Zürich: OREST, 26.02.2017 

Zürich: OREST, 26.02.2017

Musiktheater in sechs Szenen | Musik: Manfred Trojahn | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 8. Dezember 2011 in Amsterdam | Aufführungen in Zürich: 26.2. (Schweizer Erstaufführung) | 2.3. | 7.3. | 10.3. | 12.3. | 19.3. | 24.3. 2017

copyright: Judith Schlosser, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Kritik:

 

Der Jubel und die Begeisterung des Premierenpublikums am Ende dieser Schweizerischen Erstauffühung von Manfred Trojahns OREST schienen keine Grenzen zu kennen – und dies bei einem zeitgenössischen Werk! Die Hoffnungen sind berechtigt, dass erstens das gegenwärtige Schaffen fürs Musiktheater doch vermehrt auf Zustimmung und Interesse stösst und dass zweitens gerade diese Oper Eingang ins erweiterte Repertoire finden wird. Immerhin war dies bereits die vierte Produktion des OREST (nach der Uraufführung in Amsterdam folgten Hannover, das Museumsquartier Wien und nun das Opernhaus Zürich). Und das Tolle daran ist, dass jede dieser Produktionen in völlig unterschiedlichem Gewand (nicht in vorgegebenem Korsett wie bei neuen Musicals!) daherkommt – und jede auf ihre Art anscheinend packend und begeisternd war. So auch die Aufführung gestern Abend im Opernhaus Zürich, bei der Regie-Guru Hans Neuenfels endlich sein längst überfälliges Zürcher Debüt gab und mit seiner Arbeit auf Anhieb beim Zürcher Publikum ungeahnte Akklamationen auslöste. Das war aber auch ein atemberaubender Abend, die 80 Minuten Spieldauer gingen wie im Flug vorbei und erneut hatte ich das Bedürfnis (wie bei der Uraufführung von Scartazzinis EDWARD II. vor einer Woche in Berlin) das Werk gleich nochmals zu hören, zu erleben, hineinzutauchen.

