Berlin, Komische Oper: DER VAMPYR, 26.03.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der Vampyr

Oper in zwei Aufzügen | Musik: Heinrich Marschner | Libretto: Wilhelm August Wohlbrück | Uraufführung: 29. März 1828 in Leipzig | Uraufführung dieser Fassung von Antú Romero Nunes und Ulrich Lenz und mit ergänzenden Kompositionen von Johannes Hofmann: 20. März 2016 in Berlin | Aufführungen an der Komischen Oper Berlin: 20.3. | 26.3. | 3.4. | 17.4. | 23.4. | 5.7.2016

Kritik: 

Darf man das? Eine Oper radikal (um mindestens die Hälfte) kürzen, Szenen umstellen, mit neuer Musik „anreichern“, werden sich die Puristen fragen. Nun, man darf – und es ist auch nicht neu. Seit der Barockzeit mit ihren Pasticci, unzähligen Opern für Kinder oder Loriots RING AN EINEM ABEND sind immer wieder Versuche unternommen worden, Werke des Musiktheaters für ein spezielles Zielpublikum zu arrangieren und zu bearbeiten. Von den „Vergewaltigungen“ der Klassiker, welche sich im Bereich des Sprechtheaters abspielen, wollen wir schon gar nicht reden. Nun hatte also DER VAMPYR (nach Heinrich Marschner, wie ihn die Komische Oper Berlin ankündigt) Premiere, in einer Fassung von Antú Romero Nunes (der auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnet) und Ulrich Lenz, ergänzt mit Kompositionen von Johannes Hofmann. Doch an wen soll sich diese Bearbeitung von Marschners Oper richten? An die Freunde von Splatter-Filmen (gleich zu Beginn wird eine Frau aus der ersten Parkettreihe vom Vampir Lord Ruthven und seinen Zombie-Freunden unter gellenden Schreien des Opfers regelrecht ausgeweidet, Blut fließt in Strömen, spritzt in Fontänen – und blubbert in der Zeit-Uhr) oder doch eher an ein junges Publikum, das einfach seinen „Spass“ haben will? Doch im Bereich des Horrors kann die Bühne nie und nimmer mit den Möglichkeiten des Films mithalten. Solche Szenen auf der Opernbühne entlocken einem nur noch ein müdes Lächeln, aber nie und nimmer Gänsehaut oder gar Angst. Gemäß Programmheft geht es den Verantwortlichen darum, dem Grauen und dem Gruseln insgesamt nachzuspüren. Doch das ist nicht so ganz gelungen. Die Inszenierung bleibt an einer wenig subtilen Oberfläche haften, dringt nicht in psychische Abgründe vor. Man erlebt eine Mischung aus billiger Geisterbahn, verquickt mit Commedia dell’arte, Slapstick und Comic. Das echte Gruseln und das Spiel mit grauenvollen Urängsten will sich nicht recht einstellen, auch wenn einem die Protagonisten und die Zombies durch den Laufsteg rund um den Orchestergraben „gefährlich“ nahe kommen. Ja, das Publikum beginnt gar zu lachen, wenn menschliche Körperteile und Eingeweide gegrillt und verzehrt werden. Zu sehen ist also eine Romantic-Gothic-Horror Picture Show zu Marschners frühromantischer Musik. Die paar Cluster und Dissonanzen, welche Hofmann zur Partitur beigesteuert hat, fallen kaum auf, stören aber auch nicht. Der pausenlose, nur 90 Minuten dauernde Abend hat insgesamt mehr komische als gruselige Momente – wartet aber mit einem überraschenden Ende auf. Darauf hätte man aufbauen können, doch die Chance wurde vertan. Matthias Koch hat ein riesiges Fledermausflügelpaar auf die Bühne gestellt, dazwischen rinnt das Blut unerbittlich in der (Sand) Uhr und zeigt an, wie wenig Zeit Ruthven noch bleibt, um den Zombies die geforderten drei Bräute zu bringen. Für die Szene Malwina – Aubry wird das Bühnenportal samt Proszeniumslogen der Komischen Oper vervierfacht (nicht schon wieder Theater auf dem Theater, denkt man). Doch mit dem Auftritt Ruthvens, der mit einer Maschinengewehrsalve die Hochzeitsgäste niedermäht, verbiegen und verkrümmen sich diese Portale, das hat dann schon was! Der zum Stil der Inszenierung prima passende, schrille Kostümmix stammt von Annabelle Witt.

