Basel: CAROUSEL, 28.12.2016

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Carousel

Musical in zwei Akten | Musik: Richard Rodgers | Liedtexte und Buch: Oscar Hammerstein II. , nach dem Bühnenstück „Liliom“ von Ferenc Molnár | Uraufführung: 19. April 1945 in New York | Aufführungen in Basel: 15.12. | 20.12. | 22.12. | 28.12. | 31.12.2016 | 2.1. | 7.1. | 15.1. | 30.1. | 17.2. | 19.2. | 24.2. | 18.3. | 25.3. | 27.3. | 2.4. | 29.4. | 5.5.2017

Kritik:

Billy hat sich selbst gerichtet, liegt vom eigenen Messer durchbohrt auf dem nackten Metallgerüst des Karussells, seine hochschwangere Freundin Julie bleibt alleine zurück, kann nur noch Wut empfinden, Trauer nicht zulassen. Da springt Nettie Fowler ein, stimmt den Song aller Songs an:

When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark.
At the end of the storm
There’s a golden sky
And the sweet, silver song of a lark.
Walk on, through the wind,
Walk on, through the rain,
Though your dreams be tossed and blown.
Walk on, walk on with hope in your heart,
And you’ll never walk alone,
You’ll never walk alone

... und nun fliessen die Tränen nicht nur bei Julie, sondern auch bei den Zuschauern. Denn das ist in all ihrer Schlichtheit nicht nur eine berührend tröstliche Melodie und ein wunderbar auf den Punkt gebrachter theatralischer Moment – das ist in dieser Aufführung von CAROUSEL auch ein musikalisch bewegender Augenblick. Keine Geringere als Cheryl Studer steht nämlich auf der Bühne des Theaters Basel und intoniert dieses Lied mit ergreifender Schönheit in Ausdruck und Stimmgebung. Sie, die einst die Säle der bedeutendsten Opernhäuser füllte, von der Met über Covent Garden, die Scala, die Bayreuther Festspiele bis München und Wien, das lyrische Repertoire von Mozart über Donizetti, Verdi und Strauss (z.B. Arabella in Zürich!) bis Wagner beherrschte wie kaum eine andere Sopranistin zu der Zeit, für die Deutsche Grammophon unzählige Gesamtaufnahmen einspielte, demonstrierte eindrücklich, wie gut sie immer noch singen und gestalten kann, sich (auch wenn sie körperlich nicht mehr ganz so beweglich ist) mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz und mit ihrer eindringlichen Mimik in die Rolle stürzt. Und ganz im Sinne dieses Liedes riefen die Künstlerinnen und Künstler am Ende nach dem Schlussapplaus dann zu Spenden für die Flüchtlingskinder in Aleppo auf und alle zusammen intonierten noch einmal diese Takte, welche hymnischen Kultstatus besitzen. Dabei krönte die Sängerin der Julie Jordan – Bryony Dwyer – den Schluss mit ihren silbern glänzenden Spitzentönen - toll! Bryony Dwyer sang die grosse Partie mit glockenreinem, herrlich blühendem Sopran, gestaltete das trotzige Aufbegehren der Textilarbeiterin gegenüber ihrem Boss Bascombe, gegen die Lebensumstände, ja selbst gegen ihre Freundin Carrie Pipperidge mit fantastischer Einfühlsamkeit in den schwierigen Charakter der jungen Frau, die selbst die körperlichen Misshandlungen ihres Billy und seine unkontrollierten Zornesausbrüche mit geradezu stoischer Gelassenheit erduldet, als wäre sie eine Figur aus einem Stück von Tennessee Williams. Mit unglaublich sanft geführtem Bariton zeigte Christian Miedl, welch weicher Kern unter der harten Schale des rüpelhaften Hallodris Billy Bigelow steckt. Sein (gerade für ein Musical) gigantisch langer Monolog über die bevorstehende Vaterschaft, die sogenannte Soliloquy, war äusserst einnehmend und berührend gestaltet. Diesem Paar, welches in der Armut verharrt, am Rande des „Poor White Trash“ dahinscheppert, steht das zweite Paar gegenüber, Carrie Pipperidge und Enoch Snow: Beide ebenfalls aus bescheidenen Verhältnissen stammend (Textilarbeiterin und Fischer), schaffen sie den sozialen Aufstieg, jedoch ohne in der Paarbeziehung richtig glücklich zu werden, was offensichtlich wird, wenn sich Carrie noch so gerne zu