St.Gallen: DIE GEZEICHNETEN, 16.09.2017 

St.Gallen: DIE GEZEICHNETEN, 16.09.2017

Oper in drei Akten | Musik: Franz Schreker | Libretto vom Komponisten, nach Frank Wedekinds HIDALLA | Uraufführung: 18. April 1918 in Frankfurt/Main | Aufführungen in St.Gallen: 16.9. | 24.9. | 4.10. | 8.10. | 31.10. | 7.11. | 25.11.2017

copyright: Iko Freese, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen

Kritik:

Auch wer mit der musikalischen Sprache Franz Schrekers bisher nicht so vertraut war – spätestens nach dem rund zehnminütigen Vorspiel muss man sie lieben, diese ungemein sinnliche, flirrende, ekstatisch sich aufschwingende Musik, die sich in feinst dahin getupfte, intime Sphären zurückziehen kann, um unvermittelt wieder heranzubrausen, sich in geheimnisvollen Dur/Moll Schwankungen zu suhlen, mit einer Farbenpracht der Instrumentierung aufzuwarten, die selbst Richard Strauss' Genius übertrifft. Das Sinfonieorchester St. Gallen unter der sicheren und leidenschaftlichen Leitung von Michael Balke meisterte die schwierige, aber dankbare Aufgabe mit einfühlsamer Souveränität, kostete die soghafte, mitreissende Wirkung dieser Musik (mit Suchtpotential ... ) mit Geschmack, engagierter Spielfreude und überzeugendem Können durch alle Instrumentenfamilien hindurch grandios aus. Dabei achtete Michael Balke sehr genau darauf, dass sich die orchestrale Seite nie zu stark in Richtung Schwulst einer Filmmusik neigte (ohne die überwältigenden Effekte zu negieren), sorgte für Transparenz und ausgewogene Balance zwischen Bühne und Orchestergraben. Man konnte sich an diesem Abend kaum satthören an diesem spätromantischen, reichhaltig instrumentierten Klangrausch (mit mehrfach geteilten Violinen, ausdrucksstarken Celli, Harfe, Celesta, exzellente Holz- und Blechbläser), der sich nach der Ouvertüre in diversen Zwischenspielen fortsetzte, einen stark motivisch geprägten Untergrund für die Gesangsstimmen bildete, ein manchmal irisierendes, dann wieder verdichtetes Gewoge aus Sehnsucht, Erotik, Dramatik und martialischen Klängen formte.

