Zürich: PELLÉAS ET MÉLISANDE, 08.05.2016 

Zürich: PELLÉAS ET MÉLISANDE, 08.05.2016

Drame lyrique in fünf Akten | Musik: Claude Debussy | Libretto: vom Komponisten, nach Maurice Maeterlincks gleichnamigem Schauspiel | Uraufführung: 30. April 1902 in Paris | Aufführungen in Zürich: 8.5. | 11.5. | 14.5. | 19.5. | 21.5. | 27.5. | 29.5.2016

copyright: T+T Fotografie, Toni Suter, Tanja Dorendorf, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Kritik:

Debussys Ausnahmewerk enthält keinen musikalischen Höhepunkt, auf den man hin fiebert (wie z.B. auf Salomes oder Isoldes Schlussgesang, auf Mariettas Lied von der Laute etc.) - PELLÉAS ET MÉLISANDE ist ein einziger (und einzigartiger) Höhepunkt in der Musiktheaterlandschaft. Allerdings erfordert es vom Zuhörer ein beachtlich Mass an Konzentration, Ausdauer und die Bereitschaft, sich in den matt schimmernden, nebulös schwebenden Klangkosmos des mit feinen, zarten und ungewohnten Farben instrumentierenden Impressionisten fallen zu lassen, sich dem genau und stimmig in Musik gefassten Prosodischen zu ergeben. Doch wenn man mal in diesem Kosmos gefangen ist, kommt man aus dem mystischen Sog dieser wunderbaren Musik kaum mehr heraus. Und musikalisch gelingt es dieser Neuproduktion von Debussys einziger Oper am Opernhaus Zürich auf imponierende Art, diesen Sog, diese schwebende, rätselhafte Spannung zu erreichen und über die fünf Akte zu halten. Am Pult der schlicht überragend spielenden Philharmonia Zürich steht Alain Altinoglu. Er und das Orchester lassen diesen in die Unendlichkeit reichenden Klangteppich mit transparenter Farbgebung aus dem Orchestergraben aufsteigen, evozieren zauberhafte Stimmungen und entfalten eine beinahe rauschhafte Klangmagie. Die Sängerinnen und Sänger bewegen sich auf diesem orchestralen Fundament mit bewundernswert idiomatischer französischer Diktion, können ihre fantastischen stimmlichen Qualitäten und Gefühle ausnahmslos mit intensiver, exemplarisch verhaltener Gestaltungskunst in die Herzen des Publikums transportieren. Corinne Winters ist als zerbrechliche Mélisande nicht nur äusserlich, sondern auch von ihrer Stimmfarbe her eine ideale Besetzung für dieses traumatisierte, rätselhafte Wesen. Ihr direkt und wunderbar leicht ansprechender Sopran besticht mit Ausgeglichenheit, je nach Stimmung auch mit Kraft oder fahler Zerbrechlichkeit. Jacques Imbrailo als Pelléas (eigentlich die einzige Figur der Oper, welche nicht so „gestört“ erscheint) besitzt einen wunderbar weichstimmigen, samtenen und mit sympathischer Emphase gestaltenden Bariton. Kyle Ketelsen wandelt sich mit gekonnter Farbgebung in seiner charaktervollen, kernigen Baritonstimme vom erst sehr um Mélisandes Wohl besorgten Golaud (hier ein – erfolgloser – Psychotherapeut) zum rasend eifersüchtigen Ehemann und brutalen Vater von Yniold. Gerade diese Szene, in der Golaud seinen Sohn aushorcht, ihn als Spion missbraucht, geht unter die Haut. Der junge Damien Göritz (Mitglied des Tölzer Knabenchors) singt die Rolle mit bestechend sauberem Knabensopran. Autoritär und selbstbewusst agiert Brindley Sherratt als unbestrittenes Familienoberhaupt Arkel, setzt seinen markanten, stimmgewaltigen Bass Ehrfurcht erregend (und manchmal auch mitfühlend „Si j'étais Dieu, j'aurais pitié des hommes...“ ) ein. Die Mutter der beiden Halbbrüder Pelléas und Golaud, Geneviève, wird von Yvonne Naef den ganzen Abend hindurch mit Aufsehen erregender Bühnenpräsenz gegeben (sie hat nur im ersten Akt eine grössere Szene zu singen, doch dieser verleiht sie mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran ein gewaltiges Gewicht). Aber ihre Dauerpräsenz, von intellektueller, gefühlsmässiger Eiseskälte geprägt, wirft ein erhellendes Licht auf diese „gruppo di famiglia in un interno“ auf „Schloss“ Allemonde.

