Berlin, Deutsche Oper : L’ELISIR D’AMORE, 25.04.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   L'Elisir d'Amore

Opera comica in zwei Akten | Musik : Gaetano Donizetti | Libretto: Felice Romani | Uraufführung: 12. Mai 1832 in Mailand | Aufführungen in Berlin: 25.4. | 30.4. | 3.5. | 8.5. | 10.5.2014

Kritik: 

Regisseurin Irina Brook hat diesen LIEBESTRANK, die inhaltlich (nicht musikalisch!) leichtgewichtige Komödie Donizettis, ernst genommen, vielleicht eine Spur zu ernst. Denn erst nach der Pause kommt die Aufführung in der Deutschen Oper Berlin etwas in Fahrt. Dabei vermag die Grundkonzeption der Regisseurin durchaus zu überzeugen: Die Gutsbesitzerin Adina ist bei Brook die Inhaberin einer Wandertheatertruppe. Zeit: 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, Ort: irgendwo in Italien. Was natürlich schnell Assoziationen mit den frühen Filmen Fellinis aufkommen lässt (LUCI DEL VARIETÀ, LA STRADA). Wobei natürlich Fellinis Gestalten mit ihren melancholischen Zügen um einiges vielschichtiger angelegt sind, als die doch eher stereotypen Figuren, welche Felice Romani für Donizetti entworfen hat, auch wenn der Komponist durch seine Musik vor allem für den Nemorino durchaus eine sentimental-melancholische Sprache gefunden hat. Wenn man nun in der Deutschen Oper den Zuschauersaal betritt, ist der Vorhang geöffnet und auf der kleinen Bühne auf der Bühne wird halbherzig geprobt. Rechts der niedliche Wohnwagen der Chefin Adina, im Hintergrund einige weitere Wagen für die Artisten. Mediterran blauer Himmel, die Abendsonne geht unter, Vollmondnacht folgt. Apartes Bühnenbild und stimmige, farbenfrohe Kostüme (Noëlle Ginefri und Sylvie Martin-Hyszka). Brook führt die Personen sorgfältig und unaufgeregt ein: Nemorino, die Putzkraft der Truppe, der auch schon mal auf der Bühne aushelfen darf, wenn Not am Mann ist, sich dabei aber sehr tolpatschig anstellt, Adina, die Chefin, mit ihrer Lust am Kostümieren, Giannetta, ihre Regieassistentin mit ihrer Vorliebe für Figur betonende Kleidung, den steifen Uniformträger Belcore, den von Außen dazukommenden Scharlatan Dulcamara, dem die Regisseurin ein stummes (aber gebildetes!) Faktotum in Slapstick Manier (mit mehr oder weniger witzigen Zaubertricks: Geoffrey Carey) zur Seite stellt, denn zu zweit lässt sich gekonnter übers Ohr hauen. So plätschert die Handlung etwas bieder und behäbig dahin, einige komische Einfälle veranlassen zum Schmunzeln, grobschlächtig Schenkel klopfend wird es zum Glück nie. Man kann sich entspannt zurücklehnen und dank der gekonnten Personenführung (besonders erwähnenswert auch die witzigen Choreografien für den Chor von Martin Buckó) einen vergnüglichen Abend genießen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Leider kommt die Aufführung auch musikalisch nicht so richtig über das Brave, Biedere hinaus, das Quirlige, Spritzige, Funken Sprühende fehlt im Graben und auf der Bühne. Der trottelige Nemorino wird von Dimitri Pittas sehr rollendeckend gespielt (toller Hüftschwung!), aber etwas gleichförmig und vordergründig laut gesungen. Die Souplesse der Phrasierung geht dem jungen Sänger noch ab, ja selbst die unverwüstliche Furtiva lagrima wirkt leicht brüchig und zu herb. Seine Angebetete, die Adina von Heidi Stober, steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Ihre Stimme zeichnet ein zartes, durchaus sympathisches Vibrato aus, die Dynamik bewegt sich jedoch auch eher im eindimensionalen Bereich und etwas mehr Wärme in der Stimme würde der Rolle bekommen. Simon Pauly gibt einen (zu) sympathischen Belcore, seine schön timbrierte Stimme geht in den Ensembles leicht unter. Nicola Alaimo ist ein schauspielerisch einwandfrei durchtrieben agierender Dulcamara, klanglich für meinen Geschmack aber zu leichtgewichtig. Alexandra Hutton als Giannetta bereichert mit fröhlichem Spiel und spritzigem Silberklang in der Stimme die Ensembles.

