Berlin, DOB: ROMÉO ET JULIETTE, 22.04.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Roméo et Juliette (Berlioz)

Symphonie dramatique | Musik: Hector Berlioz | Paroles: Emil Deschamps, nach Shakespears Trauerspiel | Uraufführung: 24. November 1839 in Paris | Aufführungen in Berlin: 18.4. | 20.4. | 22.4. | 28.4. | 29.4. | 2.5.2015

Kritik:

Hector Berlioz, der geniale Beherrscher der Orchestrierungskunst und bissige Musikkritiker, hat sich stets gegen das Etikett „Romantiker“ verwahrt - und hat doch mit der zentralen Scène d'amour in seiner dramatischen Sinfonie ROMÉO ET JULIETTE eine der zauberhaftesten Kompositionen über das Wunder der Liebe geschaffen. Dieses wunderbare Nachtstück steht auch im Zentrum von Sasha Waltz' Inszenierung der eigentlich uninszenierbaren Komposition. Denn Berlioz erzählt nicht einfach chronologisch die altbekannte Liebesgeschichte. Diese wird bei ihm im Prolog vom Chor relativ schnell und unaufgeregt trocken „abgehandelt“. In seiner Bearbeitung des Stoffes greift Berlioz im weiteren Verlauf des Werks einige wenige Szenen heraus, die er orchestral oder auch mit Einwürfen des kommentierenden Chores verarbeitet. Nun darf man natürlich die Frage stellen, ob eine solche Musik wirklich einer szenischen Umsetzung bedarf oder ob man den Zuhörer, die Zuhörerin nicht doch lieber mit eigenen Bildern in das Drama eintauchen lassen will. Die Deutsche Oper Berlin hat sich entschieden, die Produktion der Choreografin Sasha Waltz zu übernehmen, welche diese bereits 2007 in Paris und 2012 an der Scala di Milano vorgestellt hatte. Und um auf meine Frage zu antworten: Wenn eine szenische Umsetzung, dann diese. Denn dem Team um Sasha Waltz (den Bühnengestaltern Pia Maier Schriever und Thomas Schenk, dem Kostümbildner Bernd Skodzig und dem Lichtdesigner David Finn) ist ein überzeugendes Konzept gelungen, ein Konzept, welches der Musik den ihr zustehenden Raum gewährt und doch meist unaufdringliche, manchmal auch auflockernde Akzente setzt und sensible Bilder findet. Zu Beginn sieht man auf der schwarzen Bühne zwei verschoben übereinanderliegende, unregelmässige Vierecke, von denen sich das obere im Verlauf des Abends anheben, eine Art Rampe bilden wird, um Julia nach der Liebesszene fortzutragen und für den Schlussteil des Dramas eine gefährliche schiefe Ebene bildet, an der Romeo (und seine Liebe) scheitern werden. Schwarze Schlieren auf der weissen Wand symbolisieren das Gift im Blut. Die Tänzerinnen und Tänzer von Sahsa Waltz & Guests tanzen barfuss, stellen stilisierte Raufereien zwischen den verfeindeten Familien der Capulets und Montagus dar, finden sich zu einer rauschhaften Ballszene von der sie dann roboter- oder marionettenhaft abgehen in ihren auf witzige, guignolhafte Art gefüllten Tutus; sie formieren sich zu einem schon beinahe orgiastischen Trauerzug mit Julias vermeintlicher Leiche und vereinen sich mit dem Chor zu einer utopischen Apotheose der Versöhnung im Finale. Die Tanzsprache von Sahsa Waltz ist überaus reichhaltig, klassisches Bewegungsrepertoire hat ebenso seinen Platz wie eine an Breakdance und asiatische Tänze angelehnte Körpersprache. Der Chor singt den Prolog aus dem Graben und erscheint erst zu seinen späteren Auftritten in stilisierten weissen Kostümen, welche an mittelalterliche Roben erinnern, auf der Bühne. Ein grosses Lob gebührt der faszinierenden Lichtgestaltung, welche den schwarz-weiss Kontrast so wunderbar hervorhebt. Aus dem exzellenten Corps der Tänzerinnen und Tänzer ragen die Interpreten von Roméo (Joel Suárez Gómez), Julia (Yael Schnell) und Frère Laurent (Orlando Rodriguez) heraus. Joel Suárez Gómez und Yael Schnell tanzen die Rollen der beiden Liebenden mit stürmischer Ausdruckskraft, verspielt und zärtlich in ihrer Annäherung in der Scène d'amour, leidenschaftlich und tragisch in der Gruft der Capulets, wo besonders Juliettes Erwachen lange in der Erinnerung haften bleiben wird.

Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bleiben der Partitur nichts an fein abgestimmten Farbschattierungen schuldig. Wunderbar sauber intonieren die Blechbläser ihre ausgedehnten Passagen, der Gesamtklang wird nie dick, bleibt stets von zurückhaltender Transparenz geprägt. Die Tempi wirken allesamt stimmig und (Verzeihung Monsieur Berlioz) ausgesprochen romantisch. Es ist eine Musik, in die man sich verliebt, je öfter man sie hört. Die Verarbeitung der bereits im Verlauf des Prologs aufkeimenden Motive ist schlicht genial, vor allem halt eben in der Scène d'amour, wenn sich das Liebesthema so grandios steigert. Einmal mehr exzellent singt der von William Spaulding vorbereitete Chor der Deutschen Oper Berlin, rein und tragend die Piani, differenziert abgemischt im Gesamtklang. Die solistischen Gesangspartien sind mit Ronnita Miller, Thomas Blondelle und Nicolas Courjal ausgezeichnet besetzt. Vor allem Nicolas Courjal macht in der Schlussszene als Frère Laurent stimmlich und auch körperlich eine beeindruckende Figur: Er muss sich zum Teil synchron zusammen mit seinem Tänzer-Double Orlando Rodriguez bewegen und gleichzeitig noch die opernhafte Arie, den Versöhnungsaufruf an die Bewohner Veronas singen. Beides macht der gutaussehende Bass mit bewundernswerter Fulminanz. Biegsam und obertonreich ist seine sonore, leicht ansprechende Stimme, muskulös sein nackter Oberkörper. In dieser Schlussszene muss man Sasha Waltz vielleicht den kleinen Vorwurf machen, dass der derwischhafte Tanz des Frère Laurent etwas gar aufdringlich daherkommt und die Szene zu stark konterkariert. Ronnita Miller begeistert und berührt mit ihrem aparten, von zartem Vibrato umflorten Timbre ihrer Altstimme im Prolog und Thomas Blondelle mit seiner lebendigen Schilderung der Fee Mab.

Fazit: Berührend und schlicht und einfach schön!

Inhalt und Werk:

Dank eines substantiellen finanziellen Zustupfs des Geigenvirtuosen Niccolò Paganini war es Berlioz möglich, seine Schulden zu begleichen und sich der Komposition neuer Werke zu widmen. So entstand diese Symphonie dramatique, welch formal alles bisher Dagewesene sprengte und sogar noch weit über Beethovens 9. Sinfonie hinausführte. Diese Komposition wurde auch eine Wegbereiterin für die Werke Gustav Mahlers

Die Uraufführung war ein grosser Erfolg, selbst auf den oft hochnäsigen Richard Wagner machte das Werk einen gewaltigen Eindruck.

Berlioz' grossangelegte und inspirierte Auseinandersetzung mit Shakespears Vorlage beschreitet ganz neue Wege: Die Grundstruktur einer mehrsätzigen Sinfonie (mit Prolog) in der Abfolge Allegro, Adagio, Scherzo und Finale ist deutlich zu erkennen, doch im Gegensatz zu Beethovens Neunter steht der vokale Teil von Anfang an gleichberechtigt neben orchestralen Passagen im Zentrum der Partitur, so dass das Werk beinahe etwas Oratorienhaftes und im Chor-Finale, das an Webers FREISCHÜTZ erinnert, mit der Arie des Père Laurence opernhafte Züge aufweist.

Berlioz vertonte aber nicht einfach die klassische Vorlage des Liebesdramas, sondern wählte geschickt einzelne Szenen aus, welche ihm für eine musikalische Umsetzung geeignet erschienen. Emotionaler Höhepunkt ist zweifelsohne die 15 Minuten dauernde Scène d'amour: Diesen Satz baut Berlioz auf wenigen Motiven, die er dann schraubenartig in zu Tränen rührender Schönheit aufblühen lässt.


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