Allemonde (alle Welt) heisst das Schloss also, in dessen Umgebung Maeterlinck/Debussy ihr symbolistisches Drama angesiedelt haben. Und einen Allerweltsraum hat auch Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov auf die Bühne des Opernhauses bauen lassen. Es ist einmal mehr eine von diesen modernistisch gestylten, eiskalten Wohnlandschaften, schmucklose (bis auf den obligatorischen Flachbildschirm), graue Wände, weisse Relaxliegen (für die Psychotherapie-Sitzungen), ein Esstisch, an dem sich die rundum gestörte, sich über vier Generationen erstreckende, Familie Arkel zusammenfindet. Die Natur, welche in diesem symbolistischen Drama so eine zentrale Rolle spielt, bleibt (leider!) ausgesperrt. Gut, die riesige Fensterfläche hinter dem Esstisch gibt den Blick auf den Wald frei, immerhin. Da ziehen auch mal dräuende Wolken auf, begleitet von Regenschauern, zum tragischen Ende ist es dann Winter draussen. Tcherniakov sagt im Interview, das im Programmheft nachzulesen ist, dass der Zuschauer all das Szenische (den Brunnen, die Grotte, das dunkle Verlies, den Wald, den Turm, das Licht, das Dunkel) ja in der Musik hören könne, da brauche es diese Verdoppelung auf der Bühne nicht. Nun, das kann man auch anders sehen: Indem der Regisseur nämlich die Handlung in der schicken Villa des Psychotherapeuten so genau verortet und sämtlichen Metaphern Grund und Boden entzieht, sie nur noch zu hohlen Phrasen in einer psychoanalytischen Sitzung verkommen lässt, beraubt er eben den Zuschauer der Möglichkeit zu eigenen Gedanken, eigenen Bildern. Gerade mit den heutigen technischen Möglichkeiten der Drehbühne, der Videoprojektion etc. wäre es möglich, die wechselnden, symbolträchtigen Schauplätze bildlich darzustellen. Nun starren wir jedoch drei Stunden lang ins immer gleiche Wohnzimmer, wo per Fernbedienung der Fernseher angeht und wir die erste Sitzung nochmals über uns ergehen lassen dürfen, oder wo auch per Schalter der weisse Vorhang die Natur im Hintergrund mal wieder aussperrt. Innerhalb dieser diskutablen Gesamtkonzeption ist jedoch die Personenführung sehr akkurat, gründlich durchdacht und einleuchtend. Immerhin ist der Gestalterin der Kostüme (Elena Zaytseva) eine einigermassen stimmige Dramaturgie gelungen: Mélisande erscheint im ersten Bild als schwarz gekleidetes Gothic-Girl, eventuell auf „Cold Turkey“. Golaud ist zuerst ganz der smarte, bebrillte Anzugträger (er kommt ja auch von der Jagd ... ), später, wenn seine unkontrollierten Psychosen zunehmen, wird seine Kleidung wilder, tritt er barfuss in Steppjacke oder in Pyjamas auf. Die gestrenge Geneviève darf sich ebenfalls für jeden Akt umziehen. Yniold wechselt auch in jedem Bild die Kleidung, mal American Football Player, dann im Teddyoverall, in Mélisandes Nachthemd (psychisch angeschlagen eben auch er, kein Wunder in dieser Umgebung). Auch Pelléas wandelt sich vom Nerdlook des ersten Auftritts zum Gothic-Boy, wenn er Mélisande näher kommt, dann jedoch wieder im Freizeitlook mit zerrissenen Jeans und Karohemd. Für seine Abreise kommen dann noch Gummistiefel dazu. Der Regisseur hat selbst Pelléas' Vater (den Debussy/Maeterlinck nicht auftreten lassen) in die Inszenierung eingebaut: Auch er ist ein geistig Schwerstkranker (in grauer Irrenanstaltskleidung), an welchem Yniold (in den Fussstapfen seines Psychiater-Papas) in der zum Glück nicht gestrichenen Schäferszene Hypnoseversuche anstellt. Reinhard Mayr (welch eine Luxusbesetzung für diese Rolle) darf als Vater von Pelléas den kurzen Satz des Schäfers singen ... . Mit sehr schöner Bassstimme singt Charles Dekeyser den Arzt, der weder verhindern kann, dass Mélisande stirbt, noch dass das Neugeborene von der wieder am Tisch versammelten Familie in seinem Buggy in sehr liebloser, ja bestimmt gemeingefährlicher Art, auf den Esstisch gestellt wird. Die Geschichte kann von Neuem beginnen, das nächste Opfer der Psychos liegt bereit.

