Berlin, KOB: DER FREISCHÜTZ, 07.02.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der Freischütz

Der Freischütz | Romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Carl Maria von Weber | Libretto : Friedrich Kind | Uraufführung: 21. Juni 1821 in Berlin | Aufführunge an der Komischen Oper: 4.2. | 7.2. | 21.2. | 24.2. | 4.3. | 9.3. | 29.3. | 4.4. | 6.7.2012

Kritik:

Rabenschwarz muss es sein, das Menschenbild des Katalanen Calixto Bieito. In seiner Inszenierung von Webers FREISCHÜTZ an der Komischen Oper Berlin sind Männer wie Frauen samt und sonders primitive, hinterwäldlerische Figuren, welche nur einem Vergnügen zu frönen scheinen: Der Jagd des Menschen auf den Menschen. So wird denn auch nicht die während der Ouvertüre friedlich nach Futter suchende Sau durch den Wald getrieben, sondern ein nackter Mensch, ein Aussenseiter wird gejagt, abgestochen, ausgeweidet. (Dieser spätherbstliche Wald war stimmig gestaltet von Rebecca Ringst und beeindruckend ausgeleuchtet von Franck Evin.) Und wehe dem, der bei den „Spielchen“ dieser paramilitärischen Gesellschaft nicht mittut und es wagt, nicht mit der Meute zu schreien: Er wird gemeinstem Spott und brutalster Verfolgung ausgesetzt. Martin Sperrs JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN lassen grüssen. In der Oper von Carl Maria von Weber und Friedrich Kind sind diese Themen zwar angelegt, doch glauben die Autoren auch an das Gute im Menschen und lassen die Figuren geläutert aus der Handlung hervorgehen. Nicht so Bieito: Bei ihm triumphiert der Pessimismus, nicht einmal dem Eremiten gelingt es am Ende, die Saat der Vernunft, der Aufklärung, des Humanismus, der Religion zu säen – diese Saat fällt auf unfruchtbaren Boden, auch der fromme Mann wird mit Häme überschüttet und der Chor intoniert die Schlussverse Wer rein ist von Herzen … unter schallendem Gelächter und finalen Schüssen. Fürst Ottokar gar biedert sich dermassen bei seinen Kumpanen an, dass er Max am Ende kurzerhand abknallt. Selbst die Vaterliebe existiert in dieser Gesellschaft nicht: Kuno kümmert es wenig, dass seine Tochter im Brautkleid tödlich verwundet am Boden liegt, lieber fuchtelt er mit seinen Waffen herum und stachelt den Blutdurst weiter an. Ja, diese Waffen scheinen als Ersatz für Bildung der Männer zu dienen, das ständige, unbeholfene Fuchteln mit aller Art von Gewehren, vom einfachen Karabiner bis zur modernen Schnellfeuerwaffe, scheint das einzige Vergnügen dieser Männer zu sein – und die Zuschauer ermüdet es. Zuerst findet man es ja noch schlüssig, wie Bieito Schicht um Schicht dieser Primitivlinge freilegt. Doch da er in seiner Arbeit überhaupt keine Sympathieträger zeigt, lässt die Geschichte kalt. Unberührt lässt man die Orgie von Blut und abstossender Gewalt über sich ergehen. Mit Agathe weiss der Regisseur wenig anzufangen, Ännchen (sonst eigentlich die einnehmendste Figur des Werks) ist eine ganz fiese Zicke, von Freundin der schwermütigen Agathe also keine Spur. Max, der Versager, der sich nicht an der Menschenjagd beteiligt, mutiert durch sein Ausgestossensein zum psychisch angeknacksten Rambo, schreit Ich liebe dich und knallt seine Angebetete ab. Und der eigentliche Bösewicht der Oper, Kaspar? Nun er fällt in dieser Umgebung gar nicht mehr als solcher auf. In der Wolfsschluchtszene weidet Kaspar genüsslich ein Braut aus (Max darf unterdessen dem Bräutigam die Kehle durchschneiden, durch diesen Initiationsritus soll er wohl endlich zu einem richtigen „Mann“ werden). Die Freikugeln, welche Kaspar aus dem Unterleib der Braut hervorzieht, werden zur Nebensächlichkeit. Die Rolle des Samiel ist gestrichen, Kaspar führt einen inneren Monolog, welcher aber überhaupt keine Wirkung erzielt. Es wird noch gegen den Baum gepinkelt, die Stämme dürfen bedrohlich wanken, Max zieht sich aus (allerdings nur bis auf die Unterhose, der einspringende Tenor hat sich zu Recht wohl dagegen ausgesprochen, vollkommen nackt zu agieren, wie es der Sänger der Premiere tat). Wirklich grauenerregend ist diese zentrale Szene nicht – verschenkt. Da auch sonst viele Dialoge gestrichen wurden, fehlt in der Geschichte die Geschichte – es bleibt bei mehr oder weniger gelungenen, mehr oder weniger abstossenden, aber leider nicht aufrüttelnden, Szenen.

