Basel: CARMEN, 18.12.2011

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Carmen

Oper vier Akten

Musik: Georges Bizet

Libretto : Henri Meilhac und Ludovic Halévy

Uraufführung: 3. März 1875, Salle Favart, Paris

Aufführungen in Basel: 18.12. | 20.12. | 29.12.2011 | 2.1. | 8.1. | 22.1. | 25.1. | 30.1. | 3.2. | 5.2. | 10.2. | 18.2. | 22.2. | 28.3. | 4.4. |14.4. | 21.4. | 5.5. | 14.5. | 18.5. | 29.5. | 2.6. | 17.6.2012

Kritik:

Nein, eine leicht verdauliche Postkartenidylle oder folkloristisch angehauchte CARMEN-Inszenierung darf man nicht erwarten, wenn der Katalane Calixto Bieito Musiktheater macht. Er versteht es wie kaum ein anderer, ohne Umschweife und ohne gefälliges Beiwerk zum Kern eines Werkes vorzustossen. Und wenn dieser Kern dann noch aus Sex und Gewalt, aus dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebensentwürfe, aus gesellschaftlichem Scheitern, machistischen Besitzansprüchen und soldatischem Triebstau besteht, dann ist der Meister in seinem Element. Bieito beschäftigt sich seit mehreren Jahren immer wieder mit CARMEN, hat seine Sicht auf die femme fatale und die Umstände ihres Schicksals an mehreren Bühnen gezeigt. Für Basel (Koproduktion mit Opera Zuid Maastricht) hat der Regisseur sein ursprüngliches Konzept nur leicht angepasst, die Handlung mit Hilfe weniger Requisiten aus der Franco-Diktatur näher an die Gegenwart geholt. So kommen nun Digitalkameras zum Einsatz in der Szene vor der Arena und die Schmuggler packen ihre Wagen (herrlich das Karossen-Ballett mit den sechs Mercedes-Limousinen im dritten Akt) mit LED TV-Geräten voll. Doch das sind Nebensächlichkeiten. In seiner gewohnt ungeschminkten Art schält Bieito die Charaktere der Protagonisten heraus, zeigt Abhängigkeiten und hierarchisches Gefälle. Da ist nichts romantisierend, das Leben und der Kampf ums Überleben werden so schnörkellos, naturalistisch und gnadenlos dargestellt, dass man für die Figuren eigentlich gar nichts mehr empfinden kann. Ganz im Sinne Brechts soll das Publikum bitte schön „nicht so romantisch glotzen“. In dieser CARMEN sitzt man wie in einer Reality-Show und empfindet für niemanden aufrichtige Sympathie. Am ehesten noch für die Titelheldin, welche mit einer unglaublichen Kraft an ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, an ihrem Drang nach Freiheit und der Ablehnung jeglicher Zwänge festhält. Tanja Ariane Baumgartner gelingt ein herausragendes Rollendebüt: Mit ihrem satten, wunderbar weich, bruchlos und rund klingenden Mezzosopran stattet sie die Figur stimmlich erstklassig aus. Ihre Darstellung ist geprägt von einer selbstverständlichen Natürlichkeit. Sie braucht nicht mit peinlichen Hüftschwüngen oder ähnlichem zu kokettieren, ihre Ungeniertheit wirkt von Beginn weg selbstsicher und entspannt. Don José ist dieser Frau von Anfang an nicht gewachsen, bleibt trotz seiner stimmlichen Potenz ein Weichei, mit dem man kein Mitleid hat. Will Hartmann gestaltet das grossartig und mit viel Power in der Stimme. Dabei bleiben jedoch der tenorale Schmelz und die für die französische Oper geforderte Geschmeidigkeit oftmals auf der Strecke. Auch mit der in anderen Inszenierungen oft so bieder gezeichneten Micaëla verspürt man kein Erbarmen: Svetlana Ignatovich ist eine kecke junge Frau, die sich zu wehren weiss, ja sich im dritten Akt sogar mit eindeutigen Drohgebärden gegenüber Carmen abgrenzt. Stimmlich begeistert die junge Sängerin mit leuchtender Kraft. Leider bekommt dies der lyrischen Arie im dritten Akt nicht besonders. Da müsste der Lautstärkepegel unbedingt zugunsten eines innigeren Singens zurückgeschraubt werden. Eung Kwang Lee gibt einen soliden, nonchalanten Escamillo ohne allzuviel Sex Appeal. Deborah Leonetti und Cordelia Weil (Frasquita und Mercédès) müssen sich von ihren Schmugglerkollegen einiges an sexuellem Missbrauch und Gewalt gefallen lassen, führen ein tristes Leben, welches für sie nur mit viel Alkohol und anderen Drogen erträglich ist. Im hervorragend musizierten Kartenterzett und dem Schmugglerquintett (mit dem grandios agierenden Karl-Heinz Brandt und Christopher Bolduc) können sie alle auch ihre herrlichen stimmlichen Qualitäten unter Beweis stellen. Andrew Murphy verleiht dem Leutnant Zuniga bemerkenswertes Profil und Alex Lawrence lässt in der Eröffnungsszene als Moralès stimmlich aufhorchen.