Einfach zu besetzen ist die Oper wahrlich nicht, denn sie erfordert ausdrucksstarke Sängerinnen und Sänger, die bis zum Äussersten gehen können, ohne dass die Klarheit und Schönheit der Gesangslinie verloren geht, denn sonst droht ein Abgleiten in hysterische Gefilde, die niemand in diesem Werk haben will. Herausragend gut gelungen ist dies in St. Gallen dem ehemaligen Ensemblemitglied des Hauses, Jordan Shanahan, in der Rolle des Grafen Vitellozzo Tamare. Sein einnehmend timbrierter Bariton strahlte Testosteron geschwängerte Potenz und überhebliche (aber überaus charmante) Selbstverliebtheit, sichere Tongebung und markante Linienführung und exzellente Diktion aus. Er bildete das Gegen- und Über-Ich des verkrüppelten, von Selbsthass geprägten Alviano Salvago, der seinen körperlichen Minderwert und die damit verbundenen Komplexe im Streben nach Schönheit zu sublimieren versuchte – kläglich scheiterte, und im Wahnsinn endete. Andreas Conrad gelang mit der Interpretationen dieses komplexen Charakters erneut eine sängerische und vor allem auch darstellerische Glanzleistung in St. Gallen (wo schon sein Herodes in SALOME tief beeindruckt hatte). Herausragend seine Diktion, die Sicherheit der Intonation, mit der er die hohe Tessitura bewältigte, ohne eben hysterisch oder allzu exaltiert zu klingen. Der Moment, in dem ihm klar wurde, dass Carlotta nicht ihn, sondern Tamare begehrt hatte, sich selbst sterbend nach diesem sehnte, gehörte für mich zum eindringlichsten Augenblick des Abends: Wie sich da langsam der Wahnsinn über Andreas Conrads Gesicht ausbreitete, das war schlicht atemberaubend gut gespielt. Die Frau zwischen diesen beiden Männern ist Carlotta, herzkrank, den eigenen baldigen Tod vor Augen, will sie ihre kurze Zeit des irdischen Daseins, des Frau Seins, noch auskosten. Claude Eichenberger legte die Rolle sehr diesseitig an, sie war nicht die zerbrechliche Femme fragile, die sich in ätherischem Schöngesang ihrem Schicksal ergibt, sondern eine schon fast moderne junge Frau, die endlich den leidenschaftlichen Sex erleben will, auch wenn dies den noch schnelleren Tod bedeutet. Zwar neigte die Stimme der Mezzosopranistin in den höheren Lagen manchmal zu Verhärtungen und unschön schriller Tongebung, doch vermochte sie in ihren langen Monologen durchaus subtile und zärtliche Momente zu evozieren, gestaltete die Rolle vor allem in der grossen Szene im Atelier mit Alviano am Ende des zweiten Aktes mit wunderbarer Empfindsamkeit und öffnete den Blick auf ihre Verletzlichkeit – auch sie eine Gezeichnete. Ihren Vater (Podestà) sang Martin Summer mit überaus gepflegter, wohlklingender Bassstimme. Ausgezeichnet auch der junge Herzog Adorno, gesungen mit differenziertem, fein artikulierendem Bass von Tomislav Lucic (er sang im dritten Akt auch die Rolle des Capitaneo di gustizia, wo er durchaus noch etwas markanter hätte auftrumpfen können). Wichtig für das Verständnis des Stücks sind auch die kleineren Partien. In St. Gallen wurde die wichtige Nebenhandlung (Pietro, Martinuccia) komplett gestrichen, ebenso die Szenen mit den Senatoren, mit dem Jüngling, mit der Familie. Immerhin durfte die von den Adligen entführte und missbrauchte Ginevra Scotti (Sheida Damgani) im dritten Akt auftreten, da die Vorgeschichte mit Pietro und Martinuccia jedoch fehlte, war es für die mit der Oper nicht so vertrauten Zuschauer schwierig, die Szene wirklich zu verstehen. Diese Frauen verachtenden, überheblichen Adligen wurden von Nik Kevin Koch, Riccardo Botta, David Maze, Andrzej Hutnik, Bastian Thomas Koch und Matthias Bein treffend dargestellt. (1. Akt, ihr Auftritt im dritten Akt fiel ebenfalls den Strichen zum Opfer)

Für die Inszenierung und die Ausstattung verantwortlich zeichnete Antony McDonald, dem eine insgesamt sehr stringente, konzentrierte und spannende Inszenierung gelang. Insbesondere die genaue Personenführung vermochte zu überzeugen, ein intensives Kammerspiel, jenseits aller konventioneller Operngestik. Dazu gehören z.B. die Darstellung der abgehobenen Adligen als überhebliche Schnösel einer Studentenverbindung. Herausragend natürlich alle Szenen mit Shanahan: Im ersten Akt räkelt er sich wie eine Schlange auf dem Billardtisch und versucht Carlotta mit der Billardkugel (die verbotene Frucht ... ) zu verführen. Im zweiten Akt lässt Antony McDonald die wichtige Dialogszene zwischen Tamare und dem Herzog in einer Art Locker Room spielen (nach der körperlichen Ertüchtigung durch Fechten) – ein Ort zur Pflege von Männerfreundschaften, politischem Gemauschel, Austausch von und Prahlen mit erotischer Eroberungen. Im dritten Akt, der auf dem Eiland Elysium spielt, sehen wir den Schriftzug ELYSIUM, der stark an den berühmten HOLLYWOOD Schriftzug in L.A. erinnert. Für die letzte Szene drehen sich dann diese riesigen Buchstaben und man erkennt die dunkle Rückseite der „Traumfabrik“ oder eben von Alvianos Traum eines paradiesischen Eilands: Versklavte Sexdienerinnen für die Mächtigen, Schönen und Reichen. Das ist grossartig gemacht und weitaus überzeugender als das doch etwas gar biedere Ballett mit Faunen und Nymphen zu Beginn des dritten Aktes (Choreografie: Beate Vollack), wo dann die Bürger Genuas in Gewändern von Amish People oder Quäkern einen gar nicht allzu grossen Kontrast zu den braven Faunen darstellen. Das hätte man durchaus etwas mutiger und provozierender herausarbeiten können. McDonald verlegte die Handlung von der Renaissance in die Entstehungszeit der Oper, die Zeit des aufkeimenden Faschismus. Damit ist er ganz nahe beim ideologischen Fundament von Schrekers selbst verfasstem Text, nämlich den kruden, die Frauen und Juden herabsetzenden und von homosexuellen Phobien nur so wimmelnden Theorien (Geschlecht und Charakter) von Otto Weininger, diesem zum Protestantismus konvertierten Juden, der im Alter von 23 Jahren Selbstmord begangen hatte und dessen 600seitige Schrift danach von Leuten wie Strindberg, Tucholsky (und auch Mussolini ..) aber durchaus differenziert gewürdigt wurde. Bashevis Singer brachte es auf den Punkt: „Verrückt und genial“. Denn besonders eine Erkenntnis Weiningers ist dann neben aller Abscheulichkeiten seines Ergusses eben durchaus wichtig und prägend für das Verständnis von DIE GEZEICHNETEN: „Wie man im anderen nur liebt, was man gern ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer sein will, und doch immer zum Teil noch ist. .... Man hasst nicht etwas, womit man keinerlei Ähnlichkeit hat. Nur macht uns oft der andere Mensch darauf aufmerksam, was für unschöne und gemeine Züge wir in uns haben.“ Und über diese Dinge nachzudenken, dazu animiert uns Schrekers grandiose Opernschöpfung – die Aufführung in St. Gallen leistet dazu (neben dem genüsslichen Schwelgen in spätromantischen Klangwelten) einen wichtigen Beitrag.