Das Premierenpublikum reagierte begeistert auf die Ausführenden der musikalischen Seite, etwas zurückhaltender beim Auftreten des Inszenierungsteams. Doch kein Vergleich mit dem Buhsturm, den Bechtolf bei seiner letzten Inszenierung (2004) über sich ergehen lassen musste. Man erinnert sich: Totale Vereisung der Welt, Verdoppelung der Menschen mit Puppen in Rollstühlen. Noch lieber erinnert man sich allerdings an die vorletzte Produktion in Zürich (von Peter Beauvais, mit Edith Mathis als Mélisande und Ferdinand Leitner am Pult) oder die wunderbar naturalistische Inszenierung von Leiser/Courier in Genf (2000, mit Keenlyside und van Dam).

Inhalt:

Golaud trifft im Wald auf die weinende Mélisande. Sie wirkt verschüchtert, traumatisiert, unnahbar. Ihre Krone ist ins Wasser gefallen, doch sie will nicht, dass Golaud die Krone herausholt. Golaud nimmt Mélisande mit sich fort.

Sechs Monate später: Geneviève, die Mutter von Golaud und seinem Halbbruder Pelléas, liest ihrem halbblinden Vater Arkel einen Brief vor, den Golaud an Pelléas geschrieben hat. Golaud hat Mélisande geheiratet, ist aber nach wie vor verwirrt über die Rätselhaftigkeit seiner Frau. Er bittet Pelléas bei Arkel vorzusprechen, damit dieser Mélisande und ihn empfange. Aus einer ersten Ehe hat Golaud einen Sohn, Yniold, um den er sich rührend kümmert. Pelléas' Freund Marcellus liegt im Sterben. Arkel erinnert Pelléas daran, dass auch Pelléas' Vater krank sei.

Mélisande ist auf Arkels Schloss eingetroffen. Für sie wirkt alles hier düster. Sie begegnet Pelléas.

Pelléas und Mélisande sind bei einer verlassenen Quelle im Park. Sie lässt den Ehering, den sie von Golaud empfangen hatte, ins Wasser fallen. Soll sie Golaud die Wahrheit sagen?

Golaud und Mélisande unterhalten sich über Mélisandes Ängste. Golaud bemerkt das Fehlen des Ringes. Mélisande sagt, sie hätte ihn verloren, als sie mit Yniold am Strand gespielt habe. Golaud besteht darauf, dass sie ihn suchen geht, obwohl es schon dunkel wird. Pelléas soll sie begleiten. In einer Grotte treffen sie auf drei arme Männer. Mélisande will weg von diesem Ort.

Mélisande kämmt ihr langes Haar am Fenster. eélléas will sie berühren. Er taucht in die Fülle ihres Haares und bindet ihre Locken an eine Weide. Sie hören Golaud kommen. Pelléas kann das Haar nicht von den Zweigen lösen. Golaud tadelt die gefährlichen Spiele. In einem modrigen Gewölbe zeigt Golaud Pelléas abgestandenes Wasser, von dem der Hauch des Todes aufsteige. „Gewahrst du den Abgrund, Pelléas?“, fragt Golaud. Golaud warnt Pelléas vor den „Kinderspielen“ mit Mélisande. Seine Frau sei schwanger. Golaud horcht Yniold aus, befragt seinen Sohn über die Beziehung zwischen Mélisande und Pelléas. Yniold verrät, dass die beiden oft in der Dunkelheit zusammen weinen. Golaud bedrängt seinen Sohn zu stark. Yniold wird störrisch und beginnt zu weinen.