Fulminant setzte das Sinfonieorchester Basel unter Gabriel Feltz mit einer beinahe von den Sitzen reissenden Ouvertüre ein. Das Versprechen, welches hier abgegeben wurde, setzte sich im Verlauf des Abends fort: Flotte Tempi schlossen farbenreiches Musizieren nicht aus. Der Chor des Theaters Basel liess sich vom Regisseur zu engagiertem Agieren inspirieren, sang kraftvoll und präzise. Ein besonderes Lob verdienen die Mädchen- und die Knabenkantorei Basel, welche die Chorszenen im ersten und vierten Akt mit fantastischer Präzision in der Intonation und trefflichem Spiel bereicherten.

Diese CARMEN in Basel fesselt vom ersten Takt an, oft ist man abgestossen und doch gibt es kein Entrinnen. Nur einen ganz kurzen Moment der Entspannung lässt Bieito zu: Zum zarten Vorspiel des dritten Aktes entkleidet sich ein Mann unter dem gigantischen Osborne-Stier und weist in seinem Tanz auf die Verbindung von Eros und Stierkampf hin. Dieser Stier, einst als nationales spanisches Symbol angesehen, fällt zu Beginn des Schlussaktes mit lautem Getöse auf die Bühne und wird zerlegt. Mit Klischees und Symbolen ist nun Schluss: Schonungslos wird abgerechnet.

Inhalt und Werk:
L’amour est un oiseau rebelle
Carmen ist der Traum aller Männerphantasien, voll impulsiver Sinnlichkeit und erotischer Anziehungskraft. Tagsüber arbeitet die Zigeunerin in einer Tabakfabrik, nachts verdreht sie den Männern in Lillas Pastias Kneipe am Rande der Stadt den Kopf. Geschickt wickelt sie die Männer um den Finger und lässt sie daraufhin eiskalt wieder abblitzen. Doch ihr alle Konventionen sprengender Freiheitsdrang wird ihr eines Tages zum Verhängnis. Als Carmen wegen einer Messerstecherei in der Tabakfabrik von Don José ins Gefängnis abgeführt werden soll, überredet sie diesen, sie laufen zu lassen, und verspricht ihm, für ihn allein in Lillas Pastias Kneipe zu tanzen. Von Carmen komplett in den Bann gezogen, wirft Don José alle seine moralischen Grundsätze über Bord, lässt das Andenken an seine Mutter und seine alte Jugendliebe Micaela hinter sich und stürzt sich in das Abenteuer mit Carmen. Auch Carmen scheint für einen kurzen Moment ihre wahre Liebe gefunden zu haben und will ihre Karriere als Schmugglerin an den Nagel hängen. Doch das Schicksal der beiden scheint bereits von Anfang an vorprogrammiert. Zu unvereinbar sind die beiden Lebensentwürfe. Don José, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Leidenschaft, kann sich nicht zu einem Leben mit Carmen in Freiheit entschliessen. Statt dessen steigert ein feuriger Torero namens Escamillo seine Eifersucht ins Unermessliche, so dass der pflichtbewusste Sergeant schliesslich zum Mörder wird.

CARMEN ist Georges Bizets letzte Oper und zugleich sein grösster Publikumserfolg. Die Titelheldin steht als verführerische Femme fatale in der Tradition von Verdis Violetta und weist voraus auf Schönbergs Lulu. Schauplatz und Musik der Oper lassen das typisch spanische Kolorit erkennen. Doch Carmen ist mehr als eine folkloristische Ausstattungsoper. Es ist ein Stück über komplett unterschiedliche Lebensentwürfe und die fatale Verbindung von Liebe und Freiheit, Pflicht und Leidenschaft.

Musikalische Höhepunkte:

Duett Micaëla – José: Parle-moi de ma mère, Akt I

Habanera der Carmen: L’amour est un oiseau rebelle, Akt I

Segeduille der Carmen: Près des remparts de Seville, Akt I

Couplets des Escamillo: Votre toast, je peux vous le rendre, Akt II

Blumenarie des Don José: La fleur que tu m’avais jetée, Akt II

Schmugglerquintett, Akt II

Kartenterzett Carmen, Frasquita, Mercedes, Akt III

Arie der Micaëla: Je dis que rien ne m’épouvante, Akt III

Schlussszene Carmen-José, Akt IV

Karten

Videobeitrag auf art-tv.ch