Zürich: ANNA KARENINA, 12.10.2014 

Zürich: ANNA KARENINA, 12.10.2014

Ballett von Christian Spuck, nach dem Roman von Lew Tolstoi | Musik: Sergej Rachmaninow, Witold Lutoslawski, Martin Donner u.a. | Uraufführung: 12.10.2014 in Zürich | Weitere Aufführungen in Zürich: 17.1. | 19.10 | 21.10. | 26.10. | 21.11. | 29.11. | 2.12. | 5.12. | 11.12. | 14.12. | 26.12.2014 | 4.1.2015

copyright: Monika Rittershaus, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Kritik: 

 

Die grossen Stoffe der Weltliteratur haben Choreographen immer wieder dazu inspiriert, den Werken durch die Ausdruckskraft des Tanzes, der Körperlichkeit und der Musik neue Dimensionen zu erschliessen und abzuringen. So schufen z.B. Kenneth MacMillan (MANON), John Neumeier (DIE KAMELIENDAME, DIE MÖWE), John Cranko (ONEGIN), Heinz Spoerli (PEER GYNT) und auch Christian Spuck mit den in Zürich bereits gezeigten Tanzstücken LEONCE UND LENA und WOYZECK Literaturballette, welche stets auf reges Interesse und viel Beifall beim breiten Publikum stiessen. Gestern Abend nun präsentierte das Ballett Zürich Christian Spucks Annäherung an Tolstois ANNA KARENINA, dieses weit ausholenden und die gesellschaftlichen Zustände genau analysierenden Sittengemäldes aus dem zaristischen Russland. Am Ende zeigte sich das Premierenpublikum (nach sehr verhaltenem Applaus zur Pause) sehr angetan von der Produktion und spendete den Ausführenden und dem Ballettdirektor Christian Spuck und seinen Ausstattern enthusiastischen Beifall. Beim Rezensenten hinterliess die Aufführung jedoch einen etwas zwiespältigen Eindruck. Der Stoff des umfangreichen Romans ist gross, sehr gross, vielleicht zu gross für einen rund 120 Minuten dauernden Abend. Es dauerte für Unvorbereitete (wozu ich mich nicht zähle, da ich sowohl den Roman gelesen habe als auch mehrere Verfilmungen kenne) eine ganze Weile bis man in die Handlung hinein gefunden hatte, wovon viel Geflüster im Publikum zeugte und Sitznachbarn einander gegenseitig das „who is who“ erklären mussten. Spuck fächert das Geschehen vom Ende her auf (die Idee ist auch nicht gerade neu). Zum Vorbeidonnern eines Zuges (tolle Geräuschkulissen von Martin Donner) versammelt sich die Petersburger Gesellschaft zu einem Trauerzug. Nun führt Spuck die ersten Personen ein: Stiwa (Arman Grigoryan), der seine Gemahlin Dolly (Galina Mihaylova) mit zwei Hausmädchen betrügt. Dollys Schwester Kitty (Katja Wünsche) wird etwas tollpatschig von Lewin (Tars Vandebeek) umworben. Anna Karenina (Viktorina Kapitonova) trifft mit dem Zug in Moskau ein, um zwischen ihrem Bruder Stiwa und Dolly zu vermitteln, und wirft bereits ein Auge auf ihren Mitreisenden Graf Wronski (Denis Vieira). Doch dieser wird von seiner energischen Mutter (Nora Dürig) fortgezogen. Auf dem Ball im Hause Dollys wirft auch Kitty ein Auge auf Wronski und lässt Lewin links liegen. Enttäuscht muss sie jedoch feststellen, dass Wronski nur Augen für Anna hat, sobald diese auf dem Ball erscheint. Sehr originelle Schrittfolgen der Ballgäste und ein schön herausgearbeitetes Beziehungsgeflecht setzen erste tänzerische Höhepunkte. Allzu viele werden es im Verlauf des Abends jedoch nicht mehr, die Choreographie versinkt in Schönheit und einer zuweilen berauschenden, aber oberflächlichen Ästhetik, zu der die kostbaren Kostüme von Emma Ryott viel beitragen. Doch irgendwie gelingt es Spuck (im Gegensatz zu seiner Choreographie zu WOYZECK) trotz all der hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Zürich nicht, Betroffenheit oder Empathie beim Zuschauer auszulösen. Die Musik kratzt zwar an der polierten Oberfläche, indem das Spätromantische, Sentimentale von Rachmaninow durch die Einschübe aus den Werken Lutoslawskis relativiert werden, doch die Körpersprache der DarstellerInnen auf der Bühne scheint durch die klassischen Schrittfolgen und Hebefiguren zu eingeschränkt zu sein, um echte, tiefe Gefühle auszudrücken. Zurück in St.Petersburg treffen wir auf Annas Gemahl Karenin (ein überaus steifer, von emotionaler Kälte nur so strotzender Felipe Portugal) und ihren Sohn Serjoscha (Ludwig Hoefs). Wronski und Anna kommen sich erstmals körperlich näher anlässlich eines Empfangs bei Annas Freundin Betsy (Giulia Tonelli). Zum stürmischen Aufbrausen des Finalsatzes aus dem zweiten Klavierkonzert Rachmaninows findet dann auch die Sexszene statt, kurze Ekstase gefolgt von Ernüchterung und Gewissensbissen mit dem Wechsel zu Lutoslawskis Chain 3. Obwohl die Musikauswahl auf den ersten Blick nicht immer zur tänzerischen Umsetzung einlädt, beweist Spucks Wahl der Musikstücke dramaturgisches Gespür. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Paul Connelly untermalt die kurzen, schlaglichtartigen Szenen mit einer differenziert ausgehorchten, unaufdringlichen Soundcollage. Die Mezzosopranistin Anna Stéphany singt mit berückend satter Stimme zwei melancholische Lieder und Josiane Marfurt setzt besonders mit Rachmaninows Prélude in cis-Moll ein pianistisches Glanzlicht. Spucks Choreografien zu diesen schwierig umzusetzenden Musikstücken wirken an manchen Stellen etwas anämisch. So gerät der Pas de trois Karenin-Wronski-Anna nach dem Pferderennen doch eher eintönig und steril. Geglückt sind die Szenen auf dem Landgut Lewins mit der originellen Choreographie der Heuernte, Lewins Rückzug ins ländliche Leben und schliesslich seiner Hochzeit mit Kitty. Etwas fade und schon sehr schwermütig erscheint dagegen der Aufenthalt des Liebespaares Anna und Wronski in Italien (zum zweiten Satz von Rachmaninows Klavierkonzert). Auch die Figur der sittenstrengen Gräfin Iwanowa (Eva Dewaele), welche Karenin nach ihrer Pfeife tanzen lässt, müsste noch schärfer herausgearbeitet werden. Viktorina Kapitonova zeigt am Ende eine zutiefst gebrochene Anna: Einsam, zurückgestossen von der Gesellschaft, verlassen von Wronski (der hat nun in Prinzessin Sorokina , getanzt von Alba Sempere Torres, eine neue Geliebte gefunden). Anna nimmt Zuflucht zu Morphiumtropfen. Am Ende donnert wieder der Zug vorbei, Anna liegt tot auf der leeren Bühne, die schwarz gekleideten, von Annas Schicksal unberührt scheinenden, steifen Menschen schreiten hinzu, das Bild friert ein. Tiefstes Dunkel.

