Berlin, DOB: ELEKTRA, 04.02.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Elektra

Tragödie in einem Aufzug | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 25. Januar 1909 in Dresden | Aufführungen in Berlin: 4.2. | 7.2.2015

Kritik: 

Der ganz große Jubel (wie bei den meisten Aufführungen der ELEKTRA üblich) wollte sich am Ende nicht einstellen, nach zwei Applausdurchgängen gingen die Lichter im Saal der Deutschen Oper Berlin bereits wieder an. Woran mag es gelegen haben? Am etwas vordergründig lauten Dirigat, der etwas schlichten, leidenschaftslosen Personenführung? Sicher jedoch nicht an der Interpretin der Titelpartie: Die erste Szene der Elektra war überaus hörenswert (Allein! Weh ganz allein): Catherine Foster setzte beinahe liedhaft an, mit zarter Tongebung, verhalten, introvertiert (wunderschön das „zeig dich deinem Kind“), steigerte sich dynamisch in in den Blutrausch („... dann tanzen wir, dein Blut, rings um dein Grab“) und wartete mit fulminanten Spitzentönen auf, doch sie sang immer kontrolliert und sauber auf der Linie und verfiel nie in hysterisches Schreien. Sehr differenziert und mit subtilen Untertönen gestaltete sie auch die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter Klytämnestra (eine ungewöhnlich leise, subtil und verhalten, zum Glück nie keifend singende und etwas blass agierende Waltraud Meier; im Vergleich mit dem 2014 erschienenen Livemitschnitt aus der Philharmonie Berlin unter Thielemann klang Frau Meier an diesem Abend um einiges zurückhaltender und etwas zu vornehm). Mit rührender Innigkeit sang Catherine Foster auch die Erkennungsszene mit ihrem Bruder Orest (O lass deine Augen mich sehen – traumhaft schön). Erstaunlich war, dass ihre Stimme beinahe wärmer klang, als diejenige ihrer sich nach einem „Weiberschicksal“ verzehrenden Schwester Chrysothemis. Manuela Uhl (sie sang diese Partie bereits erfolgreich in der Premiere 2007) stürzte sich mit Verve und Vehemenz in die Rolle und hatte großartiges Momente, war an einigen Stellen jedoch durch das (zu stark?) auftrumpfende Orchester etwas zum Forcieren verführt. Tobias Kehrer sang einen klangschönen Orest, markant und mit sonorer Virilität, vielleicht eine Spur zu eindimensional. Einen sehr gelungenen Auftritt hatte der scheinbar unverwüstliche (und das ist als Riesenkompliment gemeint) Reiner Goldberg als Einspringer in der Rolle des Aegisth (auch er war schon 2007 mit dabei). Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Donald Runnicles liess immer wieder schön herausgearbeitete, lautmalerische Elemente aufblitzen, schwelgte insgesamt jedoch in allzu selbstverliebter Lautstärke. Imposant zwar, aber nicht gerade sängerfreundlich. Zugegeben, die perfekte Klangbalance in diesem komplexen Mammutwerk zu finden, stellt keine einfache Aufgabe dar.

Kirsten Harms´ unaufgeregte und sich um eine klare Linie etwas herum mogelnde Inszenierung in den imposanten Bronze-/Goldwänden von Bernd Damovsky wurde bei dieser Wiederaufnahme ohne den von der Regisseurin anlässlich der Premiere im Jahr 2007 vorangestellten Prolog (Gnecchis CASSANDRA) gegeben. Es wäre wahrscheinlich zu schwierig und zu kostspielig gewesen, für zwei Aufführungen eine Sängerbesetzung für das weitgehend unbekannte Werk zusammenzustellen. Die Sängerinnen und Sänger taumelten also durch die gefährlichen Untiefen des morastigen Kork-Granulats und oft fürchtete man um die Unversehrtheit ihrer Gelenke.  

Inhalt der Oper:

Elektra lebt als Verstossene und Aussenseiterin bei den Hunden im Hof des Palastes von Mykene. Nur der Gedanke, die Ermordung ihres Vaters Agamemnon durch ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth zu rächen, erhält sie am Leben. Sie hofft auf die Rückkehr ihres Bruders Orest, um ihren mörderischen Plan zu verwirklichen. Ihre Schwester Chrysothemis, welche vor der schrecklichen Vergangenheit die Augen verschliessen möchte und sich nach einem normalen „Weiberschicksal“ sehnt, ist ihr keine Hilfe.

