Basel: KATJA KABANOWA, 13.09.2012

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Katja Kabanova

Oper in drei Akten | Musik: Leoš Janáček | Libretto: vom Komponisten, nach Ostrowskis Drama DAS GEWITTER | Uraufführung: 23. November 1921 in Brünn | Aufführungen in Basel: 13.9. | 15.9. | 21.9. | 24.9. | 30.9. | 2.10. | 4.10. | 6.10. | 14.10. | 21.10 | 4.11. | 10.11. | 16.11. | 1.12. | 9.12. | 19.12. 29.12.2012

Kritik:

Dumpf Klänge recken sich aus dem Graben hoch, rätselhafte Paukenschläge, zarte Streichermotive, die im Nichts verklingen, steigen auf. Das ungemein differenziert und ausgesprochen klangmagisch und mit gerundetem Klang spielende Sinfonieorchester Basel unter Enrico Delamboye evoziert eine mysteriöse Endzeitstimmung. Sie findet zu Beginn auf der Bühne eine Entsprechung: Eine Gruppe von Menschen watet mit verlangsamten Bewegungen in Gummistiefeln durch das Wasser. Die Konstellationen beginnen sich zu klären, gegenseitige Abhängigkeiten werden deutlich.

Es ist eine enge, aufs genaueste sozial kontrollierte und überwachte Welt, in der Katja Kabanowa ihren träumerischen und leidenschaftlichen Ausbruchsversuch wagt und tragisch scheitert. Regisseur Armin Petras hat die hermetische, von unterdrückender, grausamer Kontrolle geprägte Dorfgemeinschaft durch eine isoliert auf einer seismographischen Forschungsinsel in einem unfertigen Beton- und Plastikplanenbau (Bühne: Kathrin Frosch) hausende Gruppe von Forschern ersetzt, welche unter der Fuchtel der gnomenhaft hässlichen und bösen Marfa Kaban (Dagmar Pecková spielt diese Hexe grossartig) funktionieren sollen. Die billigen, geschmacklosen Alltagskleider (Kostüme: Patricia Talacko) werden immer mehr von uniformer Laborkleidung überdeckt. Es wird einer ziemlich rätselhaften, stumpfen und sinnentleerten Beschäftigung nachgegangen. Von der Natur ist – bis auf das omnipräsente Wasser von unten und oben – nichts übrig geblieben. Selbst Boris' Blumenstrauss landet achtlos in den Fluten. Wenige Figuren heben sich aus der Masse ab: Kudrjasch (mit wunderschöner, leicht ansprechender Stimme: Norman Reinhardt), welcher zwar mit Worten die Wolga besingt, in Tat und Wahrheit aber seinen Blitzableiter meint, Warwara (herausragend verkörpert und mit wunderbar sattem Mezzosopran gesungen von Solenn' Lavanant-Linke) mit ihren mutigen Dessous und vor allem Katja. Mary Mills ist das vokale Ereignis der Aufführung. Je mehr sie sich von ihrer tristen Umgebung innerlich entfernt, desto wärmer und blühender erklingt ihre traumhaft schöne Sopranstimme. Eine Stimme, wie man sie sich passender und empfindsamer für diese Rolle gar nicht vorstellen kann. Da ist eine Intensität des Ausdrucks vorhanden, ein überwältigendes Auskosten der von Janáček so sparsam, dafür umso effektvoller gesetzten lyrischen Aufschwünge, welche schlicht und einfach begeisterten. In Grossaufnahmen kann man dazu noch das beklemmende Spiel ihrer Augen verfolgen, ein wahres Fenster zu ihrer seelischen Befindlichkeit. Die Figur von Katjas Ehemann Tichon hat der Regisseur zusätzlich durch einen Schauspieler (mit fantastischem, körperlichem Einsatz: Peter Moltzen) verdoppelt. So wird Tichon (TomášČernŷ spielt und singt dieses feige Muttersöhnchen überzeugend) auch von Anfang an Zeuge von Katjas Seitensprung mit Boris (mit sehr gepflegt geführter, kerniger Tenorstimme: Ludovit Ludha). Boris' abergläubischer, leicht despotischer, dann aber wieder fesch agierender Onkel Dikoj wird von Andrew Murphy glaubwürdig verkörpert. Effektvoll, mit viel Symbolik beladen, gelingt dem Regieteam die Gestaltung der zentralen Sturmszene im dritten Akt. An den Plastikplanen erscheint die 666, das Zeichen des Tieres und des Antichristen, nach Katjas Geständnis brennen alle Sicherungen durch, das ganze Gebäude aus Unterdrückung und Anpassung gerät vorübergehend aus den Fugen und die Sturzfluten tosen so laut, dass sie ab und an Janáčeks Musik empfindlich stören. Doch schon bald wird zur Tagesordnung übergegangen, Katja hat sich vergiftet, Tichon lehnt sich nur kurzfristig gegen seine Mutter auf, die Kabanicha notiert alles gewissenhaft in ihrem Bericht. Armin Petras hat das alles sehr spannungsgeladen inszeniert, wenn auch ab und an vielleicht etwas mit Symbolen und Rätseln überfrachtet. Durch das Verlegen der Handlung an diesen „ungreifbaren“ Ort schafft er jedoch eine Distanz zum Empfinden der Zuschauer, welche ein zu Herzen gehendes Mitfühlen verhindert.

