Berlin, Komische Oper: DIE ZAUBERFLÖTE, 07.02.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Zauberflöte

Oper in zwei Aufzügen | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto : Emanuel Schikaneder | Uraufführung: 30. September 1791 in Wien | Aufführungen in Berlin: 7.2. | 3.3. | 22.3. | 4.5. | 9.5. | 11.5. | 16.5. | 18.5. | 25.5. | 7.6 | 8.6. | 11.6. | 4.7.2013

Kritik: 

All den Opernliebhabern, welche der betulichen, kopflastigen, orientalisch verklärten oder schlicht biedern Inszenierungen der ZAUBERFLÖTE überdrüssig sind und all denen, die sich zum ersten Mal mit diesem populären Werk auseinandersetzen möchten, sei diese Produktion der Komischen Oper Berlin ans Herz gelegt.

In der Zusammenarbeit von Barrie Kosky mit der britischen Theaterkompanie „1927“ (Suzanne Andrade, Animationen von Paul Barritt, Bühne und Kostüme von Esther Bialas) ist eine perfekte, witzige und feinsinnige Symbiose von Musik, Text und Bild entstanden, ein augenzwinkernder Spass, fern allen Pathos oder deutscher Behäbigkeit. Die Verantwortlichen haben auf die gesprochenen, oft allzu gestelzt daherkommenden Zwischentexte verzichtet und blenden sie statt dessen in bester Stummfilmmanier in unterschiedlichen, den Personen zugeordneten Schrifttypen auf der die Bühne überspannenden Leinwand ein. Untermalt werden diese Titel mit Musik vom Hammerklavier (Mozarts Fantasien in c-Moll und d-Moll) und damit wird das Ambiente eines Filmtheaters aus der Frühzeit des Kinos noch verstärkt. Was sich dann auf der Bühne abspielt, ist aber nicht bloss ein filmisches Vergnügen, da werden mit erheiternder Lust Elemente aus verschiedenen Stilepochen gemischt: Horrorcomics, Vaudeville, Revuetheater, kindliches Bilderbuch, Fantasy, Jules Verne u.v.m. Und all dies läuft in technisch ausgereifter, fantastischer Präzision zusammen mit der Musik ab, regt zum Schmunzeln, Lachen, aber auch zum Nachdenken an. Allzu viele der fantasievollen Details möchte ich hier gar nicht aufzählen, man soll sich einfach überraschen und bezaubern lassen. In der ZAUBERFLÖTE werden ja Archetypen menschlichen Verhaltens anhand von Charakteren gezeigt, die beileibe nicht immer logisch und folgerichtig handeln. Durch die Animationen entsteht nun eine fesselnde Welt der Bilder, eine Art gigantisches Märchenbuch, eine Reise durch Gefühlswelten, so dass man gar nicht mehr in Versuchung kommt, nach Logik zu suchen und sich einfach den visuellen – und zum Glück auch den musikalischen – Eindrücken hingeben kann. Tamino (Peter Sonn) ist ein Schönling, an die Eleganz eines Rudolph Valentino erinnernd. Elegant und strahlend vermag er auch zu singen, mit wohlklingendem Tenor ohne larmoyante Einsprengsel. Seine Pamina (Maureen McKay hat äusserlich was von Louise Brooks) singt mit hellem, interessant timbriertem und in der Höhe apart aufblühendem Sopran. Das „niedere“ Paar wird von Buster Keaton (Papageno) und einem Showgirl (Papagena) verkörpert. Den Papageno als traurigen Keaton zu zeichnen ist mutig, aber durchaus folgerichtig. Er ist nämlich nicht einfach der Spässe klopfende, einfach gestrickte Muntermacher, sondern eigentlich eine eher traurige Gestalt, vom Leben nicht gerade bevorteilt, stets auf der Suche nach einem ihn liebenden Mädchen. Tom Erik Lie macht das (neben der unglaublich genau die Figur Keatons imitierenden Körperhaltung) auch stimmlich ganz wunderbar, indem er seine Stimme in den Arien gekonnt mit einen leichten Hauch von Traurigkeit umflort. Seine Papagena (Julia Giebel) dagegen wirkt auch leicht angesengt nach der Granatenexplosien noch putzmunter und die beiden werden in ihrem trauten Heim voll schreiender und tobender Kinderchen viel Freude haben. Monostatos (ganz toll und gar nicht schneidend karikierend gesungen von Tansel Akzeybek) ist ein gefährlich seine gespreizten Finger ausfahrender und seine Hundemeute auf andere hetzender Nosferatu. Gut dass dem Papageno sein treuer, humoriger schwarzer Kater (der Vogelfänger!) dann zur Seite steht. Die Königin der Nacht wird als gigantische, alles und jeden einwickelnde und verzehrende Riesenspinne gezeigt. Beate Ritter bestätigt (nach ihrer Königin in St.Gallen) mit gestochen scharfen, wunderbar selbstverständlich fliessenden und reinen Koloraturen, die jedoch mit warmer Stimmfarbe vorgetragen werden, dass ihr in dieser Rolle zur Zeit nicht viele das Wasser reichen können. Brillant! Ihre drei Damen, Frau Schwatz, Frau Tratsch und Frau Klatsch (Ina Kringelborn, Annelie Sophie Müller und Caren van Oijen) singen mit geradezu exemplarischer Differenziertheit, jede der drei Stimmen ist deutlich herauszuhören und doch verschmelzen sie in einem wunderschönen Gesamtklang. Als wohlklingende Alternative der Begleitung durch die Fantasywelt bieten sich Pamina, Tamino und Papageno die drei (Tölzer)-Knaben an: Jakob Göpfert, Luca Schüller und Julian Mezger. Sarastro hat etwas von einem unheimlichen, gar nicht so gutmütigen Magier. Alexey Antonov verleiht ihm seinen profunden Bass, singt daneben aber auch die Rolle des Sprechers aus dem Off. Carsten Sabrowski und Vincent Wolfsteiner (Geharnischte) begleiten Tamino auf seiner Reise zum Mittelpunkt der Erde und zur Erkenntnis, nachdem den Probanden Tugend und Weisheit intravenös verabreicht wurde … .

