Beethovens überlanger erster Satz, welcher die Hälfte des zeitlichen Ablaufs des Konzertes für sich beansprucht. Er beginnt mit leisen Paukenschlägen, bevor die liedhaften Hauptthemen des Satzes von den Bläsern intoniert werden. In anmutigem Wechselspiel evozieren die Varianten der Themen Bilder und Gedanken. Der zweite Satz, Larghetto, ist von einer berührenden Schlichtheit und Schönheit, er erinnert auch an Beethovens berühmte Violinromanzen. Mit vor Frohmut sprudelnder Verve wird bruchlos der dritte Satz eingeleitet, das Rondo. Dieser erscheint wie eine Reverenz an das 18. Jahrhundert, mit Haydn und Mozart, welche ebenfalls in vielen Werken, das Jagdstückartige in Finalsätzen effektvoll eingesetzt hatten.


Auch JOHANNES BRAHMS (1833-1897) komponierte nur ein einziges Konzert für Solovioline und Orchester. Auffallend ist auch die gleiche Tonart wie bei Beethoven, die traditionelle Dreisätzigkeit (schnell – langsam – schnell), die klassische Formgebung mit dem langen ersten Satz und den beiden kürzeren Folgesätzen, die zusammen in etwa die Länge des Kopfsatzes erreichen, ähnlich wie bei Beethoven und bei Bach. Und wie Beethoven geht es auch Brahms darum, den Solopart in ein sinfonisches Gesamtbild einzubetten. Häufig umspielt der Solist begleitend das Orchestergeschehen, aber immer wieder auferlegt Brahms dem Solisten auch die Führung. Für den mit anforderungsreichen Schwierigkeiten gespickten Solopart hatte sich Brahms immer wieder Rat beim Geiger Joseph Joachim geholt. Joachim brachte das Werk auch unter Brahms' Leitung zur Uraufführung. Das Konzert zeigt den sonst oft als sehr ernst und introvertiert bezeichneten Komponisten von einer eher heiteren Seite. Vor allem der Finalsatz mit seinen ungarischen Weisen und dem tänzerischen Charakter unterstreicht diese Heiterkeit. Der zweite Satz wird von einer bekannten Oboenmelodie eingeleitet, welche erst später von der Solovioline aufgenommen und variiert wird. Dies führte auch zu einer Kontroverse: So soll sich der Virtuose Pablo de Sarasate geweigert haben, das Konzert zu spielen, da die einzige nennenswerte Melodie nicht dem Solisten, sondern der Oboe vorbehalten sei ... .

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