Berlin, KOB: RUSALKA, 28.04.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Rusalka

Lyrisches Märchen in drei Akten | Musik: Antonín Dvořák | Libretto : Jaroslav Kvapil | Uraufführung: 31. März 1901 in Prag |

Kritik:

Nein, nicht schon wieder „Theater auf dem Theater“ - dies ist der erste Gedanke, wenn man den Saal der Komischen Oper Berlin für die Aufführung von Dvořáks RUSALKA betritt. Denn zu sehen ist eine offene Bühne (Klaus Grünberg) mit einer Verdoppelung des stuckverzierten Bühnenportals (ohne Vergoldungen) mit kleiner, leicht nach vorne abfallender Spielfläche und einer schlichten weissen Rückwand, darin eine kleine Tür, welche im Verlauf des Abends immer mal wieder heftig zugeschlagen wird. Doch was sich dann auf dieser leeren Bühne abspielt, raubt einem den Atem: Da wird ein Psychodrama von Schauer erregender Intensität gespielt, ein „Märchen für Erwachsene“, ein Albtraum mit beängstigender Sogwirkung. Der Regisseur (und zukünftige Intendant der Komischen Oper Berlin) Barrie Kosky hat die Handlung im Entstehungsjahr der Oper belassen (1900). Er zeigt eine brutale Traum-Geschichte, welche sowohl im romantischen 19.Jahrhundert verankert ist, als auch die Tendenzen des frühen 20.Jahrhunderts aufgreift, mit den psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds. Ausgangspunkt ist der Wunsch, den eigenen Körper zu verlassen und mal jemand anders sein zu wollen. (Wer von uns hat oder hatte nicht schon mal dieses Bedürfnis, auch wenn es sich „bloss“ um kleinere oder grössere chirurgische Eingriffe handelt.) Und einem solchen Eingriff, der Amputation ihres Fischschwanzes, muss sich die Wassernixe unterziehen, wenn sie sich als menschliches Wesen dem Prinzen hingeben will. Diese Amputation, welche die Hexe Jezibaba unter tatkräftiger Beihilfe ihres missgebildeten Sohnes vornimmt, wird mit aller Brutalität gezeigt, inklusive der nicht ausbleibenden postoperativen Phantomschmerzen. Das Experiment, welches Rusalka wagt, misslingt – und wie. Zwar hat sie der väterliche, moralisierende Wassermann davor gewarnt, doch Rusalka begibt sich standhaft in die Fänge der matronenhaften Hexe und Ärztin Jezibaba, welche wahrscheinlich bereits an ihrem Sohn zweifelhafte Eingriffe vollzogen hatte. Die Säfte der aufgeschlitzten schwarzen Katze werden Rusalka in den Mund geträufelt, als Stumme erscheint sie am Hof des Prinzen und muss sich dem Spott der fremden Fürstin aussetzen. Verstört taucht sie wieder im „Wald“ auf, gebiert als Folge der Vergewaltigung durch den desorientierten Prinzen grauenhafte Wesen mit Totenschädeln und gibt dem Prinzen am Ende den ersehnten Todeskuss. Ihre Wahrnehmung allerdings ist stark getrübt, durch phänomenale Lichteffekte (ebenfalls von Klaus Grünberg) verschwimmt das Bühnenportal vor den Augen der Zuschauer wie unter dem Einfluss psychedelischer Drogen.