Unter der Leitung von Roberto Rizzi Brignoli sorgen vor allem die Holzbläser des Orchesters der Deutschen Oper Berlin und die Banda auf der Bühne für schöne Momente. Den klangschön intonierenden Chor der Deutschen Oper Berlin hat Thomas Richter einstudiert. Am Ende steigt weißer Rauch aus dem Wohnwagen Adinas, in welchen sich Nemorino und seine Chefin zurückgezogen haben: HABEMUS PAPAM, äh AMORE. Und Nemorino hat sich auf der „Besetzungscouch“ Adinas wohl für die Rolle des Tristan empfohlen … .

Herzlicher, aber relativ kurzer Applaus für alle Beteiligten.

Fazit: Oper für die ganze Familie, geschmackvoll und ohne aufgesetzte Regie-Mätzchen in Szene gesetzt. Musikalisch durchaus mit Potential nach oben.

Inhalt:

Der etwas schüchterne, aber liebenswerte Bauer Nemorino ist in die Gutsbesitzerin Adina verliebt, die jedoch anscheinend von ihm keine Notiz nimmt. Sie, die gebildete junge Frau, liest den Landleuten die Geschichte von Tristan und Isolde vor, welche durch einen Liebestrank zueinander gefunden haben. Nemorino ist von der Geschichte beeindruckt. Soldaten kommen ins Dorf. Der wichtigtuerischen Sergeant Belcore flirtet mit Adina und macht ihr gleich einen Heiratsantrag, den diese jedoch abweist. Nemorino gesteht Adina seine Liebe, wird jedoch von ihr verspottet. Der Quacksalber Dulcamaro erscheint auf der Szene und preist seine „Heilmittel“ an.  Nemorino erkundigt sich, ob er auch einen Liebestrank habe. Dulcamara verakuft ihm als Liebestrank eine Flasche Wein, erklärt aber, dass die Wirkung erst nach 24 Stunden einsetze. Der alkohol tut seine Wirkung und Nemorino tritt nun sehr selbstsicher auf, versichert, dass sein Liebeskummer bald vorbei sein werde. Adina ist verärgert und beabsichtigt nun doch, Belcores Heiratsantrag anzunehmen. Als die Meldung eintrifft, Belcores Regiment nüsse unverzüglich aufbrechen,  beschliesst Adina, Belcore noch am selben Tag zu heiraten. Nemorino ist verzweifelt, doch seine Beschwörungen, die Hochzeit noch um einen Tag aufzuschieben, ziehen Spott nach sich.

Adina will mit der Unterzeichnung des Heiratsvertrages zuwarten, bis Nemorino anwesend ist und als Zeuge mit unterschreiben kann. Nemorino verlangt von Dulcamara einen sofort wirksamen Liebestrank, doch hat er kein Geld mehr, um diesen zu bezahlen.  So heuert er in Belcores Regiment an, um vom Sold den Liebestrank bezahlen zu können.

