Berlin, Konzerthaus: ORPHEUS UND EURYDIKE, 06.02.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Orpheus und Eurydike

Oper in drei Akten

Musik: Ernst Krenek

Text: vom Komponisten, nach Oskar Kokoschkas Bühnenstück

Uraufführung: 27. November 1926 in Kassel

Kritik:

Zum Glück gibt es immer wieder Künstler, welche sich auf musikalische Entdeckungsreisen begeben. Denn die Erweckung aus einem über 80 Jahre dauernden Schlaf hat diese Oper mehr als verdient. Sie begeistert mit einer direkten, das Ohr fordernden aber nicht überfordernden musikalischen Kraft, ohne intellektuell verbrämten Überbau. (Diesen steuern allein Kokoschkas sprachliche Verdrehtheiten bei …)

Man kann sich vorstellen, welcher Hektik die Verantwortlichen ausgesetzt waren, als in der Woche vor der ersten Aufführung gleich fünf SängerInnen ihre Partien zurückgeben mussten. Und dies bei einem Werk, welches seit 70 Jahren nicht mehr aufgeführt worden ist. Doch davon merkte man überhaupt nichts. Brigitte Pinter (Einspringerin für Janice Baird)  sang die Eurydike mit grosser, angenehm dunkel timbrierter hochdramatischer Stimme und vorzüglicher Diktion. Trotz üppigen Orchesterklangs blieb sie stets gut hörbar, ohne forcieren zu müssen. Eine imponierende Leistung. Ebenso eindringlich gestaltete Daniel Kirch (Einspringer für Dominik Wortig) den Orpheus mit seinem hellen, sehr sauber und ansprechend klingenden Tenor. Die dritte grosse Partie der Oper ist jene der Psyche: Claudia Barainsky (Einspringerin für Lisa Milne) sang sie mit leuchtendem, von zauberhaft zartem Vibrato  umflorten Sopran. Auch Christoph Schröter (Matrose) und Tye Maurice Thomas (Betrunkener) übernahmen ihre Rollen kurzfristig - und überzeugten mit ihren kurzen Auftritten. Einzig die “bösen” Furien hatten es anscheinend in ihrer Macht, Grippe- und andere Viren von sich fernzuhalten. Jedenfalls klangen die drei Mezzosopranistinnen Kimara Pessatti, Christa Mayer und Barbara Senator frisch und voll und konnten so ihre gefährlichen Netze auswerfen.

Regisseur Karsten Wiegand hat ein imponierendes dreigeschossiges Metallgerüst ins Konzerthaus gestellt, welches Orchester und SängerInnen als “Spielfläche” diente. Man kann den gigantischen logistischen Aufwand nur erahnen, welcher nötig war, damit alle MusikerInnen den Dirigenten sehen konnten. Drei ins Stahlgerüst eingelassene Leinwände boten Platz für assoziative Videoclips, welche von verlangsamten Filmszenen mit Kim Novak und James Stewart bis zum qualvollen Abschuss einer Giraffe reichten. Dazu wurde live im Saal Kokoschkas Verhältnis zu seiner Alma-Puppe gefilmt und auf die Leinwände übertragen. Trotz dieser überzeugenden halbszenischen Lösungen wünsche ich mir, dass es bald mal ein Opernhaus wagen wird, ORPHEUS UND EURYDIKE von Krenek szenisch aufzuführen.

Der Dirigent müsste dann allerdings auch Lothar Zagrosek heissen, denn wie er diese packende Musik zusammen mit dem großartig aufspielenden Konzerthausorchester zum Leben erweckte, war schlicht überwältigend. Mit pochenden, präzisen Rhythmen und gleissenden Klängen des Blechs schufen er und das Orchester eine mitreissende Sogwirkung. Unterstützt wurde der fiebrige Charakter des Werks durch die mal unheilvollen, mal bacchantischen Einwürfe des hervorragenden Ernst Senff Chors. 

