Berlin, Konzerthaus: BERG | BRUCKNER, 17.12.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bruckner 6. Sinfonie

Alban Berg: Konzert für Violine und Orchester (Dem Andenken eines Engels) | Uraufführung: 19. April 1936 in Barcelona | Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 6 in A-Dur | Uraufführung der Originalfassung: 9. Oktober 1935 in Dresden, eine gekürzte und von Gustav Mahler bearbeitete Fassung wurde am 26. Februar 1899 unter der Leitung Mahlers in Graz aufgeführt | Dieses Konzert in Berlin: 16.12. | 17.12.2016 im Konzerthaus Berlin

Kritik:

Sicher bin ich mir ja nicht, ob bei der Würdigung der Wiedergabe eines Werks der „Wiener Schule“ Adjektive wie berührend, zart, innig, ätherisch etc. überhaupt gestattet sind. Aber ich werde sie trotzdem verwenden. Denn diese Interpretation des Violinkonzerts von Alban Berg „Dem Andenken eines Engels“ durch den Geiger Christian Tetzlaff und das Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung des Westschweizer Dirigenten Michel Tabachnik war ein zutiefst berührendes Erlebnis. Tetzlaffs ganz nach innen gewandter Ton, die berückende Zartheit seines Spiels, die evozierte Gesanglichkeit und die bis zum Rande der Fragilität ausgereizte Dynamik weckten beim Zuhören eine Konzentration und ein Beschäftigen mit einer komplexen Komposition, welche eben bei all ihrer mathematisch ausgeklügelten Fraktur doch direkt zum Herzen dringen kann. Und so verwundert es nicht, dass gerade Alban Bergs Werke den Einzug ins Standardrepertoire geschafft haben. Berg mischt immer wieder ungewohnte instrumentale Farben zur Solovioline, diese „Dialoge“ sind hoch spannend. Zum Beispiel die gestopfte Trompete mit der Violine, oder Violine und Bassklarinette. Immer wieder führte Tetzlaff den Klang zurück an die Grenze der Hörbarkeit – welch ein verinnerlichtes und eben berührendes Spiel, dabei blitzsauber intonierend bis in die höchsten Lagen, ein Klang von geradezu celestialer Reinheit. Bewegend auch die Körperlichkeit, mit welcher Christian Tetzlaff diese Musik auszudrücken vermochte, wie er im zweiten Teil Schritt für Schritt zurück ins Orchester ging, wenn die Violine erstmals zusammen mit den Streichern spielte, sich integrierte in den großen Apparat, den Alban Berg vorgesehen hat. Michel Tabachnik dirigierte mit ruhiger Hand, erzielte einen bezwingend fließenden Klang mit fantastischer Transparenz. Da war jeder Triangelschlag präzise hörbar, jedes feine Pizzicato, die Einwürfe der Flöte, der Oboe und ganz toll auch die Posaune. Mit zarten Bogenstrichen über die leeren Saiten hatte das Konzert begonnen, mit ebenso zartem, verinnerlichtem und zutiefst traurigem Klang (mit dem so kunstvoll in die Komposition verwobenen Bachchoral „Es ist genug“) endete es. Bei der Zugabe, welche Christian Tetzlaff dem Publikum schenkte, hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können. Eine solch konzentrierte Ruhe im Saal erlebt man selten. Die Musik von Johann Sebastian Bach passte natürlich wunderbar zum Konzert von Alban Berg – man hätte dem verinnerlichten, tief empfundenen Spiel des Geigers noch stundenlang zuhören können.

