Basel: UN BALLO IN MASCHERA, 15.12.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Un ballo in maschera

Oper in drei Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Antonio Somma, nach Eugène Scribe | Uraufführung: 17. Februar 1859 in Rom | Aufführungen in Basel: 15.12. | 18.12. | 20.12. | 22.12 | 26.12. | 30.12.2012 | 6.1. | 19.1. | 26.1. | 3.2. | 15.2. | 18.3. | 25.3. | 1.4. | 15.4. | 24.4.2013

Kritik:

Genial: Regisseurin Vera Nemirova hat Verdis UN BALLO IN MASCHERA in der Römer „Zensurfassung“ spielen lassen und nicht wie heutzutage üblich, die historischen Figuren des schwedischen Hofes auf die Bühne gestellt. (Auf Druck der Zensurbehörden musste ja Verdis Librettist Antonio Somma aus dem schwedischen Theaterkönig Gustav III. einen fiktiven US Gouverneur machen.) Die Regisseurin hat nun zusammen mit Werner Hutterli (Bühne) und Birgit Hutter (deren Kostüme zum abschliessenden Maskenball von einzigartiger Wucht sind, ein grandios inszenierter, morbider Halloween-Spass, inklusive den Metaphern der Schwarzen Flügel) genau diese Konstellation verwendet, um auf der Bühne des Basler Theaters einen Politthriller in Szene zu setzen, wie er sich seit Jahrhunderten überall abspielen könnte. Das Inszenierungsteam hat sich zeitlich ungefähr auf die 60er oder 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts festgelegt, jedoch ohne die Handlung historischen Personen zuzuordnen (der Kennedy Clan wäre naheliegend, jedoch auch irgendwie zu „billig“ gewesen). Die politischen Ränkespiele und die intime Dreiecksgeschichte spielen sich vor und hinter der Fassade eines weiss gestrichenen Governor's Mansion ab, wie es überall in den USA stehen könnte. So wird der Blick des Zuschauers auf die offizielle „Fassade“ gelenkt - und eben auch dahinter. Sinnig und stimmig!

