St.Gallen, Festspiele: ATTILA, 21.06.2013 

St.Gallen, Festspiele: ATTILA, 21.06.2013

Oper in einem Prolog und drei Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Temistocle Solera, vollendet von Francesco Maria Piave | Uraufführung: 17. März 1846 in Venedig | Aufführungen in St.Gallen (Klosterhof): 21.6 | 22.6. | 25.6. | 28.6. | 29.6. | 3.7. | 5.7.2013

copyright: T+T Fotografie, Toni Suter

Giuseppe Verdi, 1813-1901

Kritik:

 

Es ist eine düstere Geschichte voller Intrigen, Betrügereien und persönlichen Rachefeldzügen, welche uns Giuseppe Verdi und seine beiden Librettisten Solera und Piave mit ATTILA auftischen. Die Hunnen sind in Italien eingefallen und haben eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, eine Verwüstung, welche unweigerlich auch die Psychen der Besiegten nachhaltig beschädigt hat. Nur so sind die widerwärtigen Verhaltensweisen der vermeintlichen Helden der Oper zu verstehen. Genau hier setzt der Regisseur Stefano Poda an und evoziert im Klosterhof St.Gallen vor der eindrücklichen Barockfassade der Klosterkirche eine triste, beklemmende Endzeitstimmung. Da Poda sowohl für Regie als auch für Bühne, Kostüme und die sensationelle Lichtgestaltung verantwortlich zeichnet, kann man von einem atmosphärisch dichten (und auch bedrückenden) Gesamtkunstwerk berichten, welches die Erschliessung des Dramas für den unvorbereiteten Besucher zwar nicht gerade einfach macht (da auch auf eine Übertitelung verzichtet wurde), aber durch die Wucht der Bilder das Grauen des Krieges und seine nicht minder grauenvollen Folgen restlos überzeugend veranschaulicht. Wie Zombies entsteigen wilde Gestalten den rauchenden Ruinen, in denen man Teile der Fassade der Klosterkirche unschwer erkennen kann. Die Bühne ist an den Rändern von männlichen Leichen übersät. (Über den abenteuerlichen Transport von Rom nach St.Gallen dieser kunstvoll gefertigten Körper aus Fiberglas ist in der Presse berichtet worden, und dass die Leichen leider teilweise ziemlich zerstört in St.Gallen angekommen sind, hat man aus der Distanz sogar als „stimmig“ wahrgenommen … .)