Nach der Pause erklang dann die sechste Sinfonie von Anton Bruckner, eher seltener in den Konzertprogrammen anzutreffen als etwa die Nummern 4, 5, 7, 8 oder 9. Trotzdem dirigierte Michel Tabachnik sie auswendig. Die sechste beginnt ja nicht wie andere Sinfonien Bruckners mit einer nebulösen Ursuppe, sondern steigt federnd ein. Ganz wunderbar klang das Hornquartett des Konzerthausorchesters Berlin an diesem Abend. Tabachnik zog vorwärtsdrängend durch das „keckste“ Werk, wie Bruckner seine Sechste selbst bezeichnet hatte. Klug disponierte Tabachnik die Steigerungen im ersten Satz, welche oft vorne an den Pulten der Streicher beginnen und sich dann in Klangwogen über das Holz ins Blech fortsetzen. Wunderbar das Adagio, welches mit sattem, dunkel gefärbtem Streicherklang begann. Prominent hob der Dirigent die klagend spielenden Oboen heraus, betonte aber immer wieder die eigentlich positive Stimmung dieses langsamen Satzes, den er vom Orchester berührend fein verklingen ließ. Mal tänzerisch, mal handfest zupackend dann wieder luftig verspielt war das Scherzo, das nichts Diabolisches oder Verzerrtes hatte, wie in anderen Sinfonien des Meisters. Dem Dirigenten schien diese Musik regelrecht durch die Glieder zu fließen, denn der 74jährige Tabachnik, der immer ruhig und mit unaufgeregter Schlagtechnik dirigierte, begann hier auf dem Podium zu tänzeln und brachte den Satz zu einem fulminanten Abschluss. Nichts Zelebrierendes hatte auch der nach vorne und zielstrebig dirigierte Finalsatz – gut so, denn die Musik Bruckners ist schon bombastisch genug, die braucht keine übertriebenen Generalpausen und zusätzliches Dehnen. Mit wuchtigen, wellenartigen Crescendi kam der Satz zu einem schnellen Abschluss und löste zu Recht einen begeisterten Applaus aus.

Werke:

Alban Bergs (1885-1935) Violinkonzert trägt den Titel Dem Andenken eines Engels und stellt ein Requiem für Manon (Gropius) dar, die Tochter der Witwe Gustav Mahlers und des Architekten Walter Gropius, welche im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung verstarb. Bergs Violinkonzert bilden zwei Sätze, deren erster quasi die Kindheit Manons in Kärnten erzählt (ein Ländler, ein Walzer klingen verfremdet auf), und deren zweiter dann das Sterben des jungen Mädchens nachzeichnet, mit der transponierten Ganztonreihe aus Bachs Choral Es ist genug. Bergs akademische Verschachtelung der Tonarten in einer Zwölftonreihe und seine Vorliebe für beinahe mystisch anmutende Zahlenspielereien lassen auf den ersten Blick vielleicht die Befürchtung aufkommen, das Konzert sei "schwierig" für das Publikum. Ist es aber nicht! Je öfter man dieses Konzert hört, desto bewegter ist man von der tief empfundenen Trauer, welche in Bergs letztem vollendeten Werk steckt.

Die sechste Sinfonie von Anton Bruckner gehört neben der fünften und der siebten zu den Sinfonien des Meisters, welche von ihm selbst nicht in mehreren Fassungen vorliegen. Trotzdem hat es lange, sehr lange gedauert, bis das gut einstündige Werk in der von Bruckner konzipierten, kompletten Fassung uraufgeführt wurde, nämlich erst 39 Jahre nach seinem Tod. Zwar hatte Gustav Mahler die Sinfonie 1899 schon einmal mit den Wiener Philharmonikern aufgeführt, allerdings in einer Fassung, die Mahler selbst erstellt hatte. Zu Bruckners Lebzeiten wurden nur einmal die beiden Mittelsätze im Rahmen eines Konzerts in Wien 1883 aufgeführt. Die sechste Sinfonie ist Teil der Sinfonien Bruckners, welche in Dur Tonarten stehen (Nr. 4 – Nr. 7). Sie stellt auch einen Übergang von der monumentalen fünften zu den abgeklärten und Bruckners Meisterschaft definitiv bestätigenden Sinfonien Nr. 7, 8 und 9 dar. Die Sechste erscheint durch die starke thematischen Verknüpfungen der Substanz in den vier Sätzen als ausgesprochen abgerundetes, auch für das an Bruckner ungewohnte Ohr leicht zugänglich. Der erste Satz (Majestoso) ist in der Sonatenhauptsatzform komponiert, mit wuchtigen Themengruppen. Das Adagio führt nach den erratischen Blöcken des Kopfsatzes in mystischere, beinahe liedhafte Dimensionen. Spukhaft und diabolisch geht es im Scherzo zu und her. Das Trio bringt Ruhe in das Getriebe und ein Selbstzitat aus der fünften Sinfonie taucht auf. Der Finalsatz bringt in typisch Brucknerscher Manier Rückbezüge auf den Kopfsatz, erklingt als grossartig konstruiertes (auch in Sonatenhauptsatzform), überwältigendes musikalisches Gebäude.

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