Berlin, Deutsche Oper: KORNGOLD, BRUCKNER, 29.01.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Bruckner 7. Sinfonie

Erich Wolfgang Korngold: Lieder des Abschieds, op.14 | Uraufführung: 5.November 1921 in Wien (Fassung für Klavier), 14. Januar 1923 in Wien (Fassung für Orchester) | Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 in E-Dur | Uraufführung: 30. Dezember 1884 in Leipzig | Dieses Konzert am 29. Januar 2018 in der Deutschen Oper Berlin

Kritik:

Am 18. März wird Korngolds (leider) wenig gespielte Oper DAS WUNDER DER HELIANE in der Deutschen Oper Berlin Premiere feiern. Anlässlich des Sinfoniekonzerts von gestern Abend in der Deutschen Oper ergab sich die Gelegenheit zur Einstimmung auf den zauberhaften Klangkosmos des „letzten Wunderkinds“, wie Erich Wolfgang Korngold in einer lesenswerten Biografie von Brendan G. Caroll genannt wurde. Es erklangen zu Beginn dieses Konzerts nämlich Korngolds LIEDER DES ABSCHIEDS, in der Orchesterfassung von 1923. Das sind vier Lieder für Mezzosopran, entstanden kurz nach dem Sensationserfolg von Korngolds Oper DIE TOTE STADT, erst nur für Singstimme und Klavier geschrieben, später von Korngold selbst orchestriert – und wie! Das groß besetzte Orchester klingt wie eine Riesenharfe, zart die Singstimme umspielend und begleitend, der Klang wird nie dick oder schwülstig, bleibt warm, tröstlich und trifft den Grundton dieser Abschiedslieder trefflich: Trauern ja, aber nicht allzu stark nachtrauern! Immer wieder wird betont und gar gefordert „lass du von Klagen ab“ (1. Lied), „lehr’s mich doch, mich nicht nach ihr zu sehnen“ (3. Lied, Text von Ernst Lothar, dem Bruder von Hans Müller, des späteren Librettisten von DAS WUNDER DER HELIANE), „Weine nicht, dass ich jetzt gehe“ (4. Lied, auch mit dem Text von Ernst Lothar). Die Mezzosopranistin Irene Roberts traf diesen Grundton mit ihrer schön fokussierten, in der Höhe fein aufblühenden Stimme ganz wunderbar, im ersten Lied vielleicht noch mit einer Spur zu viel Vibrato, das sich jedoch bereits am Anfang des zweiten Liedes (Dies eine kann mein Sehnen nimmer fassen) sofort legte, da dieses Lied einiges erregter klingt, als das erste (Sterbelied). Hier nun konnte Frau Roberts mehr Expressivität in die Stimme legen. Ehrliche Melancholie vermochte sie im dritten Lied auszudrücken („ ... ungeweinte Tränen“), die Stimme fantastisch eingebettet im Orchesterklang (wunderbar die Celesta!). Das letzte Lied mit seinen fast operettenhaften Aufschwüngen („ ... bald ist Liebe dein Geleite“) gelang ebenfalls mit herausragender Anmut, hatte in all seiner Trauer auch etwas Tröstliches, was die Sängerin mit ihrer herrlich aufblühenden Stimme besonders feinfühlig zu vermitteln vermochte. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter seinem Chefdirigenten Donald Runnicles breitete der Sängerin einen farbenreichen, transparenten Klangteppich aus.

Pausenlos ging das Konzert weiter, es mussten lediglich einige Stühle hingestellt werden, da für Bruckners Sinfonie Nr. 7 in E-Dur noch mehr Streicher gefordert waren als für Korngold, und natürlich Stühle für die Wagner-Tuben, welche Bruckner in der siebten Sinfonie erstmals in einem seiner Werke einsetzte. Effektvoll kamen diese im Adagio zum Einsatz, dieser Trauermusik für den „heiligen Richard“, von dessen Tod Bruckner mitten in der Arbeit am Adagio erfuhr. Die Adagio-Sätze in den Sinfonien Anton Bruckners sind ja immer speziell aufwühlend, das Adagio der Siebten ganz besonders, mit seiner gewaltigen Entladung der aufgestauten Trauer, welche am Ende im strahlenden C-Dur – Akkord (mit dem vom Dirigenten der Uraufführung, Arthur Nikisch , angeregten Paukenwirbel und Beckenschlag) explodiert. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin ist ja mit Wagner überaus vertraut, und so bereiteten die gewaltigen Anforderungen an Streicher-Tremoli und ausgedehnte, prominent hervorgehobene Blechbläserpassagen, welche Bruckner dem Orchester auferlegt, den Musiker_innen keinerlei Schwierigkeiten. Bruckners architektonische Türme wurden mit einer grandiosen Selbstverständlichkeit und fein abgestufter Dynamik aufgebaut, nicht nur die gewaltigen Klangwogen vermochten zu fesseln, nein, in dieser Interpretation durch Donald Runnicles waren es auch und vor allem die verhalteneren Passagen, welche die Wiedergabe der Siebten so spannend machten, die genau gearbeiteten Streicherfiguren, die filigranen Holzbläser. So versetzte einen das (nie überdehnt langsam gehaltene) Adagio zeitweise wie in Trance, so ruhig flossen die beiden Hauptthemen dahin, das schwerere erste und das lichtere zweite. Hochklassig, gerade auch von den Blechbläsern, das grell dahinbrausende Scherzo mit dem darin eingebetteten, sanft wiegenden Trio. Die komplexe, vielschichtige und auch überraschende Verarbeitung des melodisch schlicht gehaltenen Materials im Finalsatz erklang in der Wiedergabe durch das hervorragend spielende Orchester der Deutschen Oper Berlin mit Verve und führte nach dem mit unheimlicher Intensität gestalteten Crescendo der Violinen zum (für Bruckner) erstaunlich schnell erreichten, krönenden Schluss – und zum verdienten Jubel des Publikums.

