Berlin: DIALOGUES DES CARMÉLITES, 12.02.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Dialogues des Carmélites

Oper in drei Akten |

Musik: Francis Poulenc |

Text: vom Komponisten, nach dem Bühnenstück von Georges Bernanos |

Uraufführung: 26. Januar 1957, Teatro alla Scala, Mailand |

Aufführungen in Berlin: 12.2. | 18.2. | 25.2.2011

Kritik:

Günter Krämers beklemmende Inszenierung stammt zwar aus dem Jahr 1994, hat aber nichts von ihrer berührenden Intensität eingebüsst. Gerade ihre Schlichtheit zeichnet diese Produktion eines der bewegendsten Werke der gesamten Opernliteratur aus. Fahl-diffuses stets von oben einfallendes Licht, eine drehbare riesige schwarze Wand und ganz wenige Requisiten reichen vollkommen zur Konzentration auf auf das Drama der Nonnen von Compiègne aus, ein trotz der historischen Fixierung zeitloses Stück über Verfolgung, Angst und deren Überwindung.

Rachel Harnisch zeichnete die von panischer Lebens- und Todesangst erfüllte Blanche mit weichem, warmem Timbre, wunderschön intonierten, sanften Pianokantilenen. In diese stimmen auch ihre Leidensgenossinnen im Kloster ein, z.B. Michaela Kaune, als glaubensfeste neue Priorin oder Burcu Uyar mit glockenreinem Koloratursopran als Soeur Constance. Julia Juon gestaltete das Leiden und die Verzweiflung im Todeskampf der alten Priorin Madame de Croissy mit berührender, schmerzerfüllter Eindringlichkeit. Als einzig Überlebende des Massakers an den gläubigen Nonnen sass Mère Marie de l´Incarnation zu Beginn vor dem Gazevorhang. Wie in Trance erlebt sie quasi in ihrer Erinnerung das furchtbare Geschehen nochmals. Ulrike Helzel portätierte diese zwischen äusserlicher Stärke und persönlicher innerer Schwäche wankende Frau mit grandioser Intensität in Darstellung und Stimmführung. Die wenigen Männer in diesem Werk werden von Jörg Schörner (Beichtvater), Thomas Blondelle (Blanches Bruder) und Stephen Bronk (Blanches Vater) mit der gebotenen Zurückhaltung verkörpert.

Unter der Leitung von Yves Abel spielte das Orchester der Deutschen Oper Berlin wunderbar einfühlsam und vermochte die elegisch-religiöse Grundstimmung von Poulencs Werk ausgezeichnet zu transportieren. Die subtil austarierte Dynamik sorgte für ein konzentriertes Zuhören, die grossartigen Sängerinnen wurden vom Orchester (ganz besonders hervorzuheben die fabelhafte Leistung der Holzbläser) fantastisch getragen.

LES DIALOGUES DES CARMÉLITES stellt eigentlich ein Werk dar, an dessen Ende der Applaus fehl am Platz ist. Wenn sich zu den Klängen des Salve Regina die Nonnen zum Schafott begeben, eine nach der anderen durch genau komponiertes Niedersausen des Fallbeils fällt, am Ende Blanche ihre Angst überwindet und aus den Tiefen der Bühne im weissen Kleid in den Märtyrertod schreitet, möchte man am liebsten nur noch ergriffen schweigen.

Inhalt:
Aus Lebensfurcht beschliesst die junge Adlige Blanche de la Force (!) im Jahre 1789 in den strengen Orden der Karmelitinnen einzutreten. Als Schwester Blanche von der Agonie Christi findet sie dort Aufnahme, ist tief erschüttert vom Sterben der alten Priorin, wird unter die strengen Fittiche von Mère Marie de l’Incarnation genommen und freundet sich mit der jungen Schwester Constance an. Nach der Auflösung des Klosters durch das Revolutionstribunal kehrt sie als Magd in das Haus ihres inzwischen hingerichteten Vaters zurück. Sie erfährt von der Verurteilung ihrer Schwestern wegen Hochverrats und fühlt sich dem abgegebenen Gelöbnis des Martyriums verpflichtet, welches Mère Marie durchgesetzt hatte. Blanche folgt den zum Tod durch die Guillotine Verurteilten freiwillig aufs Schafott. Einzig die Initiatorin des Opfergangs, Mère Marie, überlebt die Wirren der Revolution.

Werk:
Die wahre Geschichte um 16 Nonnen, die während der französischen Revolution guillotiniert wurden, bilden den Ausgangspunkt der Geschichte, die Gertrud Le Fort 1931 in die Novelle „Die Letzte am Schafott“ hat einfliessen lassen. Georges Bernanos hat daraus ein Theaterstück gemacht, welches unter dem Titel OPFERGANG EINER NONNE (mit Jeanne Moreau als Mère Marie) auch verfilmt wurde.

Francis Poulenc kürzte das Theaterstück selbst zum Libretto und komponierte eine durchgehend tonale Musik dazu. Damit widersetzte er sich dem damals herrschenden Zwang zum Avantgardismus und zum Serialismus. Seine Musik enthält Anklänge an Monteverdi, Verdi und Mussorgsky und demonstriert damit eine „neue Einfachheit“. Die Orchesterfarben sind meist impressionistisch gehalten, von der grossen Besetzung macht er nur sparsamen Gebrauch. Einzig das auskomponierte Niedersausen des Fallbeils führt in der Schlussszene zu einem veristischen Schockeffekt. Dieser Moment, in welchem die 16 Nonnen das SALVE REGINA intonierend das Schafott besteigen, gehört zu den eindrucksvollsten Musiktheater Momenten überhaupt

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