 

Inhalt:

Ort: Genua, 16. Jahrhundert

Der reiche, verkrüppelte Adriano Salvago hat in seinem Palast alle Spiegel verhängt. Er kann den Anblick seines hässlichen Äusseren nicht mehr ertragen. Sein Verlangen nach jugendlicher Schönheit indessen ist ungebrochen. Er hat deshalb eine künstliche Insel vor der Küste als Elysium, als Lustgarten, gestaltet. Selbst jedoch besucht er dieses Paradies nie. Nun muss er zu seinem Entsetzen erfahren, dass das Eiland von der Jeuness d'Orée der Stadt für Orgien missbraucht wird. Dorhin entführen die Adligen der Stadt junge Frauen und verführen sie in der Lustgrotte der Insel. Die Mädchen kehren nie wieder zurück, in der Stadt herrschen Furcht und Verzweiflung ob des Verschwindens der Bürgertöchter. Alviano nun beschliesst, die Insel dem genuesischen Volk zu schenken. Die Nobili fürchten die Entdeckung ihrer Schandtaten. Ihr Anführer, Tamare Vitelozzo, hat aber inzwischen eine unbekannte Schöne getroffen. Als die Schenkung Alvianos notariell vollzogen werden soll, erkennt Tamare in der Tochter von Senator Podestà Nardi, Carlotta, die Unbekannte. Sie indes weist ihn ab. Der gedungene Mörder Pietro trifft auf die Haushälterin Alvianos, Martuccia. Sie soll die entführte Ginevra Scotti im Palast Alvianos verstecken. Unterdessen sind sich beim Empfang alviano und Carlotta näher gekommen. Die herzkranke, sehr sensible Carlotta bittet Alviano, für sie Modell zu stehen. Sie hat die Gabe, das Innere eines Menschen zu erkennen und die Schönheit der Seele Alvianos erkannt. Dies will sie in einem Porträt herausarbeiten. Nach einigem Zögern willigt Alviano ein.

Der Herzog von Genua, Adorno, zögert, der Schenkungsidee mit der Insel zuzustimmen. Von Tamare erfährt der Herzog vom schändlichen Treiben der Nobili auf der Insel – und von Tamares Schwärmen für Carlotta. Er verspricht Tamare, sich bei Podestà für sein Begehren einzusetzen. Das Elysium dagegen stellt er unter Bann.

Carlotta malt Alviano in ihrem Atelier. Sie gestehen sich ihre Liebe. Der Herzog tritt dazu mit der Liebeswerbung für Tamare.