Unterdessen trifft die Nachricht ein, dass Nemorinos wohlhabender Onkel gestorben sei. Die Mädchen umschwärmen den wohlhabenden Bachelor (der von seiner Erbschaft noch nichts weiss). Er führt seine Beliebtheit auf den Liebestrank zurück. Nemorino empfihelt auch Adina, den Liebestrank einzunehmen, da er Anzeichen von Trauer in ihren Zügen zu erkennen glaubt. Adina ist gerührt als sie erfährt, dass Nemorino sich als Rekrut verdingt hat, weist den Trank allerdings zurück. Stattdessen kauft sie den Söldnervertrag von Belcore zurück und gesteht Nemorino ihre Liebe. Dulcamara seinerseits ist nun überzeugt, dass sein Wässerchen nicht nur eine Liebes- sondern auch eine Reichtumswirkung besitzt. So herrscht rundum Friede, Freude, Eierkuchen – ausser bei Belcore, der Dulcamara und seine Scharlatanerien verflucht.

Werk:

Gaetano Donizetti, der Vielschreiber unter den Opernkomponisten Italiens des 19. Jahrhunderts (insgesamt über 70 Opern), schrieb vor seinem Durchbruch mit ANNA BOLENA mehrheitlich Buffo- Opern. In seiner zweiten Schaffensperiode dagegen traten die melodramatischen Tragödien in den Vordergrund (LUCIA DI LAMMERMOOR, LUCREZIA BORGIA, ROBERTO DEVEREUX, POLIUTO u.a.m.) Nichtsdestotrotz ragen aus dieser Periode drei musikalische Komödien aus seinem Werkverzeichnis heraus, von denen eine ununterbrochene Aufführungstradition überliefert ist. L’ELISIR D’AMORE, LA FILLE DU RÉGIMENT und DON PASQUALE. Donizetti mag nicht der grosse Reformator der Musiktheaterszene gewesen sein, doch mit diesen drei Opere comiche emanzipierte er sich deutlich von den Buffoopern Rossinis, indem er nicht mehr die Archetypen der Commedia dell’arte auf die Bühne stellte, sondern seinen Protagonisten sentimentale und gar melancholische Züge verlieh. L’ELISIR D’AMORE entstand in sehr kurzer Zeit: Donizetti hatte eben an der Scala einen Misserfog einstecken müssen (mit UGO, CONTE DI PARIGI) und war daher dankbar, dass ihm die zweite Mailänder Bühne, das Teatro alla Canobbiana ein Angebot machte. Sein Librettist, Felice Romani (welcher auch für Donizettis Konkurrenten Bellini tätig war), griff auf ein Libretto des Vielschreibers Eugene Scribe zurück, LE PHILTRE, welches dieser für eine Oper von Daniel  François-Esprit Auber verwendet hatte. L’ELISIR D’AMORE wurde (trotz nicht gerade optimaler sängerischer Besetzung) zu einem der grössten Erfolge Donizettis und verschwand seit der Uraufführung auch kaum mehr aus dem Repertoire Opernhäuser, ganz im Gegensatz zu  vielen anderen Opern des Meisters.

Das liegt vor allem an den quirligen, abwechslungsreichen musikalischen Qualitäten der Partitur, in welcher es Donizetti meisterhaft verstanden hat,  Buffo-Elemente (Dulcamara, Belcore) und Melancholie zu verschmelzen. Die Moll-Romanze Nemorinos Una furtiva lagrima wurde zum Paradestück lyrischer Tenöre. Das Finale I ist von herzerquickender Frische. 

Musikalische Höhepunkte:

Quanto è bella, quanto è cara, Cavatina des Nemorino, Akt I

Della crudel Isotta, Cavatina der Adina, Akt I

Come Paride vezzoso, Cavatina des Belcore, Akt I

Udite, udite, o rustici, Cavatina des Dulcamara, Akt I

Finale I

La donna è un animale stravagante...Venti scudi, Duett Nemorino-dulcamara, Akt II

L’elisir mirabile, Quartett Nemorino, Giannetta, Adina, Dulcamara, Akt II

Una furtiva lagrima, romanze des Nemorino, Akt II

Prendi, per me sei libero, Adina, Nemorino, Akt II

Ei corregge ogni difetto, Dulcamara, Finale Akt II

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