Inhalt:

In Orpheus und Eurydikes nach aussen beschworener Liebe steckt der Wurm des Misstrauens. Psyche warnt vor der Gefahr die droht, wenn einer zuviel wissen will. Psyche soll Eurydike als Gespielin und Schutzgeist dienen. Drei Furien gelingt es trotzdem, sich Zutritt in Eurydikes Gemach zu verschaffen. Das Licht ihrer Fackeln blendet Psyches Geliebten Amor, er erblindet. Die Furien wollen Eurydike in die Unterwelt bringen. Eurydike handelt noch eine Nacht mit Orpheus aus. Diesen Teil des Gesprächs hat aber Orpheus belauscht, er wirft ihr vor, ihn gewollt zu verlassen. Eurydike sinkt von einer Schlange gebissen tot nieder, der Verlobungsring entgleitet ihr.

Fünf Jahre später begibt sich Orpheus in Begleitung von Psyche in die Unterwelt. Falls er Eurydike nicht mit Vergangenem ängstigt, kann sie zum Leben zurückkehren. Sie besteigen eine schwarze Barke. Die Matrosen holen das Netz, das die Furien ausgeworfen haben, ein. Darin finden sie einen Schädel - und den Verlobungsring der Eurydike. Die einstige Inschrift ist ausgekratzt und lautet nun “Glück ist anders”. Wieder zweifelt Orpheus an Eurydikes Treue. Sie gesteht ihm, den Hades begehrt und geliebt zu haben. Orpheus ersticht Eurydike, sie fährt zurück in die Unterwelt.

Zerlumpt und psychisch kaputt kehr Orpheus in seine Heimat zurück. Das Haus ist zerstört. Er findet seine Leier und beginnt zu spielen. Doch sein Spiel mündet in einen kollektiven Vernichtungsrausch. Psyche wäscht die Augen des erblindeten Amor mit den Tränen, welche sie in den vergangenen Jahren vergossen hat. Sie heilt ihn. 

Die Seelen von Orpheus und Eurydike begegnen sich ein letztes Mal. In einer grossen Abrechnung werden die Begierde, das Misstrauen, die Liebe und die Eifersucht, welche ihre Beziehung geprägt hatten, aufgerollt. Eurydike erkennt, dass die Liebe von Hass grundiert war. Sie tötet Orpheus, um endlich frei sein zu können.

Nach einer Liebesnacht mit Amor erwacht Psyche. Sie findet Orpheus Leier in ihrem Schoss und folgt damit ihrem Geliebten in den strahlenden Sonnenaufgang nach.

Werk:

Basierend auf dem bekannten Stoff aus der griechischen Mythologie schuf Kokoschka ein Drama, welches stark autobiographische Züge trägt. (Seine belastete Beziehung zur “lustigen Witwe” Alma Mahler)

Krenek erhielt zur Vertonung des “expressionistischen Bla blas” vom Autor freie Hand. Er schuf eine Musik von diatonischer Ausdruckskraft, ohne sich (wie zum Beispiel Alban Berg im WOZZECK) an konstruktive Kandare nehmen zu lassen. Dazu setzte er auf die geballte Kraft eines grossen Orchesters, lyrische Passagen wechseln mit fiebrigen, beinahe spätromantisch klingenden, wuchtigen Klangballungen, welche in ihrer fiebrigen Expressivität die psychischen Konstellationen der Personen genau treffen und das Ohr des Hörers direkt erreichen. Albtraumhafte Sequenzen stehen lichtdurchfluteter Leichtigkeit (Psyche) gegenüber. Versöhnlich steigt der Schluss mit seinem Dur-Klang aus den dissonanten Wirren empor.

Von den Nazis als “entartet” beizeichnet und deshalb verboten, schlummerte das Werk trotz erfolgreicher Uraufführung seither in einem Dornröschenschlaf.