Obwohl Verdi das Werk mit patriotischen Ausrufen und entsprechend martialischen Klängen auf Seiten der Römer und der Besiegten aus L'Aquila ausgestattet hat, scheinen auch die Sympathien des Komponisten nicht ungeteilt auf deren Seite gewesen zu sein. Denn er hat dem kriegerischen Titelhelden wunderschöne, warme Kantilenen in die Partitur geschrieben. Alexander Vinogradov füllt diese mit seinem prachtvollen Bass begeisternd unprätentiös und ohne falsches Pathos aus. Höhepunkt sicher seine Traumerzählung Mentre gonfiarsi, in welcher er die Verletzlichkeit seiner kriegerischen Seele mit grosser Eindringlichkeit offenlegen kann. Er ist mal Wolf im Schafspelz, mal Schaf im Wolfspelz, auch darstellerisch ist der blendend aussehende Bassist von grosser Agilität. Sportlich überwindet er die immensen Distanzen innerhalb diese Trümmerfeldes. Seine Gegenspielerin, die nach Rache dürstende Odabella, wird von der Sopranistin Mary Elizabeth Williams nicht nur als walkürenhafte Kriegerin und resolute Amazone dargestellt sondern auch als empfindsame Frau. Mit stählerner Wucht rast sie durch die Cabaletta Da te questo, beschwört die Härte ihres (auch bildlich) gepanzerten Herzens. Doch findet sie in der Romanze des ersten Aktes (Liberamente or piangi) zu erfüllter, beseelter Zartheit der Phrasen bei der Erinnerung an ihren Vater und an ihren Geliebten Foresto. Dieser wird von Bruno Ribeiro mit hell timbriertem, samten klingendemTenor gesungen, ein sanftmütiger Widerstandskämpfer auch er, wunderschön phrasierend. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das traumhaft schöne Aufblühen lassen der Stimme in der kurzen Cavatina (Che non avrebbe il misero) des dritten Aktes. Während Foresto durch die vermeintliche Untreue Odabellas auch ganz persönliche Argumente für seinen Anschlag auf Attila geltend machen kann, ist der römische Feldherr Ezio ein politisch ge-und durchtriebener, ambitiös seine eigenen Wege gehender Gegenspieler des Usurpatoren. Luca Grassi verleiht ihm seinen vornehmen, klar und hell gefärbten Bariton, gestaltet begeisternd seine grosse Szene inklusive mitreissender Stretta im zweiten Akt. Doch schleicht den ganzen Abend über noch einer elegant wie eine Raubkatze auf der Bühne herum: Der mysteriöse Uldino. Zuerst ist er im Lager Attilas beheimatet, diesem die gefangenen Frauen zuführend und Anteilnahme an dessen Traumerscheinungen heuchelnd. Doch schon bald wechselt der in smartes Leder gekleidete Sklave das Lager und dient nun den Verschwörern um Foresto. Warum er das tut, erfährt nur, wer das Libretto genau studiert. Uldino ist nämlich ein Bretone, dessen Volk und Heimat ebenfalls von Attila und seinen Hunnen geschleift und unterdrückt wurden. Verdi, der speziell in seinen Frühwerken halt die Knappheit des Ausdrucks bevorzugte, hat für diese eigentlich hoch interessante Figur nur wenige eigenständige Zeilen auskomponiert, doch Nik Kevin Koch vermag diesem Uldino eine intensive Bühnenpräsenz zu verleihen. Und so stechen denn am Ende nicht nur Odabella, sondern auch Foresto, Ezio und Uldino mit unbarmherziger Brutalität auf den in einen fiesen Hinterhalt gelockten Hunnenkönig ein. Einen kurzen, dafür unheimlich prominenten Auftritt bekommt Matt Bohler mit sonorem Bass als Papst Leone: Er darf hoch oben auf dem Balkon der Klosterkirche - gleichsam wie vom Balkon des Petersdoms - Attila durch seine Autorität in Schranken weisen.

Wie eingangs erwähnt spielt der Chor eine wichtige Rolle in diesem Werk. Regisseur Stefano Poda lässt ihn konsequent in der unheimlich zombiehaften Bewegungs-Choreografie verharren. Nach anfänglich ziemlich wackligem Beginn finden die vier Chöre (Chor des Theaters St.Gallen, Opernchor St.Gallen, Theaterchor Winterthur, Prager Philharmonischer Chor) zu einheitlicherem und differenzierterem Gesamtklang.

Dass das Frühwerk Verdis auch auf Zwischentöne ausgelotet wird, ist das Verdienst des Dirigenten Antonino Fogliani und des Sinfonieorchesters St.Gallen (und natürlich der wie immer an diesem Ort hervorragenden, auf Transparenz des Gesamtklangs achtenden Tontechnik von Stephan Linde und Christian Scholl). Fogliani schreitet nicht mit stampfender Brachialität durch die Partitur sondern betont immer wieder die durchaus vorhandene lyrische Ausdrucksfülle und dient damit sowohl dem Werk als auch den ohne Forcieren auskommenden Sängerinnen und Sängern.

Fazit: Eindrückliche, morbide Endzeitstimmung – bereichert durch Giuseppe Verdis mit durchschlagender, fantastischer Prägnanz komponierten Partitur. Überzeugende Solisten!

Werk:

Das Theaterstück ATTILA, KÖNIG DER HUNNEN von Zacharias Werner aus dem Jahr 1808 hätte auch gut als Vorlage für eine Oper von Richard Wagner dienen können. Viele von Wagners Lieblingsmotiven sind darin enthalten: Ein Geschichte aus düsterer Vergangenheit (ca Mitte 5. Jahrhundert), verratene Unschuld, Erlösung durch das Weib, Liebe auf den allerersten Blick (Attila) und grausamer Verrat, Druiden und Priesterinnen, die in Rätseln sprechen, eine rachsüchtige Heldin, halb Ortrud, halb Brünnhilde (Odabella), ein skrupelloser Machtmensch mit komplexer Charakterstruktur (Ezio), ein tenoraler Liebhaber (Foresto), der an der Treue seiner Geliebten erheblich zweifelt. Doch nicht Wagner sonder Giuseppe Verdi hat sich des deutschen Stoffes bemächtigt und ihn von Temistocle Solera zu einem reisserischen Libretto umarbeiten lassen. Vollendet wurde der Text dann von Francesco Maria Piave, da Solera nach Madrid umsiedelte (seine Gemahlin, die Sängerin Teresa Rosmina war an der Scala ausgelacht worden) und Berater von Königin Isabella wurde. Verdi hat zu diesem von patriotischen Anrufungen nur so strotzenden Text eine schmissige, mitreissende und manchmal schon beinahe gefährlich plakativ zum Mitstampfen und Mitklatschen anregende Musik geschrieben, die zwischen lärmender Militärblaskapelle, begeisternden Stretta-Finali und seltener aufblitzenden, weiten Melodiebögen wechselt. Die Oper löste im Italien des risorgimento, des Aufstehens gegen die Fremdherrschaft der Habsburger, eine riesige Begeisterung aus. Das Duett Ezio-Attila im Prolog, in welchem die Zeile Avrai tu l’universo, resti l’Italia, resti l’Italia a me (Du magst das Universum haben, doch überlass' Italien mir) über ein Dutzend mal wiederholt wird, wurde als direkte Aufforderung zum Aufstand verstanden. Nach den eher mit mässiger Begeisterung aufgenommenen Werken ALZIRA und I DUE FOSCARI konnte Verdi mit ATTILA wieder an die Erfolge von NABUCCO und ERNANI anknüpfen.

 

Inhalt:

Schauplätze der Oper sind das von Attila und seinen Hunnen gebrandschatzte Aquileia, die Lagunen rund um das zukünftige Venedig und die Hügel vor Rom im 5. Jahrhundert. Odabella, die Tochter des von Attila ermordeten Herrschers von Aquileia schwört, den Tod ihrer Verwandtschaft zu rächen. Sie befindet sich unter den von den Hunnen gefangenen Kriegerinnen. Attila ist von ihr beeindruckt. Der Abgesandte des weströmischen Kaisers, Ezio, versucht sich mit Attila zu einigen und die Unabhängigkeit der italienischen Gebiete zu erreichen. Vergeblich. Der Geliebte Odabellas, Foresto, führt die geflohenen Krieger Aquilas in die Lagunen. Er sorgt sich um Odabella, welche mit Attilas Heer gegen Rom zieht. Zufällig trifft sie in einem Wald vor Rom auf Foresto. Der wirft ihr Untreue und Verrat vor. Sie jedoch erwidert, dass sie wie einst die biblische Judith, ihr Volk von der Geisel der Unterdrücker befreien wird. Attila wird von Träumen gepeinigt, welche ihn vor dem Feldzug gegen Rom warnen. Trotzdembricht er zur Schlacht auf. Papst Leone stellt sich ihm entgegen. Flammende Schwerter erscheinen am Himmel. Attila ist starr vor Schrecken. Der Kaiser schliesst nun einen Waffenstillstand mit Attila, doch des Kaisers Feldherr, Ezio, widersetzt sich dem Befehl. Er schliesst sich den Aufständischen um Foresto an und plant die Ermordung Attilas. Attila lädt zu einem Festmahl , um den Waffenstillstand zu feiern. Odabella verhindert den geplanten Mord an Attila, weil sie die Tat eigenhändig begehen will. Attila ist gerührt und gibt seine Eheschliessung mit Odabella bekannt. Foresto ist rasend vor Enttäuschung und Eifersucht. Erneut schleicht sich Odabella ins Lager Forestos und beteuert ihre Unschuld. Attila sucht Odabella, gerät in einen Hinterhalt und wird von Odabella erstochen. Der Vater ist gerächt … .

Musikalische Höhepunkte:

 

Tardo per gli anni … Vanitosi, Duett Ezio-Attila, Prolog

Santo di Patria, Cavatina Odabella, Prolog

Ella in poter del barbaro, Cavatina Foresto, Prolog

Oh nel fuggente nuvolo, Romanze Odabella, Akt I

Mentre gonfiarsi l' anima, Arie Attila, Akt I

Dagli immortali vertigi … È gettata la mia sorte, Arie Ezio und Finale, Akt II

Che non avrebbe il misero, Romanze Foresto, Akt III

Te sol, tel sol quest' anima, Terzett Odabella, Foresto, Ezio, Akt III

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 21. Juni 2013 Gelesen: 2947

Kategorie: Attila
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