Stuttgart: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 09.02.2017 

Stuttgart: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 09.02.2017

Romantische Oper in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text: vom Komponisten | Uraufführung: 2. Januar 1843 in Dresden | Aufführungen in Stuttgart (Wiederaufnahme): 8.1. | 11.1. | 29.1. | 1.2. | 5.2. | 9.2. | 17.2.2017

copyright: Martin Sigmund, mit freundlicher Genehmigung Oper Stuttgart

Kritik: 

Von Wagners romantischer Oper, die mit Elementen der Schauerromantik durchsetzt ist, bleibt in der Stuttgarter Inszenierung durch Calixto Bieito vor allem "Schauer" übrig - jedwede romantische Anwandlung ist von der im Verlauf des Abends stetig zugemüllter daherkommenden Bühne verbannt. Und doch - man verfolgt die Aufführung gebannt, wird regelrecht hineingezogen in den pausenlosen Strudel einer Gesellschaft, welche durch ihr materialistisches Streben in den Abgrund gerissen wird. Bieito zeigt keine schottischen Seeleute (gespielt wird die Urfassung, welche noch nicht in Norwegen sondern in Schottland spielt), keine braven Mädchen am Spinnrad, keine Matrosen auf dem Geisterschiff. Beim ihm sitzen gescheiterte Manager im Rettungsboot, in einem assoziativen Raum, einer Art leergeräumter Fabrikhalle, verkleidet mit Aluplatten, einer undichten Decke aus Milchglasscheiben. Die Natur hat sich die Industriehalle zurückerobert, der Boden ist sandig, unaufhörlich tropft Wasser durch die Decke (sehr störend sind diese Geräusche für Musik-Puristen!). Die Bühne wurde von Susanne Gschwender und Rebecca Ringst entworfen. Oftmals sind Bebilderungen einer Ouvertüre unnötig oder gar störend - nicht so hier. Man erkennt den Schatten Sentas hinter den Milchglasscheiben. Eine gefangene Frau, welche vergeblich versucht, ihrer Hölle zu entkommen. Ihr Vater tröstet und missbraucht sie, und dies ausgesprochen bestialisch. Sie schöpft Hoffnung aus einer Schneekugel, doch die Schatten der Männer werden immer grösser und bedrohlicher. Schliesslich schreibt sie mit blutenden Fingern unaufhörlich "Rette mich" an die Glaswand. Das sind eindringliche Bilder, welche auf den spannungsgeladenen Abend einstimmen. Die aufpeitschende, rohe und blechgeschwängerte Gewalt, welche aus dem Orchestegraben diese Bilder untermalt, trägt viel zur Eindinglichkeit der ersten Viertelstunde bei. Georg Fritzsch und das Staatsorchester Stuttgart bleiben dem geradezu filmischen Charakter der Komposition des jungen Wagner nichts an überwältigenden Effekten schuldig. Selbstverständlich erscheint der Holländer nicht in einem Schiff mit blutroten Segeln in der Fabrikhalle, nein, er sitzt in einem knallroten Gummiboot, einem dieser Rettungsboote, welche man unterdessen tagtäglich in den Nachrichten sieht. Umgeben ist er allerdings nicht von Schwarzafrikanern, sondern es sind alles Manager in Designeranzügen, welche nun "unbehaust" und gescheitert am Abgrund dahinschrammen. Der Steuermann (hervorragend mit seinem klaren und sicher geführten Tenor gesungen von Torsten Hofmann) ist ein triebgesteuerter Mann im geschmacklosen weissen Angeberanzug, welcher sich zu seinem Lied vom Südwind brasilianische Revuegirls und ein Minibordell herbeiträumt - aber schliesslich von einem kleinwüchsigen Dämon (gespielt von Manni Laudenbach) in der Gestalt einer jungfräulichen Braut verführt wird. Krass! Die Welt des Kapitalismus scheint wahrlich aus den Fugen geraten zu sein! Dies wird dann noch offensichtlicher im dritten Aufzug, wenn das Fest der Schotten zu einer infernalischen Massenorgie ausartet, der Geisterchor über Lautsprecher in den Saal schallt, die Türen im Parkett sich öffnen und ein Stroboskopgewitter das altersmässig erfreulich durchmischte Publikum überzieht - verstörend und aufrüttelnd. Mit klangstarker und rhythmisch präziser Wucht gestaltet der Staatsopernchor Stuttgart seine gewaltige Aufgabe (Einstudierung: Christoph Heil). Im Mittelakt sehen wir natürlich nicht die Frauen am Spinnrad, sondern blondierte Püppchen in billigen, ordinären Outfits (Kostüme: Anna Eiermann), welche sich mit Haarsprays, Deos und den 16 mit viel rohem Fleisch und Babys (!) gefüllten Kühlschränken beschäftigen. Nur