Berlin, Deutsche Oper: DIE SACHE MAKROPULOS, 19.02.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die Sache Makropulos

Oper in drei Akten | Musik: Leoš Janáček | Libretto: vom Komponisten, nach einer Komödie von Karel Čapek | Uraufführung: 18. Dezember 1926 in Brünn | Aufführungen in Berlin: 19.2. | 25.2. | 28.2. | 27.4. | 30.4.2016

Kritik: 

Irgendwann holen sie jede und jeden ein, die Schatten der Vergangenheit. Insbesondere wenn man, wie Elina Makropulos, seit 300 Jahren als femme fatale (unter immer wieder anderem Namen, doch immer mit den Initialen E.M. behaftet)auf der Erde wandelt. Gegen die lassitude, welche sich beim ewigen Leben unweigerlich einstellen muss, die Angst vor der Wiederkehr des Immergleichen, hilft auch die Entdeckung der lebensverlängernden Rezeptur nichts mehr, auf die Emilia Marty nun eigentlich angesichts des nahenden Todes angewiesen wäre. Sie findet zwar diese Rezeptur – und in David Hermanns Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin ist diese Rezeptur nichts anderes als die einfache Formel zur Relativitätstheorie, auf welche Einstein den komplexen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit gebracht hat, E(M) = mc². Die Energie, um die sich alles dreht und welche mit ihrer Anziehungskraft die Männer versengt, wie das Licht die Motten, geht also von E.M. aus, dem energetischen Zentrum von Janáceks vorletzter Oper und dem energetischen Zentrum dieser Premiere: Evelyn Herlitzius. Der Sopranistin gelingt ein fulminantes Rollendebüt, eine tiefe psychologische Durchdringung des (umfangreichen) Textes mit Hilfe ihres ungemein ausdrucksstarken und mühelos den Raum füllenden dramatischen Soprans. Sie ist zwar da, die äußerliche Kälte ihrer Hülle (vor allem dargestellt durch die Versechsfachung ihrer Figur), doch darunter schlummert das zerbrechliche feminine Wesen, welches sich vor allem nach Liebe sehnt, eine Liebe, welche sie wohl bloß einmal in ihrem langen Leben erleben durfte und zu der sie am Ende wieder zurückzukehren hofft – zum Raum wird hier die Zeit, auch im Bühnenbild von Christof Hetzer. Sehr geschickt haben er und Regisseur David Hermann die Bühne im ersten Akt quasi zweigeteilt, auf der linken Seite sind wir in der Gegenwart, mit Emilia Martys unvermitteltem und rätselhaftem Auftritt in der Kanzlei des Dr. Kolenaty (ganz hervorragend gesungen von Seth Carico), auf der rechten Seite sehen wir im Halbdunkel in einer Art Pantomime die Vorgänge, um welche es in diesem seit über hundert Jahren andauernden Erbschaftsstreit geht. Das ist vom Bühnenbild und der Inszenierung her ganz großartig gemacht und trägt Enormes zum Verständnis des dialoglastigen Stücks bei. Denn DIE SACHE MAKROPULOS ist eine hochkomplexe Sache, in welcher die Jahrhunderte nur so durcheinander wirbeln, genau wie die Buchstaben rund um die Initialen E.M., welche auf dem weißen Theatervorhang schließlich zur erwähnten Einstein’schen Formel führen. Janáčeks Oper birgt ja die Gefahr, dass man vor lauter Mitlesen der Übertitel manche musikalische Kostbarkeit, welche aus dem Graben aufsteigt, gar nicht mitbekommt. Denn wie stets (und gerade in dieser Oper besonders ausgeprägt) lebt die musikalische Sprache des grandiosen Tschechen vor allem durch die motivische Kleingliedrigkeit und deren kunstvolle Verschränkungen und Verarbeitungen. Bei Donald Runnicles und dem herausragend gut und überaus farbenreich spielenden Orchester der Deutschen Oper Berlin ist diese Musik bestens aufgehoben. Das schillert, blitzt, wühlt auf und oszilliert aus dem Orchestergraben, dass es eine wahre Freude ist und man sich diese Oper am liebsten gleich nochmals angehört hätte – und für einmal muss man dazu nicht einmal die Augen schließen, denn David Hermanns Inszenierung ist klug, schlüssig und überaus geradlinig, kommt ohne amorphe Verästelungen und Rätsel aus. Viel zum Verständnis tragen auch die Kostüme von Christof Hetzer bei: Er lässt das „ewige Weib“ durch die Jahrhunderte wandeln, von der griechischen Tracht der Tochter des Leibarztes Makropulos, über die Schottin Ellian MacGregor, die Sängerin Eugenia Montez bis zur Diva Emilia Marty. Das bedeutet, dass auf der Bühne eben nicht nur das Konversationsstück abläuft, sondern dieses geschickt durch inszenatorische Einfälle untermalt, aufgewertet und erklärt wird. Die Männer rund um E.M. sind in dieser Aufführung ganz hervorragend besetzt: Ladislav Elgr (Albert Gregor), Derek Welton (Baron Jaroslav Prus), Paul Kaufmann (Vitek) und Gideon Poppe (Janek) nutzen ihre Auftritte allesamt zu prägnanten Momenten. Einen solchen hat insbesondere auch Robert Gambill, welcher im Kostüm eines traurigen Harlekins als verschrobener Hauk-Sendorf im zweiten Akt die Selbstsicherheit der gefeierten Diva Emilia Marty ins Wanken bringt und zur Aufdeckung ihres Geheimnisses entscheidend beiträgt. Jana Kurucová gibt mit ihrer herrlich warm und füllig timbrierten Stimme eine großartige Krista, Rebecca Raffell hat einen imposanten Auftritt als autoritär-androgyne Aufräumefrau in der Theatergaderobe des zweiten Aktes, Adriana Fefezka lässt als Kammerzofe aufhorchen.

