Berlin, Deutsche Oper: DIE ÄGYPTISCHE HELENA, 01.04.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Die ägyptische Helena

Oper in zwei Akten | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 6. Juni 1928 in Dresden | Diese Wiederaufnahme an der Deutschen Oper Berlin: 19.3. | 1.4. | 8.4.2016

Kritik:

Erstaunlicherweise war dies gestern Abend erst die siebte Vorstellung dieser sehens- und hörenswerten Produktion aus dem Jahr 2009. Woran mag es bloss liegen, dass ausgerechnet diese Oper aus der sonst so erfolgreichen Zusammenarbeit Strauss/Hofmannsthal so selten auf den Bühnen auftaucht? Die Datenbank von Operabase listet die drei Aufführungen in Berlin gar als einzige szenische Produktion in dieser Spielzeit - und auch letztes Jahr fanden nur zwei konzertante Abende in Frankfurt statt. Um auf die Frage zurückzukommen: Bestimmt nicht an der Musik! Denn Strauss hat auch bei dieser Oper sein reichhaltiges, musikalisches Füllhorn ausgeschüttet, Zeugnis seiner überschwänglichen Instrumentationskunst abgeliefert. Für die HauptrollenträgerInnen hat er zwar schwierig zu singende, aber dankbare Partien geschrieben. Viel eher liegt die Schuld am mangelnden Erfolg des Werks beim allzu blumig-wortreichen und stellenweise arg verquasten Libretto des wie stets um seine Vorherrschaft bemühten Dichters Hugo von Hofmannsthal. Und sicher hat Strauss hier im Vergleich zum Erfolgskonversationsstück DER ROSENKAVALIER bedeutend dicker, süffiger orchestriert und damit der beabsichtigten mythologischen Ehekrise-Operette die Leichtigkeit genommen. Aber wie dem auch sei, wenn man sich nicht allzu sehr in die Handlung und den Text verbeisst und auch die Konnotationen aus der griechischen Mythologie nicht immer präsent hat, kann man den kurzweiligen Abend in der Deutschen Oper Berlin voll geniessen. Marco Arturo Marelli, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, siedelt das therapeutische Geschehen in einem orientalischen Boudoir zur Zeit der Entstehung des Werks, also Mitte der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts an. Augenzwinkernd nimmt er die ständige Einnahme der Zaubersäfte (bewusstseinserweiternde Drogen) im Bühnenbild auf, Sessel und Diwans beginnen zu schweben, das Minarett vor dem Fenster steht kopf, das Licht erhält einen psychedelischen Touch. Mit fantasievollen Kostümen aus der Welt des Orients und des Okzidents hat Dagmar Niefeind die Szene bereichert. Andrew Litton und dem von ihm geleiteten Orchester der Deutschen Oper Berlin gelingt es wunderbar, die parfümierte Üppigkeit der Strauss'schen Orchestersprache zum Erklingen zu bringen, all die Farbigkeit und auch den schelmischen Witz der Instrumentation zu transportieren. Wie oft (meist!) bei Richard Strauss sind die Gesangspartien der Damen dankbarer und "sanglicher" ausgestaltet als diejenigen der Herren. Einmal mehr hat Richard Strauss für den Tenor (Menelas) schwierig zu bewältigende Hürden aufgestellt, die Tessitura in einer unangenehm hohen Lage angesetzt und durch die doch reichlichen Orchesterfluten auch das Singen im Mezzoforte oder gar Piano verunmöglicht. Stefan Vinke nun hat die notwendige Kraft und Ausdauer für diese mörderische Rolle. Zu Beginn klingt er zwar noch etwas gaumig und verquollen, doch bereits während des ersten Ehezwistes singt er sich frei und lässt den ganzen Abend stimmlich nicht mehr nach, gestaltet diesen kriegstraumatisierten Helden ohne jegliche Ermüdungserscheinungen. Die Helena an seiner Seite ist (wie bereits vor sieben Jahren) Ricarda Merbeth anvertraut. Diese Sängerin muss man in der Rolle erlebt haben: Wunderbar funkelnd das silberne Strauss-Timbre, jedoch nie stählern metallisch klingend. Mühelos öffnet sie die Resonanzräume zu den aufblühenden, brillant geschliffenen Höhen, geradezu orgiastisch schwingt sie sich in und nach der "Zweiten Brautnacht" quasi zum Postorgasmus hoch. Als Paartherapeutin (die auch selbst therapiebedürftig ist) agiert die umtriebige Zauberin Aithra, welche von Laura Aikin mit einnehmend hellem, koloraturgewandtem Sopran gesungen wird. Ein Ereignis (einmal mehr) ist der wandlungsfähige Alt von Ronnita Miller als alles-wissende Muschel. Ganz hervorragend harmonieren auch die Stimmen der drei Elfen (hier eher leicht bekleidete Verführerinnen im orientalischen Freudenhaus) von Elbenita Kajtazi, Alexandra Ionis und Rebecca Raffell. Derek Welton als attraktiver Wüstenfürst Altair, Andrew Dickinson als sein Sohn Da-ud (witzig die Einspielung von Szenen aus Rudolph Valentinos Film DER SCHEICH bei ihrem Auftritt), sowie Alexandra Hutton und Stephanie Weiss als Dienerinnen ergänzen das stimmige Ensemble. Wenn dann Vinke und Merbeth nach diversen, bedrohlichen Krächen (wie Michael Douglas und Kathleen Turner in ROSENKRIEG) zum ekstatischen Schlussgesang anheben, die "Gewogenen Lüfte" die Stimmen in rauschende Höhen schrauben und Aithra das Kind des Paares auf die Bühne zaubert, steht dem versöhnlichen Schluss nichts mehr im Wege. Eheprobleme gelöst, Trauma des zehnjährigen, sinnlosen Krieges (um Troja) überwunden - ach wäre das wirkliche Leben doch so einfach!