Klytämnestra wird von Gewissensbissen heimgesucht, sie hat „keine guten Nächte“. Sie begibt sich zu Elektra, sucht die Nähe ihrer Tochter und Hilfe zur Vertreibung der Dämonen durch Elektras Heilkünste, doch wird sie von Elektra verspottet und gedemütigt. Als Klytämnestra die Nachricht des - vermeintlichen - Todes von Orest ans Ohr dringt, lacht sie erleichtert auf. Elektra ist verstört. Selbst als Orest, welcher absichtlich die Nachricht seines Todes verbreiten liess, erscheint, erkennt ihn die eigene Schwester vorerst nicht. Orest dringt in den Palast ein und erschlägt seine Mutter. Elektra leuchtet Aegisth den Weg in den Palast, wo er ebenfalls von Orest ermordet wird. Chrysothemis meldet den Tod des usurpatorischen Herrscherpaares und die Rückkehr des tot geglaubten Bruders. Elektra beginnt einen ekstatischen Tanz des Triumphes auf dessen Höhepunkt sie tot zusammenbricht. Chrysothemis ruft nach Orest.

Werk:

Mit ELEKTRA ging der Klangmagier Richard Strauss noch einen Schritt weiter als mit der vorangehenden SALOME: Der Orchesterapparat ist gigantisch (111 MusikerInnen werden gefordert), die Leitmotive werden zu dichten Blöcken gefügt, die Grenzen der Tonalität immer wieder getestet und zum Teil gesprengt. Strauss schaffte es, mit dem Riesenapparat eine geradezu elektrisch aufgeladene Spannung zu erzeugen, welche an Intensität bis zum erlösenden, ekstatischen Schlusstanz in triumphierendem C-Dur ständig zulegt. Die an kompositorischem Raffinement kaum zu überbietende Partitur lebt vom Kontrast des Kammerspiels mit einem immer wieder quasi entfesselt auftrumpfenden Orchester. Süssliche Klänge (Walzer der Chrysothemis), tonmalerische Klänge und extreme dynamische Steigerungen (Elektra) wechseln mit herben Dissonanzen und Bitonalität (Klytämnestra). An die drei Frauenpartien werden höchste Anforderungen gestellt.

Berühmte Interpretinnen der Titelpartie waren: Anny Konetzni, Erna Schlüter, Inge Borkh, Astrid Varnay, Christel Goltz, Birgit Nilsson, Ingrid Bjoner, Dame Gwyneth Jones (unvergessen ihre Auftritte in Genf), Deborah Polaski (auch in Zürich in der Berghaus- Inszenierung zu erleben) und Pauline Tinsley.

Der Fluch der Atriden

In Mykene lebten zwei königliche Brüder, Atreus und Thyestes. Thyestes schlief mit Atreus Gemahlin. Nach Entdeckung des Seitensprungs seiner Gemahlin setzte Atreus die aus der ausserehelichen Beziehung entsprungenen Söhne seiner Frau und seinem Bruder zum Frass vor und vertrieb Thyestes. Als Strafe verhängten die Götter dem Reich des Atreus eine Dürreperiode, die erst zu Ende ginge, wenn Atreus seinen Bruder zurückkehren liesse. Unterdessen hatte Thyestes aber mit seiner eigenen Tochter einen „Rächer“ gezeugt, den Aigisth, der unerkannt am Hofe des Atreus aufwuchs und eigentlich von Atreus dazu ausersehen war, den Thyestes nach dessen Rückkehr zu ermorden. Stattdessen erschlug Aigisth seinen Onkel Atreus.
Die Söhne des Atreus, Agamemnon und Menelaos, mussten bald darauf in den Trojanischen Krieg ziehen, um die Gattin des Menelaos, Helena, zu befreien. Um günstigen Wind für seine Flotte zu erhalten, opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie, zum Entsetzen seiner Gemahlin Klytämnestra. Aus Trauer, Wut und Rache über den (vermeintlichen) Opfertod ihrer Tochter gab sich Klytämnestra Agamemnons Erzfeind Aigisth hin. Nach Agamemnons Rückkehr aus Troja (mit der Seherin Cassandra) wurde dieser von seiner Frau und Aigisth im Bade ermordet. Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras, schwor Rache. Ihr Bruder Orest wurde von ihr angefeuert, die Mutter und deren Liebhaber umzubringen.
Die Erinnyen (Rachegöttinnen) verfolgten den Muttermörder. Orest konnte sich vom Fluch, der auf seinem Geschlecht lag, nur durch einen Diebstahl, den er im Tempel von Tauris begehen sollte, befreien. Dort traf er auf seine tot geglaubte Schwester Iphigenie, die jeden ankommenden Fremdling ermorden musste. Noch rechtzeitig erkannte Iphigenie in dem Fremden ihren Bruder und gemeinsam gelang ihnen die glückliche Rückkehr nach Griechenland.

Musikalische Höhepunkte:

Allein! Weh, ganz allein!, Monolog der Elektra

Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren, Chrysothemis-Elektra

Ich habe keine guten Nächte, Szene Klytämnestra-Elektra

Orest, Erkennungsszene Elektra-Orest

Ob ich nicht höre – Schweig und tanze, Schlussszene Elektra-Chrysothemis

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