Berlin, Konzerthaus: BEETHOVEN, SCHOSTAKOWITSCH, 08.11.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Schostakowitsch 7. Sinfonie

Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll | Uraufführung: 5. April 1803 in Wien | Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 in C-Dur | Uraufführung: 5. März 1942 in Kuibyschew (heute Samara), Russland | Dieses Konzert in Berlin: 7.11. in der Philharmonie | 8.11.16 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Kritik: 

Als der Solist Radu Lupu mit seinem fantastisch gefühlvollen Anschlag das Largo von Beethovens 3. Klavierkonzert einleitete, verstummten selbst vielen „Lungenkranken“ im Publikum, die sich während des ersten Satzes noch störend und lautstark bemerkbar gemacht hatten. Anschließend übernahm das Orchester das Thema, auch hier war eine Zärtlichkeit der Tongebung zu erleben, eine Konzentration und ein Tiefgang im folgenden Dialog mit dem Solisten, welche unweigerlich auch beim Zuhörer zu einer gespannten Aufmerksamkeit führten. Überhaupt dieses Orchester: Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Paavo Järvi bescherte dem Publikum im praktisch voll besetzten großen Saal des Konzerthauses einen phänomenalen Abend. Mit dynamischer Finesse, weichem Fluss und subtilen Steigerungen gestalteten Järvi und die Staatskapelle die lange Orchesterintroduktion des ersten Satzes, spannungsgeladen im Dialogisieren mit dem Solisten Radu Lupu, welcher mit Agilität und Präzision die glitzernden Arabesken spielte, eine wunderbare Pianokultur offenbarte, in der Kadenz kunstfertig und virtuos den Wechsel der Melodieführung zwischen rechter und linker Hand vollzog. Herrlich gestaltete er die Überleitung zum Seitenthema und dessen Umspielen, mit kontrolliertem Einsatz des Pedals evozierte er eine prachtvolle klangliche Klarheit. Immer wieder ging der Blick des Solisten zu einzelnen Musikern des Orchesters, man hörte aufeinander, fand die Erfüllung im Miteinander, in einer Spielfreude, welche sich insbesondere dann auch im Rondo des dritten Satzes offenbarte. Spritzig, aber nicht zu schnell oder überhastet dirigierte Paavo Järvi diesen beschwingten Satz mit den fein eingefügten Wendungen zur Ernsthaftigkeit. Das Einvernehmen mit dem Solisten harmonierte perfekt. Radu Lupu begeisterte mit blitzsauberen Läufen, einer subtilen Anschlagskultur und geradezu tänzerischer Leichtigkeit. Gerade der Mittelteil mit dem klar herausgearbeiteten Fugatino war von beispielhafter Klarheit geprägt. Neben den wunderbar sauber intonierenden Hörnern gebührt dem Paukisten ein besonderes Lob! Die Umarmungen zwischen dem Solisten (zu einer Zugabe ließ sich der gut 70 jährige Meisterpianist nicht bewegen), dem Dirigenten und dem Konzertmeister beim Applaus zeugten von der offensichtlichen Harmonie zwischen Radu Lupu, Paavo Järvi und der Staatskapelle Berlin. Diese konnte dann in Großbesetzung nach der Pause mit Schostakowitschs 7. Sinfonie einen überwältigenden Erfolg feiern. Schostakowitschs sogenannte Leningrader ist ein Werk, welches an Eindringlichkeit kaum zu toppen ist, eine Sinfonie, welche in allgemeingültiger Art und