Berlin, Deutsche Oper: CARMEN, 24.01.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Carmen

Oper vier Akten | Musik: Georges Bizet | Libretto : Henri Meilhac und Ludovic Halévy | Uraufführung: 3. März 1875, Salle Favart, Paris | Aufführungen in Berlin: 20.1. | 24.1. | 27.1. | 4.2. | 10.2. | 30.5. | 1.6. | 7.6. | 9.6. | 16.6. 2018

Kritik:

Ja wie um alles in der Welt soll man heutzutage eine CARMEN inszenieren? Die Erwartungshaltungen an eine Neuinszenierung der weltweit neben Mozarts ZAUBERFLÖTE meistgespielten Oper sind sowohl hoch als auch unterschiedlich. Mögen die einen darin ein veristisches Schauerdrama (so als Vorgänger zu TOSCA oder PAGLIACCI) sehen, werden andere auf ein existenzielles Emanzipationsstück über die (sexuelle) Selbstbestimmung der Frau pochen oder gerade auf das Gegenteil: Das Drama des bemitleidenswerten Mannes, der den gierigen Pranken einer femme fatale zum Opfer fällt. Und dann sind da noch die breiten Publikumsschichten, welche von CARMEN vor allem eine folkloristisch-bunte Ausstattungsoper à la Zeffirelli oder zumindest den bis in die kleinste Statistenrolle genau gezeichneten Realismus eines Jean-Pierre Ponnelle erwarten. Für seine Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin nun geht das Regieteam um Ole Anders Tandberg (Bühne: Erlend Birkeland, Kostüme: Maria Geber, Licht: Ellen Ruge) nun ganz andere Wege: Es hat genau auf die Musik gehört und darin neben der Tragik viel Komisches, Verrücktes und Satirisches gefunden, eine genaue Analyse der Oper, verfasst vom Musikwissenschaftlers Anselm Gerhard, findet sich im Programmheft. Und tatsächlich: Hört man genau hin, entdeckt man immer wieder tänzelnde, trippelnde und überdrehte Rhythmen, welche eigentlich besser zu Offenbach als zu einem durch und durch tragischen Stück passen würden. Diese Passagen nun haben der Regisseur und die Choreografin (Silke Sense) quasi eins zu eins umgesetzt, lassen die „Zigeunerinnen“ Carmen, Frasquita und Mercédès und die Schmuggler Remendado und Dancaïro sich dazu operettenhaft bewegen, das grenzt dann an Karikatur, wirkt komisch und führt erwartungsgemäß zu Lachern (oder Kopfschütteln) im Publikum. Daneben aber lädt der Regisseur die Handlung mit viel Symbolismus und gar Surrealismus (sogar einer der Lachse aus seiner Inszenierung von LADY MACBETH VON MZENSK an diesem Haus verirrt sich mal kurz in CARMEN ...) auf, verortet das Ganze dann aber auch wieder sehr konkret (in Mexiko, an der Grenze zu den USA). Der schräg angeschnittene Riesenzylinder auf der Drehbühne (die Bühnentechnik an der Deutschen Oper Berlin ist wegen des weihnächtlichen Wasserschadens noch immer lahmgelegt – es mussten extra Motoren in den Zylinder eingebaut werden, ein überzeugende Leistung der Techniker) zeigt auf der einen Seite die Ränge einer Stadiontribüne, auf der anderen Seite eine Grenzmauer, einen Zaun, wie ihn die gegenwärtige US-Administration an der Grenze zu Mexiko errichten will. Die Zigeuner sind bei Ole Anders Tandberg skrupellose Schlepper und Organhändler zugleich (wer ein blutiges Drama erwartet, wird also bedient), Don José z.B. entfernt seinem Leutnant Zuniga schon mal die Nieren (so quasi als Initiationsritual um auch dazuzugehören). So schreitet der Abend voran, mal total realistisch, dann wieder sich wie eine Karikatur gebärdend, mal pubertär (wettmasturbierende Soldaten am Grenzzaun, dessen Ritzen auch als Möglichkeit der Peepshow für die Soldaten diente, die Gewehre als Penisersatz), mal mit gewaltigen Symbolen und Metaphern auftrumpfend (die schwarzgekleideten katholischen Mütter, welche ihre Söhne „missbrauchen“ und gerne am Aktende über die Bühne trippeln, der Kinderchor, welcher wie am Dìa de los muertos weißgekleidet und mit leuchtenden Glaskugeln auftritt). Und natürlich steht immer wieder die Symbolik der Organe im Mittelpunkt der Inszenierung (nur schon der widerliche Zwischenvorhang mit seinem blutigen Organklumpen weist auf dieses Zentrum hin), einerseits als brutales Geschäft der mexikanischen Mafiosi (Remendado und Dancaïro), andererseits als archaisches Bild der mit wahrsagerischen Fähigkeiten ausgestatteten Zigeunerinnen, welche die Zukunft nicht aus den Karten, sondern aus Organen lesen. Die anschließende „Organschlacht“ führte dann prompt zu lautstarken Buhrufen aus dem Publikum. Neben viel Überdrehtem und Überzeichnetem glänzt Tandberg dann aber auch wieder mit einer exzellenten Personenführung, erzeugt Spannungen und hoch interessante Interaktionen – man ärgert sich zwar oft, wird abgestoßen und verfolgt das Geschehen doch gebannt. Langweilig wird es nie!

