Berlin, Deutsche Oper: DAS WUNDER DER HELIANE, 22.03.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann |

Oper in drei Akten | Musik: Erich Wolfgang Korngold | Text: Hans Müller-Einigen, frei nach einem Mysterium von Hans Kaltneker | Uraufführung: 7. Oktober 1927 in Wien | Aufführungen in Berlin: 18.3. | 22.3. | 30.3. | 1.4. | 6.4. 2018

Kritik: 

„Wunder gibt es immer wieder ...“ sang Katja Epstein 1970 am Concours Eurovision de la Chanson und der Schlager zielt mit dieser Aussage in die richtige Richtung, denn was wäre das für eine arme Welt, wenn wir nicht mehr auf Wunder hoffen dürften, an Utopien glauben könnten, in der Liebe, in der Politik, in der persönlichen „pursuit of happiness“, wie sie gar die Verfassung der Vereinigten Staaten garantiert. Über das allegorische Wunder (der Auferweckung eines Toten) in Korngolds Oper machen sich erstaunlicherweise viele Besucher und Kritiker lustig, akzeptieren solche Wunder aber widerspruchslos z.B. in den Opern Wagners (LOHENGRIN, PARSIFAL), in Strauss’ DIE FRAU OHNE SCHATTEN oder in unzähligen Filmen, in Fernsehserien und in der Literatur, wo Übersinnliches breit akzeptiert und gar als spannend empfunden wird.

Ein zumindest musikalisches Wunder offenbart sich mit der Neuproduktion von Korngolds leider immer noch vernachlässigter Oper DAS WUNDER DER HELIANE an der Deutschen Oper Berlin. Der Dirigent Marc Albrecht und das mit funkelnder Expressivität auftrumpfende Orchester der Deutschen Oper Berlin legen ein überschwängliches Plädoyer für den Komponisten Erich Wolfgang Korngold ab, lassen die gewaltige Partitur mit geradezu magischer Faszination erklingen, breiten einen Klangteppich aus mit einer reichhaltigen Palette an Farben, Harmonien und Dissonanzen, bi- und polytonalen Schärfungen, fantastisch ausgehorchten und nachgespürten intimeren Momenten und gleißenden, mitreißenden Ausbrüchen des vollen Orchesters, es entsteht ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Vorbildlich sind die Dynamik und die Plastizität der klanglichen Ballungen gehalten, es kann laut werden (muss es auch!), unbestritten, aber nie zu laut, in keinem Moment geht die Balance zwischen Bühne und Graben verloren. Dirigent und Orchester werden dann auch bereits nach der Pause und erst recht am Schluss geradezu enthusiastisch gefeiert.

Die Gesangspartien gehören zu den anspruchsvollsten der Opernliteratur – was mit ein Grund sein dürfte, warum das Werk so selten auf der Bühne zu erleben ist. Wiederbelebungsversuche in Bielefeld oder Kaiserslautern blieben jedenfalls folgenlos, die CD Einspielung im Rahmen der Reihe „Entartete Kunst“ fand zwar viel Beachtung, führte jedoch ebenfalls nicht zu einer Wiederbelebung der Oper auf der Bühne. Nun wartet jedoch die Deutsche Oper Berlin mit einer geradezu überwältigenden, ja rasend guten Besetzung auf  - nicht nur bei den drei Hauptpartien, sondern insbesondere auch bei den Nebenfiguren. Im Zentrum steht natürlich die Lichtgestalt der Heliane, welche von Sara Jakubiak mit Eleganz, Würde und einer im wahrsten Sinne des Wortes himmlischen Stimme gegeben wird, einer Stimme, welche einnehmende Wärme, Ehrlichkeit und Sinnlichkeit ausstrahlt, in der man ihre Liebe zu den Noten spürt, da ist eine Zärtlichkeit, eine Empfindsamkeit der Tongebung hörbar, die tief berührt. Natürlich ist die zentral in der Oper platzierte Arie Ich ging zu ihm (das einzige Stück der Oper, das bis heute „überlebt“ und in diverse Konzerte und Arienalben berühmter Sopranistinnen Einzug gehalten hat) ein Höhepunkt der Aufführung. Sara Jakubiak hält dieses Plädoyer für die unschuldige Erotik und das tief empfundene Mitleid mit leuchtender stimmlicher Eindringlichkeit, schraubt sich in dem von Korngold fast bis zum Überdruss in der gesamten Partitur immer wieder verwendeten Motiv (darin ist er seinem Zeitgenossen Schreker z.B. in DIE GEZEICHNETEN nicht unähnlich) in Sekundenschritten höher bis zum orgiastischen Kulminationspunkt, welcher schon die Überwindung der biblischen Erbsünde vorausahnen lässt. Ihre zarte Intonationskunst von Doch schön war der Knabe an ist einfach wunderbar.