einem Flirt (wenn nicht mehr) mit dem zweilichtegen Jigger einlässt, welcher von Andrew Murphy mit augenzwinkernder Durchtriebenheit gegeben wurde. Maren Favela sang die Carrie mit wunderbar satt timbriertem Mezzosopran und Nathan Haller beeindruckte als Enoch Snow mit seinem wunderschönen, hellen Tenor (wie bereits in der CHOWANSCHTSCHINA!). Ausgezeichnet war die Idee des Regisseurs Alexander Charim, die Rolle des Biedermannes Enoch durch den Schauspieler Mario Fuchs zu verdoppeln, was nicht nur zu lustigen, sondern auch zu interessanten Einblicken in den Charakter des streberhaften Spiessers führte. Den äusserst wandlungsfähigen Mario Fuchs erlebte man auch als Fabrikdirektor Bascombe, als, Enoch jr. und als schwulen Sternwart im Himmel. Den anderen (nicht minder affektierten) Sternwart gab ein ebenso wandlungsfähiger Schauspieler, Thomas Reisinger, der daneben auch noch als korrupter Polizist agierte und als Sprecher an der Schulabschlussfeier (Dr. Seldon) Julie, ihrer Tochter Louise (sehr gut Anne Sauvageot) und allen anderen die Augen öffnete, dass sie ihr Schicksal nicht vom Vorleben der Eltern abhängig machen sollen, sondern selbstbewusst ihren eigenen Weg finden müssen – eben You'll never walk alone! Herausragend auch Myriam Schröder als selbstbewuste Karussellbesitzerin und um ihr Recht auf sexuelle Befriedigung wie eine Löwin kämpfende Mrs.Mullin - erst herrisch Billy weiterhin für ihre SM-Beziehung beanspruchend und Julie verdammend, dann nach dem Selbstmord Billys die Hand zur Versöhnung reichend (doch Julie stösst sie zurück). Zum Gelingen des Abends trägt auch die schöne Choreografie von Richard Wherlock bei, welche von einer kleinen Gruppe aus Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Basel mit der gebotenen Leichtigkeit und stimmigem Fluss ausgeführt wurde. Wunderschön auch der grosse Pas de Deux im Schlussbild für Louise und einen erträumten Verehrer – von dem sie nachher wieder wegen ihrer Abstammung vom Kleinkriminellen Billy gehänselt wird. Die Inszenierung von Alexander Charim ist zurückhaltend, schlicht und ehrlich. Er versucht nicht, durch aufoktroyierte Brechungen dem Stück die rührenden Moment zu nehmen oder durch eine Ausstattungsorgie zu verharmlosen. Gerade in der Sparsamkeit der Ausstattung liegt ein grosses Plus dieses Abends, weil so nämlich die Kernaussage, die inhärente Sozialkritik ihren zentrierten Platz findet. Stefan Meyer hat das funktionale Bühnenbild geschaffen: Ein rundes Metallgerüst als Sinnbild für das unerbittliche Karussell des Lebens, das die Protagonisten zwar aufnimmt, aber nicht weiter bringt. Dazu einige variable Elemente (Birkenwäldchen, Netties Haus etc.), welche als Spielfläche für diverse Szenen dienen und weisse Vorhänge im Bühnenrund für die Szene im Himmel. Ausgesprochen treffend die Personen charakterisierend sind die Kostüme von Ivan Bazak – zum Beispiel der Pullunder für den biederen Enoch, der aufreizenden Schlitz im Kleid von Mrs.Mullin, das Königsblau für Cheryl Studers Nettie, die individuell den sozialen Status zeichnende Kleidung der Mitglieder des Chors des Theater Basel, der ein wichtiger Partner auf der Bühne ist, trefflich agiert und prächtig singt (Einstudierung: Henryk Polus). Im Graben lässt die Basel Sinfonietta unter der ausgesprochen sorgfältig gestaltenden Leitung von Nikolaus Reinke die äusserst gekonnte Original-Instrumentierung von Richard Rogers' Meisterwerk in all ihren fantastischen Klangschattierungen erklingen. Der Applaus war zunächst relativ verhalten (erst nach der Wiederholung von You'll never walk alone wurde er enthusiastischer). Vielleicht muss sich das heutige Publikum erst einmal daran gewöhnen, dass es auch eine Zeit gab, in der man Musicals ohne ohrenbetäubende elektronische Verstärkung und Microports aufführen konnte und es deshalb wieder lernen muss hinzuhören ... .