Schon gar nicht musikalisch – denn da sorgen der Dirigent Ivan Repušić und das an diesem Abend mit einer ungeheuren Farbenpracht bis in die zartesten Verästelungen der Holzbläser aufspielende Orchester der Deutschen Oper Berlin für eine begeisternde, mitreißende und rhythmisch fantastisch präzise (die Kastagnetten ein Traum!) Wiedergabe der so populären Partitur. Exzellent auch die Besetzung: Clémentine Margaine ist eine grandiose Carmen, die stimmlich mit bruchloser Stimmführung die Partie auslotet, rauchige Schwere und stimmliche Leichtigkeit zugleich offenbart, dunkle Tiefen und lichte Höhen gleichermaßen souverän erklimmt und mit einer darstellerischen Präsenz sondergleichen aufwartet – animalisch, trotzig, verletzlich. Sie singt die Partie an allen wichtigen Opernhäusern weltweit, von München über Paris bis zur Met in New York und es ist natürlich ein Glücksfall, wenn man eine CARMEN mit einer solchen Darstellerin und Sängerin besetzen kann. Nur schon um Clémentine Margaine zu erleben, ist diese CARMEN Produktion empfehlenswert. Aber nicht nur – denn mit Charles Castronovo als Don José steht ihr ein ebenbürtiger Partner zur Seite, der mit seinem angenehm dunkel timbrierten Tenor der Partie alles Larmoyante nimmt, mit seiner warmen Stimme auch Empathie zu evozieren vermag, Mitleid mit einem naiven, verunsicherten jungen Mann, zerrissen zwischen der sexy Verführerin im knallroten Flamenco-Kleid und der biederen, aber Sicherheit versprechenden Micaëla mit der 60er Jahre Frisur und dem braven Outfit. Diese Micaëla wird von Heidi Stober gesungen, mit lichter aber nicht übertrieben mädchenhafter Stimme. Sie lässt in Darstellung und Gesang schon die reifere Frau und das Mütterliche anklingen, eine Frau auch, die nicht alles mit sich machen lässt. Dies zeigt schon ihre erste Szene, wo sie sich vehement gegen die sexgeilen und übergriffigen Soldaten wehren muss. Stark auch das Bild im dritten Akt, wo sich Micaëla mutig mitten ins Zentrum der Schmuggler wagt, dort auf Schreckensbilder trifft (die Flüchtlinge blutüberströmt daliegen, ihrer Organe beraubt). Da machen dann auch die Worte von Micaëlas Arie Sinn (Je veux que rien ne m’épouvente). Der Escamillo wird hier ganz traditionell im zitronengelben hautengen Torero-Kostüm mit operettenhaften Goldapplikationen gezeigt und mit rosafarbenen Strümpfen. Markus Brück sieht dabei so lächerlich aus, wie Dirk Bach in einer überdrehten Klamotte, singt aber ganz wunderbar mit seinem herrlichen strömenden Bariton – und ganz leise fragt man sich, was denn Carmen an diesem Mann so fasziniert (außer der wunderbaren Stimme). Frasquita (Nicole Haslett) und Mercédès (Jana Kurucová) werden als Alter Egos Carmen dargestellt. Klasse gemacht ist deren erster Auftritt im zweiten Akt, wo sie quasi von Carmen „geboren“ werden. Remendado und Dancaïro (Ya-Cung Huang und Dean Murphy) werden wie erwähnt als smart gekleidete, skrupellose Schlepper gezeigt. Hervorragend klingt das Quintett (Carmen, Frasquita, Mercédès, Remendado, Dancaïro) im zweiten Akt, auch wenn die lächerliche Operettenchoreografie dazu zumindest gewöhnungsbedürftig ist ... . Ausgezeichnet singt auch Tobias Kehrer als so tragisch auf dem Seziertisch endender Zuniga. Mit fantastischer Präsenz und Kraft gestalten der Chor und der Kinderchor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: Jeremy Bines und Christian Lindhorst) die eindrücklichen Massenszenen. Ganz stark gemacht ist auch das Finale mit Don José und Carmen auf den leeren Rängen der Tribüne. Castronovo legt stimmlich nochmals alles in sein Flehen um Carmens Liebe, sie weist ihn mit fahlen, eiskalten Tönen ab. So bleibt ihm nur, ihr das Herz aus der Brust zu schneiden (natürlich wiederum völlig realistisch wie in einem Splatterfilm inszeniert), ein Herz, welches ihm kurzzeitig wirklich  gehört hat, denn auch diese Momente der echten Zuneigung zwischen Carmen und José hat Tandberg sehr schön gestaltet. So etwa nach dem Liebesakt zwischen den beiden, wo sie die Zigarette danach raucht und er erfüllt vom sexuellen Rausch erschöpft auf dem Boden liegt. Dazu das zärtlich von Harfe und Flöte eingeleitete, wunderbare Vorspiel zum dritten Akt: Das ist dann wieder Musiktheater vom Allerfeinsten.