Werke:

Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), dem Wiener Wunderkind, gelangen schon in jungen Jahren Welterfolge, vor allem mit seinen Opern DIE TOTE STADT und DAS WUNDER DER HELIANE (ab dem 18. März in einer Neuproduktion dan der Deutschen Oper Berlin) zu erleben. In seinem erzwungenen Exil während der Naziherrschaft in Deutschland in Hollywood etablierte er sich dort als gefeierter Komponist von Filmmusik und setzte in diesem Genre Massstäbe (für Anthony Adverse und The Adventures of Robin Hood erhielt er je einen Oscar für die beste Filmmusik).

Die 1921 entstandenen Vier Lieder des Abschieds gehören zu Korngold wichtigsten und schönsten Kompositionen. Sie sind zudem mit überraschenden, schwierigen und mutigen harmonischen Entwicklungen durchsetzt, lassen mit ihren ungewohnten Intervallsprüngen in der Singstimme aufhorchen. einiges mag an Vorbilder wie Mahler oder Strauss erinnern, doch weisen sie auch einen beinahe opernhaften Duktus auf und stehen somit auch seinen Opernschöpfungen sehr nahe. Der Zyklus war sehr erfolgreich und Korngold richtet 1923 auch eine Orchesterfassung ein, welche er mit Rosette Anday zur Uraufführung brachte. Rosette Anday schrieb in einem Brief kurz vor ihrem Tod: " ... diese Lieder, welche sicherlich noch ein Comeback im Repertoire der grossen Sänger feiern werden, waren damals sehr 'modern' im besten Sinne des Wortes, ngewohnt, originell und sehr persönlich in der Melodie und der Harmonie. ..."

Anton Bruckner (1824-1896) bekam seine verdiente Anerkennung als Komponist erst in seinen letzten Lebensjahren. Die siebte Sinfonie war die erste, welche zu seinen Lebzeiten einen durchschlagenden Erfolg erzielte und die bösen konservativen Kritiker um den scharfzüngigen Eduard Hanslick endlich etwas zum Verstummen brachte, obwohl Hanslick auch weiterhin über Bruckner lästerte. Bruckners Siebente gehört heute zu den am häufigsten aufgeführten Sinfonien des Meisters aus St.Florian. Nach der Uraufführung verbreitete sich dieses grandiose Werk bald in den musikalischen Zentren Europas und in Übersee. Die Beliebtheit dieser Sinfonie erklärt sich nicht aus ihrer Architektur, denn in ihren gigantischen Ausmassen unterscheidet sie sich kaum von Bruckners anderen Werken. Doch muten die Motive einprägsamer an, der Fluss ist kaum durch die von Bruckner so gern eingefügten Generalpausen unterbrochen, die Melodien erscheinen oft sehr hell, beinahe ätherisch und lieblich. Dadurch liegt sie nahe bei seiner vierten Sinfonie, der romantischen. Im Gegensatz zu seinen anderen Sinfonien liegt die siebente nur in einer Fassung vor.

Erwähnenswert ist insbesondere das wunderbare Adagio: Hier hat Bruckner seine Vorahnung des Todes seines Idols, Richard Wagner, vorausgeahnt. Und tatsächlich erreichte ihn die Nachricht vom Tode Wagners mitten in der Komposition dieses Satzes. In der Coda mit ihren Tuben- und Hörnerklängen hat er dieses „Andenken an des Meisters Hinscheiden“ verarbeitet. Was Hanslick noch als „krankhafte Übersteigerung des Ausdrucks“ und als „unnatürlich und aufgeblasen“ bezeichnete, hören wir heute ganz anders: Der Brucknersche Klangkosmos mit seiner Intensität, seiner aufwallenden Ekstatik, seiner gewagten Harmonik, seiner weihevollen Feierlichkeit und den jubelnden und erhabenen Schlüssen löst in den Konzertsälen rund um die Welt stets Begeisterungsstürme aus.

Karten