Berlin, Dom: DIE SCHÖPFUNG, 29.04.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Schöpfung

Oratorium in drei Teilen | Musik: Joseph Haydn | Text: Lidley (Linley) nach der Genesis und Miltons PARADISE LOST | Uraufführung: 29. April 1798 im Palais Schwarzenberg in Wien | Aufführungen im Berliner Dom: 30.4. -3.6.2011, jeweils Mittwoch bis Sonntag

Kritik:

Die Musik Joseph Haydns muss ständig gegen das weit verbreitete Vorurteil ankämpfen, zwar hübsch anzuhören, aber etwas bieder und brav zu sein. Dass dem keineswegs so ist, hat der Komponist zum Beispiel in seinen beiden späten Oratorien DIE SCHÖPFUNG und DIE JAHRESZEITEN und in zahlreichen Sinfonien und Konzerten bewiesen. Und wer einen letzten Beweis für die Widerlegung des erwähnten Vorurteils braucht, sollte sich unbedingt DIE SCHÖPFUNG IM BERLINER DOM anschauen und anhören. Da wird einem die elementare Kraft, die Modernität, die erhabene Schönheit aber auch die witzige Verspieltheit des grossen Komponisten der Wiener Klassik auf beeindruckende Weise näher gebracht. Dirigent Christoph Hagel hat ja in der Hauptstadt bereits mehrfach Werke an speziellen Orten zu viel beachteten und erfolgreichen Aufführungen gebracht (ORPHEUS UND EURYDIKE, TITUS im Bode Museum, DON GIOVANNI und COSI FAN TUTTE im Ewerk, "Flying Bach" in der Nationalgalerie). Für DIE SCHÖPFUNG ist der Dom natürlich kein ungewöhnlicher Ort, die Art und Weise der Wiedergabe hingegen schon. Kezia B, Marco Moo und Tina Zimmermann füllen den wilhelminischen Prachtbau mit atemberaubenden Projektionen, spielen mit einer unglaublich spannenden Vielfalt von illustrierenden und interpretierenden Einfällen mit den alt-ehrwürdigen Gemäuern und Strukturen. Nadja Espiritu und Manu Laude haben dazu eine sehr körperbetonte, Stilelemente des Breakdance, aber auch des klassischen Balletts aufgreifende, akrobatische Choreographie geschaffen, welche von den Tänzerinnen und Tänzern mit geradezu stupender Virtuosität umgesetzt wird. Khaled Chaabi (Luzifer), Bente Weiler (Eva) und Manu Laude (Adam) durften sich zusammen mit dem kleinen Tanzensemble und den Kindertänzern zu Recht am Ende vom Publikum enthusiastisch feiern lassen und zeigten als Dank noch artistische Zugaben von geradezu zirkusreifer Klasse. Die ganz in Weiss gekleideten, vier jungen Sängerinnen und Sänger mit solistischen Aufgaben (Darlene Ann Dobisch, Cristiane Roncaglio; Kai-Ingo Rudolph und Christian Oldenburg) welche die Erzengel und Adam und Eva verkörperten, fügten sich mit ihren unverbrauchten, schön timbrierten Stimmen und den unprätentiösen Auftritten wunderbar in den stimmigen Gesamtrahmen ein. Unterstützt wurden sie von den brillant spielenden Berliner Symphonikern unter Christoph Hagel und dem klangschön singenden Berliner Symphoniechor. Eindrucksvoll wurden auch die stückfremden Intermezzi in den bild- und klangstarken Pop-Art-Gesamtrahmen eingebettet, z.B. Debussys "La cathédrale engloutie" oder Marquez´"Danzon dos". Einzig die Tonabmischung müsste nochmals leicht modifiziert werden, da ist noch zu viel Hall im Gesamtklang der akustisch verstärkten Solisten drin. 

Fazit:

Phantasievolle, jugendlich-kraftvolle Bilderflut, welche Haydns Meisterwerk zwar interpretiert, aber nicht erschlägt! 

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