Berlin, Deutsche Oper: PETER GRIMES, 05.02.2013

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Peter Grimes

Oper in einem Prolog und drei Akten | Musik: Benjamin Britten | Libretto: Montagu Slater, nach Crabbes Poem THE BOROUGH | Uraufführung: 7. April 1945 in London | Aufführungen in Berlin: 25.1. | 5.2. | 9.2. | 13.2. | 15.2.2013

Kritik:

Es gibt Opernabende, bei denen stimmt einfach alles: Ein kompositorisch und dramaturgisch erstrangiges, außergewöhnliches Werk wird in einer musikalisch und szenisch ebenso herausragenden Qualität auf die Bühne gebracht. Die Aufführung von Benjamin Brittens erster ernster Oper, PETER GRIMES, an der Deutschen Oper Berlin ist zweifelsohne ein solcher Abend.

GMD Donald Runnicles erwähnt im Magazin der Deutschen Oper zu Recht, dass PETER GRIMES zu den Top 5 der Opern des 20. Jahrhundert gehört, auf Augenhöhe mit Bergs WOZZECK oder Schostakowitschs LADY MACBETH VON MZENSK. Ich würde sogar noch weitergehen und sagen: Wenn man eine Oper, die nach 1940 entstanden ist, gesehen haben muss, dann ist es PETER GRIMES. Gerade wenn sie in einer dermaßen packenden und atemberaubenden Umsetzung zur Aufführung gebracht wird, wie es gestern Abend in der Deutschen Oper Berlin der Fall war. Wer dem Vorurteil erlegen ist, nach Puccini, Korngold und allenfalls noch Richard Strauss sei kein leicht zugängliches Musikdrama mehr entstanden, wurde eines Besseren belehrt. Die meisten Bühnenwerke Brittens sind dramaturgisch so stark konstruiert, musikalisch so unmittelbar fesselnd und mit einer unglaublichen Einfühlsamkeit in die seelischen Befindlichkeiten der Personen untermalt, dass sie das Publikum in ihren Bann zu schlagen vermögen. Die Musik Brittens ist von enormer Intensität und Durchschlagskraft, bleibt stets melodisch, ohne anbiedernd zu sein. Britten (vor 100 Jahren geboren) besass (wie Giuseppe Verdi, dessen 200. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird) einen untrüglichen Instinkt für die Bühne. So ist es auch zu erklären, dass in der praktisch ausverkauften Deutschen Oper Berlin gestern während der dreieinhalb stündigen Aufführung kaum störende Publikumsgeräusche zu vernehmen waren, die Menschen waren im Bann dieser Musik und der tragischen Geschichte, welche sie transportierte, vollkommen gefangen.

