Berlin, Deutsche Oper: DER ZWERG, 12.04.2019

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Der Zwerg

Oper in einem Akt | Musik: Alexander von Zemlinsky | Libretto: Georg C. Klaren, nach Oscar Wildes DER GEBURTSTAG DER INFANTIN | Uraufführung: 28. Mai 1922 in Köln, unter der Leitung von Otto Klemperer | Aufführungen in Berlin: 24.3. | 27.3. | 30.3. | 7.4. | 12.4.2019

Kritik:

Es ist ein hochkomplexes - und letztendlich auch fatales - Spiel mit Spiegelungen, welches Regisseur Tobias Kratzer mit Zemlinskys Oper DER ZWERG an der Deutschen Oper Berlin treibt: Natürlich bildet die finale Spiegelung des zwergenhaften Künstlers und Musikers, der nun seine (verdrängte?) körperliche Hässlichkeit erkennt und daran zerbricht, den eindringlichen Höhepunkt. Aber gespiegelt wird auch das Orchester auf der klinisch in Weiß gehaltenen Bühne, die einen Konzertsaal darstellt. Gespiegelt werden die Selfie-gesteuerten Freundinnen der Infantin, mit ihrem Zwang zur medialen Selbstdarstellung und dem Buhlen nach Likes. Gespiegelt wird auch musikalisch, indem dem ZWERG ein pantomimischer Prolog mit Musik des Zemlinsky-Schülers, Freundes, Konkurrenten und Schwagers Arnold Schönberg vorangestellt wird, nämlich dessen Begleitmusik zu einer Lichtspielscene für Orchester op.34. Dieses rund 10minütige Stück wird auf der Bühne als quasi autobiografisches Intermezzo (und Trauma) aus dem Leben des Komponisten gezeigt, in einem ganz konkreten Ambiente aus der Jahrhundertwende. Man sieht Zemlinsky mit seiner Lieblingsschülerin Alma Schindler, die spätere Gemahlin von Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel. Man sieht die Annäherungsversuche Zemlinskys, wenn da beide am Flügel sitzen, den komplizierten Klavierpart von Schönbergs Musik spielen. Adelle Eslinger und Evgeny Nikoforov spielen das mit großartiger Eindringlichkeit. Alma ist fasziniert und zugleich abgestoßen von Zemlinsky, fasziniert von seinem Intellekt, abgestoßen von seiner Hässlichkeit. Dieses traumatische Erlebnis muss Zemlinsky vermutlich zeit seines Lebens verfolgt haben, sublimiert hat er es wohl eben in seiner Oper DER ZWERG, nach Oscar Wildes Kunstmärchen DER GEBURTSTAG DER INFANTIN. Kratzer zeigt dies im Prolog mit aller Drastik: Den Ekel Almas, das Begehren Zemlinkys, das ihm regelrecht den Atem raubt, die Selbsterkenntnis der Hässlichkeit im Spiegel des Salons – genau eine Vorwegnahme der Handlung in der Oper. Man kann sich natürlich fragen, ob der Einschub dieses Prologs wirklich notwendig war. Meines Erachtens ja, denn man kann ja nicht davon ausgehen, dass alle Besucher die autobiografischen Bezüge des Werks kennen, somit ein kluge und sinnfällige Entscheidung des Inszenierungsteams um Regisseur Tobias Kratzer und Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier. Und Kratzer findet dann auch eine überzeugende Bogenbildung vom Prolog zum Ende der Oper: Nachdem der Zwerg seine Hässlichkeit wahrgenommen hat, wirft er all die Büsten der großen Komponisten der Vergangenheit, welche das Konzertpodium säumten, zu Boden, während er singt Es ist nicht denkbar, dass es so Hässliches auf der schönen Erde gibt. Nach seinem Tod platziert der Haushofmeister eine Büste Zemlinskys auf den Ehrenplatz in der Mitte.