die Mary ist eine brutale Aufseherin im eleganten Business-Anzug, welche auch vor Zwangsmedikation für Aufrührerinnen wie Senta nicht zurückschreckt. Idunnu Münch füllt diese kleine Rolle mit packender szenischer Darstellung und wunderschön sattem Mezzosopran. Im dritten Aufzug dann schreien die stromlinienförmigen Hausfrauen vor Glück, wenn sie ihre bunten Päckchen auspacken dürfen (Haushaltsgeräte wie Bügeleisen und Mixer). Das Frauenbild, das hier zementiert wird, ist tatsächlich zum Schreien und doch offensichtlich aktueller denn je. (Grab her by the pussy ...). Denn das Verhalten vor allem Donalds (Nomen est omen) gegenüber seiner Tochter und den anderen Frauen, ist an Abschätzigkeit und Abscheulichkeit kaum zu überbieten - ausser vielleicht von seinem Namensvetter, dem gegenwärtigen Präsidenten eines grossen westlichen Landes. Ja, der Daland heisst in der Urfassung tatsächlich Donald und Bieito muss über geradezu unheimliche seherische Fähigkeiten verfügt haben, als er sich 2008 (da war Premiere dieser Inszenierung) für dieses Konzept und die Urfassung entschieden hatte. Neben vielen wirklich spannenden und interessanten Ansätzen (wunderbar die grandiose Personenführung der Choristen und der Statisten) gibt es wie oft bei diesem Regisseur auch Ärgerliches und Abgedroschenes: Die störenden Bühnengeräusche habe ich bereits erwähnt, einige szenische Ungereimtheiten lassen sich bei einer solchen Konzeption kaum vermeiden, die unermüdlich geköpften Champagnerflaschen und der auf anzügliche Art und Weise verspritzte Schaumwein als Ausdruck der sexuellen männlichen Triebhaftigkeit kommt einem ebenfalls sehr bekannt vor - aus Bieitos Sicht auf OTELLO an den Opernhäusern in Basel und in Hamburg. Grossartig aber gelingt ihm die Zeichnung der Protagonisten: Senta zum Beispiel, die sich zu emanzipieren versucht, sich während der Ballade zum Entsetzen der anderen Frauen die blonde Perücke vom Kopf reisst. Christiane Libor gibt diese Senta mit wunderbar einfühlsamer Tongebung, farbenreicher, nie forcierter Stimme. In der Höhe zu Beginn manchmal etwas dünn, dafür in der Ballade von Strophe zu Strophe an fiebriger Intensität zulegend und am Ende dann doch zu fulminanten Spitzen fähig. Darstellerisch ist sie ganz grosse Klasse, zeigt eine Senta zwischen Zwangsneurosen und Emanzipationsversuchen. James Rutherford singt einen überaus wohlklingenden Holländer, mit herausragender Diktion und ebensolcher Durchdringung des Textes. Mit eindrücklicher Plastizität gestaltet er den grossen Monolog (Die Frist ist um), sein wunderbar strömender Bassbariton verfügt aber auch über die fahlen Farben für den Beginn des Duetts (Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten). Am Ende brechen er und Senta über zerschmetterten Computerbildschirmen zusammen, während im Hintergrund sein Ebenbild im Rettungsboot hochgefahren wird - natürlich in der Pose des Gekreuzigten. Ein schwer verständliches Bild, zumal ja gerade diese Urfassung keinen "Erlösungsschluss" hat. Ist das Ironie, Sarkasmus? Attila Jun gibt einen kernigen Donald, besonders überzeugend geraten ihm die musikalischen Momente, welche an Bassbuffo Figuren aus Spielopern erinnern. Als frauenverachtender Widerling Donald kann er natürlich beim Publikum keine Sympathiepunkte sammeln - das kann eigentlich niemand in der gnadenlosen Lesart dieses Werks durch Calixto Bieito, vielleicht mit Ausnahme des Georg (Erik in der späteren Fassung). Thomas Blondelle gehört für mich denn auch der Palmares dieses Abends für seine Leistung. Oftmals kommt einem diese Figur ja als weinerlicher Jammerlappen vor, nicht so in der Interpretation von Blondelle. Seine leuchtkräftige, sicher und intelligent geführte Stimme vermeidet alles Larmoyante, die Traumerzählung und das strichlose Duett mit Senta im dritten Akt sind grandios gestaltet. Auch darstellerisch gelingt ihm eine an Eindringlichkeit kaum zu überbietende Leistung. Wie er da im Adidas Sportdress über die Bühne schleicht, sich wie ein rasender Orest mit dem Beil gebärdet und dann doch vor dem Abschlachten der psychisch deformierten Manager zurückschreckt, das ist von Regie und Darsteller schon sehr gekonnt gemacht.