Inhalt:

Auf dem Jahrmarkt verliebt sich Julie Jordan in den Karussellangestellten Billy Bigelow, der für die Karussellbetreiberin Mrs. Mullin arbeitet. Diese hat selbst ein Auge auf Billy geworfen, begehrt ihren Angestellten sexuell. Als sie merkt, dass er sich mit Julie einlässt, wird er entlassen. Auch Julie verliert ihre Anstellung in der Textilfabrik von Mr.Bascombe, da sie nicht pünktlich zur Arbeit zurückkehrt. Um zu Geld zu kommen (Julie, die nun bei ihrer Cousine Nettie Bowler wohnt, gesteht Billy unterdessen, dass sie von ihm schwanger geworden ist), beschliesst Billy, sich zusammen mit dem zwielichtigen Jigger an einem Überfall auf Bascombe zu beteiligen. Das geht gründlich schief und Billy ersticht sich. Julie sieht ihn noch einmal bevor er stirbt. Julies Freundin Carrie hat unterdessen Enoch Snow geheiratet.

Jahre später begegnen wir Louise, der Tochter von Julie und Billy. Ihr geht es schlecht. Eine Verbindung zu Enoch Jr. scheint wegen der Vergangenheit von Louises Vater Billy nicht zustande zu kommen. Billy blickt vom Himmel auf seine Tochter runter und erhält die Möglichkeit, zur Erde zurückzukehren und seiner Tochter einen Stern zu überreichen, um sie auf den rechten Weg zu führen. Doch Louise lehnt den Stern ab. Billy schlägt sie. Völlig verstört berichtet Louise ihrer Mutter Julie von dem seltsamen Vorfall und dass der Schlag sich eher wie ein Kuss angefühlt habe. Julie spürt die Verbindung, findet den Stern und nimmt ihn an sich. Bei der Schulabschlussfeier von Louise ermuntert der Redner, Dr.Seldon, die Anwesenden (und dabei wendet er sich speziell an Louise) sich nicht am Erfolg oder Misserfolg ihrer Eltern zu orientieren, sondern den eigenen Weg zu gehen.  Billy gelingt es endlich, Julie seine Liebe zu gestehen, bevor er zurück in den Himmel gerufen wird. Alle singen noch einmal You’ll never walk alone.

Werk:

Das Erfolgsstück von Ferenc Molnár, LILIOM, hat die Begehrlichkeiten so berühmter Komponisten wie Giacomo Puccini und Kurt Weill geweckt, das Drama für das Musiktheater zu adaptieren. Doch Molnár wollte nicht das Schicksal anderer Autoren erleiden, welche nach der Freigabe ihrer Stücke für Komponisten im Schatten der Adaptionen verharrten (Sardou mit TOSCA, Belasco mit MADAMA BUTTERLY, Wilde mit SALOME etc.) Doch nach seiner Emigration in die USA sah Molnár am Broadway die erste Zusammenarbeit von Rodgers und Hammerstein, OKLAHOMA!. Diese geniale Umsetzung des Stücks GREEN GROW THE LILACS überzeugte ihn dermaßen, dass er seine Rechte an Rodgers/Hammerstein abgab. Und tatsächlich, CAROUSEL geriet zu einem Meisterwerk. (Allerdings trat doch ein, was Molnár befürchtet hatte - von LILIOM spricht man heutzutage nur noch selten.) CAROUSEL kam in der ersten Produktion am Broadway auf 890 Vorstellungen und wiederholte diesen Erfolg im Londoner West End 1950. Unvergesslich war die Produktion des Royal National Theatre in London 1992, für mich eine der besten Musiktheaterproduktionen, die ich erleben durfte. Sie durfte zu Recht viele Preise einheimsen. CAROUSEL wurde vom Time Magazin zum besten Musical des 20. Jahrhunderts gekürt. Der Song You’ll never walk alone wurde durch die Gruppe Gerry and the Pacemakers zu einem Nummer 1 Hit in den Charts und zur Hymne der Fans des Liverpool F.C. Als ein Sänger einmal zum Komponisten Richard Rogers sagte, dass das Lied ihn zum Weinen bringe, erwiderte Rodgers trocken: „You’re supposed to.“ Viele grosse Künstler haben die unsterblichen Melodien aus CAROUSEL aufgenommen: Frank Sinatra, Mario Lanza, Barbara Streisand, Shirley Verrett, Kiri Te Kanawa, Sarah Brightman, Roberta Peters, Samuel Ramey u.v.a.m.

Musikalische Höhepunkte:

Carousel Waltz

You’re a queer one, Julie Jordan, Carrie und Julie, Akt I

If I loved you, Billy und Julie, Akt I

June ist bustin’ out, Nettie, Akt I

When I marry Mr. Snow, Carrie, Enoch, Akt I

Soliloquy, Billy, Akt I

What’s the use of wond’rin?, Julie, Akt II

You’ll never walk alone, Nettie, Akt II

The highest Judge of all, Billy Akt II

Reprisen von If I loved you und Finale: You’ll never walk alone, Akt II

Karten