Inhalt und Werk:

Der Roman Tolstois entstand in den Jahren 1873-1878 und erzählt die ineinander verwobene Geschichte dreier russischer Familien des Adels: den Oblonskis, der Lewins und der Karenins. Anna Karenina ist mit dem Staatsbeamten Alexej Karenin verheiratet. Doch ihre Affäre mit dem Grafen Wronskij führt zum Bruch der Ehe und ihrem Selbstmord. Als Kontrast und Ergänzung zur zentralen Geschichte der Karenins stehen die Ehen von Kitty Schtschebazkaja mit Lewin und die von Fürst Oblonski und seiner Gemahlin Dolly (Kittys Schwester). Szenen also nicht nur einer, sondern dreier Ehen. Neben der realistischen Schilderung der Seelenzustände und der Figurenkonstellationen behandelt Tolstois meisterlicher, umfangreicher Roman auch politische Probleme des Zarenreiches: die Bauernbefreiung, der rechtliche Status von Geschiedenen, die Dekadenz des Adels.

ANNA KARENINA wurde über ein Dutzend Mal verfilmt, u.a. mit Greta Garbo, Vivien Leigh, Jacqueline Bisset, Sophie Marceau und Keira Knightley in der Titelrolle.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 12. Oktober 2014 Gelesen: 2717

Kategorie: Anna Karenina
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