Berlin, Komische Oper: DIE TOTE STADT, 06.10.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die tote Stadt

Oper in drei Bildern | Musik: Erich Wolfgang Korngold | Libretto: Paul Schott (alias Julius Korngold), nach "Bruges-la Morte" von Georges Rodenbach | Uraufführung: 4. Dezember 1920 gleichzeitig in Köln und Hamburg | Aufführungen in Berlin: 30.9. | 6.10. | 14.10. | 31.10. | 18.11. | 28.11. | 14.12. | 25.12. 2018 | 28.6.2019

Kritik:

Dass dem Happy End in Korngolds Oper DIE TOTE STADT (nach dem symbolistischen Roman Bruges-la-morte von Georges Rodenbach) nicht zu trauen ist, haben schon manche Regisseure so empfunden. Es wäre ja auch ein bisschen simpel, zuerst einen Psychothriller ablaufen zu lassen – und am Ende das Ganze als einen kathartischen Traum zu entlarven. Auch Robert Carsen traute in seiner Inszenierung an der Komischen Oper Berlin diesem Ende nicht. Ähnlich wie Jakob Peters-Messer in seiner Inszenierung in Magdeburg wird Paul am Ende von Frank und Brigitta in (lebenslange?) Verwahrung genommen – als Mörder, wenn nicht gar als Doppelmörder. Denn was wirklich mit Pauls erster Frau Marie geschehen war, lässt auch Carsen nur erahnen. Dabei spielt der Regisseur raffiniert auf der Klaviatur des mystischen Thrillers, des film noir. Zu Beginn sehen wir Paul außerhalb des Schlafzimmers, darin liegt eine tote Frau auf dem Teppich. Frank tritt erst wie ein Inspektor auf, mit dem unvermeidlichen Notizbüchlein, dem Trenchcoat, dem Borsalino, notiert sich alles, was Paul zu Protokoll gibt. Doch immer mehr scheint Paul abzudriften, man weiss nicht mehr, ist Marietta nun wirklich da, ein Traumbild, sind alle diese Bilder eine Verarbeitung der ursprünglichen Tat oder geschieht tatsächlich ein Doppelmord, indem Marietta durch die Entdeckung der Reliquie von Maries Haar zur gefährlichen Mitwisserin geworden ist, derer Paul sich entledigen muss? Jedenfalls verlässt Paul am Ende das Schlafzimmer, das uns während dreier Stunden (inklusive Pause) begleitet hat, dessen Wände und Decke auseinanderdrifteten, sich wieder fügten, dessen Möbel sich drehten und im zweiten Akt mit Operetten-Glimmerstaub bedeckt waren. Paul wurde vom Inspektor (der nun als Arzt im weißen Kittel auftritt) und seiner Haushälterin Brigitta (ebenfalls weißbekittelt) hereingelegt, überführt. Viele Fragen bleiben für die ZuschauerInnen also offen, ungeklärt, mysteriös – und spannend. Ganz ehrlich gesagt, mag ich meistens solche Inszenierungen, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben, nicht. Mit Korngolds DIE TOTE STADT funktionierte es bestens. Es gibt viel zu diskutieren in der Pause und nach der Vorstellung. Und wenn am Ende dann bei den Zuschauern (und beim Kritiker) Tränen fließen, dann hat Korngolds Glück, das mir verblieb natürlich einen großen Anteil daran, aber dann hat auch der Regisseur vieles, ja eigentlich alles richtig gemacht. Eine sehr sorgfältig durchdachte, zwar rätselhafte, aber ungemein spannende Arbeit, eine Arbeit, die sich genauso in der ausgeklügelten Kostümdramatrugie spiegelte (Petra Reinhardt spielt virtuos mit Entstehungszeit der Oper bis frühe vierziger Jahre) als auch im albtraumhaft kalten Schlafzimmer, welches Michael Levine entworfen hatte.

Den enormen Anforderungen der Tenorpartie des Paul (hohe Tessitura, viel Text, pausenlos auf der Bühne) wurde Aleš Briscein vollauf gerecht. Er legte die Partie zu Recht (seinem Tenor angepasst) lyrisch an, entwickelte dadurch sehr schöne Gesangslinien und klang weit weniger hysterisch schrill als mancher Heldentenor, der sich der Rolle annimmt. Ein bewundernswerte Leistung! Sara Jakubiak scheint sich zur Kongold-Spezialistin zu entwickeln. Nach ihrer fulminanten Heliane im Frühjahr an der Deutschen Oper Berlin folgte nun die Marie/Marietta an der Komischen Oper Berlin. Wiederum begeisterte Frau Jakubiak mit ihrer elegant-sinnlichen Darstellungskunst und dem erotisierenden, ja stellenweise gar narkotisierenden Timbre (die Einwürfe der Marie aus dem Off) ihrer schön fokussierten Stimme. Günter Papendell (der in DIE NASE so fulminant war) schien die Rolle des Frank/Pierrot nicht restlos gut in der Stimme zu liegen, dazu war sein Bariton an diesem Abend nicht geschmeidig genug, es fehlte die souveräne Noblesse für den Hit Mein Sehnen, mein Wähnen. Herausragend dagegen sang Maria Fiselier die Brigitta. So schön, so weich und wunderbar phrasierend und mit einer Reinheit der Intonation, die einem weiche Knie bescherte. BRAVA!!!

