Berlin, Deutsche Oper: PARSIFAL, 18.04.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Parsifal

Bühnenweihfestspiel in drei Akten | Musik: Richard Wagner | Libretto: vom Komponisten, nach dem mittelalterlichen Epos von Wolfram von Eschenbach und anderen Quellen | Uraufführung: 26. Juli 1882 in Bayreuth | Aufführungen in Berlin: 5.4. | 18.4. | 21.4.2014

Kritik: 

Als „Bühnenweihfestspiel“ hat Richard Wagner seinen PARSIFAL bezeichnet – und als solches stellt Regisseur Philipp Stölzl Wagners Schwanengesang auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin. Nicht weniger und (leider) auch nicht mehr. Was für eine Art Bühne hier geweiht werden soll, wird nicht ganz klar. Es scheint, dass Mitglieder einer hermetisch abgeriegelten Religionsgemeinschaft (die grauen Betonwände, welche die Bühne umschliessen, lassen dies vermuten) in einer Art Endzeitstimmung nochmals in einen Blut- /Kelch- / Speer- / Reliquien-Verzückungswahn geraten wollen. Dazu führen sie die Passion Christi in einer auf die Bühne gestellten Felsenlandschaft auf (während des weihevollen Vorspiels). Zugleich erzählt der Regisseur damit die Begegnung Kundrys mit dem Gekreuzigten. Wenn sich dann der Vorhang zum zweiten Mal öffnet, sind wir im tiefsten Mittelalter, im Hintergrund erkennt man die Gralsburg Monsalvat und Gurnemanz setzt zu seinen langen Monologen an. Während die Akteure im diffusen Halbdunkel agieren müssen, fällt von oben grelles Licht aus den Neonröhren des Bunkers ein, in welchem diese Religionsgemeinschaft wohl Zuflucht für ihr Mysterienspiel gefunden hat. Damit hat der Lichtdesigner Ulrich Niepel dem Publikum keine Freude bereitet, denn dieses weisse Licht schmerzt bei der Überlänge des ersten Aufzugs das Auge der Zuschauer. Auch im zweiten und dritten Aufzug bleiben uns die Neonröhren und die Felsenlandschaft erhalten.erhalten. Für Klingsors Zaubergarten, der hier als eine Art Kultstätte eines Schamanen oder Voodoo-Zauberers daherkommt, ist das Lichdesign allerdings vortrefflich gelungen mit dem blauen Licht für die Vorbühne und dem flackernd roten für die Felsenhöhle von Klingsors Reich. Im dritten Akt haben die Gralsritter dann jegliche Verkleidungen abgelegt und gruppieren sich in Trenchcoat und schäbigen Alltagskleidern auf der Bühne. Von Monsalvat ist nur noch eine Ruine übriggeblieben. Mit der Installation seiner Tableaux vivants (wobei es mehr tableaux als vivant zu sehen gibt… ) verweigert sich der Regisseur eigentlich einer Aussage zum Stück, ausser der eines dezenten Anprangerns des Fanatismus. Nur der Figur der Kundry hat er eine besondere interpretatorische Aufmerksamkeit geschenkt: Am Ende weigert sie sich die Fusswaschung für Parsifal vorzunehmen, ja selbst zur Taufe muss sie von den fanatischen Anhängern des neuen Führers gezwungen werden. Am Ende versucht sie entsetzt, die verzückten Gläubigen zur Räson zu bringen – vergeblich. Das sind endlich starke Momente einer Regie, welche sich sonst der Aussage eigentlich verweigert hat und streckenweise einfach alles plakativ illustriert. Dabei ist man nie so ganz sicher, ob sich Stölzl und seine Co-Regisseurin Mara Kurotschka mit ihrem an Oberammergau erinnernden Passionsspiel nicht doch ein wenig über den Keuschheits- und Erlösungswahn Wagners lustig machen wollen.