Alles in allem doch eine lohnenswerte Auseinandersetzung und Begegnung mit der Urfassung des FLIEGENDEN HOLLÄNDERS, ein Sozio-Psychodrama, dem man gebannt folgt.

Schade nur, dass die interessanten Essays im Programmheft nur schwer zu entziffern sind: Dünne, schwarze Schrift auf rotem Untergrund ist nicht sehr lesefreundlich ... .

Inhalt:

Während eines Sturms geht Dalands Schiff in einer Bucht vor Anker. Die Mannschaft und der wachhabende Matrose schlafen ein, gespenstisch naht sich ein zweites Schiff. Es ist das Schiff des Holländers, der wegen einer Gotteslästerung zu einem ewigen Leben auf See verdammt ist. Nur ein treu ergebenes Weib kann ihm Erlösung bringen. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen und sich dieses Weib zu erringen suchen. Daland ist beeindruckt von den Schätzen auf des Holländers Schiff und bietet dem Mann seine Tochter Senta zur Gemahlin an.

Diese ist ganz närrisch nach dem Holländer, welchen sie nur von einem Bild und der Sage kennt. Immer wieder ergeht sie sich in Tagträumen über das Schicksal dieses Mannes. Senta wird aber vorerst vom jungen Jäger Erik umworben, der besorgt die Träumereien seiner Liebsten wahrnimmt. Doch Senta fühlt sich berufen, den „armen Mann“ zu erlösen. Unmutig verlässt Erik das Mädchen, als Sentas Vater mit dem Holländer das Zimmer betritt. Senta weiß nun, dass es ihr bestimmt ist, das Erlösungswerk zu vollbringen. Zwischen ihr und dem Holländer entsteht eine innige Verbundenheit. (Wunderbares Duett!)

Die norwegischen Matrosen bereiten das Fest vor und versuchen auch die Mannschaft des Holländer-Schiffes einzuladen, doch aus dem Schiff schallt ihnen nur beängstigendes, geisterhaftes Dröhnen entgegen, so dass sie entsetzt und verängstigt fliehen. Erik erinnert Senta noch an seine Liebe zu ihr, vergeblich.
Der eintretende Holländer hat das Gespräch belauscht und ist sich sicher, dass auch Senta ihm nicht die erhoffte Treue gewähren können wird. Um sie vor der Verdammnis zu bewahren, erzählt er ihr von seinem Fluch (Erfahre das Geschick, vor dem ich Dich bewahr). Er eilt zu seinem Schiff, um auf ewig unerlöst zu bleiben. Doch Senta setzt ihm nach, verkündet nochmals laut, ihm treu […] bis zum Tod zu sein, und stürzt sich von der Klippe ins Meer. Augenblicklich versinkt das Schiff des Holländers in den Fluten. Der Fliegende Holländer ist erlöst.

Werk:

In Stuttgart wird die Urfassung gespielt, also so, wie Wagner das Werk in Paris zur Aufführung bringen wollte. Hauptmerkmale dieser Fassung sind der wegfallende Erlösungsschluss, den Wagner 1860 hinzufügte, der andere Schlussteil der Ouvertüre, die um einen Ton höher gesetzte Ballade der Senta (die Keimzelle des Werks) und der Wechsel zwischen Ventil- und Naturhörnern. Insgesamt ermöglicht die Urfassung eine Besetzung mit leichteren Stimmen.

Zum ersten Mal taucht im FLIEGENDEN HOLLÄNDER Wagners Frauenbild auf: Durch bedingungslose Hingabe und Selbstaufopferung dient das Weib der Erlösung fremder Schuld und dem Heil des Mannes. Sentas Ausbruch aus dem Mief des Kleinbürgertums wirkt zwar revolutionär, doch ihre Entscheidung führt nicht zur Freiheit der Liebe, sondern zur Selbstpreisgabe. Der Rolle des Holländers hingegen enthält die Weltschmerzthematik sowie den Keim des deutschen Irrwegs, der auf Erlösung und Untergang im globalen Vernichtungsrausch und auf Kadavergehorsam abzielt. Seit Siegfried Wagner 1901 den Holländer in Bayreuth pausenlos spielen liess, hat sich diese Version auf den Bühnen durchgesetzt, sie wird dem balladesken Charakter des Werks gerecht. Sentas Ballade steht denn auch im Zentrum, die Erzählung vom fliegenden Holländer wandelt sich nach den ersten beiden Strophen zur Ich-Form, die junge Frau kommt zur vermeintlichen Selbstfindung.

Zwar hört man in Wagners Werk noch Anklänge an Weber und Marschner, an die deutsche Schauerromantik, auch die Nummernoper ist noch nicht komplett aufgebrochen. Doch dominieren neben volkstonhaften Einsprengseln (Lied des Steuermanns, Chöre der Spinnerinnen und der Matrosen) grossartige, durchkomponierte Szenen. So der Auftritt des Holländers und vor allem das mit 422 Takten jeglichen konventionellen Rahmen sprengende Duett Senta-Holländer.

Bereits in der Ouvertüre wird der Charakter des Stückes offenbar: Das Motiv des Holländers mit seinem Quart-Quint Aufstieg, die Sturmakkorde und die bedrohlichen Wellen des Meeres, das Erlösungsmotiv und die Melodien der Matrosen bewirken eine packende, gefährliche Sogwirkung.

Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Die Frist ist um, Monolog des Holländers, Aufzug I
Johohoe! Traft ihr das Schiff…, Ballade der Senta, Aufzug II
Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten, Duett Senta-Holländer, Aufzug II
Steuermann, lass die Wacht!, Matrosenchor, Aufzug III
Erfahre das Geschick, Finale Aufzug III

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 09. Februar 2017 Gelesen: 497

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