Obwohl David Alden (Koproduktion mit der ENO und der Vlaamse Opera) für eine rundum packende, faszinierende szenische Umsetzung sorgte, soll hier an erster Stelle die musikalische Seite beleuchtet werden. Donald Runnicles und das Orchester der Detuschen Oper Berlin leisteten an diesem Abend Großartiges. Sie entfalteten eine musikalische Sogwirkung, einen Klangstrudel, dem sich niemand entziehen konnte. In den berühmten Zwischenspielen, den Interludes, evozierten sie mit einer reichhaltigen Farbpalette die Kraft, das Bedrohliche des Meeres. Über den ganzen Abend hindurch war dieser „undercurrant“ zu spüren. Kaum glaubte man sich an einer Klippe, an einem ruhigeren Abschnitt des Strandes mal ausruhen zu können, wurde man wieder von einem gefährlichen Klangstrudel weggerissen. Dabei setzten Runnicles und das Orchester nicht auf brachiale Gewalt, sondern erreichten die Faszination durch allergrößte klangliche, kammermusikalische Transparenz, rhythmische Präzision und herausragende solistische Leistungen der Musikerinnen und Musiker im Graben. Doch wenn dann ein Sturm losbrach, die Triebe überhand nahmen, dann entfachten diese fortissimo Stellen umso prägnantere Wirkung! Den absoluten Höhepunkt des Werkes stellt für mich die erste Szene des zweiten Aktes dar: Der Chor mit seinen platten, moralinsauren Einwürfen erklingt gedämpft aus dem Off (der Kirche), kontrastiert mit der die Wahrheit zuerst nicht wahrhaben wollenden Ellen, ihrer darauffolgenden Auseinandersetzung mit Grimes. Der das Werk prägende Gegensatz Individuum-Gemeinschaft wird in dieser Szene besonders augenfällig. Das die Szene abschließende Quartett der Frauen (Ellen die beiden Nichten, Auntie) ist von unbeschreiblicher Schönheit, selbstverständlich auch dank der großartigen, stimmigen Besetzung, welche die Deutsche Oper für dieses Werk zusammenstellen konnte: Christopher Ventris als Peter Grimes erfüllt die hohen Ansprüche der Titelrolle restlos überzeugend. Sein Tenor verfügt über die bruchlose heldische Strahlkraft, vermag Wut, Zorn, bockige Sturheit auszudrücken, aber eben auch Selbstmitleid, Verletzlichkeit, Verwirrung der Gefühle. Er zeigt eindringlich, dass Peter sowohl Opfer als auch Täter ist, wobei Britten die Täterrolle und Schuldfrage im Gegensatz zur literarischen Vorlage ja offener lässt. Bei Ventris Interpretation jedenfalls hat man stets das Gefühl, dass unter der harten Schale, welche sich dieser Außenseiter in dieser bigotten Gesellschaft zulegen musste, eigentlich ein wirklich feiner Kerl steckt. Michaela Kaune ist eine wirklich berührende Ellen, singt die weichen, zarten Melismen und Kantilenen (da soll noch jemand sagen, die englische Sprache sei nicht für Oper geeignet) mit wundersamer Empfindsamkeit und gerade in der „Embroidery“-Arie mit schon beinahe überirdischer Schönheit. Markus Brück als einarmiger Captain Balstrode steht ihr und Grimes mit seinem feinfühlig, warm und weich geführten Bariton stützend zur Seite. Er schafft es geradezu exemplarisch, die Intensität des Ausdrucks ohne vokale Effekthascherei zu erreichen. Diesen drei Sympathieträgern der Oper steht die Dorfgemeinschaft gegenüber: Das Kollektiv wartet mit einer fantastischen Leistung des Chors der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung William Spaulding) auf. Aus dieser Gemeinschaft des Borough treten die androgyne Auntie (mit ausdrucksstarker, erotischer Klangfarbe in der Stimme Rebecca de Pont Davies), ihre beiden rätselhaften Nichten (stimmlich und darstellerisch eine Wucht: Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel), die bigotte, aufhetzerische, Laudanum abhängige Mrs. Sedley (wunderbare Charakterstudie von Dana Beth Miller), der nicht minder bigotte Methodistenprediger Boles (Thomas Blondelle spielt und singt ihn großartig), der schmierige Apotheker Keene (herrlich nonchalant Simon Pauly) und der Swallow (toll gespielt und gesungen von Stephen Bronk) hervor. Dass die Deutsche Oper Berlin selbst kleinste Partien wie den Pastor (Clemens Bieber) und Hobson (Albert Pesendorfer) mit so erstklassigen Kräften besetzen konnte, spricht für das Ensemble des Hauses.

David Alden hat die leider zeitlos tragische Story von Ausgrenzung, bedrohlichen Anflügen von Lynchjustiz, Bigotterie und kollektiver Hetze in der Entstehungs- und Uraufführungszeit des Werkes, also am Ende des zweiten Weltkrieges, angesiedelt (Kostüme: Brigitte Reiffenstuel). Das macht auch in Bezug auf die spezielle Rolle des Komponisten und seines Lebensgefährten Peter Pears (dem Peter Grimes der Uraufführung) Sinn. Die beiden waren ja als Pazifisten und Homosexuelle doppelter gesellschaftlicher Missachtung und Ausgrenzung ausgesetzt, befanden sich im Großbritannien des patriotischen Taumels der Kriegszeit und der verbotenen gleichgeschlechtlichen Liebe in einer schwierigen Lage. Alden gelingt eine wunderbar genaue Charakterzeichnung dieser engen Dorfgemeinschaft, setzt den Chor mit einer geradezu sensationellen Personenführung in Szene (choreographische Mitarbeit Maxine Brahan). Auf der mit einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Elementen ausgestatteten Bühne von Paul Steinberg (mit stimmungsvollen Lichteffekten von Adam Silverman) rollt sich das Drama mit einer beklemmenden Unerbittlichkeit ab. Nach dem mit dumpfen Paukenschlägen evozierten Absinken von Grimes´ Boot herrscht während einigen Sekunden Stille und Betroffenheit im Saal, bevor enthusiastischer Jubel für die Ausführenden losbricht. Ein überwältigender Abend! 