Nach der Üppigkeit der Ausstattung in Zemlinskys Salon erschreckt zuerst die Sterilität des Konzertraums in der Oper. Doch das Spiel, die Emotionen und die schillernde Farbigkeit der Partitur würden eine Verdoppelung auf der Szene wohl nur schwer ertragen lassen. Somit kann man sich voll und ganz auf die Interaktionen konzentrieren, und die sind nun wirklich emotional ganz schwere Kost: Das leichtfertige, verwöhnt trotzige Spiel mit dem lebenden „Geschenk“ Zwerg der Prinzessin Clara (wunderbar klar und hell und rein gesungen von Elena Tsallagova), die ungemein spannende Aufspaltung der Rolle des Zwergs in einen Sänger und einen Schauspieler. David Butt Philipp singt den schwierigen Part mit biegsamem, nie hysterisch klingendem Tenor, wunderbar weich, aber auch erschütternd in seiner Selbsterkenntnis am Ende. Als realer Kleinwüchsiger wurde der Schauspieler Mick Morris Mehnert mit der Darstellung des Zwergs betraut. Grandios und berührend. Hoch spannend auch, wie dann das zunehmende Interagieren zwischen dem Sänger und dem Darsteller umgesetzt wurde, wie da auf faszinierende Weise eben auch wieder eine Spiegelung zwischen Sein und Schein aufbrach, die bis zum Selbsthass führte und letztendlich starb der Zwerg nicht einfach so an brutaler Selbsterkenntnis, sondern wurde von seinem Alter Ego, dem Musiker und Sänger,  regelrecht erdrosselt. Ganz wichtig in der Oper ist die bei Wilde nicht vorkommende Figur der Ghita: Dies mütterliche Lieblingszofe der Donna Clara soll für sie quasi die Drecksarbeit erledigen, d.h. den Zwerg mittels des Spiegels mit seiner Hässlichkeit konfrontieren. Ghita gerät in einen fast nicht auszuhaltenden Zwiespalt zwischen „Mitleids- und Wahrheitsfuror“ wie es Tobias Kratzer im hervorragenden Programmheft ausdrückt. Emily Magee leiht der Ghita ihre warme Stimme, die im Verlauf des Abends zunehmend an Dichte gewinnt, von anfänglicher Kühle bis zu hochemotionalen Regungen in der zentralen Konfrontationsszene. Faszinierend! Mit traumhafter Diktion und rund geführter Baritonstimme überzeugte Philipp Jekal als Haushofmeister. Mit klanglicher Raffinesse sangen die Damen des Chors der Deutschen Oper Berlin und steuerten den silbernen Klang bei, der für diese Zeit so typisch ist, den man bei Schreker und Strauss eben auch hört. Zu Beginn allerdings war das für meinen Geschmack noch etwas zu dünn, da hätten die Damen ruhig etwas vehementer gegen das von Donald Runnicles geleitete Orchester der Deutschen Oper Berlin ansingen dürfen, auch wenn das Orchester natürlich eine sehr prominente und dankbare Aufgabe in dieser schillernden Partitur hat, die im Verlauf der knapp 90 Minuten zunehmend an Intensität und emotionaler Dichte zulegt.

Der Applaus bei dieser leider vorläufig letzten Vorstellung war zu Recht enorm, und das Haus auch sehr gut gefüllt.

Inhalt:

Prinzessin Donna Clara wird 18 und mit Geschenken überhäuft. Der türkische Sultan macht ihr ein ganz besonderes Geschenk: Einen lebenden Zwerg. Donna Clara ist fasziniert (zumal der Zwerg auch noch wunderbar singt), auch davon, dass der Zwerg sich selbst noch nie in einem Spiegel gesehen hat und deshalb nichts von seiner Missgestalt weiss. Der Zwerg verliebt sich unsterblich in Donna Clara und merkt nichts von dem koketten Spiel, welches die Prinzessin mit ihm treibt. Donna Clara schenkt ihm eine weisse Rose und erlaubt ihm gar ein Kuss. Als er sich in einem Spiegel erblickt, zerbricht seine Seele. Von Donna Clara wird er als Tier verlacht. Sterbend küsst der Zwerg die weisse Rose, träumt zu zarten Klängen seinen Liebestraum weiter, bevor ein Fortissimo-Akkord in c-Moll die Tragödie beschliesst.

Werk:

Alexander von Zemlinsky (1874-1942) war eine bedeutende Persönlichkeit der Wiener Musikszene um die Jahrhundertwende 19./20. Jh, als Komponist und als Lehrer (u.a. von Schönberg). Auch die charismatische Alma Schindler, die - spätere Gemahlin von Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel – gehörte zu seinen Schülerinnen. Zemlinsky - „kleinwüchsig, kinn- und zahnlos, ungewaschen und immer nach Kaffeehaus riechend“ (Zitat Alma Mahler) – war in seine Schülerin vernarrt, verlor sie jedoch an Gustav Mahler. Seine Oper DER ZWERG trägt somit durchaus autobiografische Züge. Die Partitur ist von vorwärtsdrängender, schillernder Eindringlichkeit, reichhaltig instrumentiert und geprägt von der nachwagnerianischen, spätromantischen Chromatik und Sinnlichkeit. Ursprünglich hätte Franz Schreker das Libretto schreiben sollen, doch setzte er den Wilde'schen Gedanken schliesslich in seiner eigenen Oper DIE GEZEICHNETEN um, welche ebenfalls um die Thematik des hässlichen Aussenseiters kreist.

Der Jude Zemlinsky geriet nach seiner Emigration 1938 in die USA in Vergessenheit. Er starb verarmt 1942 im Bundesstaat New York. Erst ab den 70 Jahren des vergangen Jahrhunderts wurde er wieder entdeckt, seine Lyrische Sinfonie stellt inzwischen einen bedeutenden Pfeiler des sinfonischen Repertoires dar. Auch einige seiner insgesamt acht Opern fanden den Weg zurück auf die Bühne, v.a. die beiden Einakter nach Vorlagen von Oscar Wilde: EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE und DER ZWERG.

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