Kristiina Poska und das Orchester der Komischen Oper Berlin sorgen für eine subtil ausbalancierte Wiedergabe von Mozarts genialen Eingebungen. Das Vorspiel bezaubert mit dem transparent gemachten Zwiegesang von Holzbläsern und Streichern und den erhabenen, sauberen Einwürfen des Blechs. Sehr schön auch der Einfall, den Schlusschor, die Apotheose der Sonne und des Lichts, nicht mehr bildlich und animiert kitschig zu untermalen, sondern den Chor in Paminen und Taminos aufzuteilen und vor dem Vorhang singen zu lassen. Wir alle sind Suchende nach Liebe!

Inhalt:

Sarastro, weiser Priester der Götter Isis und Osiris, hat Pamina in seinen Tempel entführt, um sie vor dem Einfluss ihrer Mutter, der Königin der Nacht, zu schützen. Die Königin bringt den Prinzen Tamino dazu, sich auf den Weg zu machen und Pamina zu befreien. Papageno, ein eher den weltlichen Genüssen frönender Vogelfänger, begleitet ihn auf Geheiss der Königin. Die drei Damen der Königin geben den beiden eine Zauberflöte und ein Glockenspiel mit auf den Weg. Drei Knaben weisen ihnen den Weg zu Sarastros Burg.

Tamino und sein Begleiter finden Pamina. Tamino und Pamina verlieben sich ineinander. Doch bevor sie sich endgültig vereinen dürfen, müssen sie drei Prüfungen bestehen. Papageno wird auch belohnt und findet eine Frau, die ihm ganz ähnlich sieht.

Die Strahlen von Sarastros Sonne verbrennen die rachsüchtige Königin der Nacht. Die beiden Liebespaare dürfen sich vereinen.

Werk:

Mozarts ZAUBERFLÖTE hält sich seit über 200 Jahren in den Spitzenrankings der am häufigsten aufgeführten Opern weltweit. Die märchenhafte, wenn auch mit etlichen mehr oder weniger versteckten Hinweisen auf die Freimaurer versehene Handlung vermag „in die Zeiten hineinzuwirken und jeder Generation ein Gleichnis, einen Grundriss menschlicher Spannungen zu geben ... „ (Günther Rennert). Selbst Richard Wagner schrieb: „ Die Quintessenz aller edelsten Blüten der Kunst scheint hier zu einer einzigen Blume vereint und verschmolzen zu sein. Welch ungezwungene und zugleich edle Popularität in jeder Melodie ... .“ Und Friedrich Hegel schwärmte von der „Tiefe und der Lieblichkeit der Musik, welche die Phantasie erfüllt und das Herz wärmt.“

Schikaneder hatte den richtigen Riecher für ein effektvolles Libretto gehabt (er selbst sang den Papageno). Zaubermärchen mit hohen und niederen Paaren, Bühnenzauber und Komik gepaart mit moralisierenden Elementen waren damals gross in Mode.

Mozart komponierte die Oper in den letzten Monaten seines kurzen Lebens, in welchen materielle Not und Krankheit seine ständigen Begleiter waren. Der Erfolg des Werks steigerte sich von Aufführung zu Aufführung. Den materiellen Erfolg der Oper erlebte Mozart leider nicht mehr, er starb gut zwei Monate nach der Uraufführung.

Eine Aufnahme der Rachearie der Königin der Nacht mit der Sopranistin Edda Moser befindet sich an Bord der Raumsonde Voyager 2, welche unser Sonnensystem verlassen wird ... Dies unterstreicht wohl aufs Deutlichste die Bedeutung von Mozarts letzter Oper.

Musikalische Höhepunkte:

Viele bekannte Ohrwürmer, so z.B. die beiden Koloratur-Arien der Königin der Nacht:

O zitt're nicht, Königin, Akt I

Der Hölle Rache, Königin, Akt II

Der Vogelfänger bin ich ja, Papageno Akt I

Dies Bildnis ist bezaubernd schön, Tamino, Akt I

In diesen heiligen Hallen, Sarastro, Akt II

Ach ich fühl`s, Pamina Akt II

Karten

Applaus