Gouverneur Riccardo ist ein lebenslustiger Strahlemann, mehr an fun, Bettgeschichten und oberflächlicher Repräsentation interessiert als an Politik, quasi eine Marionette der Gutbetuchten, ein Politiker, wie es ihn leider zuhauf auf der ganzen Welt gibt. Diese Gutbetuchten in ihren Anzügen und Borsalinos sind es auch, die während der Ouvertüre das Frühstück inspizieren, damit ihrem Protegé auch ja nichts passieren kann. Und prompt erwischt es einen von ihnen, da der Orangensaft offensichtlich von der Opposition vergiftet wurde. Die Opponenten sind Rednecks (endlich einmal erhalten die Verschwörer Samuel und Tom szenisches Gewicht – Alexey Birkus und Gustav Beláček spielen und singen das hervorragend!), einfach gestrickte, brutale Machos, welch sich auch nicht scheuen, Schlägertrupps aus Lederrockern für ihre Anschläge zu rekrutieren und Frauen zu demütigen. Nemirova inszeniert dies alles unaufdringlich, ja geradezu mit leichter Hand, scheut jedoch auch die grosse Emotion und das oft im Text beschworene „sangue“ nicht und wird damit Verdi sehr gerecht, der in dieser Oper den Wechsel von Komik und Tragik subtil und glutvoll ineinander verwoben hat. Aus dem Pagen Oscar macht Nemirova eine attraktive Cheerleaderin: Auch das macht Sinn, denn Oscar ist es ja, der ständig alle zu erheitern sucht, für fun and cheers zuständig ist (mit brillant vorgetragenen Koloraturen, welche von Tatjana Charalgina wahrhaftig cheerful gesungen werden). Die Gerichtsbarkeit, welche der Auferweckungspriesterin Ulrica (unter die Haut gehend gestaltend von Sanja Anastasia) den Garaus machen möchte, wird aufs Übelste verspottet (kennt man doch irgendwie auch aus der Schweizer Politik!), und für den Ausflug zu ihr, der doch einmal mehr ein gehörig Mass an fun verspricht, werden bunte hawaiianische Blumenketten, Leis, umgehängt. Sehr stark gelingt der Regisseurin dann das Bild beim Galgenberg. Der orrido campo ist Amelias eigenes Zuhause, hier blickt man nun wirklich hinter die ach so schön polierte Hochglanz-Fassade – ein Szene, die an Horrorgeschichten von Stephen King gemahnt. Im Hintergrund formieren und solidarisieren sich Frauen und Kinder mit der verzweifelten Frau; dass dann aus den Särgen die totgeglaubten Männer in ihren Kampfanzügen steigen, ist vielleicht doch ein wenig gar dick aufgetragen. Sunyoung Seo als Amelia hat hier, wie schon zuvor im Terzett des Ulrica-Bildes, einen unheimlich starken Auftritt, mit gellenden Sforzati und berückenden Piani durchschreitet sie ihre aufgewühlte Gefühlslage, singt eine wunderschöne Kadenz bevor sie sich zärtlich mit Riccardo Massis dunkel strahlendem Tenor im Duett vereinigt. Riccardo Massis Rollendebüt in dieser zwar äusserst dankbaren aber auch sehr anspruchsvollen Rolle, kann man uneingeschränkt loben. Der gutaussehende Sänger verkörpert den nicht nur sympathischen Lebemann mit jungenhaftem Charme (wunderbar sein erster Auftritt am Fenster im getupften Morgenmantel), setzt seine herrlich ausgeglichene, geschmeidige und virile Stimme wohldosiert und mit einnehmendem Schmelz ein. Sein Freund Renato ist mit Eung Kwan Lee ebenfalls gut besetzt; sein an diesem Abend etwas aufgeraut klingender Bariton passt zum enttäuschten und erbosten Ehemann, der sich im durchschlagenden Vendetta-Terzett den Verschwörern anschliesst, nachdem er wutentbrannt Amelias Bettzeug und sie selbst auf die Strasse geschmissen hat. Feinfühlig gestaltet er jedoch seine Betroffenheit, als sie mit der einfühlsam vorgetragenen Arie Morrò, ma prima in grazia nicht nur die Herzen des Publikums, sondern eben auch seines erweicht hat. Einzig für die allerletzte, so ergreifend in Noten gesetzte Kantilene der Amelia müsste Frau Seo noch einen weicheren Ton finden.

Giuliano Betta und das Sinfonieorchester Basel stürzen sich mit Verve in die Partitur, kosten die Effekte (auch die schaurigen, z.B. die Introduktion zum zweiten Bild, wo wahrlich Blitze aus dem Graben fahren) genüsslich aus und setzen auf eher plakatives, schmissiges Musizieren. Bereits die eröffnenden Pizzicati der Ouvertüre kamen ausgesprochen schnell daher (vor allem im Vergleich mit Nello Santis feinsinniger Interpretation vor einer Woche in Zürich!). Wunderbar sauber und prägnant gestaltend singt einmal mehr der Chor des Theaters Basel (Einstudierung Henryk Polus).

Fazit: Spannend, mit Humor und grosser Emotion inszeniert und fantastisch gesungen – absolut sehens -und hörenswert und ein gelungener Auftakt zum Verdi-Jahr 2013!

Werk:

UN BALLO IN MASCHERA stellt den Höhepunkt von Verdis mittlerer Schaffensperiode dar, welche mit der Trias RIGOLETTO/TRAVIATA/TROVATORE begonnen hatte. Zum letzten Mal musste sich Verdi im Entstehungsprozess mit der Zensurbehörde herumschlagen. Neapel, das damals noch von den Bourbonen regiert wurde, lehnte das Werk in dieser Form ab, da ein Königsmord auf offener Bühne unvorstellbar war. Verdi akzeptierte die entstellenden Auflagen nicht und schwor, nie wieder eine Oper für Neapel zu schreiben. Rom nahm zwar die Aufführung an, verlangte aber eine Verlegung der Handlung. So wurde aus dem schwedischen König ein Gouverneur in Boston. Erst im 20.Jahrhundert setzte sich die Gepflogenheit durch, das ursprünglich vorgesehene, historische Personal zu verwenden, also König Gustav III. von Schweden, Graf Anckarström als Freund und Mörder des Königs und die Verschwörer Horn und Ribbing.