Von den Künstlerinnen und Künstlern wird die Konzeption des Regisseurs mit geradezu unheimlicher Bühnenpräsenz und bewundernswertem Körpereinsatz umgesetzt. Allen voran Asmik Grigorian in der Titelrolle: Sie stellt die junge Frau mit einer Eindringlichkeit, einer Kraft, aber auch einer zu Tränen rührenden stummen Hilflosigkeit im zweiten Akt dar, die niemanden unberührt lässt. Ihre stummen Schreie gehen zwar durch Mark und Bein, doch erst recht bewegt wird man durch ihre Stimme, welche von unermesslicher Ausdruckskraft ist. Da wird jede Nuance des Leidens, der Sehnsucht hörbar. Eine wunderbare, ja geradezu überragende Leistung dieser jungen Sängerin. Als ihre Gegenspielerin glänzt und beeindruckt im zweiten Akt Barbara Schneider-Hofstetter als Fremde Fürstin. Mit der schneidenden Schärfe ihres hochdramatischen Soprans verhöhnt sie sowohl Rusalka als auch den verunsicherten Prinzen. Jeffrey Dowd kann auf seine reichhaltige heldentenorale Erfahrung der letzten Jahre bauen und bekundet mit der exponierten Lage keinerlei Mühe. Schlaksig, verängstigt und ziemlich verstört bewegt er sich durch diesen Angsttraum der Rusalka. Ganz anders dagegen die Hexe Jezibaba: Agnes Zwierko ist eine die Bühne beherrschende Erscheinung, in ihrer veralteten Cul-de-Paris Robe (die ganz in Schwarz-Weiss gehaltenen Kostüme stammen von Klaus Bruns) strahlt sie eine beängstigende Autorität aus, auch wenn sie liebevoll ihre schwarze Katze streichelt, das arme Tier, welches schon bald sein Leben lassen muss. Die erste Arie der Jezibaba gerät durch das Mitleid erregende Miauen des Tieres beinahe zum Duett. (Vor der Schlachtung wird das lebende Tier übrigens geschickt durch ein Stofftier ersetzt … ) Jens Larsen singt den Wassermann mit bewegender Sonorität. Immer wieder erklingt sein profunder Bass, wie auch Stimmen des Chores, des Jägers, aus dem Zuschauerraum, welcher so zur inneren Stimme von Rusalka mutiert. Elisabeth Starzinger (Küchenjunge) und Thomas Scheler (Wildhüter) müssen stimmlich gegen das Geklapper der Kochtöpfe ankämpfen, doch gerät diese Episode mit den zuckenden Aalen und Karpfen auf dem Küchentisch, welche von der Wassernixe unter dem Tisch leidend beobachtet wird, auch sehr bewegend. Wunderbar sind die rotzfrechen Mädels aus dem Erziehungsheim (Waldelfen) Mirka Wagner, Annelie Sophie Müller und Caren van Oijen. Ihre Auftrittsszene ist bereits ein erster musikalischer Höhepunkt. Der musikalische Leiter Patrick Lange ist ein überzeugender Anwalt für Dvořáks Musik: Mit seinem prägnant aufspielenden Orchester arbeitet er vorzüglich die hart kontrastierenden Farben der Partitur heraus, das Impressionistische ist ebenso präsent wie das Folkloristische und geradezu unheimlich Expressive.

Fazit:

Ein beängstigendes Märchen für Erwachsenen, von packender, albtraumhafter Intensität. Musikalisch ein Ereignis!

Inhalt:

Ein Geisterwesen, die Nixe Rusalka, hat sich in einen Menschen, den Prinzen, verliebt und möchte nun, um ihn zu gewinnen, ein menschliches Wesen werden. Trotz seiner Warnungen vor der Verdorbenheit der Menschenwelt, rät ihr der Wassermann, die Hexe Ježibaba aufzusuchen. Diese erfüllt zwar Rusalkas Wunsch, verlangt aber, dass sie bei den Menschen stumm bleibe. Auf der Jagd begegnet der Prinz Rusalka und nimmt sie mit auf sein Schloss.

Dort begegnet man der stummen, eigentümlichen Braut mit Misstrauen. Auch der Prinz ist durch Rusalkas Schweigen verwirrt und wendet sich der fremden Fürstin zu. Damit bricht er Rusalkas Herz. Vergeblich versucht Rusalka, den Prinzen wieder für sich zu gewinnen. Der Wassermann erscheint, prophezeit dem Prinzen, dass er Rusalkas Umarmungen doch nicht entkommen werde und zieht Rusalka mit sich fort. Der Prinz ist verwirrt, er wirft sich der fremden Fürstin zu Füssen, doch die stösst ihn lachend von sich.