Die Partie des namenlosen Fremden, der mit messianischer Botschaft in die hermetisch abgeriegelte Gesellschaft der (vom ebenfalls namenlosen Herrscher) aufoktroyierten Lustunterdrückung eintritt, ist eine der ganz großen Herausforderungen für Tenöre. Bereits der erste Akt kann es mit dem dritten Akt TRISTAN aufnehmen, ja ist wahrscheinlich noch schwieriger zu bewältigen. Mit Brian Jagde ist diese Rolle herausragend gut besetzt: Sein Tenor strömt mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit und Sicherheit, lodert sinnlich aufgeladen bei seinem Begehren nach Erotik und Sex. Überzeugend argumentiert er vor mit dem Herrscher im ersten und vor Gericht im zweiten Akt und führt Heliane nach seiner Auferstehung im Schlussakt mit tröstender Furchtlosigkeit vom Zwischenreich auf den Weg ins Elysium. Der Herrscher wird von Josef Wagner mit ungeheurer Prägnanz gesungen, er verfügt über die stimmlichen und darstellerischen Zwischentöne, welche aus seiner Figur eben auch einen Menschen machen, seine Härte und emotionale Kälte erklären. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Fremden im ersten Akt gerät so zu einer hoch spannenden Angelegenheit (Liebe flieht mich, Macht allein ist mir geblieben). Eine tolle Leistung! Als Botin (und wohl einstige Geliebte des Herrschers) begeistert Okka von der Damerau mit Dämonie und genüsslicher Häme, einer Stimme wie geschaffen z.B. für die Amme in DIE FRAU OHNE SCHATTEN. Eine stimmliche Offenbarung ist auch Derek Walton als Pförtner, ein balsamisch intonierender Bariton mit großartiger Bühnenpräsenz. Burkhard Ulrich als blinder Schwertrichter und Gideon Poppe als junger Mann ergänzen zusammen mit den sechs Richtern (Andrew Dickinson, Thomas Florio, Clemens Bieber, Philipp Jekal, Stephen Bronk) das exzellente Ensemble auf der Bühne. Einer besonderen Erwähnung bedürfen die seraphischen Stimmen aus dem Off von Sandra Hamaoui und Nicloe Haslett. Dieser Effekt  ist von Korngold treffsicher platziert und wird von den beiden Sängerinnen eindringlich gestaltet. Herausragend agiert und singt der Chor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: Jeremy Bines). Diese Chornummern sind gespickt mit ungeheuren Schwierigkeiten der Polyphonie und die Sängerinnen und Sänger des Chors sind diesen Anforderungen mehr als gewaschsen.

Der Regisseur Christoph Loy, der Bühnenbildner Johannes Leiacker und die Kostümbildnerin Barbara Drosihn und der Lichtdesigner Olaf Winter nehmen die Üppigkeit, den sinnlichen Reiz, das Mystische, das Allegorische der Opernschöpfung Korngolds und seines Librettisten in ihrer optischen Umsetzung leider nicht auf. Die Geschichte wird zwar gradlinig und schnörkellos (immerhin), doch viel zu nüchtern abgespult. Es schien, man wolle auf Biegen und Brechen den Vorwurf des Kitsches vermeiden. Leiacker hat einen Einheitsraum für alle drei Akte geschaffen, es ist einer der heutzutage in vielen Inszenierungen üblichen holzgetäfelten, schmucklosen Räume. Er assoziiert einen Gerichstsaal (als Inspirationsquelle diente laut Dramaturgin wohl Billy Wilders Gerichtsdrama WITNESS FOR THE PROSECUTION mit Marlene Dietrich und Charles Laughton), einen fast hermetisch abgeriegelten Raum, ein Kerker für die Gesellschaft. Die Kostüme (auch hier dominieren schwarze heutige Businessanzüge für die Männer, schwarze Kostüme und Kleider eher im Stil der 50er Jahre für die Frauen). Heliane allerdings trägt bei ihrem ersten Auftritt ein strahlend weißes Abendkleid, das Grace Kelly oder Lana Turner in einem schwarz-weiß Film der Epoche getragen haben könnten. Dieses Kleid lässt Heliane dann vor dem Fremden fallen und steht in der von ihm begehrten Nacktheit vor ihm. Sara Jakubiak macht dies mit bewundernswerter Natürlichkeit, die Präsenz der nackten Sängerin hat in keinem Moment etwas Provozierendes oder gar Peinliches, auch dank der einfühlsamen Lichtgestaltung. Ausgerechnet der Fremde jedoch, der Sinnlichkeit und Freude in das trostlose Land des Herrschers bringen wollte, trägt einen schlecht sitzenden Anzug, zudem in Grau. Eine überaus rätselhafte Kostümdramaturgie. Die Personenführung Christoph Loys ist an vielen Stellen gut gelungen und einleuchtend (Herrscher – Botin, Herrscher – Fremder, Heliane alleine und die Szenen des wankelmütigen und so leicht manipulierbaren Volkes). Was allerdings die in smarten Anzügen dekorativ herumstehenden und –sitzenden, gutaussehenden jungen Männer auf der Bühne sollten, erschließt sich nicht ganz – außer dass sie sich nach dem Schuldspruch Helianes ein wenig an ihr vergreifen dürfen.  Gut gelungen ist auch die im fahlen Licht angesiedelte Schlussszene, in der der Fremde Heliane mitnimmt, aus dem trostlosen Raum mit der stehen gebliebenen Zeit geleitet, hinaus in eine neue, hoffentlich paradiesische Freiheit.