Sehr engagiert lassen sich die sechs verbliebenen Protagonisten auf das blutig-lustige Spiel ein. Die Diktion der Sängerinnen und Sänger ist vorbildlich, so dass man die Übertitel in den Stuhlrücklehnen gar nicht in Anspruch nehmen muss. Heiko Trinsinger singt einen überaus präsenten Vampir, gestaltet mit seinem markanten Bariton den gruseligen Verführer, dem die Zeit davonrennt. Zoltán Nyári gibt den schusseligen Aubry mit klarem, hellem Tenor, Jens Larsen ist ein nicht nur mit seiner Körpergröße, auch mit seinem wohlklingenden Bass imponierender Lord von Davenaut. Nicole Chevalier spielt und singt auf einnehmende Art die überdrehte Malwina als eine Art Colombina aus der Commedia dell’arte. Maria Fiselier als Emmy hat mit der spannungsreich vorgetragenen Romanze vom „bleichen Mann“ (Wagners Vorbild für die Ballade der Senta im FLIEGENDEN HOLLÄNDER) einen veritablen Showstopper zu bieten. Ivan Tursic muss als verzweifelter Liebhaber George Dibdin zusehen, wie seine Emmy dem morbiden Charme Ruthvens erliegt. (Mozarts Don Giovanni mit der Szene Zerlina-Masetto-Giovanni lässt grüßen.) Die Chorsolisten der Komischen Oper (Einstudierung: David Cavelius) und die Komparserie scheinen sichtbaren Spaß an ihren kannibalistischen Auftritten in blutigen Strumpfmasken zu haben. Selbst der Dirigent, Antony Hermus, wird nicht von Attacken des Vampirs verschont und muss mit blutigem Hemd den Schlussapplaus entgegennehmen. Was er und das Orchester der Komischen Oper Berlin allerdings von Marschners Oper aus der Zeit der Schauerromantik erklingen lassen, macht neugierig auf das Oeuvre des heutzutage etwas vernachlässigten Komponisten und man wäre gespannt auf das Ergebnis einer Inszenierung, welche ohne völlig überdrehte ironische Distanzierung auskommt und mehr Gewicht auf die Ergründung der erotischen Anziehungskraft des Bösen legt.

Inhalt:

Lord Ruth Ruthven ist als Aussenseiter der Gesellschaft zum Vampir geworden. Sein Meister stellt ihm eine Frist: Binnen 24 Stunden muss er drei Bräute zu Tode gebissen haben (Parallele zu Kaspar im FREISCHÜTZ). Bei Janthe, dem ersten Opfer, gelingt ihm das leicht, denn sie hat sich in ihn verliebt und folgt dem Vamipir willig in dessen Höhle. Ihre Todesschreie werden zwar von ihrem Vater gehört und Aubry, ein Freund Ruthvens, der aber in dessen Schuld steht, erkennt den Übeltäter bei Vollmond, als sich dessen Wunden (zugefügt vom Schwert von Janthes Vater) auf wundersame Weise schliessen. Aubry steckt im Dilemma zwischen Verrat des Freundes und Aufdeckung eines Mörders. Das nächste Opfer Ruthvens ist Emmy, die er auf ihrer bäuerlichen Hochzeit entführt. Der Bräutigam, George Dibdin, muss hilflos mitansehen, wie Emmy von Rothven fortgeschleppt wird. Er schiesst Ruthven zwar noch an, doch die Wunden heilen wiederum im Mondlicht. Mit dem dritten Opfer, Malwina, wird die Sache komplizierter. Sie ist verliebt in Aubry. Doch Malwinas Vater hat Lord Ruthven (unter dem Namen Marsden vorgestellt) als Ehemann für sie auserkoren. Malwina erschrickt vor dem bleichen Mann (Senta aus dem HOLLÄNDER lässt grüssen ... ). Aubry erkennt den Vampir, muss jedoch schweigen, da ein Verrat für ihn die Wandlung zum Vampir bedeuten würde. Ruthven drängt darauf, die Hochzeit noch am selben Tag zu vollziehen. Aubry wird davon ausgeschlossen. Er schafft sich gewaltsam Zutritt und enthüllt Ruthvens Geheimnis. Doch die Frist ist eh um, und Ruthven wird vom Blitz erschlagen. Happyend mit Vermählung von Malwina und Aubry.

Werk:

Der Komponist Heinrich Marschner (1795-1861) hatte das Pech, in der Linie von Beethoven über Carl Maria von Weber zu Richard Wagner von diesen Giganten zerrieben zu werden. Anders als seine etwa gleichaltrigen Kollegen Schubert, Schumann, Spohr und Mendelssohn, welche mit ihrer Kunst in der Kammermusik, Oratorien und Sinfonien grosse Erfolge feierten und die Oper nicht zu ihrer Hauptdomäne machten (obwohl Schumann und Schubert sich auch darin versuchten und ihre Verdienste durchaus wieder entdeckt werden), beschränkte sich Marschner auf das Komponieren von Opern, hatte im Schatten und in der Nachfolge des viel zu jung verstorbenen Weber auch Erfolge vorzuweisen. Er geriet jedoch, nachdem Meyerbeer mit seinen spektakulären Grand Opéras und Wagner mit seinen Musikdramen das Publikum in ihren Bann zogen, zunehmend in Vergessenheit. Heutzutage trifft man die im engeren Umkreis der deutschen Schauerromantik angesiedelten Werke Marschners (DER VAMPIR, HANS HEILING, DER TEMPLER UND DIE JÜDIN) wieder ab und an auf den Bühnen an, wenn auch (zu) selten an den grossen Häusern. In Marschners Musiksprache ist zwar das grosse Vorbild Webers nicht zu verkennen, auch seine Einflüsse auf den Stil in Wagners Frühwerken sind unüberhörbar. Die Mischung von Dämonie und biederem Volkston überzeugt jedoch nicht immer, auch der melodische Inspirationsreichtum Marschners schien nicht unbeschränkt zu sein.

Für DER VAMPIR verwendete Marschner das Libretto seines Schwagers, der sich seinerseits auf eine Erzählung Lord Byrons berief. Und tatsächlich beinhaltet die Verschränkung von Eros und Tod in der Handlung durchaus Potential für eine genuine musikalische Umsetzung, doch dazu standen Marschner als Mensch des Biedermeier nur beschränkte Mittel zur Verfügung. Hans Pfitzner erstellte ein Aufführungsversion, von der auch eine Einspielung vorliegt (mit Siegmund Nimsgern und Carol Farley, unter Günter Neuhold).

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