Also konzentriert man sich als Zuschauer ganz auf die Musik und wird an diesem Karfreitag von den Wagner´schen Klängen aus dem Graben und von der Bühne in wahrlich himmlische Sphären getragen. Axel Kober und das Orchester der Deutschen Oper Berlin arbeiten das Weihevolle und das Sinnlich-Polyphone der Partitur grandios heraus. Weiche, feierliche Klänge, schmerzhafte Dissonanzen und erotische Lockungen werden mit Präzision und ohne übertriebenes Pathos oder gar Schwulst evoziert. Dabei gelingt es dem Dirigenten auch, die Lautstärke so zu disponieren, dass die Sänger und der Chor nie zum Forcieren genötigt werden. Da wird man Zeuge, wie z.B. Hans-Peter König als Gurnemanz mit beinahe liedhafter Gestaltungskraft singen kann. Sein wunderbar runder, klangprächtiger Bass begeistert: Herablassend fürsorglich und altersweise kann er klingen, sich zu zu jugendlicher Verve aufschwingen, wenn er Parsifal als neuen Führer installiert. Stefan Vinke in der Titelrolle ist von Beginn weg auch stimmlich ein Mann, kein Knabe. Er tritt stets im schwarzen, etwas zerschlissenen Strassenanzug auf. Sein voll und bruchlos strömender Tenor verfügt über die notwendige Emphase in der Erkenntnisszene des zweiten Aufzugs. Da vermögen auch kleinere Intonationstrübungen nicht weiter zu stören. Evelyn Herlitzius gelingt eine fantastische Kundry: Ihre agile Bühnenpräsenz (sie ist eigentlich die einzige, welche der Erstarrung durch die Tableaux vivants entkommt und so als Charakter Profil erhält), ihr herb-mütterliches und dann auch wieder erotisch eingefärbtes Timbre, die packenden Erzählungen von Herzeleide und die durch Mark und Bein gehenden Schreie, wenn sie von ihrer Begegnung mit Christus berichtet, sind bezwingend! Bo Skovhus gestaltet mit eher hell gefärbtem, sehr eindringlich geführtem Bariton den an seiner Wunde dahinsiechenden König Amfortas. Grossartig seine Diktion, seine Phrasierung im Leiden, sein Zorn auf seinen autoritären Vater Titurel (er zertümmert dessen gläsernen Sarg). Albert Pesendorfer singt diesen mit sonorer Präsenz im ersten Aufzug. Bastiaan Everink gibt einen kernigen, sehr textverständlichen Klingsor und wird unterstützt von herrlich sirenenhaft klingenden Blumenmädchen (kein Wunder wenn man auf der Besetzungliste Sängerinnen wie Martina Welschenbach, Katarina Bradic, Elena Tsallagova, Dana Beth Miller, Christina Sidak und Siobhan Stagg entdeckt!)

Verdientermassen grosser Beifall für den Dirigenten das Orchester, den Chor und die Solisten!

Werk:

PARSIFAL, das letzte Bühnenwerk Wagners, fügt sich nahtlos in sein Schaffen ein. Die Thematik des Erlösungsgedankens, welcher seit seinem FLIEGENDEN HOLLÄNDER sein Werk und seine (zum Teil kruden) Philosophien durchzogen hatte, wird in dieser Oper nochmals in aller Deutlichkeit veranschaulicht: Die Erlösung des Menschen von seinen Sünden durch eine von Mitleid erfüllte, reine Seele. Hier ist es Parsifal, der reine Tor, welcher durch Mitleid wissend wird.

Nach dem Willen Wagners (und vor allem seiner zweiten Frau Cosima) sollte PARSIFAL ausschliesslich in Bayreuth gespielt werden dürfen. Doch die Metropolitan Opera verletzte den Urheberrechtsschutz bereits 1903 mit einer szenischen Aufführung in New York. 1913 lief die offizielle Schutzfrist aus. Cosima kämpfte vergeblich um eine Verlängerung. Das Opernhaus Zürich zeigte die erste legitime und vollständige Aufführung ausserhalb Bayreuths.

Musikalisch gehört Wagners Partitur zum Erhabensten, was der Komponist geschaffen hatte, auch wenn, wie oft bei ihm, gewisse Passagen vor Geschwätzigkeit nur so strotzen (die unendlich langen Erzählungen Gurnemanz'). Doch dann beglückt die Musik wieder mit einem berührenden, nie leeren Pathos, einer unendlichen Schönheit, Tiefe und Reinheit, einem „ausserordentlichen Gefühl, Erlebnis und Ereignis der Seele im Grunde der Musik, das Wagner die höchste Ehre macht.“ (Friedrich Nietzsche, der sich von Wagner abgewandt hatte, nachdem er das Vorspiel I gehört hatte.)