Musikalisch verharrt Verdi zwar noch bei der traditionellen Nummernoper, doch sind die einzelnen Szenen erfüllt mit musikdramaturgischem Sinn, raffinierten tonartlichen Bezügen und begleitet von Erinnerungsmotiven mit grossem Wiedererkennungswert (Liebes-, Verschwörer-, Todesmotiv). Verdis Orchestersatz steuert mit subtil gesetzten Phrasen, dem Hervorheben von einzelnen Instrumenten (Celli, Englischhorn) und klanglicher Pracht zum gewinnenden und berührenden Gesamteindruck der Oper bei.

Vor Verdi vertonten bereits Auber und Mercadante den Stoff.

Inhalt:

König Gustav (oder in der Zensurversion Riccardo) plant einen Maskenball. Sein Page Oscar überreicht ihm die Liste der Gäste. Gustav entdeckt darauf auch seine heimliche Geliebte Amelia, die Frau seines treuesten Freundes Anckarström. Dieser warnt Gustav vor Verschwörern des Adels. Ein Richter tritt ein und verlangt die Verurteilung einer Wahrsagerin (Ulrica), welche vor der Stadt ihre Hexenkünste vollführe. Oscar setzt sich für sie ein. Gustav beschliesst, als Fischer verkleidet das Tun der Dame zu überprüfen.

Amelia tritt auf. Sie sucht Hilfe zur Überwindung ihrer Gefühle für Gustav, da ihre puritanische Einstellung den Ehebruch nicht zulässt. Ulrica empfiehlt ihr (belauscht von Gustav), Kräuter um Mitternacht auf dem Galgenberg zu pflücken. Gustav lässt sich die Zukunft voraussagen. Nach einigem Zögern verkündet ihm Ulrica seine baldige Ermordung durch denjenigen, der ihm als nächster die Hand reichen wird. Es ist dies Anckarström. Ulrica wird verspottet, da sich niemand vorstellen kann, dass ausgerechnet der treueste der Treuen seinen Herrn ermorden wird.

Um Mitternacht trifft Gustav Amelia auf dem Galgenberg. Sie gestehen sich ihre Liebe. Da tritt Anckarström hinzu. Gustav verschwindet. Amelia verhüllt sich, doch als sie und ihr Gatte den Verschwörern Horn und Ribbing begegnen, fällt ihr Schleier. Anckarström fühlt sich von Gustav betrogen und schwört Rache. Er schliesst sich den Verschwörern an, wird auserkoren, den Anschlag zu verüben. Gustav will Amelia entsagen und die Eheleute Anckarström nach England schicken. Anckarström entlockt von Oscar die Verkleidung des Königs beim bevorstehenden Maskenball. Der Anschlag gelingt. Sterbend zeigt der König seinem Mörder den Erlass und verzeiht ihm. Ulricas Prophezeiung hat sich erfüllt.

Musikalische Höhepunkte:

La rivedro nell'estasi, Gustav, Akt I/1

Volta la terrea, Oscar, Akt I/1

Re dell'abisso, Ulrica, Akt I/2

Di'tu se fedele, Gustav Akt I/2

Ecco l'orrido campo, Amelia, Akt II

M'ami,m'ami, Duett Gustav-Amelia, Akt II

Morrò, ma prima in grazia, Amelia, Akt III

Eri tu, Anckarström, Akt III

Ma se m'è forza perderti, Gustav, Akt III

Saper vorreste, Oscar, Akt III

Ella è pura, Finale Akt III

Karten

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