Pelléas kranker Vater ist wieder gesund (er tritt in der Oper nicht auf). Pelléas will Mélisande noch einmal treffen, bevor er abreist. Arkel hofft, dass nach den Jahren von Krankheit und Tod nun wieder Freude auf das Schloss zurückkehren werde. Er spürt aber, dass Mélisande unglücklich und traurig ist. Golaud kommt hinzu. Er hat Blut auf seiner Stirne. Er weist Mélisande zurück, als sie es ihm abwischen will und beschimpft Mélisande der Untreue. Arkel steht Mélisande zur Seite. Doch Golaud beruhigt sich nicht. Er reisst an Mélisandes Haaren. Dann stürmt er davon. Yniold beobachtet eine Schafherde, die zum Schlachten geführt wird. Pelléas wartet an der Quelle auf Mélisande. Mélisande erscheint, total verängstigt. Mélisande und Pelléas gestehen sich gegenseitig ihre Liebe. Pelléas hört Lärm. Golaud erscheint und ersticht seinen Halbbruder. Mélisande flieht in den Wald.

Mélisande hat ein Kind zur Welt gebracht, liegt aber krank darnieder. Arkel pflegt sie und versucht, sie ins Bewusstsein zurückzuholen. Golaud macht sich Selbstvorwürfe. Er bittet Mélisande um Verzeihung. Doch noch immer quält ihn die Eifersucht. Er will wissen, ob Mélisande ihn mit Pelléas betrogen habe. Mélisande beteuert, die Liebe zu Pelléas sei unschuldig gewesen. Golaud glaubt ihr nicht. Arkel zeigt Mélisande ihre neugeborene Tochter. Mélisande sagt nur: „Auch sie wird weinen. Sie tut mir leid.“ Golaud gibt noch immer keine Ruhe. Arkel ermahnt ihn: „Du verstehst nicht das Rätsel der Seele.“ Mélisande ist während des Disputs gestorben. Arkels letzte Worte sind: „ Jetzt ist die arme Kleine an der Reihe.“

Werk:

Wie Beethoven hat auch Claude Debussy (1862 – 1918) nur eine einzige Oper vollendet, obwohl er sich mit vielen Projekten abmühte, keines jedoch zum Abschluss brachte. Das symbolistisch befrachtete Werk ist wahrlich keine einfache Kost für Liebhaber des Musiktheaters und die Uraufführung (auch wegen Interventionen des Dichters Maeterlinck) ging nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne. Und doch avancierte das Drama um die rätselhafte, traumatisierte Mélisande zu einen wichtigen Pfeiler des Repertoires einer jeden ambitionierten Opernbühne. Sie gilt als erste der grossen Literaturopern des 20. Jahrhunderts, bei welcher der Text nicht von einem Librettisten bearbeitet sondern praktisch 1:1 in die musikalische Form übernommen wurde. Damit stellt PELLÉAS ET MÉLISANDE den Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Literaturopern dar, welche von Strauss' SALOME über ELEKTRA zu Bergs WOZZECK und LULU, zu Zimmermanns DIE SOLDATEN und Rihms DIE HAMLETMASCHINE reicht. Debussys schwebende, introvertierte Klangsprache kennt kaum je Gefühlsausbrüche ins Fortissimo. Die durchkomponierte Grossform erhält durch später immer wieder erweiterte orchestrale Zwischenspiele für Szenenübergänge eine Gliederung. Der Bayreuth-Pilger Debussy nahm zwar Wagners Leitmotivtechnik auf, doch wird sie bei ihm sublimiert und ganz nach innen gewendet. Debussys PELLÉAS ET MÉLISANDE, Montemezzis L'AMORE DEI TRE RE oder Korngolds DIE TOTE STADT gehören alle einem morbid-düsteren Themenkreis des beginnenden 20. Jahrhunderts an, bei dem es um die Bedürfnisse zerbrechlicher oder verführerische Frauen geht, femmes fragiles ou fatales, welche von ihren kleingeistigen Männern nicht verstanden werden und zumeist tödlich enden. Von Maeterlincks morbidem, symbolträchtigem Drama wurden viele Komponisten der Jahrhundertwende zu Kompositionen inspiriert: Sibelius und Fauré schrieben Bühnenmusiken, Schönberg eine sinfonische Dichtung.

Karten


Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 08. Mai 2016 Gelesen: 1741

Kategorie: Pélléas et Mélisande
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