Nicht nur das Szenische vermochte zu fesseln, auch das Akustische mit der fein austarierten, mal eruptiven, mal sehr sensiblen musikalische Sprache, das Raumerlebnis, die Behandlung der Stimmen und der Dynamik. Umgesetzt wurde Trojahns Komposition von einem überragenden Ensemble, welches sich mit einer Körperlichkeit, einer Rollenidentifikation und phänomenalen stimmlichen Ausdruckspaletten sondergleichen in die zeitlose antike Tragödie stürzte. Allen voran natürlich Georg Nigl, welcher die Qualen des von Schuldgefühlen (Muttermord) heimgesuchten Orest mit einer Intensität darstellt und fühlbar macht, welche Gänsehaut und Empathie zugleich auslöst. Sein Bariton mit schöner, warmer Grundtimbrierung, ist zu allem fähig, was die schwierige Rolle erfordert: Schreien, irres Flüstern, Falsettieren, in sich gekehrtes Sinnieren, Widerspruch, Auflehnung gegen Fremdbestimmung durch den Gott oder seine Schwester Elektra und am Ende gar zärtliche Gefühle der Erkenntnis, der Selbstbestimmung, der Liebe. Sein Monolog zu Beginn ein Ereignis an Kraft und Intensität, gefangen in einer Art Gummizelle mit irisierenden Wänden, welche seine Verrückung des Sinns, sein Abdriften in den schuldbeladenen Albtraum des Wahnsinns unterstreichen (die grandiose, eindrückliche und bewzwingende Gestaltung der Bühne stammt von Katrin Connan). Drei hochinteressante Frauenfiguren mit jeweils ganz unterschiedlichem Charakter hat Trojahn seinem Orest zur Seite gestellt: Elektra, die ruhelos nach Gerechtigkeit und Vergeltung schreiende Schwester im schwarzen Punk/Combat Outfit einer Kampflesbe, Helena, die wunderschöne Diva (mit ihrer Frisur, der Sonnenbrille, den übertrieben luxuriösen Kostümen, den aufreizenden, geschmacklosen Dessous kam sie daher wie eine Mischung aus Ivana Trump und Patsy Stone aus ABSOLUTELY FABULOUS) und Hermione, ihre Tochter, welche mit ihrer Naivität und der Unschuld einer Ballerina den Orest schliesslich zumindest zum selbständigen Handeln und zum Durchtrennen seiner Bindungen an fremdbestimmende Mächte bringt. Die stringente und die Charaktere wunderbar einfangende Kostümdramaturgie stammt von Andrea Schmidt-Futterer. Am Ende der zweiten Szene folgt einer der musikalischen Höhepunkte des Werks, das Terzett der drei Frauen Elektra, Helena und Hermione. Da verbinden sich der satte, hochdramatisch geführte Mezzosopran der wunderbaren Ruxandra Donose als Elektra mit dem sich gekonnt hysterisch verästelnden Sopran von Claudia Boyle als Helena und dem lichten, hellen, vogelgleich die schwierigen übermässigen Intervallsprünge meisternden Koloratursopran von Claire de Sévigné als Hermione – ein Terzett, das in der Konstellation der Frauenstimmen an das Ende des ROSENKAVALIERS von Richard Strauss erinnert. Einige andere Anklänge oder Reverenzen an Strauss sind ebenfall in die Partitur Trojahns eingeflossen, natürlich aus dessen ELEKTRA, welche ja quasi die Vorgeschichte zu OREST darstellt. So etwa der Bezug zu Klytämnestras Beschwörung der „Bräuche, es muss für alles Bräuche geben“, die Anspielung auf den „Allein“- Monolog der Elektra (in der inzestuös gefärbten 4. Szene des Geschwisterpaars: „Nun Schwester, nun sind wir allein“), das verminderte Quartintervall des Orest Rufes oder „bist du der, der Nachricht bringt“. Ein ganz besonderes Lob gebührt auch Airam Hernandez, welcher als Doppelgott Apollo/Dionysos einerseits den zur erneuten Gewalttat im Namen der Gerechtigkeit und des ewigen Ruhms aufrufenden Vernunftsmenschen gibt, andererseits mit goldenem, erigiertem Riesenpenis die dionysischen Genussseiten des Lebens zeigt. Airam Hernandez gelingt es hervorragend, mit seinem wunderbar leicht und genau ansprechenden Tenor die beiden Seiten der Figur zum Leben zu erwecken. Der machtgeil taktierende Menelaos ist Raymond Very, welcher die Partie ebenfalls ganz bezwingend zu gestalten weiss. Acht Chorzuzüger singen den kurzen Auftritt der Männer von Argos, sechs Frauenstimmen von Sängerinnen am IOS haben die Bandaufnahme der spukhaft den Orest heimsuchenden Schuldrufe eingespielt, welche zu Beginn nach einem Gänsehaut erregenden Schrei der Klytämnestra und am Ende wieder den Saal füllen und uns in den Kopf des getriebenen Orest hineinversetzen. Nach der vierten Szene erklingt eine Art kurzes Intermezzo sinfonico, ein aufwühlendes, von wahrlich eruptiver Kraft erfülltes Orchesterzwischenspiel, welches die Philharmonia Zürich unter der Leitung des Musikdirektors des Theaters Basel, Erik Nielsen, mit unter die Haut gehender Eindringlichkeit intoniert. Ein grosses Lob gebührt auch den Statisten (Klytämnestra: Evelyn Angela Gugolz, Ägisth: Benjamin Mathis) und vor allem dem Pagen von Frank Metzner, welcher der rätselhaft-skurrilen Szene der Hermione mit der janusköpfigen Zykade mit seiner verzückten Brustwarzen-Einlage einen ganz besonderen Touch verleiht. Am Ende geht Orest hinaus ins Dunkle, ins Ungewisse. Von seiner Schuld wird er sich wohl nicht befreien können (die Orest-Rufe hallen wieder durch den Raum), aber er hat sich quasi von der Fremdbestimmung emanzipiert, kann als freier Mensch die Gummizelle verlassen. Das gibt doch ein Fünkchen Hoffnung.

