Berlin, Deutsche Oper: VASCO DA GAMA, 04.10.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Vasco da Gama

Grand Opéra in fünf Akten | Musik: Giacomo Meyerbeer | Libretto: Eugène Scribe | Uraufführung: 28. April 1865 in Paris | Aufführungen in Berlin: 4.10. | 7.10. | 11.10. | 15.10. | 18.10. | 24.10.2015

Kritik: 

Mit der Premiere von VASCO DA GAMA startete die Deutsche Oper Berlin gestern Abend ihr ehrgeiziges Projekt, die drei großen Opern Meyerbeers (neben dem VASCO DA GAMA auch DIE HUGENOTTEN und DER PROPHET) szenisch in der Geburtsstadt des einstigen Erfolgskomponisten im Verlauf der nächsten Spielzeiten zur Diskussion zu stellen. Und dass diese Werke eine Rehabilitation (auch) auf den Hauptbühnen der Musiktheaterszene verdient haben, machte der dankbare Applaus des Premierenpublikums in der Deutschen Oper Berlin deutlich.

Meyerbeers Grand Opéras beeindruckten im 19. Jahrhundert das Publikum mit ihren opulenten Tableaus, den Balletten, den eindrucksvollen Chormassen und den theatralischen Effekten und wurden (natürlich auch wegen der inhärenten musikalischen Qualitäten der Kompositionen) geradezu zu Straßenfegern. Hier und jetzt ist es für das Theater schwieriger, gegen die computeranimierten Effekte des Films anzutreten und das Publikum szenisch in seinen Bann zu ziehen. Das machte die fünfstündige Aufführung von VASCO DA GAMA in der Regie von Vera Nemirova und der Ausstattung von Jens Kilian (Bühne) und Marie-Thérèse Jossen (Kostüme) deutlich. Das Inszenierungsteam hatte sich für eine relativ schlichte Bühne aus sechs gigantischen Segeln und ein aufklappbares Halbrund entschieden. Diese Elemente ließen sich geschickt drehen und wenden um die verschieden Schauplätze zu charakterisieren, die Kuppel des portugiesischen Ratssaals, den Kerker, das Expeditionsschiff, den indischen Tempel, den Garten mit dem Manzanillobaum. Raffiniert eingesetzte Projektionen und Lichteffekte (Ulrich Niepel) auf den Segeln sorgten für zusätzliche Stimmungen. Stilisierte weiße Boote unterschiedlicher Größen, wie wir sie alle im Kindergarten aus Papier gefaltet hatten, symbolisierten im Vordergrund Sehnsüchte nach Freiheit und Rettung, Flucht und Traum.  Nemirova liess eine ganze Gruppe von Flüchtlingen unterschiedlicher Ethnien und Religionen sich auf diese kleinen Boote losstürzen und schlug so einen Bogen zur aktuellen Flüchtlingssituation auf der Welt. Doch irgendwie schien die Mischung aus Stilisierung und Konkretisierung nicht richtig zu funktionieren, das eigentliche Drama der Protagonisten, die komplexen Figurenkonstellationen blieben blass, die ersten beiden Akte bestanden vor allem aus etwas uninspiriertem Herumstehen. Der dritte Akt auf dem Expeditionsschiff dagegen implodierte in einer schrägen Mischung aus Brautparty, Nachtclubszene, Zwangstaufe, Vergewaltigung einer Prostituierten und Ninja-Terroristen-Ballett-Gemetzel und hatte einen Buhsturm des Publikums vor der zweiten Pause zur Folge. Die beiden Indienakte dann glichen einem Blütentraum in Orange-Weiß, mit den etwas deplatziert wirkenden skelettierten Segeln im  Hintergrund.