Weise vom Leiden des Volkes in Kriegszeiten ein unter die haut gehendes Zeugnis ablegt. Zwar beginnt der erste Satz in einer heiteren, fast pastoralen Stimmung, quasi eine Ruhe vor dem Sturm (und ist damit nahe bei Beethoven, und so war die Programmgestaltung dieses Konzertabends überaus stimmig). Doch dann schleicht sich zuerst kaum hörbar das Ostinato der Trommel herein, und die nun folgenden elf Variationen entfalten einen unheimlichen Sog, eine Wirkung, die noch gigantischer und bezwingender ist als bei Ravels Boléro. Der Dirigent Paavo Järvi konnte sich dabei ganz auf das rhythmisch und dynamisch präzise Spiel der Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle verlassen, mit sparsamer, aber effizienter Zeichengebung führte er das Orchester in beispielloser Stringenz zur Kulmination, die Unerbittlichkeit des immer näher kommenden Unheils war praktisch körperlich erfahrbar. Hochklassig das gleißende Blech, die anschließenden ermatteten Seufzer der Streicher und erstaunlich, dass bei diesen Klangmassierungen alles noch durchhörbar blieb. Nach diesem schmerzerfüllten Höhepunkt folgte eine Rückkehr zum pastoralen Frieden, eingeleitet durch feinfühlig gespielte Soli von Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott. Noch einmal mischte sich das brachiale Marschthema ein, doch der Satz verklang ganz verhalten. Im nun folgenden zweiten Satz, dem Moderato, das die Funktion des Scherzos einnimmt, wirkte die Leichtigkeit wie unter einem Schleier, ein Hauch der Schwermut wehte daher. Wunderbar sauber gespielte Passagen der Oboe und des Englischhorns berührten und die Bassklarinette, begleitet von den Pizzicati der Streicher, ließ aufhorchen. Sehr schön gelang der choralartige Einstieg  der Bläser in das Adagio, das Wechselspiel zwischen Flöte und Pizzicati der zweiten Violinen und der Bratschen, in welches dann auch die Celli und die ersten Violinen einstimmten. Verhalten tauchte die Reminiszenz an das Unheil mit dem Marschrhythmus wieder auf. Auch hier wurde das konzentrierte Spiel zwischen den einzelnen Instrumentenfamilien wieder exemplarisch hörbar gemacht. Mit Vehemenz und resolut drängte sich das Blech herein, der Choral nahm nun fordernde Züge an. Doch die wunderschön herausgearbeiteten Phrasen der Streicher und der Holzbläser setzten ein Plädoyer der Zärtlichkeit dagegen. Grandios auch hier wieder der Paukist! Stürmische, raumgreifende Wogen prägten den Finalsatz. Peitschenknallend machten sich die Kontrabässe bemerkbar, warme Figuren der Bratschen dämpften die Brutalität, langsam erhoben sich die Ankündigungen des Sieges, des Triumphs – doch immer wieder wurden diese Passagen subtil gedämpft, schlich sich eine Düsternis ein, verschloss sich dem dumpfen Siegesgeheul und erst kurz vor dem Schluss steigerte sich die Fanfare zur Zuversicht. Die Staatskapelle Berlin (übrigens eines der ältesten Orchester der Welt, 1570 erstmals urkundlich erwähnt) und Paavo Järvi bescherten dem Publikum einen aufwühlenden Abend, der lange nachhallte. Meine Sitznachbarn hatten das Konzert zur Pause verlassen – sie haben definitiv ein musikalisches Ereignis verpasst.