Hans Neunefels hat mit seiner genau gearbeiteten, hoch spannenden und sehr aktuellen Inszenierung (du sollst nicht auf vermeintliche Götter etc. hören!) dem zeitgenössischen Musiktheater und dem Opernhaus Zürich einen wichtigen Dienst erwiesen – das darf man sich nicht entgehen lassen!

 

Vorgeschichte: Der Fluch der Atriden

In Mykene lebten zwei königliche Brüder, Atreus und Thyestes. Thyestes schlief mit Atreus Gemahlin. Nach Entdeckung des Seitensprungs seiner Gemahlin setzte Atreus die aus der ausserehelichen Beziehung entsprungenen Söhne seiner Frau und seinem Bruder zum Frass vor und vertrieb Thyestes. Als Strafe verhängten die Götter dem Reich des Atreus eine Dürreperiode, die erst zu Ende ginge, wenn Atreus seinen Bruder zurückkehren liesse. Unterdessen hatte Thyestes aber mit seiner eigenen Tochter einen „Rächer“ gezeugt, den Aigisth, der unerkannt am Hofe des Atreus aufwuchs und eigentlich von Atreus dazu ausersehen war, den Thyestes nach dessen Rückkehr zu ermorden. Stattdessen erschlug Aigisth seinen Onkel Atreus.
Die Söhne des Atreus, Agamemnon und Menelaos, mussten bald darauf in den Trojanischen Krieg ziehen, um die Gattin des Menelaos, Helena, zu befreien. Um günstigen Wind für seine Flotte zu erhalten, opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie, zum Entsetzen seiner Gemahlin Klytämnestra. Aus Trauer, Wut und Rache über den (vermeintlichen) Opfertod ihrer Tochter gab sich Klytämnestra Agamemnons Erzfeind Aigisth hin. Nach Agamemnons Rückkehr aus Troja (mit der Seherin Cassandra) wurde dieser von seiner Frau und Aigisth im Bade ermordet. Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras, schwor Rache. Ihr Bruder Orest wurde von ihr angefeuert, die Mutter und deren Liebhaber umzubringen.
Die Erinnyen (Rachegöttinnen) verfolgten den Muttermörder. Orest konnte sich vom Fluch, der auf seinem Geschlecht lag, nur durch einen Diebstahl, den er im Tempel von Tauris begehen sollte, befreien. Dort traf er auf seine tot geglaubte Schwester Iphigenie, die jeden ankommenden Fremdling ermorden musste. Noch rechtzeitig erkannte Iphigenie in dem Fremden ihren Bruder und gemeinsam gelang ihnen die glückliche Rückkehr nach Griechenland. Dort heiratete Orest Hermione, die Tochter seiner Tante Helena (Schwester von Orests Mutter Klytämnestra). Hermione allerdings war zuerst mit dem Sohn des Achilles, Neoptolemos, verheiratet. Und dieser holte sich seine Ex-Frau nach ihrer Heirat mit Orest durch Raub zurück, woraufhin Orest den Neoptolemos verfolgte und in Delphi tötete. Orest wurde daraufhin Regent in Mykene, Argos und Sparta. Er starb im Alter von 90 Jahren in Arkadien durch den Biss einer Schlange.

Inhalt der Oper:

Die Oper von Manfred Trojahn nun kreist um den letzten Teil des Atridenfluchs. Orest quälen die Gewissenbisse (Ermordung seiner Mutter Klytämnestra), Stimmen der Opfer seiner Blutspur suchen ihn als psychische Dämonen heim. Von seiner Schwester Elektra aufgestachelt soll er nun auch noch Helena töten, die Schwester seiner Mutter. Doch die Begegnung mit Hermione (Helenas Tochter) und der Blick aus ihren unschuldigen Augen lösen eine Katharsis aus: Orest spürt, dass er dem Kreislauf aus Rache und Morden und erneuter Rache ein Ende setzen muss und nicht mehr fremdbestimmt agieren darf, sondern sich seiner Schuld stellen muss. Die Liebe als Katalysator der Selbsterkenntnis - ob dies erfolgreich sein wird, lässt Trojahn offen.

Spieldauer: knapp 90 Minuten

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 26. Februar 2017 Gelesen: 1270

Kategorie: Orest (Trojahn)
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