Berlin: DON GIOVANNI, 16.10.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten |

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart |

Libretto: Lorenzo da Ponte |

Uraufführung: 29. Oktober 1787 in Prag, Zweitfassung 7. Mai 1788 im Burgtheater Wien |

Aufführungen in Berlin: 16., 21., 23., 26., 29. Oktober 2010 04. November 2010

22., 25., 29. Juni 2011

Kritik:

Die Enttäuschung ist gross nach dieser Mozart-Premiere in der Deutschen Oper Berlin: Eine Inszenierung (Roland Schwab), welche nach starken Bildern zu Beginn immer mehr in eine schenkelklopfende Riesengaudi abdriftet, ein uninspiriertes, flaches Dirigat (Roberto Abbado) mit entsprechenden Koordinationsdefiziten der einzelnen Orchestergruppen untereinander und zwischen Bühne und Graben und einer Besetzung, welche auch nicht in allen Rollen adäquat war.

Zur Inszenierung: Schwab siedelt das Geschehen (im Bühnenraum von Piero Viniciguerra, der wirklich etwas hergeben würde, und mit den smarten Kostümen von Renée Listerdas) in einem metrosexuellen Ambiente an. Ein Bewegungschor multipliziert die beiden abgedrifteten, sich ständig auf der Suche nach neuen Kicks befindenden Lebemänner Giovanni und Leporello, äfft alle Protagonisten ständig nach (dieser Running Gag wird wenigstens bis zum bitteren Ende durchgehalten) und übt sich mal in spastischen, vom letzten schlechten Trip herrührenden mal in meditativen Bewegungschoreographien, kunstvoll einstudiert, aber sinnentleert. Vom Auftritt mit Golfschlägern, mit denen auch der Komtur erschlagen wird (man will schliesslich zeigen, dass man das Geld hat, um den Hobbys der Reichen und Schönen zu frönen) über die Sado-Maso Party im Nachtklub (oder wie sich die Traudl aus Oberbayern halt sowas in der verruchten Grosstadt vorstellt) bis zum Zirkus im zweiten Akt, den Slapstickeinlagen beim Dinner for One (das Publikum zeigte sich belustigt, ha, ha, wir haben´s erkannt...) zu Da Vincis Abendmahl-Bild, umrahmt von Mülltüten, wurde keine Peinlichkeit ausgelassen.. Dafür gab´s für das Inszenierungsteam auch entsprechend viele Buhs am Ende, genauso wie für den Dirigenten und das Orchester, welches sich mit einer solch desolaten Leistung auch keine Streiksympathien holen kann.

Sängerisch gibt’s zum Glück weniger zu bemängeln. Allen voran kann man Ildebrando d´Arcangelo in der Titelrolle und Alex Esposito als Leporello loben, nicht nur für die stimmlichen und sängerischen Qualitäten, auch für den immensen Körpereinsatz. Vor allem Alex Esposito war ständig am Umherrennen, musste im Zirkusbild minutenlang als Liliputaner kauernd spielen und singen, sich balgen und raufen und kannibalistische Fantasien ausleben. Wahnsinn, was dem blendend aussehenden Sänger da abverlangt wurde. D´Arcangelo wusste mit seinem warm und dunkler timbrierten Bassbariton zu gefallen, sang eine herrliche Champagnerarie (welche leider, wie andere „Schlager“ der Oper durch ein Zuviel an Aktionismus empfindlich gestört wurde). Mit den Damen wusste Schwab weniger anzufangen, sie liessen - trotz stimmlich durchaus angemessenen Leistungen – kalt. Marina Rebeka glänzte als Donna Anna mit sicheren und das grosse Haus mühelos füllenden Koloraturen, die Elvira von Ruxandra Donose klang sehr gepflegt, mit schöner Mittellage, leider in der Tiefe (sie ist aber ein Mezzosopran …) etwas dünn. Martina Welschenbach war eine ansprechende Zerlina, das Batti, batti gelang ihr ausgezeichnet. Solide waren Ante Jerkunica als Komtur und Krzysztof Szumanski als Masetto. Dem Don Ottavio von Yosep Kang wurde die zweite Arie gestrichen (sein Tenor klingt zu hell für die Rolle, die Vokale singt er zu offen, was zu einem etwas quäkenden Gesamtklang führt). Ebenso gestrichen wurde das Schlusssextett, ganz im Sinne der Wiener-Fassung – weil der Regisseur den Giovanni nach der mit viel Nebel und rotem Licht angereicherten Höllenfahrt wieder auferstehen lässt und dann der moralisierende Schluss natürlich keinen Sinn ergibt. (Wenn man den DON GIOVANNI schon in einer heutigen Großstadt spielen lässt, hätte man sich ja auch mal was anderes als konventionelles rotes Licht und Nebelschwaden einfallen lassen können.)