Rusalka beklagt ihr Schicksal: Sie ist nun weder Mensch noch Geisterwesen. Heimatlos wandert sie als todbringendes Irrlicht umher. Ježibaba rät ihr, den Prinzen zu töten, um sich selbst zu retten. Doch dies weist Rusalka empört von sich. Auch Bedienstete des Prinzen, der Küchenjunge und der Jäger, suchen Hilfe bei Ježibaba, da ihr Herr seit Rusalkas Verschwinden total verhext sei. Von Sehnsucht nach der Nixe getrieben erscheint der Prinz wieder am See. Rusalka wirft ihm den Treuebruch vor. Sie warnt ihn auch, dass ihr Kuss ein Todeskuss sein werde. Das kümmert den Prinzen nicht, die Sehnsucht nach der reinen, unverdorbenen Liebe ist stärker. Er stirbt in ihren Armen. Doch Rusalka wird nicht erlöst, als Irrlicht wird sie den von der Natur und der reinen Liebe entfremdeten Menschen ewig Verderben bringen ...

Werk:

Bedřich Smetana und Antonín Dvořák waren die bedeutendsten Vertreter des musikalischen tschechischen Nationalismus im 19. Jahhundert. Mit ihren Opern DIE VERKAUFTE BRAUT, respektive RUSALKA haben sie Werke geschaffen, die sich auch auf internationalen Bühnen grösster Beliebtheit erfreuen. Im Vergleich zu Smetana hat sich Antonín Dvořák mit seinem Opernschaffen schwerer getan. Von seinen zehn Bühnenwerken tauchen neben der immens populären RUSALKA nur KÄTHE UND DER TEUFEL und DER JAKOBINER (Zürich 1978) ab und zu auf den Spielplänen auf. Einerseits liegt das an der unglücklichen Wahl seiner Stoffe (und seiner Librettisten …), andererseits hat er auch Zeit gebraucht, um einem zu ihm passenden Kompositionsstil für die Bühne zu finden. Hin- und hergerissen zwischen Wagnerscher Leitmotivtechnik, der Grand Opéra Meyerbeerscher Ausprägung und den liedhaften Opern Lortzings fand er lange Zeit nicht zu einer eigenen Tonsprache für seine Bühnenwerke. Erst durch den Inhalt seiner neunten Oper, der RUSALKA, wurde er dazu inspiriert, seinen sinfonischen Einfallsreichtum (Vorstudien zu RUSALKA waren seine sinfonischen Dichtungen DIE MITTAGSHEXE und DER WASSERMANN) mit lyrischen und volksliedhaften Elementen zu einem zutiefst beseelten Werk zu verschmelzen. Die Musik, welche er der Nixe zudachte, gehört zu Dvořáks zauberhaftesten und innigsten Eingebungen. Anders jedoch als Strauss und Hofmannsthal in der FRAU OHNE SCHATTEN lassen Dvořák und sein Librettist die Geisterprinzessin nicht durch Domestizierung (sprich Kinder kriegen) ins biedere Bürgertum abgleiten, sondern wagen mit dem Tod des Prinzen und der irrlichternden Rusalka eine bedenkenswerte Utopie und Warnung an die Verdorbenheit der Welt jenseits aller ideologisch verklärten Heilsversprechungen.

Damit und mit der Verknüpfung von Eros und Tod schufen Dvořák und Kvapil mit der RUSALKA ein wichtiges Bindeglied zwischen den existenziellen Werken des 20. Jahrhunderts (LULU, HERZOG BLAUBARTS BURG) und den impressionistischen Schöpfungen eines Debussy (PELLEAS ET MELISANDE) oder Dukas (ARIANE ET BARBE-BLEUE).

Musikalische Höhepunkte:

Měsíčku na nebi hlubokém, Lied an den Mond, Rusalka, Akt I

Čury mury fuk, Ježibaba, Akt I

Vidino divná, Prinz, Akt I

Běda! Běda!, Wassermann, Gäste, Akt II

Ó marno, ó marno, Rusalka, Akt II

Finales Duett Akt II, Fürstin-Prinz

Necitelná vodní moci, Arie der Rusalka, Akt III

Bîlá, moje lani!, Prinz, Akt III

Schlussduett Rusalka-Prinz, Akt III

Informationen und Karten