Berlin, DOB: DIE WALKÜRE, 29.04.2010

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 26. Juni 1870, Hoftheater München

Kritik: (besuchte Aufführung 29. April 2010)

Es menschelt ganz gewaltig in diesem tunnelartigen Bunker, in welchen sich die Götter und ihre Sprösslinge vor dem nahenden Weltenbrand geflüchtet haben. Sieglinde möchte aus ihrer Zwangsehe mit dem brutal-biederen Hunding ausbrechen, Wotan lässt sich von seiner eifersüchtig auf die Einhaltung von Verträgen pochenden Gemahlin Fricka in die Enge treiben, die Lieblingstochter Brünnhilde probt den Aufstand. Götz Friedrich hat das seinerzeit beklemmend realistisch inszeniert: Da ist sowohl der Herd zu sehen, an welchem Siegmund auf seiner Flucht rasten will, als auch der Walkürenfelsen samt dem von Wotan und Loge evozierten Feuerzauber. Ein starkes Bild stellen auch die Modelle der zerbombten Städte Dresden, Berlin und Coventry dar, zwischen denen Wotan seinen inneren Monolog über das nahende Ende seiner Macht hält.

Die Männer hatten an diesem Abend auch stimmlich einen schweren Stand, tonangebend in der Deutschen Oper Berlin waren die Frauen: Evelyn Herlitzius sang eine wunderbar jugendlich und unbeschwert wirkende Brünnhilde. Diese ungestüme Walküre scheint ihrer Stimme weit besser zu liegen als die schwerere Brünnhilde in der Götterdämmerung. Violeta Urmana gestaltete die Sieglinde mit runden, strahlend aufblühenden Tönen, profitierte von ihrem gesunden Fundament und vermochte mit der wohl schönsten von Wagners Phrasen Ohehrstes Wunder Gänsehaut hervorzurufen. Die dritte grosse Frauenpartie, die Fricka, sang Judit Németh mit bezwingender Intensität und Respekt gebietender Kraft. Kein Wunder wirkte Wotan dagegen wie ein Würmchen. Mark Delavans Bariton klang über weite Stellen brüchig, stellenweise rettete er sich in Sprechgesang, wenn dann die Melodieführung wieder ausgreifender wurde, bekundete er Mühe auf der Linie zu bleiben, und wenn, dann nur mit hörbar grosser Kraftanstrengung, welche ein störendes Vibrieren der Stimme zur Folge hatte. Vom Publikum wurde er jedoch - in mir nicht ganz nachvollziehbarer Weise - stürmisch gefeiert. Immerhin rief seine nonchalante Darstellung des noch selbstsicheren Gottes zu Beginn des zweiten Aktes im Publikum Heiterkeit hervor ... doch schon bald musste er sich von seiner dominanten Gemahlin in gramvolle Enge treiben lassen. Clifton Forbis als Siegmund entwickelte sich stimmlich im ersten Akt vom erschöpften Getriebenen zum sich leidenschaftlich in den Inzest stürzenden Bruder. Darstellerisch allerdings nahm man ihm diese Leidenschaft weniger ab. Auch bei ihm muss man leider feststellen, dass die Stimme nicht über ein von Natur aus grosses Volumen verfügt, er muss hörbar hart kämpfen, um neben seiner stimmlich mühelos strahlenden Schwester zu bestehen. Doch dank einer klugen Disposition seiner Kräfte geriet das leidenschaftliche Finale des ersten Aktes begeisternd. Der Hunding von Reinhard Hagen hat natürlich weniger mit Wagners altertümlichem Text zu kämpfen als die Amerikaner Forbis und Delavan. Hagen glänzte mit exzellenter Diktion, runder Tongebung und profundem Bass und wirkte gerade durch seine zurückhaltende, beinahe biedere Darstellung sehr unheimlich. Ganz hervorragend gestalteten die stimmlich vortrefflichen, in schwarzes Leder gekleideten Walküren ihren Auftritt im dritten Akt. (Heidi Melton, Manuela Uhl, Andrea Ihle, Ulrike Helzel, Liane Keegan, Julia Benzinger, Stephanie Weiss, Ewa Wolak)

Donald Runnicles führte das wunderbar spielende Orchester der Deutschen Oper Berlin solide und ohne Patzer durch den Abend - insgesamt hatte er aber mit seinem Dirigat der GÖTTERDÄMMERUNG stärkere und bleibendere Akzente gesetzt.

Das Werk:
Die Walküre ist wie das Rheingold während Richard Wagners Aufenthalt in Zürich entstanden. Unüberhörbar flossen in die Partitur die leidenschaftlichen Gefühle Wagners für seine Mäzenin Mathilde von Wesendonck ein. Es ist dies der “menschlichste” Teil des grossen Epos und damit auch der populärste.

Inhalt des ersten Tages:

Siegmund taucht auf der Flucht vor Verfolgern bei Sieglinde auf. Die beiden Geschwister, Kinder des Göttervaters Wotan, erkennen sich noch nicht. Hunding, Sieglindes ungeliebter Ehemann, tritt auf. Da er ein Feind der Sippe Siegmunds ist, fordert er ihn für den nächsten Tag zum Zweikampf, in dieser Nacht jedoch soll noch das Gastrecht gelten. Sieglinde und Siegmund erkennen sich, Siegmund zieht Wotans Schwert Nothung aus der Esche. Die beiden Geschwister lassen ihren Trieben freien Lauf und zeugen den zukünftigen Helden Siegfried.
Wotans Gattin Fricka, die Hüterin der Ehe, kann und will den Ehebruch der Geschwister nicht dulden. Sie verlangt von Wotan, Siegmund sterben zu lassen. Brünnhilde, Wotans kampfeslustige Tochter, stellt sich auf die Seite Siegfrieds und widersetzt sich dem Befehl ihres Vaters. Siegmund stirbt durch Hunding, Hunding anschliessend durch Wotans Hand.
Brünnhilde vermag es noch, der schwangeren Sieglinde zur Flucht zu verhelfen und gibt ihr die Trümmer des Schwertes mit, dann wird sie vom Göttervater gestellt. Als Strafe verliert sie ihren Status als Walküre und wird „menschlich“. Sie erreicht jedoch noch Wotans Zusage, dass nur der unerschrockenste Held sie erwecken können solle. Wotan nimmt bewegt Abschied von seiner Lieblingstochter, dann befiehlt er Loge, den Walkürenfelsen mit Feuer zu umgeben.

Musikalische Höhepunkte:
Der Männer Sippe, Sieglinde, Aufzug I
Winterstürme wichen dem Wonnemond, Siegmund Aufzug I
Todesverkündung, Brünnhilde, Aufzug II
Walkürenritt, Aufzug III
Wotans Abschied und Feuerzauber, Aufzug III