Musikalisch kann durchwegs von einer soliden Leistung berichtet werden. Unter der deutliche Akzente setzenden, vorwärtsdrängenden Leitung von Patrick Lange erklang Webers Partitur klar durchgeformt aus dem Graben. Dmitry Golovnin sang den Max mit schön timbriertem, trotz leichter Indisposition frei klingendem Tenor. Einige Vokalverfärbungen müssten noch korrigiert werden, ansonsten eine wirklich beachtliche Leistung. Ina Kringelborn vermochte mit sauber angesetzten, schwebenden Piani vor allem in der Cavatine Und ob die Wolke sie verhülle zu gefallen. Julia Giebel sang mit geläufiger Kehle das hier so fiese Ännchen. Carsten Sabrowskis Stimme mag die erforderliche Schwärze für den Kaspar abgehen, doch machte er dies mit einer souveränen Phrasierung und beachtlichem Volumen wett. Alexey Tihomirovs schön intonierte Standpredigt als Eremit ging leider im szenischen Spott etwas unter, dafür konnte sich dank der „Aufwertung“ der Rolle durch Bieito der Ottokar von Günter Papendell stärker profilieren. Hans-Peter Scheidegger als Kuno und Thomas Ebenstein als Kilian ergänzten überzeugend ein Ensemble, welches sich engagiert auf die nicht immer restlos einleuchtenden Absichten des Regisseurs einliess.

Inhalt:

Der Jägerbursche Max möchte Agathe, die Tochter des Erbförsters heiraten. Nach altem Brauch muss er dazu einen Probeschuss ablegen. Doch im Vorfeld des grossen Tages hält er dem Erwartungsdruck nicht stand. Von Versagensängsten geplagt, lässt er sich vom Werkzeug des Teufels (dem Jägerburschen Caspar) zum Giessen von Freikugeln überreden. In der grossartig schauerlichen Wolfsschluchtszene findet um Mitternacht dieses Kugelgiessen statt.

Am Tag des Probeschusses ist nur noch eine Freikugel übrig, und diese siebente Kugel gehört dem Teufel, der sie auf ein Opfer seiner Wahl lenkt. In diesem Fall auf Agathe. Ein Kranz von gesegneten, weissen Rosen des Eremiten schützt jedoch die Braut, die Kugel wird auf Caspar gelenkt. Der Eremit brummt Max ein Probejahr auf und mit der Tradition des Probeschusses soll gebrochen werden.

Werk:

DER FREISCHÜTZ wird als erste deutsche Nationaloper bezeichnet, das Werk markiert aber auch den Beginn der deutschen Romantik. Die Thematisierung des Übersinnlichen, Irrationalen, welches Einzug ins Alltagsleben hält und in der Musik auch in den volksliedhaften Szenen unterschwellig ständig präsent ist, wurde von Weber mit grossartigem Einfühlungsvermögen in die Seelenzustände seiner Protagonisten komponiert. Der "Wald" ist in dieser Oper mit seinen Licht- (Eremit, fröhliche Jägerszenen) und Schattenseiten (Samiel, Wolfsschlucht) ungeheuer präsent. Mit der Gestaltung der zentralen, durchkomponierten Wolfsschluchtszene weist Weber weit in die Zukunft, dringt mit der Gänsehaut erregenden Musik tief vor zu den dunklen Seiten und den Abgründen der menschlichen Psyche.

Die textliche Anregung erhielten Librettist und Komponist aus dem Gespensterbuch von August Apel.

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Nein,länger trag’ ich nicht die Qualen, Arie des Max, Akt I
Schweig, damit dich niemand warnt, Arie des Caspar, Akt I
Kommt ein schlanker Bursch’ , Ariette des Ännchen, Akt II
Wie naht mir der Schlummer, Szene und Arie der Agathe, Akt II
Wie? Was? Entsetzen!, Terzett, Akt II
Wolfsschluchtszene, Finale Akt II
Und ob die Wolke …, Cavatine der Agathe, Akt III
Brautchor und Jägerchor, Akt III

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