Neben aller Erhabenheit und Schönheit der Musik ist PARSIFAL aber auch ein inhaltlich streckenweise kaum geniessbares Konglomerat aus christlichen (Fusswaschung, Taufe, Abendmahl, heilige Lanze, Christi Blut), buddhistischen (Figur der Kundry mit ihren Wiedergeburten, Verbot des Tötens von Tieren) und freimaurerischen (Initiationsriten, Männerbünde) Ingredienzen. Es wurde als unmenschliches, frauenfeindliches und die sterile Männerwelt und ihre militärisch-mönchischen Ideale verklärendes Spektakel bezeichnet. (Wapnewski). Der von Wagners Witwe Cosima begründete Kult der beinahe alljährlichen „Enthüllung“ des Grals, sprich Aufführung des PARSIFAL im Festspielhaus auf dem grünen Hügel, begründete den an pseudoreligiöse Hysterie gemahnenden Gottesdienstcharakter, welchen eingefleischte Wagnerianer in diesem Werk erleben wollen. Für andere hingegen war PARSIFAL (und seine Zelebrierung in Bayreuth) eine „Geschichte, die ordentlich schlecht riecht wie die Kirche, die nie gelüftet worden ist … eine Weihrauchmuffelei, eine ungesunde geistliche Wundmalverzückung … fast ein Brechmittel.“ (Elisabeth von Herzogenberg).

Inhalt:

Vorgeschichte: Titurel, der Hüter des Heiligen Grals (Kelch, in welchem das Blut Christi vom Kreuz aufgefangen wurde) und des Heiligen Speers (mit welchem Christus am Kreuz die Seitenwunde zugefügt wurde) ist alt geworden. Sein Sohn Amfortas soll sein Nachfolger als Gralshüter werden. Bei einer Auseinandersetzung mit dem abtrünnigen Gralsritter Klingsor erliegt er fleischlichen Verlockungen und hat zudem den Heiligen Speer an diesen verloren. Klingsor fügte ihm damit eine Wunde zu, welche sich seither nicht mehr schliesst.

Oper: Gurnemanz, ein alter Gralsritter, trifft das Weib Kundry, eine Gefallene zwischen Heiliger und Hexe (sie verspottete einst Christus am Kreuz und muss seither unerlöst durch die Welt ziehen). Sie bringt einen Balsam, welcher Amfortas Linderung verschaffen soll. Doch gemäss einer Prophezeiung wird dies nur ein „reiner Tor“ schaffen, der durch Mitleid wissend geworden ist. Dieser scheint in dem Burschen Parsifal gefunden zu sein, welcher in den Park einbricht und einen Schwan erlegt. Doch die weihevolle Enthüllung des Grals, zu welcher ihn Gurnemanz mitnimmt, lässt den Jungen sprachlos zurück. Gurnemanz jagt ihn davon. Parsifal gelangt ins Reich Klingsors. Dieser will ihm mit Hilfe Kundrys die Unschuld rauben. Doch ihr Kuss macht ihm Amfortas' Qualen und deren Ursachen bewusst, er stösst Kundry von sich. Ihr hysterischer Ausbruch ruft Klingsor herbei, welcher Parsifal mit dem Heiligen Speer töten will. Doch der Speer bleibt über Parisfals Haupt schweben, er ergreift ihn, schlägt damit das Kreuzeszeichen und bringt so Klingsor und sein Zauberreich zum Verschwinden. Nach langer Irrfahrt findet Parsifal an einem Karfreitag den Weg zur Gralsburg wieder. Titurel ist unterdessen gestorben und Amfortas hat sich seither geweigert, den Rittern die Gnade und die Kraft der Enthüllung des Grals zuteil werden zu lassen. Parsifal schliesst mit dem Speer endlich Amfortas' Wunde und enthüllt den Gral. Als Zeichen der göttlichen Gnade schwebt ein weisse Taube vom Himmel. Kundry ist erlöst von ihrem Fluch, sinkt zu Boden. Parsifal ist der neue König und Hüter des Grals.

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