Inhalt:

Ort: Die Ostküste Englands

Der Fischer Grimes wird des Mordes an seinem Lehrbuben verdächtigt, die Dorfbewohner halten ihn für schuldig, doch der Untersuchungsrichter erklärt den Tod für einen Unfall. Gleichzeitig jedoch legt er Grimes nahe, künftig keine Lehrbuben mehr aufzunehmen. Ellen Orford und Kapitän Balstrode sind die einzigen, welche zu Grimes halten. Grimes kann und will auf einen Lehrbuben nicht verzichten (auch wegen seiner latenten pädophilen Neigung). Ellen macht sich trotz eines aufziehenden Sturms auf den Weg zum Waisenhaus, um einen Lehrbuben für Grimes abzuholen. Die im Wirtshaus versammelten Dorfbewohner missbilligen das Vorgehen.

Schon nach kurzer Zeit entdeckt Ellen Spuren körperlichen Missbrauchs beim neuen Jungen. Zwischen Grimes und Ellen kommt es zu einer Auseinandersetzung. Peter wird auch gegenüber Ellen gewalttätig. Die Dorfgemeinschaft kommt aus der Kirche und will Grimes zur Rechenschaft ziehen. Grimes flieht mit dem Lehrbuben. Als die Dorfbewohner sich seiner Hütte nähern, schickt Grimes den Buben fort. Der Knabe gleitet aus, stürzt von einer Klippe und stirbt.

Im Dorf kursieren Gerüchte, da man weder Grimes noch den Jungen kürzlich gesehen hat. Die Meute wird von der bigotten Mrs. Sedley noch zusätzlich gegen Grimes aufgehetzt. Ellen und Balstrode treffen auf Grimes. Dieser ist dem Wahnsinn nahe. Balstrode rät ihm, aufs Meer zu fahren und das Schiff sinken zu lassen, um so der drohenden Lynchjustiz zu entkommen.

Die Meldung eines sinkenden Schiffes macht die Runde im Dorf. Gleichgültig bemerken die Anwesenden, dass eh jede Hilfe zu spät komme und gehen ungerührt ihren Alltagsbeschäftigungen nach.

Werk:

Benjamin Brittens (1913-1976) zweites Bühnenwerk PETR GRIMES (das erste war die "Operette" PAUL BUNYAN) trägt unübersehbar autobiographische Züge: Das Schicksal eines Aussenseiters, ja eines Ausgestossenen. Britten war homosexuell und Pazifist. Seine Lebenspartnerschaft mit dem Tenor Peter Pears wurde gesellschaftlich erst nach seinem Tod anerkannt, als die Queen ein Beileidstelegramm an Peter Pears sandte. Ansonsten sublimierte Britten seine Neigungen in seinen musikalischen Werken, so zum Beispiel in PETER GRIMES, BILLY BUDD, ALBERT HERRING und natürlich in seinem letzten Bühnenwerk DEATH IN VENICE, nach der Novelle von Thomas Mann.

Über seine Musik schrieb Leonard Bernstein: „ ... wenn man ihr richtig zuhört, bemerkt man ihre dunklen Seiten. In ihrem Getriebe wechseln die Gänge nicht butterweich, vielmehr knirschen sie und bereiten grosse Pein.“ Die Oper umfasst ariose Gebilde und aggressive, aufpeitschende Ensembleszenen, daneben ruhiger fliessende Duette und aufbäumende Naturschilderungen der Kraft des Meeres. Diese orchestralen Zwischenspiele hat Britten auch in seinem Orchesterwerk FOUR SEA INTERLUDES zusammengefasst. Orchestraler Höhepunkt ist die Passacaglia im zweiten Akt.

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