Inhalt:

König Menelas ist nach dem trojanischen Krieg mit seiner Frau Helena (deren Entführung der Auslöser für den zehnjährigen Krieg war) auf der Fahrt in die Heimat. Er traut seiner Gattin nicht (hat sie ihn nicht doch mit Paris betrogen???), will sie als Sühne für die vielen Toten opfern, welche der ihretwegen geführte Krieg gefordert hatte. Auf einer nahegelegenen Insel wartet Aithra (von einer allwissenden Muschel über die Reisenden aufgeklärt) auf die Rückkehr ihres vermutlich untreuen Geliebten Poseidon. Aithra will Helena retten. Sie entfesselt einen Sturm, Menelas und Helena können sich auf Aithras Insel retten. Aithra verabreicht den beiden einen Vergessenstrunk. Sie täuscht Menelas vor, dass die „trojanische“ Helena gar nicht existiert, ein Phantom gewesen sei. In Wirklichkeit warte sie auf ihren Gatten, unverändert in ihrer Schönheit. Menelas sinkt glücklich auf Helenas Lager.

Beide erwachen nach der „zweiten Brautnacht“ in einem Palmenhain und schwelgen in der wiedererlangten gegenseitigen Liebe. Doch Menelas Stimmung wandelt sich. Er glaubt nun, dass diese Helena bloss ein Geschöpf der Zauberin ist. Der Wüstenscheich Altair und sein Sohn Da-Ud treten auf. Die beiden Männer erliegen Helenas Reizen und wollen Menelas die schöne entreissen. Altair lädt Menelas auf die Jagd ein. Aithra bemerkt eine Verwechslung der magischen Tränke durch ihre Dienerin: Sie hat Helena nicht nur einen Vergessens- sondern auch einen Wiedererkennungstrank gegeben. Helena freut sich darüber, denn Menelas soll sich ihrer erinnern, so wie sie einst für ihn war. Auf der Jagd hat Menelas unterdessen Da-Ud getötet (den er für Paris gehalten hatte). Menelas (noch immer unter der Wirkung des Vergessenstranks) weiss nicht, was er angerichtet hat. Helena kredenzt ihm den Wiedererkennungstrank. Menelas erkennt nun alle Facetten des Charakters seiner Frau, die guten und die schlechteren, und akzeptiert sie alle. Altair unternimmt einen Versuch, Rache für seinen Sohn zu nehmen, wird jedoch von Aithra (und einer Phalanx von Kriegern Poseidons) daran gehindert. Aithra hat unterdessen auch Hermione, die gemeinsame Tochter von Menelas und Helena herbeiholen lassen. Die frisch zusammengeführte Familie kann in ein neues Leben aufbrechen.

Werk:

Nach der parabelhaften Oper über die Beziehungen der Geschlechter, dem mit Metaphern nur so angereicherten Monumentalwerk DIE FRAU OHNE SCHATTEN, wollte Strauss eine in der gegenwärtige, bürgerliche Alltagswelt spielende Variante einer Paarbeziehung komponieren. Doch Hofmannsthal verweigerte ihm für INTERMEZZO die Zusammenarbeit. Erst beim nächsten Werk, DIE ÄGYPTISCHE HELENA, klappte die Partnerschaft der beiden Giganten wieder. DIE ÄGYPTISCHE HELENA stellt quasi die mythische Variante von INTERMEZZO dar. Aus der ursprünglichen Absicht, eine Art leichtfüssiger Offenbachiade im Sinne von LA BELLE HÉLÈNE zu schreiben, wurde allerdings nichts. Hofmannsthal be- und überfrachtete den Stoff mit intellektualisierter Tiefgründigkeit – und Strauss folgte ihm darin noch so gerne. Er komponierte für die Neurosen des Menelas, die „Eroberungs- und erotischen Annäherungsbemühungen“ der Helena eine überaus reichhaltig instrumentierte Partitur, allerdings wahrt er geschickt die klangliche Transparenz. Aithra wird quasi zur psychoanalytischen Ehetherapeutin (obwohl auch ihre Beziehung zu Poseidon, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, alles andere als frei von Problemen ist). DIE ÄGYPTISCHE HELENA hat es im Gegensatz zu anderen Opern Strauss' nicht ganz ins Stammrepertoire geschafft. Das liegt weniger an der Musik, welche den Komponisten zeitweise am Gipfel der Klangfluten in postwagnerianschen Meisterschaft zeigt. Eher steht dem Erfolg beim breiten Publikum der, wie erwähnt überfrachtete, Text Hofmannsthals im Wege, dem die sich auf Anhieb erschliessende Plausibilität schlicht abgeht.

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