Der Jubel für alle Ausführenden war am Ende immens und verdient. Vielleicht geschieht das Wunder doch noch, dass eine zu unrecht vernachlässigte Oper den Weg zurück auch auf die großen Bühnen findet, vielleicht auch in einer Inszenierung, die etwas weniger nüchtern und dafür dem Mysterienspiel oder wenigstens der Metapher etwas gerechter wird. Denn „Wunder gibt es immer wieder“!

Werk:

Wer oder was ist schuld daran, dass DAS WUNDER DER HELIANE, die Oper, welche Korngold für seine beste hielt, nie den Durchbruch ins Standardrepertoire geschafft hat?

Vielleicht sein Vater, der Kritiker Julius Korngold, welcher im Vorfeld der Uraufführung eine Polemik gegen Krenek und sein späteres Erfolgswerk JONNY SPIELT AUF vom Zaune riss? (Als Folge des Streits reagierte die österreichische Zigarettenindustrie mit den beiden Marken JONNY [billig] und HELIANE [teuer]). Oder Korngold selbst, welcher es dem aufgeklärten Publikum mit der Vertonung des hart am Religionskitsch vorbei schrammenden Sujets nicht leicht macht und zudem mit der Partie des Fremden eine der schwierigsten Rollen für Tenor setzte? Oder waren die Nazis schuld, welche das Werk nach der Machtergreifung als „entartete Musik“ bezeichneten und Aufführungen im Reich untersagten?

Wie dem auch sei: Korngold schuf mit der HELIANE eine ungemein farbenprächtige, das zweideutig Schlüpfrige gekonnt in Töne setzende Partitur, sowie dankbare, aber auch äusserst anspruchsvolle Rollen für die vier Protagonisten (Der Fremde, Der Herrscher, Heliane, Die Botin). Wenige, dafür um so eindringlichere, sich expressiv hochschraubende und gewaltig vorwärts drängende Motive prägen die raffiniert instrumentierte Partitur.

Die Hamburger Uraufführung wurde recht wohlwollend aufgenommen, die Wiener Aufführung – mit Lotte Lehmann und Jan Kiepura glänzend besetzt – war ebenfalls erfolgreich. Doch bereits anlässlich der Berliner Aufführung wurde Korngolds üppig schwülstige Partitur als „irrelevant“ abgetan.

Allmählich werden die Werke aus den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen wiederentdeckt und verdankenswerterweise zur Diskussion gestellt. Die amerikanische Starsopranistin Renée Fleming hat Helianes grosse Arie Ich ging zu ihm auf CD eingespielt, unter Mauceri liegt eine Gemamtaufnahme mit Anna Tomowa-Sintow, John David de Haan, Harmut Welker und Reinhild Runkel vor.

Inhalt:

Ein tyrannischer Herrscher kann die Zuneigung seiner Frau (Heliane) nicht gewinnen. Deshalb verbietet er seinen Untertanen jegliches zwischenmenschliche Glück, sprich Liebe und offen praktizierte Zärtlichkeiten. Ein Fremder, welcher die Liebe als Heilsbotschaft ins Land trägt, wird eingekerkert und soll hingerichtet werden. Heliane fühlt sich zu dem Fremden hingezogen. Die Botin, einstige Geliebte des Herrschers, beobachtet mit Genugtuung, wie der Herrscher unter der Situation leidet. Heliane wird des Ehebruchs angeklagt, beteuert jedoch ihre Unschuld: Zwar ging sie zu ihm, dem Fremden, doch der sexuelle Akt wurde nicht vollzogen. Niemand glaubt ihr. Der Fremde küsst Heliane und bringt sich dann selbst um. Heliane kann ihr Leben nur retten, wenn sie sich einem Gottesurteil unterwirft, sie soll den Toten wieder zum Leben erwecken. Schon sieht sie sich auf dem Scheiterhaufen, doch das Volk meint in ihr eine Heilige zu erblicken. Die Botin zerschlägt die Hoffnungen des Volkes. Heliane bricht zusammen, sie gesteht ihr Begehren, ihre unschuldige Liebe zu dem Fremden. Sie weist im Angesichts des Todes auch den ihr verhassten Herrscher von sich. Schon züngeln die Flammen des Scheiterhaufens, da erhebt sich der Tote von seiner Bahre. Heliane und der Fremde vereinigen sich in der Ewigkeit, während alle anderen in der kalten Lieblosigkeit zurückbleiben.

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