Ja, es wird sich lohnen, sich diese Produktion ein weiteres Mal anzusehen, um tiefer in die Strukturen von Raum und Zeit und Janáceks Musik einzudringen. Denn schon Hofmannsthal/Strauss hatten erkannt: Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding ... .

Fazit: Ungetrübter Applaus für alle Beteiligten – zu Recht. Eine rundum gelungene Aufführung, klug und textgenau inszeniert und mit grandioser Intensität musikalisch umgesetzt. 

Inhalt:

Josef Ferdinand Prus verstarb kinderlos 100 Jahre bevor die Handlung einsetzt. Da kein Testament aufgefunden wurde, ging das Erbe an eine Nebenlinie des Verstorbenen, doch wurde dieses Urteil von einem Neffen der Mutter des Verstorbenen, Karl Ferdinand Gregor, angefochten. Der Erbstreit zieht sich nun schon hundert Jahre hin. In der Kanzlei des Anwalts Kolenaty taucht just am Tag der Entscheidung vor dem Appellationsgericht die Sängerin Emilia Marty auf und teilt dem Anwalt mit, wo das Testament aufgefunden werden kann. Zudem bestätigt sie, dass Gregor der Sohn von Prus und einer Sängerin namens Ellian MacGregor sei. Als Gegenleistung für ihre Informationen will sie die anderen Papiere haben, welche sich in diesem Geheimfach befinden. Tatsächlich werden die Papiere gefunden und Gregor gewinnt den Erbstreit. Die anderen Papiere jedoch hat Prus an sich genommen.

Nach einer Opernvorstellung steht die junge Sängerin Krista vor dem Problem, sich zwischen der Liebe zum jungen Janek Prus und der Kunst entscheiden zu müssen. Emilia Marty tritt hinzu und beleidigt das junge Liebespaar. Ein alter Mann, Hauk-Schendorf, glaubt in Emilia die spanische Sängerin Eugenia Montez wiederzuerkennen, die er vor 50 Jahren geliebt hat. Janeks Vater Jaroslav konfrontiert Emilia mit Liebesbriefen, die er beim Testament gefunden hat und die alle mit E.M. unterzeichnet sind. Er glaubt, dass es sich dabei um Elina Makropulos gehandelt habe und nicht um Elliane MacGrogor, d. h. die Erbschaft falle nicht Gregor zu, sondern allenfalls der Familie Makropulos. Emilia bietet Jaroslav eine Liebesnacht für die Herausgabe seiner Dokumente an, nachdem der Versuch, Janek zum Diebstahl zu bewegen, gescheitert ist. Jaroslav Prus geht auf den Handel ein. Sein Sohn Janek begeht Selbstmord.

Unter den Papieren, welche Prus nun Emilia aushändigt, befindet sich auch das von Emilia so sehnsüchtig gesuchte Schriftstück: Es enthält ein Rezept eines lebensverlängernden Elixiers des griechischen Leibarztes von Kaiser Rudolf II., Makropulos, welches dieser an seiner Tochter Elina ausprobiert hatte, die daraufhin ins Koma fiel, sich jedoch wieder erholte und nunmehr seit 300 Jahren mit wechselnden Identitäten lebt, doch immer die Initialen E.M. benutzt. Die 300 Jahre der Wirksamkeit des Elixiers sind nun um und Emilia trachtete danach, ihr Leben nochmals zu verlängern. Doch nun, da sie die Möglichkeit dazu hat, will sie nicht mehr – sie ist des Lebens und der immergleichen Wiederholungen müde geworden. Sie reicht das Schriftstück Krista, die es jedoch verbrennt. Elina Makropulos (Ellian MacGregor, Eugenia Montez, Emilia Marty) bricht tot zusammen.

Werk:

Leoš Janáček sah die Komödie von Čapek 1922 in Prag und begeisterte sich sofort für den Stoff, wobei er das Stück deutlich weg vom Lustspiel in Richtung eines Gerichtsthrillers verschob. Den Text zu seiner Oper verfasste er selbst. Die Dialoglastigkeit dieses Librettos kam Janáček entgegen, war er doch stets bemüht, seinen Kompositionsstil der Sprachmelodie anzunähern. Doch war in diesem Werk sehr viel Text zu vertonen, die reflektiven Momente sind (bis auf die Schlussszene der Emilia Marty) gänzlich ausgespart. Nach einem für Janáček unüblich ausgedehnten Vorspiel fällt der musikalische Duktus relativ nüchtern aus, wobei auch in diesem Werk immer wieder kleinste melodische Phrasen und Motive aufhorchen lassen. Erst in dieser Schlussszene entwickelt sich nach dem Gerichtskrimi das Psychodrama, obwohl auch hier die Kantilene der Emilia relativ herb gehalten ist und kaum weit geschwungene Bögen enthält. Doch durch die Einwürfe der Umstehenden und des unsichtbaren Männerchors erreicht der Komponist eine überaus expressive Kraft in diesem Finale. Die Partie der Emilia Marty ist eine sehr dankbare Aufgabe für deine dramatische Sopranistin und so taucht diese nicht ganz einfache Oper ziemlich häufig auf den Spielplänen auf, als Vehikel für eine grosse Sängerdarstellerin. Berühmte Interpretinnen waren u.a. Elisabeth Söderström, Anja Silja, Karan Armstrong, Hildegard Behrens, Catherine Malfitano, Gabriele Schnaut und Josephine Barstow.

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