Werk:

LE NOZZE DI FIGARO, die erste Zusammenarbeit zwischen Lorenzo da Ponte und Mozart, löste in Prag grossen Enthusiasmus aus. So kam Mozart zu seinem Auftrag, eine Oper für das Prager Nationaltheater zu schreiben. Seit der Uraufführung geniesst das Werk (welches eigentlich den Titel IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI trägt) grösste Wertschätzung und den Ruf als „Oper aller Opern“ (E.T.A.Hoffmann) und regte Denker vom Rang eines Adorno, eines Kierkegaard oder eines Nietzsche zu philosophischen Ergüssen an. Aber all dessen ungeachtet, sind es die direkt ins Herz der Zuhörer und der Charaktere treffende Meisterschaft von Mozarts Musik, seine geniale Einfühlungskraft und die musikdramatisch feinnervig erfasste Vielschichtigkeit der Protagonisten, welche das Werk selbst aus Mozarts Schaffen herausragen und alle anderen Vertonungen des Stoffes neben sich verblassen lassen.

Inhalt:

Um seinen ungebändigten Trieb nach sexuellen Abenteuern zu befriedigen, hat sich Don Giovanni die Tochter des Komturs, Donna Anna, als nächstes „Opfer“ ausgesucht. Doch ihr Vater kommt dazwischen. Don Giovanni ersticht ihn. Donna Annas Verlobter, Don Ottavio, schwört seiner Geliebten, die Tat zu rächen. Giovannis Diener Leporello hat es zwar satt, dem zügellosen Herrn zu dienen, doch lässt auch er sich immer wieder von Don Giovannis Charme (und seiner Geldbörse) einlullen. Eine von Don Giovannis Verflossenen, Donna Elvira, warnt Donna Anna und die junge Zerlina vor dem Verführer Giovanni, denn Don Giovanni versucht sich auch Zerlina in sein Bett zu kriegen, kurz vor ihrer Hochzeit mit Masetto. Als ihre Hilferufe Leute herbeilocken, lenkt er den Verdacht auf seinen Diener Leporello. Durch einen Kleidertausch mit Leporello entkommt er auch den Prügeln der Bauern und kann sich erneut an Donna Elvira heranmachen. Auf dem Friedhof trifft er sich wieder mit Leporello, ausgerechnet am Grab des von ihm ermordeten Komtur. Die Statue beginnt zu sprechen, empört sich über die Störung der Totenruhe. Voller Übermut lädt Don Giovanni die Statue zum Abendbrot auf sein Schloss ein. Vor dem Mahle, zu dem auch Donna Elvira, Donna Anna und Ottavio geladen sind, versucht Donna Elvira nochmals, Don Giovanni zur Abkehr von seiner Lasterhaftigkeit zu bewegen. Vergeblich. Der steinerne Gast erscheint. Don Giovanni bereut keine seiner Schandtaten. Die Flammen der Hölle verschlingen ihn. Im Schlusssextett ziehen die übrig gebliebenen Protagonisten die Moral aus der Geschichte des bestraften Wüstlings.

Musikalische Höhepunkte:

Madamina, il catalogo è questo, Leporello, Akt I (Registerarie)

Ah! Chi mi dice mai, Donna Elvira, Akt I

Là ci darem la mano, Duett Don Giovanni-Zerlina, Akt I

Ah! Fuggi il traditor, Donna Elvira, Akt I

Or sai chi' l'onore, Donna Anna, Akt I

Dalla sua pace, Don Ottavio, Akt I (nachkomponiert für Wien)

Fin ch'han dal vino, Don Giovanni, Akt I (Champagnerarie)

Deh, vieni alla finestra, Don Giovanni, Akt II

Il mio tesoro, Don Ottavio, Akt II

In quali eccessi, Donna Elvira, Akt II (nachkomponiert für Wien)

Non mi dir, Donna Anna, Akt II

Don Giovanni, a cenar teco, Commendatore-Don Giovanni, Höllenfahrt, Akt II

Informationen und Karten