Juliette (Georgina Melville), Lucienne (Mara Mika), Victorin (Adrian Strooper) und Graf Albert (Ivan Turšić) erhielten zwar in der Inszenierung nicht viel Eigenprofil, dafür zusammen mit den agilen Tänzern einen herrlichen Glitter-and-be-gay Auftritt im zweiten Akt.

Ainārs Rubiķis und das Orchester derKomischen Oper Berlin lockten all die verführerischen Klangfarben und die sehrenden Motive aus Korngolds jugendlichem Geniestreich hervor – der 23jährige Komponist hatte dazu in die Vollen gegriffen und eine filmische, hoch spannende, mystische und dann wieder brutal aufbrausende Filmmusik geschrieben, ein Jahrzehnt bevor es den Tonfilm überhaupt gab. Zwei Oscars hatte er später in Hollywood für seine Filmmusiken bekommen, je einen Opernoscar hätte er sich auch für DIE TOTE STADT  und DAS WUNDER DER HELIANE verdient. Dass diese beiden Werke innerhalb eines Jahres in Berlin zu erleben waren, spricht für die Opernlandschaft dieser Stadt.

Inhalt:

Pauls Frau Marie ist tot, doch er kann ihr Ableben nicht akzeptieren. In Brügge hat er in seinem Zimmer ein Art Schrein zum Gedenken an seine Frau errichtet, hier frönt er seiner Depression und badet in seiner Trauer, seinem Selbstmitleid. Seine Haushälterin Brigitta und sein Freund Frank sind besorgt. Auf einem seiner seltenen Spaziergänge hat Paul eine Frau erblickt, welche seiner Marie verblüffend ähnlich sieht. Er lädt sie zu sich ein. Es ist die Tänzerin Marietta. Paul schlägt alle Warnungen in den Wind und vermeint, eine Reinkarnation Maries vor sich zu haben, das Glück der Gemeinsamkeit erneut zu finden. Doch Marietta entschwindet wieder mit ihrer Tanztruppe, Paul versinkt in Visionen. Er stöbert Marietta auf, schleppt sie in seine Wohnung und verbringt die Nacht mit ihr. Paul quälen Gewissensbisse, er begibt sich frühmorgens aus dem Haus. Marietta durchstöbert den "heiligen Schrein", Paul ertappt sie dabei, stürzt sich auf sie, erkennt in ihr eine billige Nutte und erwürgt sie, während draussen die Heilig-Blut-Prozession vorbeizieht.

Paul erwacht aus seinem Traum. Marietta kehrt zurück und holt ihren Schirm (oder je nach Inszenierung auch den Schal). Paul beschliesst die Stadt der Toten, Brügge, zu verlassen.

Werk:

Erich Wolfgang Korngold war ein Wunderkind, verblüffte bereits als Neunjähriger die Musikwelt mit ausgefeilten Partituren. Die Oper DIE TOTE STADT, welche er als 23-jähriger geschrieben hatte, wurde zu einem Grosserfolg. Die Partitur dieser morbiden, typischen fin de siècle Erzählung weist eine Qualität auf, welche auch bekanntere Werke von Richard Strauss oder Puccini nicht immer erreichen. Nach der Annexion Österreichs durch Nazideutschland blieb der Jude Korngold im Exil in Kalifornien, wurde dort ein bedeutender Komponist für Filmmusik und gewann sogar zwei Oscars. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden seine Opern nicht mehr sehr hoch geschätzt, gerieten beinahe in Vergessenheit. Sie galten als rückschrittlich. Doch dank einer grandiosen Einstudierung in New York 1975 wurde die Musikwelt  wieder auf Korngolds wunderbare Schöpfungen aufmerksam. Seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts taucht insbesondere DIE TOTE STADT wieder öfters auf den Spielplänen auf. Seine Oper DAS WUNDER DER HELIANE war vor einiger Zeit in Kaiserslautern und in der letzten Saison mit grossem Erfolg an der Deutschen Oper Berlin zu erleben gewesen.

Die Partie des Paul gehört wegen ihrer hohen Lage und der zweistündigen Dauerpräsenz auf der Bühne zu den anspruchsvollsten und gefürchtetsten Tenorpartien.

Musikalische Höhepunkte:

Glück, das mir verblieb, Marietta-Paul, Bild I

Mein Sehnen, mein Wähnen, Pierrot-Fritz, Bild II

Karten