Die Bürger Genuas betreten die Insel und bestaunen ihre Schönheit. Alviano wirbt bei Podestà um Carlotta. Diese weicht ihm aus. Sie lässt sich von Tamare zur Liebesgrotte führen und gibt sich ihm hin. Unterdessen jubelt das Volk Alviano zu. Da wird die Entführung Ginevra Scottis ruchbar. Die Adligen um Tamare versuchen, Alviano der Entführung zu bezichtigen. Alviano flüchtet in die Grotte. Dort findet er Carlotta bewusstlos in einem Bett, an ihrer Seite der sich mit seiner Eroberung brüstende Tamare. Alviano ersticht Tamare in höchster Erregung. Carlotta erwacht und ruft nach Tamare, mit dem zusammen sie sterben möchte. Alviano taumelt als Irrer davon.


Werk:

Franz Schreker (1878 – 1934) galt in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts neben Richard Strauss als bedeutendster Opernkomponist in der Nachfolge Wagners. Seine musikalische Sprache ist stark spätromantisch-sinnlich geprägt, weist aber auch expressionistische Züge auf. Schreker war stark von den Schriften und Erkenntnissen Sigmund Freuds beeinflusst und zeichnete in seinen symbolistischen, selbst verfassten Libretti schillernde und oft auch brutal schonungslose Charakterstudien seiner Portagonisten und der Gesellschaft. Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten schon vor deren Machtantritt diffamiert und seine Werke als „entartet“ klassiert. Er verlor nach 1933 seine Stellung als Direktor der Musikhochschule in Berlin und sein Amt an der Preussischen Akademie der Künste. Seine Pensionsansprüche wurden gestrichen. Geplagt von existentiellen Nöten (da auch seine Werke nicht mehr aufgeführt wurden) erlitt er kurz vor seinem 56. Geburtstag einen tödlichen Herzinfarkt. Nach 1945 wurden Schrekers einstmals so erfolgreiche Opern (sie übertrafen teilweise die Aufführungszahlen von Strauss' Meisterwerken) nur sehr zögerlich wiederentdeckt. DIE GEZEICHNETEN z.B. erlebten ihre Schweizer Erstaufführung erst 1992 in einer arg verstümmelten Version am Opernhaus Zürich. Immerhin sind seither bedeutende Produktionen in Stuttgart, Salzburg und Lyon zu erleben gewesen. München folgt im Juli 2017, die Komische Oper Berlin im Januar 2018.

Ursprünglich beabsichtigte Schreker nur - auf Drängen seines Komponisten-Kollegen Alexander von Zemlinsky - ein Libretto zu verfassen, das die Tragödie der Hässlichkeit eines Mannes zum Thema machte. Doch je mehr sich Schreker in das Thema vertiefte, desto stärker reifte in ihm das Bedürfnis, seinen Text selbst zu vertonen. Zemlinsky überliess ihm diese Aufgabe in grosszügiger Weise. (Zemlinsky schuf aber dann mit seinen Einaktern EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE und DER ZWERG bedeutende Werke, die um die selbe Thematik kreisen.) Unter der Folie der italienischen Renaissance gelang Franz Schreker mit DIE GEZEICHNETEN ein verstörendes Bild der Menschen zwischen künstlerischem (appollinischem) Anspruch und wolllüstigem (dionysischen) Genuss. Der immerwährende – unmögliche, weil zu komplexe - Spagat zwischen geistigem Streben nach Vollkommenheit und fleischlicher Begierde erhält in diesem Werk durch Schrekers unnachahmliche Klangmagie betörend sinnlichen Ausdruck.

Karten



Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 16. September 2017 Gelesen: 1056

Kategorie: Die Gezeichneten
Bruce, 26-11-17 21:29:
Danke für die Beschreibung der gestrichenen Szenen - mit fast drei Stunden ist Oper lang genug, aber es stimmt, dass man einiges schlecht versteht. Den Urteilen zu Sängern und Insenierung kann ich alle vorbehaltlos zustimmen. Am besten gefiel mir die Herausarbeitung der tiefgehenden Ambiguitäten und Illusionen des kulturellen Kontextes.
Dr Kim, 14-10-17 16:28:
Musik grossartig, bis auf der letzetn Szene, spannend inszeniert. Hauptsängerin wunderschöne Kleider und Stimme. Schlussbild:Bordellszene mit gefangenen hässlich abgemagerten Mädchen und Matratze am Boden ästhetisch unschön.
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