Fazit:

Musikalisch eine wunderbare, ja geradezu begeisternde Aufführung. Mary Mills in der Titelrolle überstrahlt mit ihrer ungemein zarten und doch farbenreichen Stimme und einer phänomenalen Intensität des Ausdrucks ein ausgezeichnetes Ensemble und wurde am Ende zu Recht bejubelt. Dirigent Enrico Delamboye und das Sinfonieorchester Basel bringen Janáčeks subtile Partitur herrlich differenziert zum Erklingen. Szenisch hat die doch eher kopflastige Inszenierung von Armin Petras im Bühnenbild von Kathrin Frosch (eine Art seismographisches Labor auf einer Insel) durchaus ihre packenden Momente, ist handwerklich ausgezeichnet gemacht - doch den Weg zum Herzen findet sie nicht wirklich.

Werk:

Leoš Janáček (1845-1928) begann relativ spät in seinem Leben mit der Komposition von Bühnenwerken, doch die dann bis zu seinem Tod im Jahre 1928 entstandenen neun Opern gehören zum Eindringlichsten, was das Musiktheater des 20.Jahrhunderts zu bieten hat. Bei den Aufführungen seiner Werke lohnt es sich, intensiv auf das Orchester zu hören. Denn in der meisterhaften, ungemein farbigen, manchmal auch rauen, gewagten und ausgefallenen Instrumentierung und der Verarbeitung der wenigen Leitmotive legt Janáček die seelischen Befindlichkeiten seiner Protagonisten offen. Gekonnt eingesetzte lautmalerische und naturalistische Elemente loten die Gefühlsebene noch tiefer aus. Die Gesangslinien hingegen sind der Melodik der Sprache abgelauscht und phänomenal nachempfunden. Die schon in seiner JENUFA angewandte Kompositionstechnik hat Janáček in KATJA KABANOWA weiter entwickelt und damit diese Schöpfung zu einem der fesselndsten Musikdramen gemacht. Lyrische Aufschwünge sind sparsam, dafür umso effektvoller eingesetzt, etwa in Katjas Liebesbekenntnissen oder dem subtil gestalteten Quartett am Ufer der Wolga. Packend ist die zentrale Gewitterszene zu Beginn des dritten Aktes mit der Gegenüberstellung von Dikojs rückwärtsgewandtem Gedankengut und Kudrjaschs aufgeklärter Gesinnung und der darauffolgenden Selbstbezichtigung Katjas.

Es empfiehlt sich gerade bei diesem Komponisten, die Werke in der Originalsprache aufzuführen.

Inhalt:

Ort: Ein Dorf am Ufer der Wolga

Der Lehrer Kudrjasch beschreibt die Schönheit der Wolga, ein Symbol der mächtigen Natur. Dikoj beschimpft seinen Neffen Boris der Trägheit. Boris hat früh seine Eltern verloren und muss nun beim hinterwäldlerischen Onkel Dikoj auf seine Volljährigkeit (und damit auf sein reiches Erbe) warten. Er gesteht Kudrjasch, dass er sich in Katja, die Ehefrau von Tichon, verguckt hat. Eben kommen Tichon, Katja und deren Schwiegermutter, die Kaufmannswitwe Marfa Kaban (Kabanicha) aus der Kirche. Die Kabanicha macht ihrem Sohn heftige Vorwürfe, dass er sie weniger ehre als seine junge Frau. Katja weist die Vorwürfe der Schwiegermutter zurück. Mit im Haus der Kabanovs lebt auch die Pflegetochter Varvara. Ihr gesteht Katja, dass sie einen anderen Mann liebe. Die Kabanicha schickt Tichon auf den Markt in Kasan. Vorher verlangt sie von Katja ein entwürdigendes Treuebekenntnis. Tichon gehorcht seiner Mutter wie ein Sklave und Katja muss vor ihm auf die Knie fallen und das Gelübde ablegen. Nachdem die Kabanicha Katja erneut Vorwürfe gemacht hat, sind Varvara und Katja allein. Varvara hat der Kabanicha die Schlüssel zur Gartenpforte entwendet und ein heimliches Rendezvous der beiden mit Kudrjasch und Boris am Ufer der Wolga arrangiert. Hier kommt es zum Liebesakt zwischen Boris und Katja.

Katja kann die Schuldgefühle nicht mehr länger zurückhalten. Als die Kirchgänger während eines heftigen Gewitters Unterschlupf in einer Ruine suchen, gesteht Katja öffentlich ihren Ehebruch. Darauf rennt sie in den Sturm hinaus. Am Ufer der Wolga kommt es zu einer letzten Begegnung mit Boris, der auf dem Weg nach Sibirien ist, wohin ihn Dikoj zur Wahrung von Geschäftsinteressen geschickt hat. Katja ist verwirrt, hört verführerische Stimmen aus dem Fluss und ertränkt sich schliesslich darin. Ihre Leiche wird von Dikoj herausgezogen. Tichon stellt sich zum ersten Mal in seinem Leben gegen seine Mutter und gibt ihr die Schuld an Katjas Tod. Die Kabanicha bedankt sich kaltherzig bei den Dorfbewohnern für deren Hilfe.

Karten

Videoclip auf art-tv.ch