So blieb es der musikalischen Seite überlassen, das Publikum auf der langen Expedition in seinen Bann zu ziehen. Der Abend begann mit einer Ansage: Ausgerechnet der Star des Abends, der Tenor Roberto Alagna, litt an den Folgen eines grippalen Infekts, erklärte sich aber dennoch bereit, die anspruchsvolle Rolle zu singen. Die ersten drei Akte stand er auch recht wacker durch, überzeugte mit einer gut sitzenden Mittellage und kräftiger stimmlicher Verfassung. Die Indisposition wurde eigentlich erst im vierten Akt, in der delikaten Air Ô doux climat!, hörbar. Vera Nemirova gelang es sehr einleuchtend, den infantilen, selbstherrlichen Charakter dieses emotional unreifen „Helden“ herauszuschälen und Alagna spielte den äußerlich an Che Guevara angelehnten Draufgänger mit einnehmender Präsenz.  Blasser blieben szenisch die beiden sich um ihn rankenden Frauengestalten. Nino Machaidze sang die Ines ziemlich eindimensional, die Stimme verhärtete sich im forte -Bereich unschön. Ihr Timbre ist eigentlich sehr interessant, mit etwas herbem Einschlag und in den lyrischeren Momenten durchaus apart. Im Trenchcoat und mit großer Sonnenbrille im dritten Akt erinnerte sie an Audrey Hepburn, doch die Bedeutung dieses Outfits erschloss sich mir nicht. Sophie Koch sang die indische Königin Selica mit schlankem, warm timbriertem Mezzosopran, wunderschön und vor allem in ihrer langen Sterbe- und Entsagungsszene (wohl einer der längsten der Opernliteratur) tief berührend. Die gesanglichen Lorbeeren des Abends jedoch holte sich Markus Brück als Nelusco: Mit grandioser stimmlicher Differenzierungskunst zeigte er die Vielschichtigkeit im Charakter dieses Mannes. Da wurden sowohl die unterwürfige Liebe zu Selica, als auch die diabolische Lust an der Rache am „weißen“ Mann auf bezwingende Art hörbar gemacht. Der religiös geprägte Fanatismus brach genauso durch wie die humoristisch gefärbte, parabelhafte Geschwätzigkeit. Großartig! Der blendend aussehende Seth Carico sang mit kernigem Bassbariton einen überzeugend machohaften Don Pedro, Andrew Harris gab den patriarchalisch autoritären, Abstimmungen mit Drohgebärden manipulierenden Don Diego. Aufhorchen ließ der strahlende Tenor von Clemens Bieber als Vascos Unterstützer Don Alvar. Solide Stützen des Ensembles waren Dong-Hwan Lee als Großinquisitor, Albert Pesendorfer mit klangschönem Bass als brahmanischer Priester und Irene Roberts als Anna. Sehr schön gestalteten die vier Matrosen ihren Auftritt: Paul Kaufmann, Gideon Poppe, Thomas Lehmann und Michael Adams. Einmal mehr ganz wunderbar differenziert und mit fein abgestufter dynamischer Bandbreite sangen der Chor der Deutschen Oper Berlin und der Extrachor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: William Spaulding).  Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Enrique Mazzola kommentierte mit einer reichen Palette an Klangfarben das Geschehen auf der Bühne. Einige Tempi wirkten ein bisschen gar breit und schienen die Oper ab und an etwas unnötig zu dehnen. Dennoch: Trotz gewisser Einschränkungen ein lohnenswerter Abend, der mehr Lust auf Meyerbeers Werke macht. 

Inhalt:

Zeit: Ende des 15. Jahrhunderts Ort: Portugal und Indien

Ines, die Geliebte des Entdeckers Vasco da Gama, wartet auf dessen Rückkehr von einer seiner Expeditionen. Zuerst trifft jedoch die falsche Nachricht ein, das Expeditionsschiff sei gesunken. Ines' Vater, Don Diego, befiehlt deshalb seiner Tochter, Don Pedro zu heiraten, den obersten Berater des Königs. Doch da erscheint ein Überlebender der Expedition, es ist Vasco da Gama. Er bringt zwei Sklaven mit: Das Mädchen Selica und den Burschen Nelusco. Vasco möchte sogleich zu neuen Entdeckungsfahrten aufbrechen, doch gerät er darüber in Streit mit der Inquisition. Der Grossinquisitor lässt ihn wegen Beleidigung zusammen mit den beiden Sklaven in den Kerker werfen. Im Gefängnis (alle drei befinden sich in der selben Zelle ...) bemerkt Nelusco, dass Vasco in Selica verliebt ist. Da auch er Selica liebt, geht er mit einem Messer auf Vasco los. Selica kann den Mord verhindern. Sie verrät Vasco, dass sie in ihrem Heimatland Königin werden sollte, doch von Sklavenhändlern verschleppt wurde. Sie verrät Vasco einen geheimen Seeweg nach Indien. Ines hat sich inzwischen mit Don Pedro vermählt. Sie hat jedoch beim hohen Rat die Begnadigung Vascos erreicht. Zusammen mit Don Pedro soll er zu einer neuen Expedition aufbrechen. Auf dem Schiff überträgt Don Pedro dem Sklaven Nelusco das Steuer, da er von dessen Seefahrtskenntnissen überzeugt ist. Nelusco will jedoch aus Rache das Schiff ins Verderben steuern. Vasco erkennt die Gefahr, doch Don Pedro negiert sie, lässt Vasco wegen Meuterei fesseln und will ihn erschiessen lassen. In diesem Moment kracht das Schiff auf eine Klippe und Eingeborene entern das Boot. Sie richten ein Blutbad an. Selica, Ines und Nelusco bleiben am Leben, Vasco gelingt unentdeckt die Flucht. Selica wird zur Königin ausgerufen. Sie schwört vor dem Oberpriester der Bahmanen, keinem Fremden das Betreten des Landes zu gestatten. Um Vasco zu schonen, gibt Selica ihn als ihren Ehemann aus. Da Vasco nicht weiss, dass Ines den Schiffbruch überlebt hat, willigt er in die Heirat mit Selica nach hinduistischer Sitte ein. Doch kaum ist die Trauung vollzogen, hört er Ines Ruf in der Ferne. Selica erfährt von Ines, wie tief deren Liebe zu Vasco ist. Sie gibt Vasco frei, da sie merkt, dass er mit ihr nie glücklich werden könnte. Als das Schiff mit den beiden der portugiesischen Heimat zusegelt, begeht Selica Selbstmord durch das Einatmen des giftigen Duftes des Mazanillobaumes. Nelusco findet die Sterbende und will mit ihr im Tode vereint sein.

Werk:

Die äusserst erfolgreichen Opern Meyerbeers (1791-1864) mit ihren historischen Stoffen gerieten ab Ende des 19. Jahrhunderts zusehends in Vergessenheit, die Grand Opéra war ausser Mode, Verismus war in. Zudem litt Meyerbeer nach seinem Tode unter den vernichtenden Urteilen Wagners (der zuerst ein Bewunderer des Komponisten gewesen war), Heines und Schumanns, die in ihm einen Verräter an der „deutschen Kunst“ sahen, da der Jude Meyerbeer eben quasi kosmopolitisch komponierte (Studien bei Clementi und Salieri, Aufenthalte in Wien, Italien und vor allem in Paris). Dort verband ihn eine intensive Arbeitsgemeinschaft mit dem Dramatiker Eugène Scribe. Seine erfolgreichsten Opern entstanden in der französischen Hauptstadt: ROBERT LE DIABLE, LES HUGUENOTS, LE PROPHÈTE und eben VASCO DA GAMA. Diese, seine letzte Oper, geht eigentlich auf die 20 Jahre zuvor begonnene Komposition L'AFRICAINE zurück und wurde unter diesem Titel auch posthum an der Pariser Oper uraufgeführt. Doch eigentlich macht dieser Titel in Anbetracht der geschilderten historischen Persönlichkeiten wenig Sinn (Scribe hatte das ursprüngliche Libretto von L'AFRICAINE auch unter dem Titel VASCO DA GAMA überarbeitet und der alten Afrikanerin damit den von Meiyerbeer geforderten historischen Rahmen gegeben). 2013 brachte das Opernhaus Chemnitz diese Oper in einer historisch-kritischen Edition als erste Bühne zur Aufführung. Die Striche und Eingriffe, welche François-Joseph Fétis 1865 für die Uraufführung vorgenommen hatte, wurden eliminiert, die Produktion in Chemnitz wurde zu einem grossen Erfolg und von der Zeitschrift OPERNWELT als „Entdeckung des Jahres“ bezeichnet. Auch wenn Meyerbeer zu Lebzeiten und vor allem nach seinem Tod viel Kritik einstecken musste (nicht nur antisemitisch braun gefärbte), abgekupfert haben sie alle bei ihm, die grossen Komponisten: Wagner, Berlioz, Offenbach, Verdi, Bizet ... .

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