Fazit: Man ist irgendwie gespalten. Einerseits erlebt man ganz großartig und einfühlsam inszenierte Momente, dann wieder Augenblicke, welche an Lächerlichkeit, pubertärem Gehabe und Peinlichkeit (respektloses Jonglieren mit Organen) kaum zu überbieten sind. Und doch: Langweilig wird es nie, schon gar nicht musikalisch. Da stimmt praktisch alles.

Anmerkung: Die Ich-ich-ich Generation erobert die Opernhäuser, da werden Getränkeflaschen mit in den Zuschauerraum gebracht, es wird während der Vorstellung getrunken, es werden unverfroren Süßigkeiten genascht (nicht nur mal ein Bonbon, sondern ganze Tüten voller Würmer) und wenn man was sagt, wird man noch angeraunzt. Auch Smarpthones werden kaum mehr ausgeschaltet. Vielleicht sollte man doch Taschenkotrollen einführen (wie in Fussballstadien) und den Handyempfang stören ... .

Inhalt und Werk:

L’amour est un oiseau rebelle
Carmen ist der Traum aller Männerphantasien, voll impulsiver Sinnlichkeit und erotischer Anziehungskraft. Tagsüber arbeitet die Zigeunerin in einer Tabakfabrik, nachts verdreht sie den Männern in Lillas Pastias Kneipe am Rande der Stadt den Kopf. Geschickt wickelt sie die Männer um den Finger und lässt sie daraufhin eiskalt wieder abblitzen. Doch ihr alle Konventionen sprengender Freiheitsdrang wird ihr eines Tages zum Verhängnis. Als Carmen wegen einer Messerstecherei in der Tabakfabrik von Don José ins Gefängnis abgeführt werden soll, überredet sie diesen, sie laufen zu lassen, und verspricht ihm, für ihn allein in Lillas Pastias Kneipe zu tanzen. Von Carmen komplett in den Bann gezogen, wirft Don José alle seine moralischen Grundsätze über Bord, lässt das Andenken an seine Mutter und seine alte Jugendliebe Micaela hinter sich und stürzt sich in das Abenteuer mit Carmen. Auch Carmen scheint für einen kurzen Moment ihre wahre Liebe gefunden zu haben und will ihre Karriere als Schmugglerin an den Nagel hängen. Doch das Schicksal der beiden scheint bereits von Anfang an vorprogrammiert. Zu unvereinbar sind die beiden Lebensentwürfe. Don José, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Leidenschaft, kann sich nicht zu einem Leben mit Carmen in Freiheit entschliessen. Statt dessen steigert ein feuriger Torero namens Escamillo seine Eifersucht ins Unermessliche, so dass der pflichtbewusste Sergeant schliesslich zum Mörder wird.

CARMEN ist Georges Bizets letzte Oper und zugleich sein grösster Publikumserfolg. Die Titelheldin steht als verführerische Femme fatale in der Tradition von Verdis Violetta und weist voraus auf Schönbergs Lulu. Schauplatz und Musik der Oper lassen das typisch spanische Kolorit erkennen. Doch Carmen ist mehr als eine folkloristische Ausstattungsoper. Es ist ein Stück über komplett unterschiedliche Lebensentwürfe und die fatale Verbindung von Liebe und Freiheit, Pflicht und Leidenschaft.

Musikalische Höhepunkte:

Duett Micaëla – José: Parle-moi de ma mère, Akt I

Habanera der Carmen: L’amour est un oiseau rebelle, Akt I

Segeduille der Carmen: Près des remparts de Seville, Akt I

Couplets des Escamillo: Votre toast, je peux vous le rendre, Akt II

Blumenarie des Don José: La fleur que tu m’avais jetée, Akt II

Schmugglerquintett, Akt II

Kartenterzett Carmen, Frasquita, Mercedes, Akt III

Arie der Micaëla: Je dis que rien ne m’épouvante, Akt III

Schlussszene Carmen-José, Akt IV

Karten