Werke:

Ludwig von Beethovens (1770-1827) drittes Klavierkonzert ist sein einziges in einer Moll-Tonart. Vorbild könnten Mozarts KV 466 und KV 491 gewesen sein, die Beethoven gut kannte und bewunderte, aber selbstverständlich in keiner Weise kopierte, denn Beethovens drittes Klavierkonzert geht völlig eigene, neue Wege, insbesondere im Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester, mit seinen ausgereiften Passagen von Rede und Gegenrede. In einem langen Ritornell beginnt das Orchester den ersten Satz. Es dauert, bis das Pianoforte endlich zu reden beginnt. Dann beginnt der abwechslungsreiche Dialog zwischen den beiden. Das Largo des zweiten Sates hat etwas beinahe Mystisches. Beethoven breitet die Tonart E-Dur prominent aus, mit Grösse, aber auch mit innerer Ruhe. Brillant gehalten ist der dritte Satz, ein Rondo (Allegro), in dem auch mal ein kleines Fugato als Überleitung aufblitzt. Der prächtige Satz schliesst nach der Kadenz des Solisten mit einer Coda (Presto) in strahlendem C-Dur.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) zählt zu den bedeutendsten Komponisten Russlands (und der Sowjetunion) im 20. Jahrhundert. Er hinterliess ein reichhlatiges Oeuvre, das neben nicht weniger als 15 Sinfonien, auch Kammermusik (die berühmten Streichquartette), Instrumentalkonzerte, sechs Opern, drei Ballette, eine Operette, Filmmusik und Vokalwerke (für Solostimmen und für Chor) umfasst. Der Kunstkritiker Gottfried Blumenstein bezeichnete Schotakowitschs Schaffen einmal treffend als „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert.“ Und in der Tat: Schostakowitsch hat 2 Weltkriege erlebt, die Russische Revolution, den Untergang des Zarenreiches, die Stalin-Diktatur, die Chruschtschow- und Breschnew-Jahre. Gerade unter Stalin und dessen Zensurbehörde hatte der Künstler enorm zu leiden, musste Werke zurückziehen, ändern, in der Schublade verschwinden lassen. Doch Stalin konnte natürlich auf einen dermassen talentierten und grandiosen Komponisten auch nicht verzichten, und so vereinnahmte das Regime immer wieder Werke Schostakowistschs für propagandistischen Zwecke, auch dessen berühmteste Sinfonie, die siebte, genannt LENINGRADER, weil der Komponist sie unter schwierigsten Bedingungen schuf, nämlich während der Belagerung Leningrads durch Hitlers Truppen. Schostakowitsch wurde dann im letzten Moment ausgeflogen, die Sinfonie erlebte ihre Uraufführung im heutigen Samara, wohin das Bolschoi-Orchester ausgelagert worden war. Noch im selben Jahr fand allerdings auch die Erstaufführung dieser beim Publikum seit jeher äusserst populären Sinfonie in Moskau statt, Sir Henry Wood dirigierte sie ebenfalls 1942 in London und Arturo Toscanini in New York. Schostakowitsch erhielt daraufhin den Stalin-Preis, da das Werk als Preisung des Widerstandswillens der Russen gegen die deutsche Besatzung gesehen wurde. In seinen Memoiren schrieb Schostakowitsch allerdings über die Siebte: „Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten …“.

Gerade der Kopfsatz wurde oft missverstanden: Die brachial-banale Marschmusik stellt eben nicht nur den Einmarsch der feindlichen Truppen dar, sondern genauso den sowjetischen Verwaltungs-Schlendrian, welcher die Stadt Leningrad so ungeschützt der Belagerung durch den Feind überliess und somit eine ebenfalls bedeutende Schuld an den unzähligen Toten trägt. Dieses Marschthema, welches sich erst im Pianissimo und Pizzicato andeutet und sich mit elfmaliger Wiederholung immer präsenter und betäubender in den Vordergrund drängt, mag banal erscheinen, in Wahrheit stellt es eine gewaltige Anklage dar (manche erkennen im Hauptthema auch einen Ausschnitt aus Hitlers Lieblingsoperette DIE LUSTIGE WITWE). Optimismus und schmerzerfüllte Trauermusik wechseln sich in der Folge ab. Im zweiten Satz brodelt unter der vermeintlich glücklichen Idylle (der Vorkriegszeit) bereits erneut das Gewaltthema, welches Schostakowitsch aus seiner von Stalin so arg heruntergeputzten Oper LADY MACBETH VON MZENSK übernommen hat. Das Adagio des dritten Satzes enthält neben viel Düsterem, Choralartigem (wie in Strawinskys Psalmensinfonie) auch groteske, an einen Zirkusmarsch erinnernde, Passagen und knüpft dabei an eine besonders bei den Russen beliebte Tradition an, Kritik an Zuständen mithilfe einer Groteske zu zeigen. Auch im Finalsatz stehen wieder ins Groteske verzerrte Formen (Sarabande) neben der Jubelmaschinierie des Sieges über den Feind. Auch diese Gegenüberstellung kann man durchaus als Regimkritik auffassen, welche das Leiden des Volkes neben dem offiziellen Jubel der Mächtigen nicht vergessen lassen will.

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